Leseproben aus: Gerard Donovan, Winter in Maine



S. 13 ff., 90 ff., 134 ff.



[1] Julius Winsomes Leben in den Wäldern (S. 13 ff.)

[2] Julius Winsome erinnert sich an die kurze Zeit mit Claire (S. 90 ff.)

[3] Julius Winsome erinnert sich an Erzählungen seines Vaters über seinen Großvater (S. 134 ff.)




[1]

Julius Winsomes Leben in den Wäldern (S. 13 ff.)


In den Norden von Maine kommt der November mit einem kalten Wind aus Kanada, der ungebremst durch den gelichteten Wald fegt und Schnee über die Flussufer und die Hänge der Hügel breitet. Es ist einsam hier oben, nicht nur im Herbst und im Winter, sondern immer. Das Wetter ist trüb und rau, die Landschaft ist weit und rau, und dieser Nordwind weht unbarmherzig durch jeden Spalt und bläst einem manchmal die Silben aus den Sätzen.

Ich bin in diesen Wäldern aufgewachsen, dem Waldland am westlichen Rand des St. lohn Valley, das an die kanadische Provinz New Brunswick grenzt und sich mit seinen sanften Hügeln und den kleinen, abgelegenen Siedlungen an den Ufern und südlich des St. John River entlangzieht. Mein Großvater war Akadier, wie meine Mutter, und baute die Hütte aus mir unbekannten Gründen meilenweit entfernt von den anderen Franzosen, auf baumbestandenem Land in der Nähe des großen Waldgebiets im westlichen Teil des Tals. Damals lag die Hütte sogar noch abgeschiedener als heute, was seltsam war, denn eigentlich hielten diese Leute zusammen: Die meisten, die in den Siedlungen hier wohnten, stammten von Akadiern ab und waren 1755 von den Briten aus Nova Scotia vertrieben worden. Einige gingen in den Süden nach Louisiana, die Übrigen landeten im Norden von Maine – ein Volk der Extreme, wie mein Vater sagte, Bewohner des tiefsten Südens und des höchsten Nordens.

Auch wegen der Winter war es seltsam. Mein Großvater errichtete die Hütte auf zwei Morgen gerodetem Land, ringsum von Wald umgeben, und mein Vater baute eine große Scheune an, noch größer als die Hütte, wo er sein ganzes Werkzeug, den Pick-up und all das aufbewahrte, was zerbrechlich war oder leicht verlorenging und die sechs Wintermonate im Freien nicht überstehen würde. Der Wald setzte sich aus Nadel- und Laubbäumen zusammen – Kiefern, Eichen, Fichten, Tannen und Ahorn –, und wenn sich die Blätter im September gelb und rostrot färbten und wie vertrocknete Haut abfielen, wenn sie sich im Oktober bräunlich auf dem Waldboden kräuselten und in den November davongeweht wurden, war es, als würden die Bäume rings um die Hütte zurückweichen, sich schrittweise entfernen.

Die Hütte stammt vom französischen Familienzweig meiner Mutter, denn mein Vater war Engländer, doch von ihm erbte ich sie. Er sagte, es sei kaum zu glauben, dass dieses Tal der sanft gewellten Landschaft Mittelenglands gleiche, aber statt der englischen die französische Sprache in diesen Hügeln erschalle. Auch das war eine seltsame Entscheidung – eine Akadierin, die einen Engländer heiratete –, doch es heißt, meine Mutter ging stets ihren eigenen Weg, und Akadier lassen sich ohnehin keine Vorschriften machen.

Die Hütte verschmilzt mit dem Wald oder der Wald mit der Hütte. Man steigt im Wald über einen Zweig, und plötzlich steht man auf einer Veranda und muss ganz vorsichtig sein. In diesen Wäldern wohnen viele Männer, die sonst nirgends leben können. Sie leben allein und sind noch für die geringste Beleidigung empfänglich, darum sollte man sich lieber gut benehmen oder erst gar nichts sagen. Sie kommen in den Norden, um ihr Lebensende abzuwarten, oder sie waren ohnehin hier und bleiben aus demselben Grund. Solche Männer leben am Ende aller langen Wege, die es auf der Welt gibt, und wenn sie an einen Ort wie diesen gelangen, sind ihnen die Länder, in denen sie nicht leben können, ausgegangen. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als zu bauen, und auch hier, im tiefen Schatten der Bäume, gehen sie den anderen so weit wie möglich aus dem Weg. Ich wohnte weit entfernt von meinen engsten Nachbarn, die nächsten Hütten lagen fünf Kilometer westlich und östlich von hier.

Im Sommer legte ich am Rand der Lichtung ein Blumenbeet an, ungefähr zehn mal einen Meter groß, mit Kapuzinerkresse, Ringelblumen, Lilien und Fingerhut, und jedes Jahr vergrößerte ich die kleine Rasenfläche, die sich im Sommer in einen warmen grünen Teppich verwandelte, auf dem ich liegen, den Duft der Blumen einatmen und den blauen Himmel genießen konnte. Diesmal war der Winter erst spät gekommen. Im Oktober hatte größtenteils ein seltsamer, ziemlich warmer Südwind geweht, und ein paar Blumen verströmten noch ihren Duft, obwohl ihre Zeit längst vorbei war. Ich hatte sie mit schwarzen, zu kleinen Zelten gebauschten Plastiktüten abgedeckt, damit sie den ersten Nachtfrost überstanden, in der Hoffnung, dass sie noch eine Woche die Farbe behielten und die bevorstehenden trüben Monate verkürzten. Im Sommer hatten sie Freude in mein Leben gebracht, und ich wollte ihnen helfen. Aber in den letzten Tagen war die Temperatur gesunken, und bald würden sich auch diese Überlebenden ins sichere Erdreich zurückziehen und im Klammergriff des tiefen Winters in ihren Samen schlafen.

Abgesehen von meinem Hund lebte ich allein, denn ich hatte, bis auf ein einziges Mal vielleicht, nie daran gedacht zu heiraten, und darum gehörte mir hier auch die Stille. Das Haus war rings um die Stille errichtet: Mein Vater war ein eifriger Leser gewesen, und vom Holzofen im Wohnzimmer bis hinter zur Küche und nach rechts und links in die beiden Schlafzimmer erstreckten sich an den Wänden lange, mit vier Brettern ausgestattete Bücherregale, in denen alle Bücher standen, die er je besessen oder gelesen hatte, was ein und dasselbe war, denn mein Vater hatte tatsächlich alles gelesen. So war ich von 3282 Büchern umgeben, in Leder gebundene Erstausgaben, Taschenbücher, alle in gutem Zustand, alphabetisch geordnet und mit Füller katalogisiert. Und da die Regale die gesamte Hütte säumten - und es in manchen Zimmern dunkler und kälter war, weil sie weiter vom Holzofen entfernt lagen -, gab es warme und kalte Romane. Viele der kalten Romane waren von Autoren verfasst worden, deren Nachname mit einem Buchstaben zwischen »J« und »M« begann, denn Schriftsteller wie Johnson und Joyce, Malory und Owen standen hinten bei den Schlafzimmern. Mein Vater hatte es die »Zweigstelle Alexandrias in Maine« genannt, nach der griechischen Bibliothek, und wenn er nach der Arbeit nach Hause gekommen war, hatte er am liebsten die Socken zum Feuer gestreckt, bis sie dampften, sich dann eine Pfeife angezündet, immer noch im dicken Pullover, sich zu mir umgedreht und um ein spezielles Buch gebeten, und ich konnte mich noch an die kalten Seiten in meinen Händen erinnern, wenn ich meinem Vater den Band brachte, den er haben wollte, und beobachtete, wie sich das Buch unter seinem Blick am Feuer erwärmte, und sobald er fertig war, hatte ich das warme Buch wieder ins Regal geschoben, wo es nicht mehr so gut hineinpasste, weil es in der Wärme ein bisschen größer geworden war.

Obwohl er schon zwanzig Jahre tot war, behielt ich die Romane und Reiseberichte, die Theaterstücke und Shortstorys bei mir, so wie er sie hinterlassen hatte, alles, was er war und wusste.

An jenem Montagnachmittag nahm ich eins dieser Bücher und las darin, russische Kurzgeschichten, und als ich mit der ersten fertig war, spähte ich aus dem Fenster. Noch immer kein Hund.

Wieder ein Blick auf die Uhr: zwanzig nach drei.


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[2]

Julius Winsome erinnert sich an die kurze Zeit mit Claire (S. 90 ff.)


Ein anderes Mal sagte sie, sie müsse ständig daran denken, dass ich allein aß, wie still es dann wohl im Haus war und wie sehr die dunklen Nächte mir zusetzen mussten. Ja, im Winter konnte das bedrückend sein, aber wir hatten Sommer, und ich dachte, in der dunklen Jahreszeit könnte für mich alles anders aussehen. Dann sagte sie, ich solle mir einen Hund besorgen. Ich saß auf meinem Stuhl und blickte eine Weile aus dem Fenster.

Ich sagte: Ich lebe jetzt zwanzig Jahre allein, wahrscheinlich ist es Zeit, dass jemand anders bei mir wohnt.

Wenn du so redest, muss ich lachen, sagte sie. Ohne sie hätte ich das Ganze nicht in Angriff genommen:

Noch in derselben Stunde fuhren wir mit dem Pick-up zum Tierheim in Fort Kent, und ich fragte mich, ob es ihr etwas ausmachte, dass jemand sie mit mir sah. Es war ihr egal. Das Tierheim lag am Stadtrand, und es war früh am Morgen. Wir gingen an den Käfigen entlang. Die Gesichter der Hunde machten es einem schwer vorbeizugehen. Schließlich kamen wir zu einem Käfig, in dem ein kleiner brauner Terrier schlief, und als mein Schatten auf seine Augen fiel, blinzelte er. Dann richtete er sich auf.

Das ist eine gefährliche Rasse, sagte Claire. Nein, sagte ich, größtenteils Terrier, sieh dir den Körper an. Und noch jung.

Er hatte so viel Energie und so wenig Zeit. Ich stimmte den Fürsorgebedingungen zu, holte eine Leine aus der Tasche, die von einem Hund meines Vaters stammte, wie ich ihr erzählte, und auch wenn sich der kleine Bursche erst duckte und ich ihn ziehen musste, lief er schon bald vorweg, als wollte er sagen: Ich hab auf dich gewartet, gehen wir.

Tut mir leid, dass ich den Vorschlag gemacht habe, sagte Claire. Wenn ich jetzt vorbeikomme, hab ichs immer mit einem Pitbull zu tun.

Auf der Rückfahrt saß er zwischen uns auf der Sitzbank. Hunde kennen ihr Schicksal genau, und als er auf den kurvenreichen Straßen so zwischen uns saß – während ich die Gelegenheit nutzte, bei offenem Fenster eine Zigarette zu rauchen –, wusste der Kleine, dass sich sein Leben gerade verändert hatte, und sog mit dem Blick alles gierig in sich auf. Als ich am Postamt meine Briefe abgeholt hatte, hatte ich sie auf den Sitz geworfen. Jetzt schwappte der Stapel hin und her wie Wasser, und der Hund hüpfte drum herum. Ich sagte ihm, ich würde den Briefen auch aus dem Weg gehen. Wir nannten ihn Hobbes.

Wie rasch ihr Plan von Erfolg gekrönt war.

Hunde gehen im Leben nur eine einzige Bindung ein, und Hobbes zeigte mir seine Zuneigung auf eine Art, die einem leicht entgeht: Gleich nach dem Fressen kam er zu mir und schmiegte die Nase an mein Bein, als wollte er sagen, er habe alles aufgefressen. Ich taugte nicht zum Vater, vielleicht war der kleine Kerl, um den ich mich kümmern musste, ohne dass er mir etwas anderes als seine Gesellschaft bieten konnte, deshalb das Beste für mich. Was meine Schulzeit betrifft, so tat ich damals nicht viel mehr, als im Unterricht zu sitzen und wieder nach Hause zu gehen, aber an eins erinnere ich mich: Im letzten Schuljahr sah ich eines Tages ein paar Jungen, die sich in der Mittagspause unter einem Baum drängten. Sie hatten einen Stock und stocherten damit im Laub herum. Als ich näher heranging, sah ich, dass auf einem Zweig eine Katze saß. Inzwischen warfen sie Steine nach ihr: Einer traf sie am Kopf, und ihr rann Blut aus dem Ohr und dem Maul. Die Katze versuchte, mit dem Stock zu spielen, damit die Jungen sie mochten und nicht mehr quälten, zumindest kam es mir so vor, was auch immer ihr durch den Kopf gegangen sein mag. Dann rollte sie sich vor Angst zu einer Kugel zusammen und ließ sich fallen, und die Jungen stürzten sich auf sie und traten nach ihr. Ich rannte hin und trieb sie mit Schlägen auseinander. Das Ganze war so schnell vorbei, wie es begonnen hatte, aber hätten sie sich zusammengeschlossen, hätten sie mit mir genauso gut kurzen Prozess machen können. Einer der Jungen blutete am Mund, ein anderer hielt sich das Knie und sagte, dass mir das noch leidtun werde, dass er einen richtigen Vater und eine richtige Mutter habe.

Der Rektor war bestürzt, dass in einer Schule mit so vielen Fenstern niemand etwas bemerkt hatte. Wahrscheinlich war das die Situation, von der ihre Schwester erzählt hatte. Vielleicht hatten sich die Jungen, die inzwischen zu Männern geworden waren, so viele Jahre nach dem Vorfall verbündet, um an einem abgelegenen Ort, der für so etwas sehr gut geeignet war, eine alte Rechnung zu begleichen.

Ich glaube schon lange, dass das Grab unser Ende ist, denn wenn ich das nicht glauben würde, hätte ich den Tod von Hobbes vielleicht hingenommen und ihm in einer größeren Geschichte Bedeutung verliehen. Doch er war ein Stein, noch regloser als ein Stein, denn sogar ein Stein bewegt sich irgendwann, angestoßen von einem Stiefel, weggerollt vom Wetter oder einem Reifen, während Hobbes zehn Meter von der Hütte entfernt in der Erde lag, nichts hörte, nichts sah, nichts schmeckte, nichts in sich trug. Diese zehn Meter hätten genauso gut das Universum sein können, das hätte weder für mich noch für ihn etwas geändert. Offenbar musste er wegen eines alten Grolls sterben, wegen einer über die Jahre unvergessenen Kränkung.

Das würde ich nicht hinnehmen.


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[3]

Julius Winsome erinnert sich an Erzählungen seines Vaters über seinen Großvater (S. 134 ff.)


Die grundlegenden Schießfertigkeiten hatte mir mein Vater beigebracht. Die Kriegsgeschichten stammten hauptsächlich von meinem Großvater und bargen andere Ratschläge in sich, Lektionen übers Schießen, die er unter Druck und unter Beschuss gelernt hatte. Wie mein Vater erzählt hat, ging es meinem Großvater zwanzig Jahre lang gut, nachdem er aus dem Ersten Weltkrieg heimgekehrt war. Doch eines Nachmittags sei er ohne ersichtlichen Grund zusammengebrochen und habe gesagt, im Traum sehe er seit ein paar Wochen die Gesichter seiner Opfer, aber nicht nur das, sondern auch die Kinder, die sie nie gezeugt hatten, drängten sich am Rand seiner Träume, ihre Arme und Beine schmuggelten sich ins Bild. Als es mit meinem Großvater nicht besser wurde, riet man ihm, zum Arzt zu gehen. Vielleicht leide er an einer Kriegsneurose, hieß es.

Nein, sagte mein Großvater. Das ist keine Kriegsneurose.

Ich lag nicht ständig unter Artilleriefeuer. Mein Vater erklärte ihm, dass er die Gesichter der Leute, die er als Scharfschütze erschoss, vielleicht gar nicht gesehen habe, da sie oft mehr als hundert Meter weit weg gewesen und ihre Gesichter auf diese Entfernung nicht zu erkennen seien, nicht die Augen oder den Ausdruck eines Menschen hätten. Aber mein Großvater habe sich nicht beruhigen lassen, sagte mein Vater, er sei danach immer stiller geworden, gehetzt, ausgehöhlt, die Augen noch schwärzer, als blickte er durch Visiere weit in die Ferne.

Ich kann kaum glauben, was für ein Pech es war, dass dein Großvater davon eingeholt wurde, sagte er zu mir.

Eingeholt?, fragte ich.

Ja, sie haben ihn eingeholt. Das kommt von der Schlacht.

Mein Vater war mit seinen Worten so sparsam, dass man Wasser hinzufügen musste, damit sie zu verständlichen Sätzen aufquollen.

Ich fragte: Von der Schlacht?

Er überlegte noch mal und legte sein Buch hin, um zu sagen, was er zu sagen hatte.

Genau, wenn ein Gewehr die Schlacht verlässt, ist es beladen mit toten Männern. Dein Großvater muss ihre Gesichter so oft durchs Visier gesehen haben, die Überraschung auf dem Gesicht des Mannes, den er erschoss, weil er erschossen wurde, er selbst und nicht der Mann neben ihm oder jemand am anderen Ende des Schützengrabens oder auf einem völlig anderen Schlachtfeld, eine so große Überraschung, dass diese Männer zwanzig Jahre lang auf Fingerspitzen auf ihn zukrochen, und als sie bei ihm anlangten, lag er schlafend im Bett, deshalb drückten sie ihre Finger in seine Träume und durchbohrten sie wie Marmelade, drangen in diese Träume ein und standen auf, und er sah sie, sah sie alle in dieser Marmelade, in ihren Uniformen, krank bis auf die Knochen von dem langen Weg in seine Träume. Und dann deuteten sie mit den Fingern auf ihn und fragten: Kennst du mich noch? Du hast mich erschossen.

Als ich das hörte, begriff ich, dass mein Großvater nicht nur die Orden und das Gewehr aus dem Krieg mitgebracht hatte. Die Männer, die er erschossen hatte, schleppten sich über Meere und Flüsse, Straßen und Hügel, ein paar Zentimeter pro Tag, mit einem Kompass, der untrüglich auf meinen Großvater deutete, und als sie ihn fanden, rochen sie wohl seine Träume, schmeckten sie auch, aßen sie auf, bis sie der einzige Traum waren, der in seinem Kopf noch übrig blieb, der einzige Traum, den sein Schlaf hervorbringen konnte, deshalb hörte er bald auf zu schlafen und lag nachts mit offenen Augen im Dunkeln.

Soviel ich weiß, hat mein Vater mit diesem Gewehr nie einen tödlichen Schuss abgegeben. Vielleicht wollte er verhindern, dass ihn irgendwelche Gespenster verfolgten, wenn sie ein vertrautes Geräusch hörten, vielleicht das letzte Geräusch, das sie im Leben gehört hatten, obwohl nicht er das Gewehr auf sie abgefeuert hatte, auch sein Vater nicht. Auf dem Gewehr des englischen Scharfschützen lasteten bereits Geister, die ihm folgten wie die weißen Schlangenlinien des Kielwassers einem Schiff. Mein Vater war im letzten Jahr des Zweiten Weltkriegs Fallschirmjäger und kein Scharfschütze gewesen, er musste meistens rennen und schießen, sich oft ducken, und dann wieder rennen und schießen. Über den Krieg sagte er bloß, dass in den meisten Dörfern auf dem Weg zum Rhein alles zerstört gewesen sei, Trümmer, wo einst Fenster waren, Trümmer, wo einst Menschen waren. Und diese Zerstörung habe ihn von Waffen jeglicher Art kuriert.

Ich hingegen hatte die Enfield vor den jüngsten Ereignissen zweimal abgefeuert. Einmal hatte ich unter Anleitung meines Vaters ein verletztes Huhn erschossen und später, im darauffolgenden Winter, einen Fuchs, der auf die Lichtung gehumpelt kam und anscheinend von einem Bären verwundet worden war. Als ich mich dem Fuchs näherte, lief er nicht weg, als ich seinen Zustand sah, rührte er sich immer noch nicht, und als ich das Gewehr hervorholte, sah er mich und das Gewehr bloß an. Der Knall des Schusses erfüllte den Wald und warf den Fuchs zu Boden. Es ist nicht besonders ehrenvoll, Schmerzen zu haben und sie zu ertragen, geschweige denn, sie zu beenden. In Wahrheit habe ich nachts oft an den Fuchs denken müssen und ihm das Beste gewünscht, für den Fall, dass es wirklich ein Leben nach dem Tod gibt.

Ich will damit sagen, dass es mir nicht leichtfiel zu schießen. Ich hatte Angst vor dem Rückschlag und dem Geruch, dem toten, zerfetzten Geschöpf am anderen Ende des Laufs.


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