Leseprobe aus: Jennifer Egan, Look at Me



S. 501 ff.









Auch dem Historiker Moose ist die Sicherheit seiner eigenen Identität abhanden gekommen. Er vergräbt sich in seinem Büro, hat grundsätzliche Probleme, anderen Menschen zu begegnen. In einer plötzlichen manischen Aufwallung fährt er nach Chicago, obwohl er dieser Unternehmung eigentlich nicht gewachsen ist.
An den mit [...] gekennzeichneten Stellen ist eine andere Szene dazwischengeschnitten
(S. 501 ff.)


Auf irgendeine Weise hatte sich der dunstigblaue Nachmittagshimmel hinter Mooses Rücken bezogen und strotzte nur vor etwas, das plötzlich aussah wie Regenwolken, wie lange er schon hier saß? Moose wußte es nicht genau, da er beim Anblick des , Michigansees in eine Art Trance versunken war. Das Wasser war hell gewesen, Aquamarin, als er sich gesetzt hatte, jetzt aber war es graubraun und trübe, von der Farbe, die man auf Seeschlachtengemälden des 19. Jahrhunderts sieht. Moose gab vor, den See und seine Veränderungen zu studieren, gab das vor, wie jemand vielleicht beim Spaziergang durch Chicagos Südstadt ein fröhliches Pfeifen vorgeben könnte – um zu verbergen, daß ihm eine lauernde Gefahr bewußt ist. Etwas Unheilverkündendes lauerte hinter ihm, etwas, dessen gewaltige und bedrückende Gestalt Moose nicht mehr lange ignorieren könnte. Endlich drehte er sich um, langsam, gelassen, als wolle er einen Blick auf den Park werfen, auf die in der Ferne gelegenen Tennisplätze, deren plop plop er von hier aus vage hören konnte. Niemand war hinter ihm. Oder in seiner Nähe. Er war allein, abgesehen von einigen Joggern und einem oder zwei herumspringenden schokoladenbraunen Labradors. Er war allein. Und was genau machte er hier?

Moose stand ganz langsam auf, wie nach einem Nickerchen, und jede seiner Bewegungen sollte verbergen, was wirklich in ihm vorging, ein beginnendes Angstgeheul angesichts der Tatsache, daß er sich in Chicago befand, in so weiter Ferne! Wie sollte er je wieder nach Hause kommen? Die Entfernung zwischen seinem derzeitigen Aufenthaltsort und der dichtgefügten Welt, in der er seine Tage verbrachte, schien unüberbrückbar zu sein: die relative Spontaneität und Leichtigkeit seines Besuchs waren nun verflogen, als er langsam – quälend langsam – unter dem wunden, geschwollenen Himmel auf seinen Wagen zuging, einem Himmel, der kurz vor einer gewaltsamen Entladung stand. Allein, Moose war allein, niemand wußte auch nur, daß er hier war! Überall in seiner Nähe, in den Glaswohnungen, die auf den See blickten, lebte eine Legion von Fremden, von Menschen, die nicht wußten, die nicht sehen konnten, und Moose war allein, weil seine Sicht ihn von diesen Menschen trennte – ihn innerlich so verändert hatte, daß das Kind, das er einst gewesen war, der kleine Junge, der früher an diesem Tag neben ihm hergewandert war, am See, als die Sonne geschienen hatte, ihn nicht mehr erkannte.

Und erst jetzt, als Moose sich vorbei an Segelbooten, die sich in Belmont Harbor im aufkommenden Wind wie die Wiegen hoben und senkten, auf seinen Wagen zuschleppte, erst jetzt erlaubte er es sich, an seine Nichte zu denken, die ihn im Stich gelassen hatte. »Ich will nicht sein wie du«, hatte sie gesagt. »Ich will sein wie alle anderen.« Und noch etwas Schlimmeres, etwas, dessen genauen Inhalt er glücklicherweise nicht mehr wußte, bei dem es aber darum ging, daß sie lieber sterben würde, als so zu leben wie Moose. Und während er zurückwich, fast schon taumelte angesichts dieser Erinnerungen, begriff Moose.

Der Wagen, der Wagen – er hinkte darauf zu, brach hinter dem Lenkrad zusammen und fuhr los, doch das Fahren war jetzt keine Befreiung mehr, so wie früher an diesem Tag; ein besorgniserregender Gedanke drängte sich ihm auf, als er sich durch den Verkehr auf dem Lake Shore Drive fädelte, das Gewimmel der Strandbesucher, die vor dem aufziehenden Sturm flohen. Ein besorgniserregender Gedanke: Er hatte sich ins Auto gesetzt, um im University Club zu essen, so wie früher sein Vater, aber das hatte er nicht geschafft. Er hatte es gerade noch geschafft, nach Chicago zu fahren und sich ans Wasser zu setzen. Oder er hatte es problemlos geschafft, aber er wünschte, es sei nicht passiert, es hatte einen zu großen Preis gefordert. Einfache Dinge wurden soviel schwerer. Würde er jemals einen Anzug tragen und Stachelbeeren aus einer Silberschüssel essen? Warum erschien ihm das als fanatischer Wunsch?

Die Antwort lag in der Vision an sich: Ein anderer Mann als Moose fühlte sich in dieser neuen Welt wohl, ein Soziopath, der sich jeden Nachmittag neu erschuf, für den Lügen nur Überredung bedeutete. Mehr und mehr regierten sie die Welt, diese quecksilbrigen Wesen, diese Minotauren, die nicht durch Geburt oder Geschichte so geworden waren, durch Natur oder Erziehung, sondern die aus Prototypen zusammengesetzt worden waren, die im selben Verhältnis zu Menschen standen wie massen-produzierte Kleidung zu einem handgenähten Hemd. Eine im Kreislauf frisch erschaffene Welt war eine Welt ohne Geschichte oder Zusammenhang oder Bedeutung, und da wir sind, was wir sehen, wir sind, was wir sehen, war eine solche Welt zweifellos zum Untergang verdammt.

Moose fuhr über die Addison westlich in Richtung des I-90, er zwang sich dazu, sich langsam zu bewegen, langsam, obwohl er doch so dringend fliehen wollte. Nur diese aufgesetzte Gelassenheit konnte ihn noch vor der Panik retten. Da Moose und seinesgleichen nicht zu dieser großartigen strahlenden Zukunft gehörten, mit der alle fest zu rechnen schienen, verkrochen sie sich jetzt in deren Spalten, deren Rissen. Vor ihnen lag eine Herkulesarbeit an Überredung: sie mußten Leute ohne Seelen warnen, Leute, die wie vor hundert Jahren Schuhe oder Gewehre aus Einzelteilen zusammengesetzt worden waren, mußten ihnen klarmachen, daß eine Welt, die von ihresgleichen bewohnt wurde, zum Untergang verdammt war. Und Moose hatte versagt – in all den Jahren hatte er nicht einem einzigen menschlichen Wesen erklären können, was ihn an jenem Sommernachmittag, als er dreiundzwanzig gewesen war und Hank Steinbergers Haus in Wisconsin verlassen hatte, umgetrieben hatte. Er hatte sich schon seit Wochen bedrückt gefühlt, erfaßt von einer tiefen Sorge, ausgelöst durch eine Touristenbroschüre über venezianische Glasbläserkunst, die er zerstreut geöffnet hatte, als er bei einem Kumpel ein Fußballspiel gesehen hatte. Klares Glas, perfektioniert in Murano um das Jahr 1300, Glas, das Fenster ermöglichte, Brillen, Spiegel und schließlich sogar Mikroskope und Teleskope. Diese schlichten, so ganz nebenbei erwähnten Tatsachen hatten Mooses Vorstellungskraft gebannt. Die Geburt des klaren Blickes, die Möglichkeit der Menschen, ihr &aAuml;ußeres wahrzunehmen – das alles erschien ihm als der Ursprung eines Phänomens, dessen Reichweite noch heute zu spüren war – in Bildschirmen, Rahmen, Bildern –, in einer von außen konstruierten und gelebten Welt.

An jenem Tag hatte er allein im Auto gesessen, sonst hätte er vermutlich kaum bemerkt, daß am grasbewachsenen Rand des Interstate etwas nicht stimmte, wäre deshalb niemals auf den Seitenstreifen gefahren. Dort entdeckte er eine Hündin, die ihre Jungen stillte – einen Köter, eine Töle – wie war sie dort hingeraten? Sein Wagen auf dem Seitenstreifen, der Hund und die elenden Jungen, die in dem langen, verdreckten Gras nach Luft schnappten, und aus irgendeinem Grund (und hier war das Loch, der Bruch, der fehlende Schritt in Mooses persönlicher Geschichte), aus irgendeinem Grund hatte Moose, statt sich in seinen Wagen zu setzen und nach Hause zu fahren, statt Hündin und Welpen auf den Rücksitz zu packen und sie an einem gastlicheren Ort abzusetzen, seinen Wagen dort stehenlassen (was gefährlich war) und war auf den ausgedörrten, mit Gras bewachsenen Hang gestiegen, ohne zu wissen, warum, und hatte bewegungslos dagesessen und dem Verkehr zugesehen, hypnotisiert von dem Strom, der ihn noch vor Minuten selbst umgeben hatte, einem Gedränge von Menschheit, in dessen Mitte er bis zu diesem Moment blind und gedankenlos existiert hatte. Stunden vergingen, so viele, daß Hündin und Welpen verschwunden waren, als er wieder nach ihnen sah. Er legte sich auf den Rücken ins Gras und ließ den Himmel gegen sein Gesicht drücken. Aus der Ferne hörte er eine Lokomotive pfeifen. Und Moose begriff, daß es zu Ende war: die Züge, die Fabriken, die Welt der Gegenstände war zu Ende, die der Bilder trat ihre Herrschaft an, wirbelte über winzige Fetzen von Zusammenhängen, die sich tief im Boden gierig aneinanderklammerten, das konnte er wirklich hören. Drähte, die keine Drähte waren. Informationen, die in der Luft an sich lebten.

Moose fuhr jetzt so langsam, daß die Wagen hinter ihm hupten. Es regnete, dicke, saftige Tropfen platzten auf der Windschutzscheibe. Noch hatte das Gewitter nicht losgelegt. Ein hämmerndes Gefühl des Verlusts hinderte ihn am Fahren. Aber was hatte er denn nun eigentlich verloren? Sich selber, wie er gewesen war, mit festem Leib und vagem Geist? Den klaren Blick, den er einst besessen hatte? Oder die alte, schlafende Kammer seines Zweikammer-Geistes, die ihn rief, die ihn an die Tage erinnerte, als Felsen und Bäume und Statuen mit Götterstimme gesprochen hatten?

[…]

Moose fuhr langsam, langsam. Der Regen hatte sich zurückgezogen, war wieder in die Wolken gesaugt worden; Tornadowetter, dachte er, dann fragte er sich, ob er einen echten oder einen metaphorischen Tornado gemeint habe. Es war eigentlich ein recht unschuldiger Gedanke, ein Moment literarisch-kritischer Spekulation, doch als er ihm durch den Kopf huschte, streifte er ihn auf eine Weise, die Moose als bedrohlich empfand, ein winziger Riß in einem Astronautenanzug. In Shakespeares Stücken begleiteten Gewitter die Crescendos in den Geschicken der Menschen, doch diese Stürme waren metaphorisch, das war klar. Und hier kam nun wieder dieses Gefühl von heraufziehendem Unheil – O ja, dichter denn je, eine riesige Gestalt, die so nah an Moose vorbeistrich, daß sich ihm dabei die Haare sträubten. War das der Wal? War der Wal nach langer rhetorischer Abwesenheit zurückgekehrt? Moose suchte nach seinem Notizbuch, bohrte die Finger in den Spalt zwischen den Sitzen, konnte es aber nicht finden, weshalb er dann mit einem schwarzen Marker auf sein Hosenbein schrieb, Gedanke, Gefühl, Wal, Tornado. Beim Schreiben ging ihm auf, daß er in die falsche Richtung ging, der Tornado war zuerst dagewesen und hatte den Urgedanken hervorgerufen, nämlich – was? Ach, ach, er mußte sich erinnern; Moose schlingerte in seiner Fahrspur, als er metaphorisch sein Gedächtnis durchwühlte (das mit Metaphern vollgestopft war), auf verzweifelter Suche nach diesem Gedanken – ja, da, er packte ihn wie ein Seil, und erst dabei ging ihm auf, daß es ein besorgniserregendes Seil war, ein besorgniserregender Gedanke, ein Seil, das ihn zu Gedanken hinzog, die vielleicht besser ungedacht blieben, aber es war zu spät. Er hielt Seil und Gedanken. Gedanke: Welchen Beweis hatte Moose dafür, daß seine Vision nicht selber nur eine Metapher war? Sein Geist keuchte wie ein Blasebalg, als er versuchte, die Reichweite dieser Überlegung zu erfassen: daß die Offenbarung, deren Verständnis er sein Leben geweiht hatte, vielleicht an sich nicht existierte, vielleicht nur eine Metapher für etwas in Moose war – ein Fehler, eine Mutation, eine Gehirnstörung. Daß diese Vision nicht nur der Grund seiner Isolierung war, wie er immer angenommen hatte, sondern nur eine ihrer Ausdrucksformen.

»Nein!« schrie Moose seine Windschutzscheibe an. »Nein! Ich weise diese Vision zurück, diese Antivision! Ich weise den Vorwurf des Solipsismus zurück, denn ich weiß, daß ich recht habe. Ich weiß, daß ich recht habe. Ich weiß, daß ich recht habe!« Er brüllte, kämpfte gegen die Bestie an, rang mit einer Erscheinung aus dem eisigen Meer, das ebenfalls ein Minotaurus war, und außerdem mußte er einen Pritschenwagen Baujahr 78 durch den einsetzenden Regenguß lenken. Wirklich, das war eine Leistung! Aber eine, zu der er vermutlich nicht mehr lange in der Lage sein würde, vor allem dann nicht, wenn die Blitze, die er am Horizont zucken sah, in seine Richtung weiterwanderten.

[…]

Jetzt regnete es, O ja, jetzt goß es endlich. Moose umfuhr Rockford und folgte der Straße weiter nach Westen, der Regen schlug gegen sein Fenster und machte seine defekten Scheibenwischer überflüssig. Doch der Zwang weiterzufahren überschattete das alles – die dringliche Notwendigkeit, an den Schauplatz seiner ersten Verwandlung zurückzukehren, der allein die Macht hatte, den entsetzlichen Gedanken von vorhin zu zerstreuen. Die Viadukte sahen alle gleich aus, aber Moose fand sofort den richtigen – da war er, er erkannte ihn sogar im wütenden Regen und fühlte tief in sich ein Ziehen, etwas, das nach oben wollte. In seinen Augen standen Tränen, als er den Pritschenwagen auf den schmalen Seitenstreifen des Interstate lotste – das war bei Sturm gefährlich, das wußte er, und deshalb ließ er die Scheinwerfer brennen, der vorsichtige Moose, dann stieg er aus seinem Wagen und kletterte die steile Böschung hoch, Regen umarmte ihn, blendete ihn, klebte Lehm unter seine Schuhe. Moose rutschte aus, glitt – er glitschte, flitschte, fiel einmal auf den Hintern, doch langsam, langsam kämpfte er sich nach oben durch. Regen brach aus dem Himmel, durchtränkte seine Haare, sein Hemd und seine Hose, Blitze huschten über den Himmel wie Steinehen über einen See das war keine Metapher, wie Moose befriedigt dachte, das hier war ein Sommersturm, wie er im Buche steht.

Er fühlte sich bereits erleichtert. Hier war die Verbindung zwischen seinem alten Selbst und seinem derzeitigen Selbst – zwischen Knabe und Mann –, hier war der Ort, der sie zusammengebracht hatte. Er war ganz, hatte alles, was er brauchte, doch selbst als Moose sich in diesem Gefühl der Vollständigkeit suhlte, wurde er noch einmal von dem entsetzlichen Inhalt der Vision angegriffen; er lag direkt vor ihm in den heulenden Lastwagen, dem Dröhnen und Rauschen, das sie in seinen Ohren hinterließen, in dieser grauenhaften Beschleunigung der Menschheitsgeschichte, zerquetschend, vernichtend, gewalttätig und blind – niemand konnte sehen, niemand konnte sehen, was Moose damals geahnt hatte und heute sah: eine Bewegung, die Hals über Kopf vorwärts führte und die Katastrophe in sich trug. Moose hockte auf dem windigen Hügel und spürte, wie der eisige Strom sich in ihm als gewaltiges, bitterliches Schluchzen Bahn brach, das seine erschöpfte Gestalt erschütterte. Er tastete in seinen Taschen nach seinen Pillen und stopfte sich einige in den Mund. Er nahm sie jeden Tag, O ja, Pillen über Pillen, die seinen gequälten Geist beruhigen sollten, während er wütend daran arbeitete, die Ursache zu finden, den Fehler, den falschen Stich, der das ganze Gewebe ruiniert hatte.

»Das ist das Ende der Welt!« brüllte er in den Wind, mit seiner ganzen Stimmkraft. Er brüllte es noch einmal, an die achtlosen Wagen gerichtet. Und wieder brüllte er, mit dem letzten Fetzen Energie, den er überhaupt noch besaß: »Das ist das Ende der Welt!«

Niemand kümmerte sich um ihn; sie hatten nur Augen für die Linse der Kamera, diese Irren, die niemand waren, die nur eine Folge von Eindrücken waren. Die Information waren, verwirrt und seelenlos in dem Kreislauf, in dem die meisten von ihnen lebten. Und Moose war allein und brüllte in den Wind. Er würde mit der schrecklichen Aufgabe kämpfen müssen, ein Verhängnis zu verhindern, das nur er und einige wenige labile andere sehen konnten, während der Rest der Welt es herbeiwinkte, ein Verhängnis, das nicht nur in den in die Höhe jagenden Temperaturen und der um sich greifenden Vernichtung zum Ausdruck kam, in den sterbenden Korallen und den Müllhaufen, die noch auf dem tiefsten Meeresgrund lagen, in dem unbegreiflichen Aussterben der Frösche – diese Dinge konnten doch alle sehen –, sondern auch in einer Zerstörung, die ein einfaches Nebenprodukt der Bewegung selber war. Einstein hatte sich geirrt oder hatte nur zur Hälfte recht gehabt, es gab auch eine Gleichung, die diese Verwüstungen vorhersagte, aber die hatte Moose vergessen. Vielleicht hatte er sie früher an diesem Tag gestreift, beim Fahren. Bewegung tut gut. Das stimmte – zu sehr. Sie werden sich bewegen, um sich zu bewegen, dachte er, sie werden sich mit einer Erregung bewegen, von der sie nicht wissen, daß sie sich aus dem näherrückenden Ende speist. Und jetzt wurde auch Moose von dem Willen erfaßt, sich dem Ende entgegenzubewegen, seinem eigenen Ende, seine Last des Sehens und Wissens loszuwerden, diese entsetzliche Verantwortung: sie abzulegen.

»Bitte«, schluchzte er laut. »Bitte.«

Der Verkehr unten rief zärtlich nach Moose, große Räder glucksten über den regennassen Asphalt, der viehische mechanische zerdrückende Galopp von allem, und er bewegte sich hilflos darauf zu, einige Schritte die Böschung hinunter, er speiste sich selber in die Maschine ein, mit einer zitternden Erwartung im Mund, beim Gedanken an Kollision, Einschlag und dann Frieden. »Ja«, sagte er. »Jetzt. Bitte.«

Aber nein. Die Antwort war nein – nicht jetzt, noch nicht –, denn irgendwo in Moose, ausgespannt zwischen seinem Verstand und seinem Herzen, gab es einen winzigen Silberfaden, einen Faden, der nicht breiter war als ein Haar und der aus glatter Kraft bestand, einem Willen, der in ihm ausgehalten und diese vielen Jahre überlebt hatte, wenn auch nur um Haaresbreite. Und noch jetzt fühlte Moose sich als Beschützer dieses silbrigen Hauchs, wollte ihn vor allem anderen auf der Welt beschützen, wie das letzte, vom Regen noch nicht erreichte Streichholz, und er ließ sich auf den Lehmboden sinken und legte sich hin, legte sich auf die feuchte Erde, um die Bewegung aus seinem Blick zu verbannen, die Provokation und Versuchung zugleich war, Problem und Lösung. Er ließ sich zurücksinken, um seine Energie zu bewahren, die wenige, die ihm noch blieb, und seine Gedanken umschlossen diesen einen Strang aus Kraft. Er schloß die Augen und schlief.





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