Leseproben aus: Knut Hamsun, Kinder ihrer Zeit



S. 22 ff., 244 ff., 332 f., 342 f.



[1] Das Verhältnis zwischen Willatz und seiner Frau Adelheid ist gespannt (S. 200 ff.)

[2] Willatz Holmsen führt ein Gespräch mit seinem Freund Konsul Fredrik Coldevin – und fährt einen furiosen Angriff auf Beamtenseelen (S. 244 ff.)

[3] Holmengraa, Nachbar von Leutnant Willatz, bietet an, ein weiteres Stück Land zu kaufen. Landverkäufe sind seit einiger Zeit das Mittel um zu überleben. (S. 332 f.)

[4] Der Sohn des Leutnants, Willatz IV., wächst heran, kommt auf Besuch nach Hause vom Internat in England. Auch Holmengraas Tochter Mariane ist herangewachsen (S. 342 f.)




[1]

Das Verhältnis zwischen Willatz und seiner Frau Adelheid ist gespannt (S. 200 ff.)


Aber warum die Wahrheit verbergen – es war bei weit nicht so zwischen den Eheleuten auf Segelfoß, wie es sein soll. Das, was sie voneinander trennte, hatten sie nur für eine kurze Zeit bei der Geburt des Kindes einander geduldig nachgesehen, bald war es damit wieder vorbei, und jetzt machte es sich fühlbarer denn je. Hätte der Leutnant, als ein erwachsener Mann sich nicht in das eine oder das andere finden können, ob es ihm auch für sein Leben zuwider war? Aber im Gegenteil, er macht große Geschichten daraus! Oh, sie waren so wenig froh, waren so unzufrieden, so oft sie nur zusammenkamen, der Herr und die Gnädige – man konnte darüber lachen, man konnte darüber weinen. Mein Sohn, sagte sie; das kränkte ihn. Mein kleiner Moritz, sagte sie und stellte ihn auf die Probe; das kränkte ihn, und er antwortete:

Er heißt Willatz, wie seine Vorfahren.

Ja, aber er heißt doch auch Moritz.

Nein, fast nicht.

Da lachte die gnädige Frau und sagte:

Ja, wenn er nun aber größer wird, und ich rufe Willatz, so kann ja der unrechte Willatz kommen?

Wenn Sie, antwortete der Herr spitz, wenn Sie Willatz rufen, so werden mein Name und ich sicherlich aus Ihrem Tonfall verstehen, welchen von beiden Sie meinen.
Da lachte die Frau abermals und sagte:

Ja, das ist nicht unwahrscheinlich ... Es fällt mir gerade etwas ein. Damit ich es nicht vergesse: Sie waren so gut, der Jungfer ein neues Mädchen zur Hilfe zu verschaffen, sie ist aus einer der Berghütten, glaube ich, sie ist jung und hübsch, sie heißt Marcilie. Aber sie ist wohl etwas verrückt?

Etwas verrückt ist sie?

Können Sie das verstehen? – Sie geht nachts Ihre Treppe hinauf und herunter.

Pause.

Sie geht spät am Abend hinauf und kommt nach einer Weile wieder herunter, nach einer guten Weile.
Pause.

Sie finden das gewiß nicht so auffallend wie ich; sonst würden Sie etwas sagen.

Ich schweige, antwortet der Herr, weil Sie es wünschen. Sonst würden Sie mich nicht so überwältigen. Sie machen mich stumm.

Die gnädige Frau bricht in lautes Gelächter aus:

Ich mache Sie stumm?

Beinah stumm. Es überwältigt mich, daß ich in der Wahl einer Küchenhilfe für die Jungfer so dumm war. Das Mädchen tut also seine Arbeit nicht?

Die Frau antwortet nicht, sie denkt. Beide denken, sie rüsten sich aufs neue. Die gnädige Frau gibt es auf und fragt:

Wünschen Sie mir noch etwas zu sagen?

Nein ... Ich klopfte bei Ihnen an, so vor einer Woche.
Ich war beschäftigt, ich bat Sie, mich zu entschuldigen.

Ich klopfte vor drei Wochen bei Ihnen an, ich klopfte in diesem Jahr, im vorigen Jahr, ich bat um eine Unterredung, einige Minuten.

Ich bat Sie jedesmal, mich zu entschuldigen.

Der Herr verbeugt sich und bleibt stehen.

Und ich bitte Sie, entschuldigen Sie mich! sagt die gnädige Frau, um es richtig gut zu machen, und schaut ihn an.

Der Herr mißversteht sie. Weshalb stand er eigentlich so hier? Er beunruhigte ja seine Frau, sie fürchtete vielleicht irgend etwas, sie wollte ihm zuvorkommen, deshalb sagte sie: Und ich bitte Sie, entschuldigen Sie mich!

Da lachte der Herr. Haha, sagt er. Das ist ein äußerlicher Laut, der Mund öffnet sich, der Kehlkopf drückt sich zusammen, es wird ein Gelächter. Und dann geht der Herr, geht aus dem Hause, über den Hof nach dem Stall, nimmt sein Pferd und steigt in den Sattel. Das tut der Herr.

Wie die beiden zappeln! Auch Frau Adelheid zappelt; besonders starke Gefühle hegt sie wohl nicht mehr für den Mann, der jetzt hinausgegangen ist, keine irgendwie übertrieben große Zärtlichkeit mehr, offenbar. Das ist nicht zu begreifen, er ist ja ihr Mann; und soll man seinen Mann nicht liebhaben? Am Fenster gibt es einen kleinen, guten Winkel. Dort steht sie und schaut ihm nach, wie er davonreitet. Hier fühlt sie sich sicher. In ihrer Tür ist auch ein Schlüssel, den möchte sie nicht um einen Schlüssel aus Gold verlieren – sie pflegt ihn zu benützen, ihn auf der Innenseite der Tür umzudrehen.



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[2]

Willatz Holmsen führt ein Gespräch mit seinem Freund Konsul Fredrik Coldevin – und fährt einen furiosen Angriff auf Beamtenseelen (S. 244 ff.)


Wenn Konsul Fredrik mit dem Leutnant tief in die Nacht hinein saß und trank und sprach, so konnten Meinungsverschiedenheiten nicht umgangen werden. Hatte der Konsul nicht eine Lebensanschauung? Aber wenn er so dasaß in einer alt vornehmen Stube voller Luxus und Kostbarkeiten, von den Vätern ererbt, bei Zigarren und bei Wein in venezianische Gläsern mit einem alten guten Jugendfreund, in einem Gespräch, das er oft jahrelang in seinem Fischernest entbehren mußte, da bekam er einen Rückfall in jenes andere Leben, das so ganz anders war als das, welches er lebte. Und dann kostete es ihn nicht sehr viel, mit seiner Lebensanschauung zu stehen und zu fallen. Was konnte man da machen? Ha, sich selbst übertreffen, sich Genugtuung geben für alles, worein er sich im Laufe der Jahre hatte finden müssen: die plattesten Spießigkeiten sagen, aus voller Lunge dieselben Mittelstandsansichten nachsprechen, die er Tag und Nacht zu Hause zu hören bekam – was sonst! Seine Eltern hatten eigentlich einen Diplomaten aus ihm machen wollen, deshalb hatte man ihn so gut Französisch lernen lassen, – er konnte darauf schwören daß sein eigener Sohn Anton Bernhard Coldevin ebensowenig in die Diplomatie hineinkommen würde! Eine gewisse ‘Angeborenheit’, ein Tropfen blauen Blutes, was war es? Seidenfransen, Träume, der Teufel hol' sie!

Eine Kuh für Henri l'Isbet? Nein, bitte schön, Monsieur, hier ist Geld, bares Geld; aber du hast es auf meiner Ladebrücke abzuarbeiten, du hast mir dafür Sicherheit an deiner Hütte zu geben! – Das ist nicht so schlimm für einen Gutsbesitzer, ein Krieg nahm ihm nicht seine Erde, nicht seine Sofas nicht seine Spiegel, selbst die Ofen stehen da, einige haben Verzierungen von Silber, andere haben breite Friese mit Dukatengold darauf. Die zweihundert Weideschafe draußen fand der Krieg auch nicht, die Bootshäuser mit Schiffen und Fischereigeräten fand der Krieg ebensowenig, es gibt so viel auf einem großen Gut, was übrig bleibt, wenn auch ein Krieg darüber hinweggeht. Und im schlimmsten Fall kann man es überleben. Warte etwas, stoppe eine Weile, es gibt Hilfsquellen, eine verborgene Macht, – in ein paar Jahren stehen wir wieder auf den Beinen, wir stehen wieder aufrecht. Und dann stirbt der Schwiegervater, möge Gott seine Seele im Himmelreich erfreuen, er war aus derselben Kaste, grau und aufgeschwollen vor Vornehmheit, auch ihm war es einmal schlecht gegangen, aber er ist wieder auf die Beine gekommen. Was jetzt? Der Gutsbesitzer erbt – erbt. Dieser verteufelte Schwiegervater, möge Gott seine Seele im Himmelreich noch mehr erfreuen. Das ist nicht schlimm. Die anderen, der Arbeiter, die Kaufleute, die Taglöhner, die gehen herum, zeigen einander die Zähne und prügeln sich. So ist das Leben. Sie prügeln sich eigentlich um den alten Gutsbesitzer, sie prügeln sich um den, der etwas hat, um das, was er hat. Der alte Gutsbesitzer ist der Knochen, die anderen sind die Hunde. Aber was tut der Knochen? Wenn sich ein paar Hunde um einen Knochen prügeln, so kann der Knochen ja weiter nichts tun als daliegen, teilnehmen kann er nicht, er mischt sich nicht ein. Das macht nichts. Aber alle die anderen, die müssen mit ihrer Zeit Schritt halten.

Konsul Fredrik – oh, ihn plagen sicherlich noch oft Erinnerungen an seine ‘Angeborenheit’, aber der Teufel hole die Träume, und hier stand er und hier fiel er! Zuweilen wurde er wohl etwas heftiger, als nötig war, weshalb das? Hatte er seine liebe Not damit, seine Träume damit im Zaum zu halten? Sein Freund, der Leutnant, reizte ihn sicherlich nicht, der ist wortkarg und ist so felsenfest von einer ganz anderen Meinung überzeugt, daß ihn nichts davon abbringen kann. Weshalb sich da mit ihm Jahr für Jahr herumschlagen und sich dabei so erregen? Fredrik Coldevin war sicherlich hier im Leben nicht auf den richtigen Platz gekommen, und jetzt arbeitete er daran, nicht allein dort zu stehen, arbeitete daran, andere mitzuziehen? Gott mag es wissen.

Ich gehe so weit, daß ich meine zwei Töchter heiraten lasse, wen sie wollen, sagte er. Tea ist achtzehn Jahre und hatte sich schon halb mit einem Steuermann verlobt. Was sagst du dazu? Aber das, sagte ich, ginge nun doch nicht an. Nein, das verstand sie selbst auch gut. – Unter deinen Paten befinden sich Willatz Holmsen und Frau Adelheid auf Segelfoß, sagte ich, etwas Rücksicht mußt du doch nehmen. Das begriff sie. Aber wen du sonst willst, sagte ich, meinetwegen, ich habe nichts dagegen einzuwenden! Gerda hat noch Zeit, sie ist erst fünfzehn Jahre alt. Herrgott, Wir verkehren ja auch in der besten Gesellschaft der Stadt, versteht sich natürlich von selbst. Mit der ganzen höheren Beamtenschaft zum Beispiel. Die Hardesvogts sind gebildete Leute, und meine Frau hat einen Neffen, der Anwalt ist. Außerdem haben wir Pastors sowie meine Kollegen aus der Handelswelt. Kommt man erst richtig in dieses Leben hinein, findet man darin auch eine merkwürdige Befriedigung, Ich möchte mit – keinem tauschen.

Der Leutnant hatte mit gesenktem Kopfe zugehört, wie es seine Gewohnheit war, jetzt sah er auf und redete:

Lieber den Steuermann!

Was meinst du?

Bestell Margrete – die du Tea nennst – bestell ihr von mir: lieber den Steuermann!

Der Konsul lächelte etwas unruhig:

Du meinst, um das Verlöschen der Coldevins zu beschleunigen?

Lieber Fredrik, um es hinauszuschieben. Vielleicht um es ganz zu verhindern. Ein Seemann kommt in alles mögliche hinein, er segelt um die Welt und schaut sich um. Er wird schließlich Führer, Kapitän. Ähnlich wie bei einem Soldaten: gibt es Krieg, so gibt es für ihn etwas zu erleben. Ein Seemann und ein Soldat, die sind nicht absolut immer dem Gewöhnlichen, dem Alltäglichen preisgegeben – das sind aber die Beamten.

Oh, jetzt galt es für den Konsul zu stehen und zu fallen mit seiner Lebensanschauung: Verzeih, du sitzt. hier auf Segelfoß und irrst dich, sagte er. Hättest du mit deiner Zeit Schritt gehalten, so würdest du wissen, daß seit unserer Kindheit sich die Verhältnisse gewandelt haben; bei uns ist die Beamtenschaft Adel geworden. Wir haben keinen anderen.

Das bürgerliche Beamtentum, nein, das ist wirklich ein erbärmlicher Menschenschlag. Nach dem Vater der Sohn, Generation auf Generation Kopisten. Rekrutieren sich aus Bauernjungen, die Sich ‘emporarbeiten’. Sie arbeiten sich übrigens hinunter, ja das tun sie, von tüchtigen Fischern und Landwirten zu Schreibern und Pfaffen. Mag es drum sein. Es scheint ein Naturgesetz zu sein, daß Beamte nur Beamte gebären können - weshalb das? Sieh dich einmal unter ihnen um – nichts als notdürftige Begabung, von Energie so gut wie keine Rede, die Alltäglichkeit, der Durchschnitt blüht. Zuverlässige Ehrenhaftigkeit, zuverlässige Tüchtigkeit im Fach – jawohl! Aber Überlegenheit, Größe? Der Sohn nach dem Vater, Generation auf Generation immer dasselbe. Es gibt ein Gesetz in dieser Welt, der Sohn muß Beamter werden, die Tochter muß sich mit einem Beamten verheiraten, und wenn er auch nur ein Arzt oder ein Pfarrer ist. Dieses Gesetz schließt jede Unregelmäßigkeit aus es ist sehr hart, es verheert die Beamtenfamilien. Von ein wenig Schicksal ist niemals die Rede, nie schlägt der Blitz ein: der Vater hat mit dem Kopieren den Anfang gemacht, der Sohn fährt damit fort, und das nennen sie dann: sich Kultur aneignen. Ich für meinen Teil spreche mit mehr innerer Befriedigung mit meinen Arbeitern als mit unseren Beamten. Ich spreche übrigens mit niemand, fügte der Leutnant hinzu.

Nein, du bist so stolz, sagte der Konsul verletzt. Wir anderen haben zu kaufen und zu verkaufen, zu sprechen und zu handeln.

Stolz? rief der Leutnant plötzlich, und der alte Hitzkopf wurde wieder in ihm wach. Ich hoffe, ich bin stolz. Aber bloß aus Überdruß, verstehst du, aus Überdruß. Hier gehe ich herum und kotze mich hinter meinen Hecken über das, was diese Hardesvögte und Doktoren und Bischöfe sagen. Ich bin hier in meiner Einsamkeit herumgewandert und habe sie überholt, sie sind hinter mir geblieben. Sie sonnen sich in ihrer eigenen Nichtigkeit, sie drängen sich vor und meinen, sie könnten mitsprechen – ich habe es aufgegeben. Sie schämen sich nicht, mit erhobenem Haupte herumzugehen, ich beuge meines, ich werde niemals damit fertig, zur Erde nieder zu sehen, zu Gras und Kies, nein, ich werde niemals mit dem Gras und dem Kies fertig. Und dann kommen diese Söhne der Kopisten her und wissen, daß auf Regen Sonnenschein folgt, sie stehen mit hocherhobenen Häuptern da und sagen es mir direkt in meine Ohren hinein, sie sprechen es aus. Du bist dem vielleicht nie ausgesetzt gewesen? Sie können schreiben und lesen, etwas, was in früheren Zeiten Untergeordnete zu besorgen hatten, und so sollte es am besten heute auch noch sein. Man kann von Kultur leben, aber man kann nicht von Schreiben und Lesen leben, man kann nicht von Schulkenntnissen leben - das bringen nur einige wenige fertig. Um von Kultur leben zu können muß man, erste Voraussetzung, in altem Reichtum und Luxus geboren sein; es führt zu gar nichts, von unten her aus Armut und Enge heraus- und in ein Beamtenheim hineinzukommen Dieser alte Familienreichtum und Luxus kann in einem den Charakter absetzen, der erst den Menschen zu einer Persönlichkeit macht. Laß sie meinetwegen von Kultur leben! Die Beamten – Gott helfe dir, mein Freund, siehst du denn nicht mehr mit deinen eigenen Augen, wie dumm sie sind und wie brauchbar und nützlich. Gib doch nur einmal acht auf die Art und Welse, wie sie befördert werden – geht es etwa nach Schicksal oder Unregelmäßigkeit? Sahst du wohl jemals, daß es nach Größe ging? Wie kann es nach etwas gehen, was nicht zu finden ist! Es geht nach Alter, nach Dienstzeit, nach Schulkentnissen. Das kann man finden! Sie können übrigens auch nicht auf andere Weise befördert werden, das gebe ich zu – sie müssen aus einem Garten der Alltäglichkeit und zur alltäglichen, allgemeinen Benützung gepflückt werden. So ist es in allen Ländern, so ist es auch bei uns. Und darum sage ich: lieber den Steuermann.

Verzeih, antwortet der Konsul, ich sage: den Steuermann nicht.

Doch, aus dem Grunde –

Ich sage: den Steuermann nicht. Aus dem Grunde, weil ich Tea nicht kopfüber in eine Mesalliance hineinstürzen will.

Oh, Wie war er doch prachtvoll banal.

Pause.

Der Leutnant sitzt mit weit aufgesperrtem Munde:

Ist es denn so unverständlich, was ich gesagt habe! Im sage: lieber den Steuermann, ich habe dir auseinandergesetzt: die anderen sind schlimmer.

Er kommt nicht einmal aus einem ordentlichen Haus sein Vater ist Flößer. Er ist im Grunde also weiter nichts als recht und schlecht ein Matrose.

Man kann auch von Natur leben. Wenn ein Beamter nämlich nicht von Kultur leben kann, weil er keine hat und keine haben kann, eben weil Kultur in der Schule nicht erlernt werden kann, so vermag ein Steuermann doch recht wohl von Natur zu leben. Du kannst einwenden, daß der Steuermann auch nicht länger nur Natur ist; aber er ist von den beiden der, der am wenigsten Natur verloren hat, bei dem man es am besten aushalten kann. Damit kannst du Margrete von mir grüßen.

Du mußt mir verzeihen, aber das tue ich nicht. Das würde für ihre Mutter der Tod sein. Die Familie meiner Frau gehört zu denen, die sich emporgearbeitet haben. Zu Beamten? Also hinuntergearbeitet haben. Sie hat einen Vetter, der Anwalt ist, und dir wird täglich unter die Nase gerieben, daß das etwas sei; – und du weißt in deinem Inneren, daß es Lüge ist. Heute abend hast du einige niedliche Sachen gesagt! Hat er nicht einmal ein Haus, ein Elternhaus? Nein, aber wenn er zu den Anwälten gehörte, dann hätte er so etwas gehabt! Seid ihr denn verrückt? Wo ist denn der Blitz, der wilde Glanz von irgend etwas früher einmal unter seinen Ahnen, das ihn zu irgend etwas in der Welt von heute gemacht hätte? Die Beamten, die kennen nur eine einzige Unregelmäßigkeit und weiter keine, nämlich diese: sich ‘hinunterzuverheiraten’. Das ist nun ihr Blitz. Die haben nicht einmal Voraussetzungen zu irgend etwas anderem, sie sind in der Alltäglichkeit geboren, für Alltäglichkeit. Sieh, hier war nun ein Doktor, er mußte nun einmal zu uns ins Haus kommen, es gab Krankheit, und er hatte medizinische Kenntnisse. Er kam in unsere Stube, in diese Stube, er verstand keinen Deut, aber er tat so, als wenn ihn nichts in Erstaunen setzte. Er sah den Stuhl dort an, er glaubte, der sei zum Sitzen da, und er setzte sich mit seinem Hintern darauf. Er hätte sich auf den Fußboden setzen sollen, ja, das hätte er tun sollen, und den Stuhl auf den Schoß nehmen. Er betrachtete sich die Wände, er hatte von seinen Mitdoktoren gehört, daß Bilder etwas seien, er betrachtete sich die Aphrodite da, die Gruppe dort, die Jahreszeiten, den Kronleuchter mit den Adlern, alles betrachtete er sich – er schlug nicht die Augen nieder, er faltete nicht die Hände, ich glaube, er hieß Ole Riis oder so ähnlich.

Seine Schwester ist in Ungarn Gräfin – was fällt dir denn ein! Das, was du da erwähnst, kann möglicherweise einmal eine gewisse Bedeutung – für ihre Nachkommen erhalten; für den Bruder kann es höchstens Snobismus zur Folge haben.

Der Konsul trinkt und bereitet sich vor, seinem Freund zu entgegnen, ihn ein für allemal abzufertigen. Oh, wie er ihn mit all der Banalität überwältigen wollte, die er von seiner Familie und seinem Nest her in- und auswendig kannte!



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[3]

Holmengraa, Nachbar von Leutnant Willatz, bietet an, ein weiteres Stück Land zu kaufen. Landverkäufe sind seit einiger Zeit das Mittel um zu überleben. (S. 332 f.)


Ein paar Tage später ging Herr Holmengraa allein am Fluß entlang, auf seiner eigenen Seite. Er hatte wohl seinen neuen Plan im Kopfe und schätzte mit den Augen ab und maß mit Schrittlängen das Gelände aus und machte einen Überschlag. Der neue Plan? Ja, ein neuer Plan.

Eine Weile nach ihm kam der Leutnant den gleichen Weg, er war zu Fuß. Da er nach Holmengraas Ufer hinübergegangen war und er nie etwas heimlich tat, suchte er sicher Holmengraa selbst. Dann und wann blieb er in Gedanken stehen.

Ja, wie sehr er auch nachdachte, und wie sehr er nachgedacht hatte, zwei Tage und zwei Nächte hindurch, er war noch nicht fertig. Wenn er Herrn Holmengraas Angebot, den Rest des Flusses zu kaufen, zurückgewiesen hatte, sah dies ja wie eine Unverständlichkeit aus, wie eine Grille; aber der Leutnant wußte selbst, daß dies seine guten Gründe hatte: die Bank hatte ihrer eignen Sicherheit wegen und nach Rücksprache mit den Bürgen in Bergen ihn ersucht, weitere Veräußerungen an Gerechtsamen und Ländereien von Segelfoß bis auf weiteres einzustellen.

Eine langmütige Bank, die das so lange hatte hingehen lassen.

Aber es war trotzdem eine Beleidigung für den Herrn von Segelfoß, und er hatte sich sehr darüber gegrämt. In diesen Tagen dämmerte ihm eine ungeheuerliche Möglichkeit auf: daß er von Haus und Hof gehen müßte – wie sollte er sich da dem Nachfolger in der Dynastie Willatz Holmsen gegenüber einmal rechtfertigen? Alle seine Grübeleien hatten ihn nicht weiter gebracht, vielleicht war auch noch nicht der richtige Nachdruck in seinen überlegungen. Oh, es war ja nur erst der Anfang, reinstes Kinderspiel. Er hätte sich selbst in dem Hühnerleben auf seinem Hof wiederfinden können: wenn ein Huhn etwas vor hat, legt es erst den Kopf auf die eine Seite, dann auf die andere Seite und untersucht, ob die Welt für sein Vorhaben geeignet sei, dann jagt es sinnlos und ohne Ziel darauf los und hält nur ein, wenn ihm selbst eine neue Verrücktheit einfällt. Nichts in der Welt ist imstande, es gegen seinen Willen zum Umwenden zu bewegen; es kann ausweichen, es kann Umwege machen, aber es wendet nicht um.

Weshalb sollte der Leutnant umwenden? Er hatte ja nichts verschwendet, hatte ja noch nicht einmal die Orgel gekauft, leider. Er war einem Naturgesetz verfallen, einer Macht – und was vermochte man gegen so etwas? Als alter Soldat wußte er, was parieren heißt, er gehorchte dem Zapfenstreich. Natürlich war er nicht zugrunde gerichtet, ihm selbst und keinem andern gehörte das Gut Segelfoß, ihm selbst und keinem andern gehörte das große Haus mit den vielen Kostbarkeiten darin; aber sein Eigentum war mit Schulden belastet, und Verpflichtungen an andere waren an und für sich das Unerträglichste, was er kannte. Jetzt konnte er sich das sicherlich noch einmal dadurch retten, daß er Herrn Holmengraas Angebot, den durch den Dammbruch verursachten Schaden zu ersetzen, annahm, aber wieviel würde der Betrag ausmachen? Es würde nicht einmal die Bank zum Schweigen bringen, und hinterher würde davon nicht einmal etwas zum Weiterleben übrig bleiben. Er entschuldigte sich selbst gar nicht, keine Spur, es konnte schon sein, daß er nicht zu wirtschaften verstand und daß es ein Schicksal war. Er hätte sich selbst sagen können, daß niemand fortwährend Geld ausgeben kann, wenn er keine Einkünfte hat, aber er tat es nicht. Selbstverständlich brauchte er nicht noch fast neue Patiencekarten fortzuwerfen, das war zu närrisch, und streng genommen, hätte er auch den teuren Mantel nicht nötig gehabt, den er sich für die Reise nach England angeschafft hatte. So etwas machte ja nicht soviel aus, aber es war beinahe die einzige Verschwendung, soweit er sich entsinnen konnte. Jetzt hing der Mantel da, Verwendung hatte er nicht für ihn, der General hatte nichts im Nordland zu tun, wann sollte also der Mantel gebraucht werden? Wenn ein großer und unabwendbarer Zusammenbruch ihn treffen würde, so könnte seine Frau, Frau Adelheid, ihm noch das eine oder das andere vorwerfen: wenn doch der Mantel noch heute als ein großes, unzerschnittenes Stück Zeug beim Schneider läge! Seht, er hatte ja so mancherlei von Adelheid ertragen: unter anderem hatte sie ihn mitten in der Ehe zum Junggesellen gemacht; das konnte er wohl noch ertragen, so lange er sich selbst ohne Schuld wußte - aber wenn sie nun käme und ihm mit Recht Vorwürfe machte! Es war seine Art, daß er unverdienten Widerwillen ertragen konnte, verdienten dagegen nicht.



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[4]

Der Sohn des Leutnants, Willatz IV., wächst heran, kommt auf Besuch nach Hause vom Internat in England. Auch Holmengraas Tochter Mariane ist herangewachsen (S. 342 f.)


Jung-Willatz staunte über sie und begann nach kurzer Zeit, sich in sie zu verlieben. Das war ein höchst eigenartiger Zustand! Als sei er durchtränkt von Seligkeit; es machte ihn matt, er bekam Stiche und empfand sie wie etwas Süßes. Sie ihrerseits war gewiß schon weiter gekommen; dies dreizehnjährige Kind streichelte ihm über die Weste und stand da und sah ihn an. Hatte das nun einen Sinn! Sie lächelten einander an und erröteten bis zu den Haarwurzeln, puterrot; er küßte sie ein wenig und traf beinahe nicht, aber er hatte einen Duft im Munde verspürt, und der war wunderbar. Oh, welch eine peinliche Verlegenheit ihm seine Dreistigkeit nachher verursachte, Herrgott, er hätte vergehen mögen, er hätte in die Erde sinken können! Er konnte sie nicht loslassen, er hielt sie fest und versteckte sich, sie versteckten sich, eines beim andern, jedes die Nase dem andern im Nacken. Jetzt hieß es loslassen und dem Blicke des andern begegnen – unmöglich. Nein, sich in die Augen sehen nach diesem Ereignis? Unmöglich. Wäre es wenigstens dunkel gewesen! Gab es denn gar keine Rettung? Da geht ein Mann unten auf dem Weg, wie ich sehe, sagt er. Wo? fragt sie und wendet sich etwas um. – Da unten, er trägt etwas. Ja, er trägt einen Sack. Siehst du nicht, daß es ein Sack ist? Dabei sind sie voneinander geglitten. Was für einen mächtigen Hahn ihr habt, sagt er und sieht sie immer noch nicht an. Oh, dazu würde noch lange Zeit nötig sein, bis sie sich wieder ansehen könnten. Aber was den Hahn anging, so fragt sie und guckt überall hin, nur nicht auf ihn:

Wo ist er? Da mußte Willatz denn antworten, daß er ihn nur tags zuvor gesehen hätte, aber es sei ein großer Hahn. Ja, und so schön! sagt Mariane; sein Kamm steht gerade empor, nicht bei allen Hähnen steht der Kamm so gerade, sagt Mariane.

Aber jetzt kam Felix, und so waren sie gerettet – für dieses Mal. Das war eine Zeit, schön und übernatürlich! Wenn Willatz jetzt sein Pferd ritt, so handelte es sich nicht mehr darum, von den Hütten am Wege gesehen zu werden, er ritt den langen Weg einzig und allein, um im Sattel sitzen und zu Marianes Haus und Garten hinaufsehen zu können. Milde Sommerzeit und leuchtende Augen! Er lebte in einer Welt von Süße und Schamhaftigkeit, es trieb ihn in die Wälder, auf die Berge und wieder zurück nach den Häusern, auf Wanderungen ohne Ziel. Wo lag er heute nacht? Wo konnte man nachts liegen! Im Gras, im Heu, in einer Kinderschaukel im Garten, überall, überall nur eine kurze Weile, mitunter sogar im Bett, angezogen, zusammengekrümmt, todmatt. - Das war eine Zeit!



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