Leseproben aus: Paul Auster, Mann im Dunkel



S. 10 ff., 163 ff.



[1] Der Beginn der ausgedachten Geschichte, in der Nacht, um die Gedanken zu vertreiben. (S. 10 ff.)

[2] Katya, die 23-jährige Enkeltochter, ist schlaflos wie ihr Großvater. Sie kommt nachts in sein Zimmer, er erzählt, wie er ihre Großmutter kennengelernt hat. (S. 163 ff.)




[1]

Der Beginn der ausgedachten Geschichte, in der Nacht, um die Gedanken zu vertreiben. (S. 10 ff.)

Ich habe ihn in ein Loch gesteckt. Das schien mir ein guter Anfang, eine vielversprechende Methode, die Dinge auf ihren Weg zu bringen. Stecke einen schlafenden Mann in ein Loch und sieh zu, was geschieht, wenn er aufwacht und herauszukriechen versucht. Ich rede von einem tiefen Loch im Erdboden, drei oder vier Meter tief und kreisrund ausgehoben, mit steilen Wänden aus kompaktem Erdreich, so fest und dicht, ihre Oberfläche erinnert an gebrannten Ton, vielleicht gar an Glas. Mit anderen Worten: Der Mann in dem Loch wird nicht imstande sein, sich nach dem Erwachen daraus zu befreien. Es sei denn, er verfügt über eine Bergsteigerausrüstung – Hammer und Eisenstifte, zum Beispiel, oder ein Seil, das er als Lasso um einen Baum in der Nähe werfen könnte –, aber dieser Mann besitzt nichts dergleichen und wird die Aussichtslosigkeit seiner Lage rasch erkennen, sobald er erst einmal zu Bewusstsein gekommen ist.

Und so geschieht es. Der Mann kommt zu sich und entdeckt: Er liegt auf dem Rücken und schaut in einen wolkenlosen Abendhimmel. Sein Name ist Owen Brick, und er hat keine Ahnung, wie er in diese Grube geraten ist, keine Erinnerung daran, in dieses zylindrische Loch gestürzt zu sein, dessen Durchmesser er auf etwa vier Meter schätzt. Er setzt sich auf. Zu seiner Überraschung trägt er eine Soldatenuniform aus grobem, graubraunem Tuch. Auf seinem Kopf sitzt eine Kappe, und seine Füße stecken in einem Paar derber, abgetragener Lederstiefel, die über den Knöcheln mit einem festen Doppelknoten verschnürt sind. Zwei Streifen an den Ärmeln der Jacke weisen den Träger dieser Uniform als jemanden aus, der den Rang eines Corporals bekleidet. Bei dieser Person könnte es sich um Owen Brick handeln, aber der Owen Brick im Loch kann sich nicht erinnern, jemals in einer Armee gedient oder an einem Krieg teilgenommen zu haben.

Mangels jeder anderen Erklärung kann er nur vermuten, dass er einen Schlag auf den Kopf erhalten und vorübergehend das Gedächtnis verloren hat. Er tastet seine Kopfhaut mit den Fingerspitzen nach Beulen oder Schrammen ab, findet aber nicht die Spur einer Schwellung, keine Schnitt- oder Platzwunden, nichts, das auf irgendeine Verletzung hindeutete. Was also ist geschehen? Hat er einen lähmenden Schock erlitten, der große Teile seines Gehirns in Mitleidenschaft gezogen hat? Möglicherweise. Doch falls die Erinnerung an den Auslöser nicht plötzlich wiederkehren sollte, wird er es niemals genau wissen können. Als Nächstes befasst er sich mit der Möglichkeit, dass er zu Hause im Bett liegt und schläft, gefangen in einem übernatürlich deutlichen Traum, einem so intensiven und lebensechten Traum, dass die Grenze zum Wachzustand nahezu vollständig weggeschmolzen ist. Sollte dies der Fall sein, könnte er jetzt einfach die Augen aufmachen, aus dem Bett springen, in die Küche gehen und seinen Morgenkaffee zubereiten. Aber wie kann man seine Augen aufmachen, wenn sie schon offen sind? Er blinzelt ein paarmal in der kindischen Annahme, er könne den Bann damit brechen – aber da es keinen Bann zu brechen gibt, wird auch das Zauberbett nicht Wirklichkeit. Ein Schwarm Stare schweift über ihn hin, zieht fünf, sechs Sekunden lang durch sein Blickfeld und verschwindet in der Dämmerung. Als Brick sich erhebt, um seine Umgebung zu erkunden, bemerkt er einen Gegenstand, der die vordere linke Tasche seiner Hose ausbeult. Es ist ein Portemonnaie, sein Portemonnaie, und neben sechsundsiebzig amerikanischen Dollar enthält es einen Führerschein des Staates New York, ausgestellt auf einen gewissen Owen Brick, geboren am zwölften Juni neunzehn-hundertsiebenundsiebzig. Damit bestätigt sich, was Brick bereits weiß: Er wird bald dreißig und lebt in Jackson Heights, Queens. Auch weiß er, dass er mit einer Frau namens Flora verheiratet ist und seit sieben Jahren in der ganzen Stadt als Profizauberer auftritt, hauptsächlich bei Kindergeburtstagen und unter dem Künstlernamen Der Große Zavello. Diese Tatsachen machen alles nur noch rätselhafter. Wenn er so genau weiß, wer er ist – wie kann er dann auf den Grund dieses Lochs geraten sein, gewandet in die, immerhin, Uniform eines Corporals, ohne Papiere, Hundemarke oder sonst einen militärischen Ausweis, der seinen Rang eindeutig belegen würde? Er braucht nicht lange, um die Ausweglosigkeit seiner Lage zu begreifen. Die kreisrunde Wand ist zu hoch, und als er mit dem Stiefel dagegen tritt, um die Oberfläche einzukerben und sich womöglich einen Halt zum Klettern zu verschaffen, trägt er lediglich einen schmerzenden großen Zeh davon. Die Nacht senkt sich weiter herab, und es liegt ein Frösteln in der Luft, ein feuchtes, frühlingshaftes Frösteln, das in seinen Körper kriecht, und wenngleich Brick es allmählich mit der Angst zu tun bekommt, überwiegt fürs Erste seine Verwirrung. Dennoch kann er sich nicht enthalten, um Hilfe zu rufen. Bis jetzt ist alles um ihn herum still gewesen, ein Hinweis darauf, dass er sich an einem entlegenen, unbesiedelten Ort irgendwo auf dem Lande befindet, wo nichts zu hören ist als ein gelegentlicher Vogelruf oder das Rascheln des Windes. Wie auf Kommando, wie aus einer verdrehten Logik von Ursache und Wirkung heraus, bricht jedoch, kaum hat er das Wort HILFE ausgestoßen, in der Ferne Artilleriefeuer aus, und am dunklen Himmel erstrahlen Kometen der Zerstörung. Brick hört Maschinengewehre rattern, explodierende Handgranaten und, im Hintergrund, zweifellos einige Meilen entfernt, einen dumpfen Chor schreiender Menschen. Es ist Krieg, erkennt er, und er ist Soldat in diesem Krieg, jedoch ohne Waffe, ohne jede Möglichkeit, sich gegen einen Angriff zu verteidigen. Zum ersten Mal, seit er in dem Loch aufgewacht ist, empfindet er wirklich Angst.

Die Schießerei währt noch über eine Stunde und löst sich dann nach und nach in Stille auf. Wenig später vernimmt Brick das ferne Jaulen von Sirenen, er erklärt es sich damit, dass nun Feuerwehrwagen zu Gebäuden eilen, die während des Angriffs beschädigt worden sind. Dann verstummen auch sie, und wieder senkt sich Schweigen auf ihn herab. Frierend, verängstigt und erschöpft umschreitet Brick die Grenzen seiner zylindrischen Zeile, und als am Himmel die Sterne erscheinen, streckt er sich auf dem Boden aus und schläft tatsächlich ein.

Früh am nächsten Morgen weckt ihn eine Stimme, die vom oberen Rand des Lochs zu ihm hinunterdringt. Brick sieht auf und erblickt dort über der Kante das Gesicht eines Mannes, und da er nur dieses Gesicht sehen kann, nimmt er an, der Mann liege flach auf dem Bauch.

Corporal, sagt der Mann. Corporal Brick, es ist Zeit. Wir müssen weiter.

Brick steht auf, und jetzt, da seine Augen nur noch einen guten Meter von dem Fremden entfernt sind, erkennt er das Gesicht deutlicher: Es gehört einem dunkelhäutigen Mann mit kantigem Kinn und stoppeligem Zweitagebart, und die Kappe auf seinem Kopf ist genau so eine, wie er selbst sie trägt. Ehe Brick beteuern kann, dass er gern mit ihm weiterziehen wolle, sich aber gegenwärtig kaum dazu imstande sehe, verschwindet das Gesicht des Mannes.

Keine Sorge, hört er ihn sagen. Wir holen Sie da im Handumdrehen raus.

Kurz darauf ertönen die Schläge eines Hammers oder Eisenschlegels auf Metall, und da die Laute mit jedem Hieb ein wenig dumpfer klingen, fragt sich Brick, ob der Mann etwa einen Pflock in den Boden treibe. Und falls es ein Pflock sei, ob dann als Nächstes ein Seil daran befestigt werde, an dem Brick aus dem Loch hinausklettern könnte. Das Hämmern bricht ab, wieder vergehen dreißig oder vierzig Sekunden, dann fällt, genau wie er es sich gedacht hat, ein Seil vor seine Füße.


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[2]

Katya, die 23-jährige Enkeltochter, ist schlaflos wie ihr Großvater. Sie kommt nachts in sein Zimmer, er erzählt, wie er ihre Großmutter kennengelernt hat. (S. 163 ff.)

Dann hast du Grandma kennengelernt. Da warst du erst zwanzig, richtig? Jünger als ich jetzt bin.

Du stellst eine Menge Fragen ...

Wie soll ich herausfinden, was ich wissen will, wenn du dein Buch nicht zu Ende schreibst?

Woher das plötzliche Interesse?

Das kommt nicht plötzlich. Ich denke schon seit langem darüber nach. Und als ich vorhin hörte, dass du wach bist, sagte ich mir: Das ist meine Chance. Deshalb habe ich an deine Tür geklopft.

An meiner Tür gekratzt.

Von mir aus. Gekratzt. Aber jetzt liegen wir hier im Dunkeln, und wenn du meine Fragen nicht beantwortest, werde ich in Zukunft keine Filme mehr mit dir anschauen.

Apropos, mir ist noch ein Beispiel zur Unterstützung deiner Theorie eingefallen.

Schön. Aber wir reden jetzt nicht von Filmen. Wir reden von dir.

Das ist keine sehr erfreuliche Geschichte, Katya. Sie ist voller deprimierender Details.

Ich bin ein großes Mädchen, Ed. Ich komme mit allem zurecht, was du mir auftischst.

Bist du dir sicher?

Deprimierend ist in diesem Zusammenhang nur eins, nämlich, dass du deine Frau betrogen und wegen einer anderen verlassen hast. Entschuldige, Alter, aber das ist in unseren Breiten doch gang und gäbe. Du meinst, damit werde ich nicht fertig? Das habe ich schon bei meinen eigenen Eltern durchgemacht und längst hinter mir.

Wann hast du ihn zum letzten Mal gesprochen?

Wen?

Deinen Vater.

Wen?

Nicht doch, Katya. Deinen Vater, Richard Furman, den Exmann deiner Mutter, meinen Exschwiegersohn. Red ein wenig mit mir, meine Kleine. Ich werde dir deine Fragen beantworten, versprochen. Aber jetzt sag mir einfach, wann du das letzte Mal von deinem Vater gehört hast.

Vor etwa zwei Wochen, glaube ich.

Habt ihr verabredet, euch mal zu treffen?

Er hat mich nach Chicago eingeladen, aber ich habe ihm gesagt, ich sei noch nicht so weit. Nächsten Monat, nach dem Ende des Semesters, will er übers Wochenende nach New York kommen; er hat vorgeschlagen, wir könnten zusammen im Hotel wohnen und gut essen gehen, Wahrscheinlich mache ich das, aber noch habe ich nichts entschieden. Seine Frau ist übrigens schwanger. Die hübsche Suzie Woozy bekommt ein Kind.

Weiß deine Mutter Bescheid?

Ich hab’s ihr nicht erzählt. Ich dachte, es würde sie zu sehr aufregen.

Irgendwann erfährt sie es sowieso.

Das schon. Aber gerade jetzt scheint es ihr etwas besser zu gehen, und ich will sie einfach nicht beunruhigen.

Du bist ein harter Knochen, Kleines.

Von wegen. Ich bin ein schlappes Würstchen. Weich und schlaff.

Ich nehme Katyas Hand, und dann liegen wir anderthalb Minuten oder länger einfach nur schweigend nebeneinander im Dunkel. Während ich mich noch frage, ob sie womöglich einschliefe, wenn ich das Gespräch nicht wiederaufnähme, bricht sie das Schweigen:

Wann hast du sie zum ersten Mal gesehen?

Am vierten April neunzehnhundertfünfundfünfzig, nachmittags um halb drei.

Wirklich?

Wirklich.

Und wo war das?

Auf dem Broadway. Ecke Broadway und hundertfünfzehnte Straße, ich ging in Richtung Norden zur Butler Library. Sonia war auf dem Weg zur Juilliard School, die damals noch in der Nähe der Columbia lag, und ging südwärts. Ich muss sie schon auf einen halben Block Entfernung bemerkt haben, wahrscheinlich weil sie einen roten Mantel trug – Rot fällt einem ja besonders ins Auge, besonders in der Stadt, wo man nur von fadem Braun und Grau umgeben ist. Jedenfalls sehe ich einen roten Mantel auf mich zukommen, und dann erkenne ich die Person in diesem Mantel, ein Mädchen mit dunklen Haaren. Recht vielversprechend, aber noch zu weit entfernt, um Genaueres sagen zu können. Wie das bei Jungs nun mal so ist, du kennst das ja. Immer den Mädchen nachschauen, sie immerzu taxieren, immer auf die umwerfende Schönheit hoffen, die einem den Atem verschlägt und das Herz aussetzen lässt. Ich sah also den roten Mantel, und dann seine Trägerin – ein Mädchen mit kurzen dunklen Haaren, Körpergröße etwa eins fünfundsechzig –, und als Nächstes fällt mir auf, dass sie den Kopf leicht hin und her bewegt, als summe sie leise vor sich hin, und dass ihr Gang etwas Beschwingtes hat, überhaupt die Anmut ihrer Bewegungen, und ich sage mir: Dieses Mädchen ist glücklich, glücklich, am Leben zu sein und in der frischen Vorfrühlingsluft bei Sonnenschein durch die Straßen zu gehen. Ein paar Sekunden später treten einige ihrer Züge deutlicher hervor, ich sehe jetzt, dass sie knallroten Lippenstift trägt, und während die Entfernung zwischen uns immer kleiner wird, nehme ich zwei wichtige Einzelheiten gleichzeitig wahr. Erstens: Sie summt tatsächlich vor sich hin – eine Mozart-Arie, denke ich, weiß es aber nicht genau –, das heißt, sie summt nicht nur, sie singt, und zwar mit einer gutausgebildeten Stimme. Zweitens: Sie ist außerordentlich attraktiv, vielleicht sogar schön, und mir bleibt gleich das Herz stehen. Inzwischen ist sie bis auf zwei Meter an mich herangekommen, und ich, der ich noch niemals ein fremdes Mädchen auf der Straße angehalten, nie im Leben die Kühnheit besessen hatte, in aller Öffentlichkeit eine gutaussehende Fremde anzusprechen, mache den Mund auf und sage hallo, und da ich dabei lächle, zweifellos in einer Weise lächle, die weder bedrohlich noch aggressiv wirken kann, hört sie zu singen auf und erwidert, nun ebenfalls lächelnd, meinen Gruß. Und das war's auch schon. Ich bin zu nervös, um noch etwas hinzuzufügen, und gehe einfach weiter, und auch das hübsche Mädchen in dem roten Mantel geht einfach weiter; dann aber, nach sechs oder sieben Schritten, bereue ich meine Schüchternheit und drehe mich um in der Hoffnung, mir bleibe noch Zeit, ein Gespräch anzufangen, aber das Mädchen geht zu schnell und ist schon außer Reichweite, ich sehe nur noch ihren Rücken, sehe sie die Straße überqueren und in der Menge verschwinden.

Frustrierend – aber verständlich. Ich kann es auch nicht leiden, wenn Männer mich auf der Straße anzumachen versuchen. Wärst du dreister gewesen, hätte Sonia dich vermutlich abblitzen lassen, und dann wäre nie etwas aus euch beiden geworden.

Das ist eine großmütige Auslegung. Als sie verschwunden war, kam es mir vor, als hätte ich die Chance meines Lebens verpasst.

Wie lange hat es gedauert, bis du sie wiedergesehen hast?


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