Leseproben aus: Ingeborg Bachmann, Malina



S. 25 f., 69 ff., 197 ff., 236 ff.



[1] Verliebt in Ivan (S. 25 f.)

[2] Ivan möchte, dass die Erzählerin für ihn kocht. In ihrer Bibliothek finden sich keine Kochbücher (S. 69 ff.)

[3] Zwei Beispiele aus der Serie der Alpträume des zweiten Kapitels (S. 197 ff.)

[4] Gespräch mit Malina über die Männer (S. 236 ff.)




[1]

Verliebt in Ivan (S. 25 f.)


Wenn ich nun, aus irgendeinem Grund, vor zwei Jahren nicht in die Ungargasse gezogen wäre, wenn ich noch in der Beatrixgasse wohnte, wie in den Studentenjahren. oder im Ausland, wie nachher so oft, dann würde es mit mir noch einen beliebigen Verlauf nehmen, und ich hätte das Wichtigste von der Welt nie erfahren: daß alles, was mir erreichbar ist, das Telefon, Hörer und Schnur, das Brot und die Butter und die Bücklinge, die ich für Montagabend aufhebe, weil Ivan sie am liebsten ißt, oder die Extrawurst, die ich am liebsten esse, daß alles von der Marke Ivan ist, vom Haus Ivan. Auch die Schreibmaschine und der Staubsauger, die früher einen unerträglichen Lärm gemacht haben, müssen von dieser guten und mächtigen Firma aufgekauft und besänftigt worden sein, die Türen der Autos fallen nicht mehr mit einem Krach unter meinen Fenstern zu, und in die Obhut Ivans muß unversehens sogar die Natur gekommen sein, denn die Vögel singen am Morgen leiser und lassen einen zweiten, kurzen Schlaf zu.


Aber noch sehr viel mehr geschieht seit dieser Besitzübernahme, und es kommt mir seltsam vor, daß die Medizin, die sich für eine Wissenschaft und eine rapid fortschreitende hält, nichts von diesem Vorkommnis weiß: daß hier, in diesem Umkreis, wo ich bin, der Schmerz im Abnehmen ist, zwischen der Ungargasse 6 und 9, daß die Unglücke weniger werden, der Krebs und der Tumor, das Asthma und der Infarkt, die Fieber, Infektionen und Zusammenbrüche, sogar die Kopfschmerzen und die Wetterfühligkeit sind abgeschwächt, und ich frage mich, ob es nicht meine Pflicht sei, die Wissenschaftler zu informieren von diesem einfachen Mittel, damit die Forschung einen großen Sprung vorwärts tun könnte, die meint, alle Übel mit immer raffinierteren Medikamenten und Behandlungen bekämpfen zu können. Hier ist auch die zitternde Nervosität, die Hochspannung, die über dieser Stadt ist, und vermutlich überall, fast beruhigt, und die Schizothymie, das Schizoid der Welt, ihr wahnsinniger, sich weitender Spalt, schließt sich unmerklich.

Was es an Aufregung noch gibt, ist nur ein eiliges Suchen nach Haarnadeln und Strümpfen, ein leichtes Zittern beim Auftragen der Wimperntusche und beim Hantieren mit den Lidfarben, den schmalen Pinseln für die Lidstriche, bei dem Eintauchen der luftigen Watte bauschen in hellen und dunklen Puder. Oder ein ununterdrückbares Feuchtwerden der Augen beim Hin- und Herlaufen zwischen dem Badezimmer und dem Korridor, beim Suchen nach der Tasche, dem Taschentuch, ein Anschwellen der Lippen, nur solch winzige physiologische Veränderungen sind es, eine leichtere Gangart, die einen Zentimeter größer macht, und eine leichte Gewichtsabnahme, weil es später Nachmittag wird und die Büros zu schließen anfangen und dann die Infiltration dieser Guerillas von Tagträumen, die die Ungargasse unterwandern und aufwiegeln, sie plötzlich ganz besetzt haben mit ihren herrlichen Proklamationen und dem einzigen Losungswort, das sie für ihr Ziel wissen, und wie könnte dieses Wort, das heute schon für die Zukunft steht, anders heißen als Ivan.


Es heißt Ivan. Und immer wieder Ivan.



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[2]

Ivan möchte, dass die Erzählerin für ihn kocht. In ihrer Bibliothek finden sich keine Kochbücher (S. 69 ff.)


Jeder würde sagen, daß Ivan und ich nicht glücklich sind. Oder daß wir noch lange keinen Grund haben, uns glücklich zu nennen. Aber jeder hat nicht recht. Jeder ist niemand. Ich habe vergessen, am Telefon Ivan wegen der Steuererklärung zu fragen, Ivan hat großzügig gesagt, er wird mir für das nächste Jahr diese Steuererklärung machen, es geht mir nicht um die Steuer und was diese Steuer von mir schon will für ein anderes Jahr, nur um Ivan geht es für mich, wenn er spricht vom kommenden Jahr, und Ivan sagt mir heute, er habe am Telefon vergessen, mir zu sagen, daß er genug habe von den belegten Broten und daß er einmal wissen möchte, was ich zu kochen verstünde, und nun verspreche ich mir von einem einzigen Abend wieder mehr als vom kommenden Jahr. Denn wenn Ivan will, daß ich koche, dann muß das etwas zu bedeuten haben, er kann mir dann nicht mehr rasch davonlaufen, wie nach einem Drink, und heute nacht sehe ich mich um in der Bibliothek unter meinen Büchern, es sind keine Kochbücher darunter, ich muß sofort welche kaufen, wie absurd, denn was habe ich gelesen bisher, wozu dient mir das jetzt, wenn ich es nicht brauchen kann für Ivan. DIE KRITIK DER REINEN VERNUNFT gelesen, bei 60 Watt in der Beatrixgasse, Locke, Leibniz und Hume, in der Düsternis der Nationalbibliothek unter den kleinen Lämpchen von den Vorsokratikern bis zu DAS SEIN UND DAS NICHTS mich durch alle Begriffe aus allen Zeiten betört, Kafka, Rimbaud und Blake gelesen bei 25 Watt in einem Hotel in Paris, Freud, Adler und Jung gelesen bei 360 Watt in einer einsamen Berliner Straße, zu den leisen Umdrehungen der Chopin-Etüden, eine flammende Rede über die Enteignung des geistigen Eigentums studiert an einem Strand bei Genua, das Papier voller Salzflecken und von der Sonne verbogen, in drei Wochen LA COMÉDIE HUMAINE bei mittelhohem Fieber gelesen, geschwächt von den Antibiotika, in Klagenfurt, Proust gelesen in München bis zum Morgengrauen und bis die Dachdecker in das Mansardenzimmer hereinbrachen, die französischen Moralisten und die Wiener Logistiker gelesen, mit hängenden Strümpfen, zu dreißig französischen Zigaretten am Tag alles gelesen, von DE RERUM NATURA bis zu LE CULTE DE LA RAISON, Geschichte und Philosophie, Medizin und Psychologie getrieben, in der Irrenanstalt Steinhof gearbeitet an den Anamnesen der Schizophrenen und der Manisch-Depressiven, Skripten geschrieben im Auditorium Maximum bei nur plus sechs Grad und bei 38 Grad im Schatten noch immer Notizen gemacht über de mundo, de mente, de moto, nach dem Kopfwaschen gelesen Marx und Engels und vollkommen betrunken W. I. Lenin gelesen, und verstört und fliehend Zeitungen und Zeitungen und Zeitungen gelesen, und Zeitungen schon als Kind gelesen, vor dem Ofen, beim Feuermachen, und Zeitungen und Zeitschriften und Taschenbücher überall, auf allen Bahnhöfen, in allen Zügen, in Straßenbahnen, in Omnibussen, Flugzeugen, und alles über alles gelesen, in vier Sprachen, fortiter, fortiter, und alles verstanden, was es zu lesen gibt, und befreit von allem Gelesenen für eine Stunde, lege ich mich neben Ivan und sage: Ich werde dieses Buch, das es noch nicht gibt, für dich schreiben, wenn du es wirklich willst. Aber du mußt es wirklich wollen, wollen von mir, und ich werde nie verlangen, daß du es liest.

Ivan sagt: Hoffen wir, daß es ein Buch mit gutem Ausgang wird.

Hoffen wir.



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[3]

Zwei Beispiele aus der Serie der Alpträume des zweiten Kapitels (S. 197 ff.)


Mein Vater kommt ins Zimmer, er pfeift und singt, er steht da in den Pyjamahosen, ich hasse ihn, ich kann ihn nicht ansehen, ich mache mich zu schaffen an meinem Koffer. Bitte zieh dir doch etwas an, sage ich, zieh dir etwas anderes an! Denn er trägt einen Pyjama, den ich ihm zum Geburtstag geschenkt habe, er trägt ihn absichtlich, und ich möchte ihm den Pyjama herunterreißen, aber plötzlich fällt mir etwas ein, und ich sage beiläufig: Ach, nur du bist es! Ich fange zu tanzen an, ich tanze einen Walzer ganz allein, und mein Vater sieht mir etwas überrascht zu, denn auf dem Bett liegt sein kleines Krokodil, das Samt und Seide anhat, und er fängt an, sein Testament für Samt und Seide zu machen, er schreibt es auf einen großen Bogen und sagt: Du wirst nichts bekommen, hörst du, denn du tanzt ja! Ich tanze wirklich, didam dadam, ich tanze durch alle Räume und fange an, mich auf dem Teppich zu drehen, den er mir nicht wegziehen kann unter den Füßen, es ist der Teppich aus KRIEG UND FRIEDEN. Mein Vater ruft nach meiner Lina: Ziehen Sie ihr doch den Teppich weg! Aber Lina hat Ausgang, und ich lache, tanze und rufe plötzlich: Ivan! Es ist unsere Musik, ist jetzt ein Walzer für Ivan, immer wieder für Ivan, es ist die Rettung, denn mein Vater hat Ivans Namen nie gehört, er hat mich nie tanzen gesehen, er weiß nicht mehr, was er machen soll, man kann mir den Teppich nicht wegziehen, man kann mich nicht aufhalten bei den schnellen Umdrehungen in diesem wirbelnden Tanz, ich rufe Ivan, aber er muß nicht kommen, muß mich nicht halten, denn mit einer Stimme, die noch nie jemand gehabt hat, mit der Sternstimme, der siderischen Stimme, erzeuge ich den Namen Ivan und seine Allgegenwart.

Mein Vater ist außer sich, er schreit empört: Diese Wahnsinnige soll endlich aufhören oder verschwinden, sie soll sofort verschwinden, sonst wacht mein kleines Krokodil auf! Tanzend nähere ich mich dem Krokodil, ich ziehe ihm mein gestohlenes Hemd aus Sibirien und meine Briefe nach Ungarn weg, ziehe ihm, was mir gehört, aus seinem schläfrigen, gefährlichen Rachen, auch den Schlüssel möchte ich wiederhaben, und ich will schon lachen, ihn von dem Krokodilszahn nehmen und weitertanzen, aber mein Vater nimmt mir den Schlüssel. Er nimmt mir, zu allem anderen, auch noch den Schlüssel, es ist der einzige Schlüssel! Mir bleibt die Stimme weg, ich kann nicht mehr rufen: Ivan, so hilf mir doch, er will mich töten! An dem größten Zahn von dem Krokodil hängt noch ein Brief von mir, kein sibirischer Brief, kein ungarischer Brief, ich sehe mit Entsetzen, an wen dieser Brief gerichtet ist, denn ich kann den Anfang lesen: Mein geliebter Vater, du hast mir das Herz gebrochen. Krakkrak gebrochen damdidam meines gebrochen mein Vater krak krak rrrrak dadidam Ivan, ich will Ivan, ich meine Ivan, ich liebe Ivan, mein geliebter Vater. Mein Vater sagt: Schafft dieses Weib fort!


Mein Kind, das jetzt etwa vier oder fünf Jahre alt ist, kommt zu mir, ich erkenne es sofort, weil es mir ähnlich sieht. Wir sehen in einen Spiegel und vergewissern uns. Der Kleine sagt leise zu mir, mein Vater werde heiraten, diese Masseuse, die so schön, aber aufdringlich sei. Er möchte deswegen nicht mehr bei meinem Vater bleiben. Wir sind in einer großen Wohnung bei Fremden, in einem Zimmer höre ich meinen Vater mit einigen Leuten sprechen, es ist eine gute Gelegenheit, und ich beschließe, ganz plötzlich, das Kind zu mir zu nehmen, obwohl es bei mir sicher auch nicht gerne bleibt, da mein Leben so ungeordnet ist, da ich noch keine Wohnung habe, weil ich erst den Obdachlosenverein verlassen muß, den Rettungsdienst und die Suchmannschaft bezahlen muß, und ich habe kein Geld, aber ich halte das Kind fest an mich gedrückt und verspreche ihm, alles zu tun. Der Kleine scheint einverstanden, wir versichern einander, daß wir beisammenbleiben müssen, ich weiß, daß ich von nun an um das Kind kämpfen werde, da mein Vater kein Recht auf unser Kind hat, ich verstehe mich selber nicht mehr, denn er hat ja kein Recht, ich nehme jetzt das Kind an der Hand und will sofort zu ihm gehen, aber dazwischen sind andere Zimmer. Mein Kind hat noch keinen Namen, ich fühle, daß es namenlos ist wie die Ungeborenen, ich muß ihm bald einen Namen geben und meinen Namen dazu, ich schlage ihm flüsternd vor: Animus. Das Kind möchte keinen Namen, aber es versteht. In jedem Zimmer spielen sich die übelsten Szenen ab, ich halte meinem Kind eine Hand vor die Augen, denn ich habe im Klavierzimmer meinen Vater entdeckt, er liegt unter dem Klavier mit einer jungen Frau, sie könnte diese Masseuse sein, mein Vater hat ihr die Bluse aufgeknöpft und zieht ihr den Büstenhalter aus, und ich fürchte, daß das Kind trotzdem die Szene gesehen hat. Wir drängen uns durch die Gäste, die alle Champagner trinken, in das nächste Zimmer, mein Vater muß vollkommen betrunken sein, wie könnte er sonst das Kind so vergessen. In dem anderen Zimmer, in dem wir Schutz suchen, liegt eine Frau, auch auf dem Boden, die mit einem Revolver alle bedroht, ich errate, daß es ein gefährliches Fest ist, ein Revolverfest, ich versuche auf die skurrilen Einfälle der Frau einzugehen, sie zielt auf den Plafond, dann durch die Tür auf meinen Vater, ich weiß nicht, ob sie es im Ernst oder im Spaß tut, sie könnte diese Masseuse sein, denn plötzlich fragt sie gemein, was ich hier zu suchen habe und wer dieser kleine Bastard sei, und ich frage, während sie den Revolver auf mich richtet, ob es nicht umgekehrt sei, ob nicht sie es sei, die nichts hier zu suchen habe, sie aber fragt schrill zurück: Wer ist dieser Bastard, der mir im Weg ist? In meiner Todesangst weiß ich nicht, ob ich das Kind an mich reißen soll oder ob ich es wegschicken soll, ich will rufen: Lauf, lauf! lauf weg von hier! Denn die Frau spielt nicht mehr mit dem Revolver, sie will uns beide aus dem Weg haben, es ist der 26. Jänner, und ich reiße das Kind an mich, damit wir miteinander sterben, die Frau überlegt einen Augenblick, dann zielt sie genau und erschießt das Kind. Sie muß mich nicht mehr treffen. Mein Vater hat ihr nur einen Schuß freigegeben. Während ich über das Kind falle, läuten die Neujahrsglocken, und alle stoßen mit den Champagnergläsern an, sie verschütten auch viele Gläser, der Champagner rinnt über mich, seit der Neujahrsnacht, und ich habe mein Kind nicht im Beisein meines Vaters begraben.



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[4]

Gespräch mit Malina über die Männer (S. 236 ff.)


Worauf ich heute Lust hätte? Laß mich überlegen! Ausgehen will ich nicht, lesen oder Musik hören möchte ich auch nicht. Ich glaube, ich werde mit dir vorliebnehmen. Ich werde dich aber unterhalten, denn mir ist aufgefallen, daß wir noch nie über Männer geredet haben, daß du nie nach den Männern fragst. Du hast aber dein altes Buch nicht sehr klug versteckt. Ich habe heute darin gelesen, es ist nicht gut, du beschreibst zum Beispiel einen Mann, dich selber vermutlich, vor dem Einschlafen, aber dafür könnte höchstens ich Modell gestanden sein. Männer fallen immer sofort in den Schlaf. Aber weiter: warum findest du die Männer nicht so ungemein interessant wie ich?

Malina sagt: Vielleicht stelle ich mir alle Männer wie mich selber vor.

Ich erwidere: Das ist die verkehrteste Vorstellung, die du dir machen kannst. Eher dürfte sich eine Frau vorstellen, sie sei wie alle anderen, und das aus besseren Gründen. Es hängt nämlich wieder mit den Männern zusammen.

Malina hebt zum Schein entrüstet die Hände: Bitte aber keine Geschichten oder nur einige Stellen aus ihnen, wenn sie komisch genug sind. Sag, was sich ohne Indiskretion sagen läßt.

Malina sollte mich doch kennen!

Ich fahre fort: Die Männer sind nämlich verschieden voneinander, und eigentlich müßte man in jedem einzelnen einen unheilbaren klinischen Fall sehen, es reicht also keineswegs aus, was in den Lehrbüchern und in den Sachbüchern steht, um auch nur einen einzigen Mann in seiner Elementarität zu erklären und zu verstehen. Tausendmal besser läßt sich das Zerebrale an einem Mann verstehen, für mich jedenfalls. Nur das, was allen gemeinsam sein soll, ist es ganz gewiß nicht. Was für ein Irrtum! Dieses Material, das eine Generalisierung zuließe, könnte man in Jahrhunderten nicht zusammentragen. Eine einzige Frau muß schon mit zuviel Merkwürdigkeiten fertig werden, und das hat ihr vorher niemand gesagt, auf welche Krankheitserscheinungen sie sich einstellen muß, man könnte sagen, die ganze Einstellung des Mannes einer Frau gegenüber ist krankhaft, obendrein ganz einzigartig krankhaft, so daß man die Männer von ihren Krankheiten gar nie mehr wird befreien können. Von den Frauen könnte man höchstens sagen, daß sie mehr oder weniger gezeichnet sind durch die Ansteckungen, die sie sich zuziehen, durch ein Mitleiden an dem Leiden.

Du bist heute ja in einer sehr mutwilligen Stimmung. Es fängt mich jetzt doch zu amüsieren an.

Ich sage glücklich: Es muß ja einen Menschen schon in die Krankheit führen, wenn er selber so wenig Neues erlebt, sich immerzu wiederholen muß, ein Mann zum Beispiel beißt mich ins Ohrläppchen, aber nicht weil es mein Ohrläppchen ist oder weil er, vernarrt in das Ohrläppchen, unbedingt hineinbeißen muß, sondern er beißt, weil er alle anderen Frauen auch in die Ohrläppchen gebissen hat, in kleine oder größere, in rotblaue, in blasse, in fühllose, in gefühlvolle, es ist ihm völlig gleich, was die Ohrläppchen dazu meinen. Du mußt zugeben, daß das ein folgenreicher Zwang ist, wenn man sich, ausgerüstet mit einem mehr oder weniger großen Wissen und einer in jedem Fall geringen Anwendungsmöglichkeit dieses Wissens, auf eine Frau stürzen muß, womöglich jahrelang, einmal, das geht ja noch, einmal hält das ja jede aus. Das erklärt auch einen insgeheimen dumpfen Verdacht der Männer, denn sie können sich nicht eigentlich vorstellen, daß eine Frau sich natürlich ganz anders verhalten muß mit einem anderen kranken Mann, weil ihm die Verschiedenheiten nur ganz oberflächlich und äußerlich vorschweben, eben diejenigen, die von Mund zu Mund gehen oder die von der Wissenschaft in ein verschlimmerndes falsches Licht gerückt werden. Malina kennt sich wirklich nicht aus. Er sagt: Ich habe mir gedacht, einige unter den Männern müßten doch besonders begabt sein, jedenfalls erzählt man es manchmal von jemand weiter oder man spricht im allgemeinen davon – sagen wir einmal von den Griechen. (Malina sieht mich so listig an, dann lacht er, ich lache auch.) Ich bemühe mich, ernst zu bleiben: In Griechenland habe ich zufällig Glück gehabt, aber auch nur einmal. Glück hat man manchmal, die meisten Frauen haben aber bestimmt nie Glück. Was ich meine, hat nichts damit zu tun, daß es angeblich einige gute Liebhaber gibt, es gibt nämlich keine. Das ist eine Legende, die muß einmal zerstört werden, es gibt höchstens Männer, mit denen es völlig hoffnungslos ist, und einige, mit denen es nicht ganz so hoffnungslos ist. Darin ist der Grund dafür zu suchen, nach dem noch niemand gesucht hat, warum nur die Frauen immerzu den Kopf voll haben mit ihren Gefühlen und ihren Geschichten, mit ihrem Mann oder ihren Männern. Das Denken daran nimmt tatsächlich den größten Teil der Zeit jeder Frau in Anspruch. Sie muß aber daran denken, weil sie sonst buchstäblich, ohne ihr nie erlahmendes Gefühlstreiben, Gefühlantreiben, es niemals mit einem Mann aushalten könnte, der ja ein Kranker ist und sich kaum mit ihr beschäftigt. Für ihn ist es ja leicht, wenig an die Frauen zu denken, denn sein krankes System ist unfehlbar, er wiederholt, er hat sich wiederholt, er wird sich wiederholen. Wenn er gerne die Füße küßt, wird er noch fünfzig Frauen die Füße küssen, warum soll er sich also beschäftigen in Gedanken, bedenklich wegen eines Geschöpfs, das sich zur Zeit gern von ihm die Füße küssen läßt, so meint er jedenfalls. Eine Frau muß aber damit fertig werden, daß jetzt ausgerechnet ihre Füße an der Reihe sind, sie muß sich unglaubliche Gefühle erfinden und den ganzen Tag ihre wirklichen Gefühle in den erfundenen unterbringen, einmal damit sie das mit den Füßen aushält, dann vor allem, damit sie den größeren fehlenden Rest aushält, denn jemand, der so an Füßen hängt, vernachlässigt sehr viel anderes. Überdies gibt es noch die ruckartigen Umstellungen, von einem Mann zum andern muß sich ein Frauenkörper alles abgewöhnen und wieder an etwas ganz Neues gewöhnen. Aber ein Mann zieht mit seinen Gewohnheiten friedlich weiter, manchmal hat er eben Glück damit, meistens keines.

Malina ist nicht zufrieden mit mir: Das ist mir aber ganz neu, ich war so überzeugt, du magst Männer, und es haben dir immerzu Männer gefallen, allein ihre Gesellschaft war dir unentbehrlich, wenn schon nicht mehr ...


Natürlich haben mich immer Männer interessiert, aber eben deswegen, man muß sie ja nicht gleich mögen, die meisten habe ich überhaupt nicht gemocht, nur fasziniert haben sie mich immer, schon weil man denkt: wie wird das jetzt nach dem Biß in die Schulter weitergehen, was verspricht er sich davon? Oder jemand dreht dir einen Rücken zu, über den einmal eine Frau, lange vor dir, mit den Fingernägeln, mit fünf Krallen, diese fünf Striemen, für immer sichtbar, gezogen hat, du bist völlig verstört, zumindest verlegen, was sollst du anfangen mit diesem Rücken, der dir immerzu etwas vorhält, die Erinnerung an eine Ekstase oder einen Schmerzanfall, welchen Schmerz sollst du noch empfinden, in welche Ekstase noch geraten? Ich habe die längste Zeit überhaupt keine Gefühle gehabt, denn es war mir in diesen Jahren der Verstand gekommen. Nur im Kopf hatte ich natürlich, wie alle anderen Frauen, trotzdem immer die Männer, aus den schon erwähnten Gründen, und ich bin sicher, die Männer wiederum hatten mich sehr wenig in ihrem Kopf, nur nach Feierabend, an einem freien Tag vielleicht.



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