Leseproben aus: John Irving, Bis ich dich finde



S. 98 f., 702 ff., 1059 ff.



[1] Alice verlässt mit dem vierjährigen Jack Oslo, um nach Helsinki zu fahren und dort weiter nach William, Jacks Vater, zu suchen (S. 98 f.)

[2] Alice ist gestorben, ihr Begräbnis wird ein Treffen der Tätowiererszene aus der halben Welt (S. 702 ff.)

[3] Jack findet seinen Vater am Ende in einer psychiatrischen Klinik in Zürich. Doch bevor er ihn sprechen kann, hat er es mit der Ärzteriege zu tun (S. 1059 ff.)




[1]

Alice verlässt mit dem vierjährigen Jack Oslo, um nach Helsinki zu fahren und dort weiter nach William, Jacks Vater, zu suchen (S. 98 f.)

Im Bristol packten sie schweigend ihre Sachen. Der Empfangschef freute sich, daß sie auszogen. In der Hotelhalle drängten sich Sportjournalisten und Eisschnellauf-Fans. Die Weltmeisterschaften sollten zwar erst Mitte Februar im Bislett Stadion im Zentrum von Oslo stattfinden, doch Journalisten und Publikum waren bereits eingetroffen. Jack tat es leid, daß sie schon abreisten – er hätte gern bei den Wettkämpfen zugesehen.

In diesem Februar lagen die Temperaturen in Oslo acht Grad unter dem Durchschnitt. Der Empfangschef erklärte ihnen, das bedeute, daß das Eis besonders schnell sein werde. Jack fragte seine Mutter, ob die Eisschnelläufer im Dunkeln fahren müßten oder ob das Stadion beleuchtet sei. Sie wußte es nicht.

Er fragte sie nicht, wie es in Helsinki sein werde, denn er fürchtete, ihre Antwort würde lauten: »Dunkler.« Im bleichen Mittagslicht hatte ihr Zimmer wieder jenen bernsteinfarbenen Ton, doch ohne den goldenen Schimmer von Ingrid Moes Haut schien Oslo in immerwährende Finsternis getaucht.

In seinen Träumen sah Jack noch immer die gerötete Haut über ihren Rippen und das pulsierende Herz auf der Seite ihrer Brust. Er hatte die Hitze der Tätowierung spüren können, als er den Mull aufgelegt hatte: Ihr heißes Herz hatte ihm durch den Verbandsstoff hindurch die Hand verbrannt.

Als Alice und Jack durch den mit einem Teppich ausgelegten Korridor gingen, durch den auch Ingrid Moe gegangen war – und zwar wie eine Frau –, dachte er, daß auch die Suche nach seinem Vater ein Traum war, allerdings ein Traum, der niemals aufhörte.

Eines Tages oder Abends würden sie in ein Restaurant gehen, ein beliebtes Restaurant namens Salve, in dem viele Seeleute aßen, und dort würden sie eine Kellnerin kennenlernen, die William Burns kannte. Sie würde ihnen sagen, was sie William gesagt hatte – nämlich wo man sich tätowieren lassen konnte –, aber dort würden sie nur erfahren, daß William sich noch ein paar Noten in die Haut hatte stechen lassen. Und laut Jacks Mutter würde sein Vater eine junge oder sehr junge Frau verführt haben, die er in einer Kirche kennengelernt hatte, und kein Stück Kirchenmusik würde auch nur ein einziges Mitglied der Gemeinde dazu bringen können, Alice und Jack zu helfen, ihn aufzuspüren.

Wieder einmal würde William verschwunden sein, so wie jeder Chor und alle anderen menschlichen Laute hinter der großartigsten Musik aus der besten Orgel in der gewaltigsten Kathedrale verschwinden – selbst Lachen, selbst Wehklagen, selbst jener Kummer, dem Jacks Mutter sich nachts überließ, wenn sie glaubte, ihr Sohn schlafe tief und fest.

»Adieu, Oslo«, flüsterte Jack in dem Korridor, durch den Ingrid Moe mit einem, wie er glaubte, unversehrten, nicht entzweigerissenen Herzen gegangen war.

Seine Mutter beugte sich zu ihm hinunter und küßte seinen Nacken. »Hallo, Helsinki«, flüsterte sie ihm ins Ohr.

Wieder einmal griff Jack nach ihrer Hand. Es war das einzige, von dem er genau wußte, wie er es zu tun hatte. Wie sich zeigen sollte, war es so ziemlich das einzige, was er überhaupt wußte.


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[2]

Alice ist gestorben, ihr Begräbnis wird ein Treffen der Tätowiererszene aus der halben Welt (S. 702 ff.)

Die Organistin, eine hübsche junge Frau, die wie der schwachköpfige Kaplan neu in St. Hilda war, patzte; sogar Jack merkte, daß sie nervös war und daß die Anzahl Fehler mit jedem falschen Ton, den sie spielte, noch zunahm.

»Beruhigen Sie sich, Eleanor«, sagte Miss Wurtz zu ihr, »sonst muß ich das übernehmen, und ich habe seit Jahren nicht Orgel gespielt.«

Während Eleanor eine kurze Pause einlegte, um sich zu sammeln, stellte sich Jack den Freunden seiner Mutter vor. »Der gutaussehende Jack Burns«, hörte er Night-Shift Mike anerkennend sagen.

»Tochter Alice’ kleiner Junge«, sagte eine der Schwestern Skretkowicz.

»Ich bin die andere Skretkowicz«, sagte die andere Schwester zu Jack. »Die, die nie mit Flattop Tom oder sonstwem verheiratet war«, flüsterte sie ihm ins Ohr und biß ihn ins Ohrläppchen.

»Ihre Mutter war bestimmt stolz auf Sie«, sagte Badger Schultz. Little Chicken Wing, seine Frau, war schon jetzt in Tränen aufgelöst – dabei war es noch nicht einmal Mittag. Bis zur Trauerfeier dauerte es noch Stunden.

Caroline klatschte in die Hände. »Wir proben immer noch – wir proben, bis ich ‘Schluß’ sage«, rief Miss Wurtz vom Altarraum aus. Eleanor, die Organistin, wirkte beinahe gefaßt.

»Ich wußte gar nicht, daß Sie Orgel spielen können, Caroline«, sagte Eleanor – vernehmlicher als sie vorgehabt hatte, da Jack und die Biker unvermittelt zu reden aufgehört hatten. Errötend warf Miss Wurtz einen kurzen Blick in Richtung Jack. »Nun ja, ich hatte ein paar denkwürdige Unterrichtsstunden«, sagte sie.
God save our gracious Queen,
Long live our noble Queen,
God save the Queen!
Send her victorious,
Happy and glorious,
Long to reign over us;
God save the Queen!
Unter Leitung der Wurtz sangen und sangen sie. Die reinen Mädchenstimmen des Chors der Internatsschülerinnen kamen nicht an gegen den Bierkneipen-Gusto der Biker, die sich langsam von der feuchten Märzkälte auf den Straßen erholten und ihre Ledermonturen ablegten. Ihre Tätowierungen wetteiferten mit den Farben von Jesus und den ihn umringenden Heiligen auf den Buntglasfenstern der Kapelle.

Jack stahl sich davon. Er wußte, Miss Wurtz konnte alles adaptieren; bis zum Beginn der Feier würde sie sowohl dem Chor der Internatsschülerinnen als auch dem der Biker den letzten Schliff verpaßt haben. Als Jack hinausging, lauschten die Tätowierer gerade ehrfürchtig den Mädchen, die »Lord of the Dance« sangen.

I danced in the morning
When the world was begun,
And I danced in the moon
And the stars and the sun,
And I came down from heaven
And I danced on the earth,
At Bethlehem
I had my birth.
Draußen waren zwei weitere Motorradfahrer eingetroffen; sie parkten ihre Maschinen neben den anderen. Slick Eddie Esposito vom Blue Bulldog in New Haven, Connecticut, und Bad Bill Letters vom Black Bear Season Tattoo in Brunswick, Maine. Ihr speckigen Ledermonturen waren fleckig vom Regen, und sie selbst waren offenbar steif vor Kälte, aber sie erkannten Jack Burns und lächelten herzlich. Jack schüttelte ihnen die eiskalten Hände.

Er hatte sich bei Mrs. Oastler ein paar alte Klamotten angezogen – Jeans, Sportschuhe und einen wasserdichten Parka, der Emma gehört hatte und ihm viel zu groß war. »Ich gehe eben nach Hause, um mich für die Trauerfeier umzuziehen«, sagt Jack zu den beiden Neuankömmlingen. Die aus der Kapelle dringenden Mädchenstimmen schienen sie zu verwirren. »Die anderen sind drinnen und üben.«

»Was denn?« fragte Bad Bill. Es mußte der dritte oder vier Refrain von »Lord of the Dance« sein; Miss Wurtz hatte offenbar beschlossen, die Biker einzubeziehen. Die kräftigen Stimmen der Männer drangen zu ihnen in den Regen heraus.

Dance, then, wherever you may be,
I am the Lord of the Dance, said He,
And I’ll lead you all, wherever you may be,
And I’ll lead you all in the Dance, said He.
»Auf geht’s, Bill – laß uns reingehen und mitsingen«, sagte Slick Eddie.

»Kommst du als Mädchen zurück?« wurde Jack von Bad Bill gefragt.

»Heute nicht«, sagte Jack zu ihm.

Als sie das Gebäude betraten, hörte Jack, wie Slick Eddie sagte: »Du bist ein Arschloch, Bill.«

»Klar bin ich ein Arschloch!« erwiderte Bad Bill.

Jack kehrte zum Haus von Mrs. Oastler zurück und legte sich dort in die Badewanne. Leslie kam in ihrer schwarzen Unterwäsche ins Bad, klappte den Toilettendeckel herunter und setzte sich darauf, ohne Jack anzusehen. »Wie viele sind es?« fragte sie.

»Ungefähr dreißig Motorräder, vielleicht vierzig Leute«, sagte er zu ihr.

»Die meisten Tätowierer, die deine Mutter gekannt hat, waren keine Biker, Jack. Die Biker sind bloß die Spitze des Eisbergs.«

»Ich weiß«, sagte Jack. »Wir rufen mal lieber Peewee an.«

»Wir rufen mal lieber die Polizei an«, erwiderte Mrs. Oastler. »Sie können nicht alle in St. Hilda schlafen – nicht mal in der Sporthalle.«

»Ein paar könnten hier schlafen«, schlug er vor.

»Deine Mutter hat das mit Absicht gemacht, Jack. Vielleicht hätte sie uns diese letzte Peinlichkeit erspart, wenn wir miteinander geschlafen hätten.«

»Ich weiß nicht«, sagte Jack. »Ich habe das Gefühl, Mom hätte sie gar nicht fernhalten können.«

Später am Nachmittag rief Peewee an. »Eigentlich bräuchte ich einen Lieferwagen statt einer Limousine, Mann – mehr Getränke passen nicht rein, Jack.«

»Am besten fährst du zweimal«, sagte Jack zu ihm.

»Das ist schon die dritte Fuhre, Mann! Wenn ihr beide, du und Mrs. Oastler, nicht macht, daß ihr in die Kapelle kommt, kriegt ihr keinen Sitzplatz mehr!« Peewee war der geborene Panikmaeher, Jack wußte, daß Miss Wurtz das Kommando innehatte, und vertraute darauf, daß sie ihm und Leslie Sitzplätze reservierte.

Die Wurtz tat sogar noch mehr. Sie postierte Stinky Monkey wie einen Platzanweiser im Mittelgang, damit er die Bank bewachte. Bad to the Bones war ebenfalls da – genau wie Sister Bear and Dragon Moon. Sie waren alle da – alle, mit denen Jack gerechnet hatte, und noch mehr.

Eine Gruppe kam aus Italien. Luca Brusa (aus der Schweiz) hätte es sich nicht entgehen lassen wollen, wie er Jack verriet. Himmel & Hölle kamen aus Deutschland, Manu und Tin-Tin aus Frankreich. Die Las Vegas Pricks waren da und Hollywoods Purple Panther.

Sie drängten sich in und zwischen den Bänken – ja sogar auf dem Flur, bis halb zur Sporthalle. Ein kleines, verschreckt wirkendes Häuflein von Ehemaligen – Mrs. Oastlers zitternde frühere Klassenkameradinnen – saß zusammengeschart in zwei vorderen Seitenbänken, wo Ed Hardy, Bill Funk und Rusty Savage sich offenbar zu ihren Leibwächtern ernannt hatten. Jedenfalls ließen sie keinen ihrer Kollegen auch nur in die Nähe dieser älteren Frauen, die (wie die Schulmädchen, die sie vor langer Zeit gewesen waren) Händchen hielten.

Miss Wurtz hatte ihre beiden Chöre – die Internatsschülerinnen und die Biker – zu beiden Seiten des Mittelgangs Aufstellung nehmen lassen, wo diese disparaten Gruppen der größtenteils verblüfften Gemeinde gegenüberstanden. Die Tätowierer, die nicht zeitig gekommen waren, konnten mit »God save the Queen« nichts anfangen.

»Was für eine Königin denn?« wurde Jack von einem breitschultrigen Mann in hellgelbem Sport Jackett gefragt. Er hatte soviel Gel in seinem senkrecht hochstehenden Haar, daß seine Frisur der Rückenflosse eines Hais ähnelte. Sowohl das hellgelbe Jackett als auch die Frisur waren Jack aus den Tätowiererzeitschriften vertraut. Kein Zweifel: Das war Crazy Philadelphia-Eddie.

Reverend Parker verspätete sich. »Es gab keinen Parkplatz mehr!« beschwerte er sich mit quengeliger Stimme, ehe er sich die Gemeinde genauer ansah – die gebatikten Trägertops, die tätowierten Arme, die offenen Kragen der Hawaiihemden, die teils entblößten, ebenfalls tätowierten Oberkörper. Profane Schlangen und mythologische Lindwürmer fixierten den Reverend kalt; bei den reptilischen Tätowierungen fanden sich Geschöpfe, wie sie weder der Garten Eden noch Reverend Parker je gesehen hatten. Es gab zahlreiche Darstellungen von Christi blutendem, dornenumwundenem Herzen, denen es an der gewohnten anglikanischen Dezenz fehlte. Es gab zahlreiche Skelette – manche spien Feuer, andere gaben Obszönitäten von sich.

Inmitten der Farbenpracht all dieses tätowierten Fleisches hatte sich die Wurtz mit »Lord of the Dance« selbst übertroffen. Die Internatsschülerinnen, die Leslie als »Chor von Nicht-ganz-Jungfrauen« bezeichnete, sangen alle fünf Strophen, die Biker stimmten fünfmal beim Refrain ein. Die unglückliche blonde Schülerin, die bei der Trauerfeier für Emma ihren Schuh verloren hatte, sang die vierte Strophe solo, und sie war eine großartige Solistin. Obwohl man das Lied mehrmals gemeinsam geprobt hatte, rührte sie die Biker zu Tränen.

I danced on a Friday
When the sky turned black –
It’s hard to dance
With the devil on our back.
They buried my body
And they thought I’d gone,
But I am the Dance,
And I still go on.
Als der Kaplan an der Reihe war, den Dreiundzwanzigsten Psalm zu lesen, war es in der Kapelle warm, und einige der üppig tätowierten Typen hatten sich das Hemd ausgezogen. Sie waren nicht allesamt Tätowierer – es waren auch viele von Alice’ Kunden anwesend. Überall waren die charakteristischen Arbeiten von Jacks Mutter zu sehen. Jack entdeckte so manche Daughter Alice.


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[3]

Jack findet seinen Vater am Ende in einer psychiatrischen Klinik in Zürich. Doch bevor er ihn sprechen kann, hat er es mit der Ärzteriege zu tun (S. 1059 ff.)

Das Gelände war makellos gepflegt. Auf den Wegen gingen ein Dutzend oder mehr Leute spazieren. Andere saßen auf Bänken mit Blick auf den See. (Kein Mensch machte einen geistesgestörten Eindruck.) Auf dem See mußten an die hundert Segelboote unterwegs sein.

»Ich gehe manchmal mit William Kleidung kaufen«, verriet die Schwester Jack. »Ich habe noch nie einen Mann erlebt, der so gern Kleider kauft wie Ihr Vater. Wenn er etwas anprobieren muß, kann er schwierig werden. Spiegel sind problematisch – Auslöser würde Dr. von Rohr sie nennen. Aber mir gegenüber benimmt sich William tadellos. Da macht er keine Faxen.«

Sie betraten ein Gebäude, das nach Verwaltung aussah, obwohl es nach Küche roch. Vielleicht war hier eine Cafeteria oder der Speisesaal der Klinik untergebracht. Jack folgte der Schwester eine Treppe hinauf, wobei ihm auffiel, daß sie immer zwei Stufen auf einmal nahm: bei einer kleinen Frau in einem Rock erforderte dies robuste Entschlossenheit. (Er konnte sich mühelos vorstellen, daß sein Vater bei Waltraut Bleibel keine Lust auf irgendwelche Faxen hatte.)

Sie fanden Professor Ritter in einem Besprechungszimmer, wo er ganz allein am Kopfende eines langen Tisches saß und sich auf einem Schreibblock Notizen machte. Er sprang auf, als Schwester Waltraut Jack ins Zimmer führte. Er war ein drahtiger Mann mit kräftigem Händedruck und sah tatsächlich ein wenig wie David Niven aus, trug aber keine Tenniskleidung. Seine khakifarbene Bundfaltenhose war scharf gebügelt. Seine hellbraunen Slipper sahen aus wie frisch geputzt, und er trug ein dunkelgrünes, kurzärmeliges Hemd.

»Ah, Sie haben uns

gefunden!« rief der Professor. »Er hat zuerst Pamela gefunden«, sagte Schwester Waltraut. »Die arme Pamela«, erwiderte Professor Ritter.

»Das macht nichts. Pamela glaubt nur wieder, daß es an ihren Medikamenten liegt«, sagte die Schwester im Hinausgehen. »Merci vielmal, Waltraut!« rief Professor Ritter ihr nach. »Bitte, bitte«, sagte Schwester Waltraut mit der gleichen beiläufigen Geste, mit der sie auch die Antivogel-Vögel auf den großen Fensterscheiben bedacht hatte.

»Waltraut hat einen Bruder namens Hugo, der gelegentlich mit Ihrem Vater in die Stadt fahrt«, erfuhr Jack von Professor Ritter. »Aber er geht mit William nicht Kleidung kaufen. Das kann Waltraut besser.«

»Sie hat irgend etwas von Spiegeln gesagt«, meinte Jack. »Sie hat sie als Auslöser bezeichnet oder vielmehr gesagt, daß einer der Ärzte das tut.«

»Ja, richtig – dazu kommen wir noch!« sagte Professor Ritter.

Er war es offenbar gewohnt, Besprechungen zu leiten. Er war freundlich, aber ließ keinerlei Zweifel daran, wer das Sagen hatte.

Als die anderen hintereinander ins Besprechungszimmer kamen, fragte sich Jack, wo sie gewartet hatten. Welches ihm verborgen gebliebene Signal hatte sie herbeigerufen? Offenbar wußten sie sogar, wo sie zu sitzen hatten – als stünden Platzkarten auf dem kahlen Tisch, auf den sie ihre nahezu identischen Schreibblöcke legten. Sie hatten sich vorbereitet; sie sahen aus, als wären sie regelrecht auf dem Sprung, sich Notizen zu machen. Doch zuerst mußte Jack das obligatorische Händeschütteln über sich ergehen lassen, das nach seinem Eindruck bei jedem ein, zwei Sekunden zu lang dauerte. Und jeder Arzt und jede Ärztin sagte ein typisches kleines Sprüchlein auf, als wäre die Zusammenkunft geprobt worden.

»Grüß Gott!« sagte Dr. Horvath, der kernige Österreicher und schwenkte Jacks Hand auf und ab.

»Ihre Leinwandpersönlichkeit mag Ihnen vorauseilen, Mr. Burns«, sagte Dr. Berger (der Neurologe und Faktenmensch), »aber wenn ich Sie mir so anschaue, sehe ich als allererstes einen jungen William vor mir!«

»Dürfen wir uns andererseits«, sagte Dr. von Rohr in ihrer typischen Oberärztinnenmanier, »bloß wegen unserer Vertrautheit mit William anmaßen, Jack Burns zu kennen? Ich frage nur.«

Dr. Huber warf einen Blick auf ihren Piepser, während sie Jack die Hand schüttelte. »Ich bin bloß Internistin«, sagte sie zu ihm. »Sie wissen schon, eine ganz normale Ärztin.« Dann gab ihr Piepser Laut, und sie ließ Jacks Hand so plötzlich los, wie sie es vielleicht auch getan hätte, wenn er gestorben wäre. Sie ging zu dem Telefon, das sich unmittelbar neben der Tür befand. »Huber hier«, sagte sie in den Hörer. Nach kurzem Schweigen fügte sie hinzu: »Ja, aber nicht jetzt.«

Jack war sich sicher, daß er Dr. Anna-Elisabeth Krauer-Poppe erkannte, das Mannequin, das seine Kleidung mit einem langen, gestärkten, schneeweißen Laborkittel schützte, Dr. Krauer-Poppe schaute ihm mit wissendem Blick in die Augen, als versuchte sie, dahinterzukommen, was für Medikamente er nahm oder ihrer Ansicht nach nehmen sollte. »Sie haben das schöne Haar Ihres Vaters«, bemerkte sie, »wenn auch nicht seine Obsessionen – jedenfalls hoffe ich das.«

»Ich bin nicht tätowiert«, sagte Jack ihr kopfschüttelnd.

»Man kann auch auf andere Weise fürs Leben gezeichnet sein«, meinte Dr. Andererseits von Rohr.

»Nicht alle Obsessionen sind ungesund, Ruth«, sagte Dr. Huber, die Internistin. »Wie es scheint, hält sich Mr. Burns an die Ernährungsweise seines Vaters. Wir heißen es ja wohl alle gut, daß William auf sein Gewicht achtet?«

»Sie meinen seinen Narzißmus?« fragte Dr. von Rohr, erneut ganz die Oberärztin.

»Sind Sie in psychotherapeutischer Behandlung, Mr. Burns?« fragte Dr. Berger, der Faktenmensch. »Oder können wir das ausschließen?«

»Ja, seit einiger Zeit«, antwortete Jack.

»Nun denn ... «, sagte Professor Ritter.

»Das ist nichts, dessen man sich schämen müßte«, tönte Dr. Horvath, der stellvertretende Leiter der Klinik.

»Sie zeigen vermutlich keine Anzeichen von Arthrose«, sagte Dr. Huber. »Sie sind zu jung«, fügte sie hinzu. »Wohlgemerkt, ich sage nicht, daß Sie sich wegen Williams arthritischer Hände Gedanken machen müssen. Sie spielen nicht Klavier oder Orgel, oder doch?«

»Nein. Und ich habe auch keine Symptome von Arthrose«, sagte Jack.

»Irgendwelche Medikamente, von denen wir wissen sollten?« fragte Dr. Krauer-Poppe. »Ich meine nicht gegen Arthrose.«

»Nein, gar nichts«, antwortete er. Sie wirkte etwas überrascht oder enttäuscht – Jack war sich nicht ganz sicher.

»Na, na!« rief Professor Ritter aus. »Wir sollten uns von Jack befragen lassen!«

Die anderen Ärzte, merkte Jack, legten Professor Ritter gegenüber eine freundliche Duldsamkeit an den Tag. Immerhin war er Leiter der Klinik. Zweifellos lag ein Großteil seiner Aufgaben auf dem Gebiet der Public Relations, mit denen sie wahrscheinlich nichts zu tun haben wollten.

»Ja bitte – Sie dürfen uns alles fragen!« sagte Dr. Horvath, der Skifahrer.

»Inwiefern sind Spiegel Auslöser?« fragte Jack.

Die Ärzte waren offenbar überrascht, daß ihm die Sache mit den Spiegeln – von Auslösern ganz zu schweigen – bekannt war. »Jack hat sich mit Waltraut darüber unterhalten, daß sie mit William Kleidung kaufen geht«, erklärte Professor Ritter den anderen.

»Manchmal, wenn William sich in einem Spiegel sieht, schaut er einfach weg – oder er schlägt die Hände vors Gesicht«, sagte Dr. Berger, der sich an die Fakten hielt.

»Manchmal dagegen«, begann Dr. von Rohr, »reicht schon ein flüchtiger Blick in einen Spiegel, und er will seine Tätowierungen sehen.«

»Und zwar alle!« rief Dr. Horvath.

»Für eine derart detaillierte Selbstbetrachtung ist es dann oft nicht die passende Zeit oder der passende Ort«, erklärte Professor Ritter, »aber William scheint dergleichen nicht wahrzunehmen. Manchmal hat er, wenn er sich auszuziehen beginnt, auch schon mit einer Aufzählung angefangen.«

»Einer was?«

»Sein Körper ist eine Art Gobelin, dessen Motive er aufzählen kann – sie ergeben sowohl eine Musik- als auch eine persönliche Geschichte«, sagte Dr. Huber. Ihr Piepser gab Laut, und sie ging erneut zum Telefon neben der Tür. »Huber hier. Noch nicht!« sagte sie verärgert.

»Das Problem ist folgendes: Jemand, der so pingelig ist wie Ihr Vater, kann niemals pingelig genug sein«, sagte Professor Ritter zu Jack.

»Er ist stolz auf seine Tätowierungen, aber er sieht sie auch sehr kritisch«, sagte Dr. Berger.

»William glaubt, daß sich einige seiner Tätowierungen an der falschen Stelle befinden. Er wirft sich mangelnden Weitblick vor. Er bedauert bestimmte Dinge«, erläuterte Dr. Horvath. »Manchmal dagegen«, fiel Dr. von Rohr ein, »beschäftigt ihn die Frage, welche Tätowierung seinem Herzen am nächsten sein sollte.«

»Aber die Anzahl der Dinge, die dem Herzen wirklich nahe sind, ist zwangsläufig begrenzt«, meldete sich Dr. Krauer-Poppe zu Wort. »Sein Körper ist mit dem gezeichnet, was er liebt, aber er hat auch seinen Kummer festgehalten. Die Antidepressiva haben ihn beruhigt, ihn weniger ängstlich gemacht, für besseren Nachtschlaf gesorgt-«

»Aber gegen den Kummer können sie wenig ausrichten«, sagte Dr. von Rohr geradeheraus und wandte Jack dabei ihr Profil zu.

»Jedenfalls nicht genug«, räumte Dr. Krauer-Poppe ein.

»Es wird vielleicht zuviel, wenn wir jetzt schon über spezielle Diagnosen sprechen. Sagen wir vorläufig einfach, daß Ihr Vater Verluste erlitten hat«, sagte Professor Ritter zu Jack. »Frau Ringhof, seine deutsche Frau, vor allem aber Sie.«

»Er ist ein ungeheuer emotionaler Mensch«, sagte Dr. Berger kopfschüttelnd – offensichtlich wünschte er, William Burns hätte mehr von einem Faktenmenschen.

»Die Antidepressiva haben geholfen – mehr sage ich nicht«, sagte Dr. Krauer-Poppe.

»Ihn von Spiegeln fernzuhalten, hilft ebenfalls«, bemerkte Dr. von Rohr, ganz silbergesträhnte Oberärztin.

»Gibt es noch andere Auslöser?« fragte Jack das Team.

»Nun ja ... «, sagte Professor Ritter. »Vielleicht sollte Jack zuerst einmal seinen Vater treffen?« (Das Team, merkte Jack, war nicht dieser Meinung.)

»Bach!« dröhnte Dr. Horvath. »Alles von Bach.«

»Bach, Buxtehude, Stanley, Widor, Vierne, Dubois, Alain, Dupré –«, zählte Dr. Berger auf.

»Händel, Balbastre, Messiaen, Pachelbel, Scheidt –«, unterbrach Dr. von Rohr.

»Und alles, was mit Weihnachten oder Ostern zu tun hat – jedes einschlägige Kirchenlied«, fügte Dr. Huber hinzu. Sie funkelte ihren Piepser an, wie um ihm zu bedeuten, daß er ja keinen Laut von sich geben sollte.

»Die Musik ist ein Auslöser? Oder die bloßen Namen bestimmter Komponisten?« fragte Jack.

»Die Musik und die Namen bestimmter Komponisten«, antwortete Dr. Krauer-Poppe.

»Und wenn er Klavier oder Orgel spielt?« fragte Jack. »Nun ja ... «, sagte Professor Ritter

»Wenn die Schmerzen einsetzen-«, begann Dr. Krauer-Poppe. »Wenn er Krämpfe in den Fingern bekommt–«, warf Dr. Huber ein.

»Wenn er Fehler macht«, sagte Dr. von Rohr gleichsam zusammenfassend – fast alles, was sie sagte, äußerte sie mit dem Nachdruck und der Bestimmtheit einer abschließenden Bemerkung; hinzu kam, daß sie als hochgewachsener Mensch ständig auf andere herabsah. Im Sitzen wirkte Dr. von Rohr nicht weniger groß. (Beim Händeschütteln hatte Jack festgestellt, daß er ihr bis zur Schulter reichte.)

»Ja, Fehler sind Auslöser«, pflichtete Professor Ritter besorgt bei.

»Da kommt wieder Williams Pingeligkeit ins Spiel«, hob Dr. Berger hervor.

»Und, allerdings nur gelegentlich, wenn er Ihre Filme sieht«, sagte Dr. von Rohr und sah Jack an.

»Hauptsächlich bestimmte Sätze«, fügte Professor Ritter hinzu.

»Meistens aber helfen ihm die Filme!« insistierte Dr. Krauer-Poppe.

»Manchmal dagegen – «, begann Dr. von Rohr.

»Nun ja ... «, sagte Professor Ritter.

»Ich finde, Jack sollte seinen Vater sehen, ihn spielen hören, mit ihm reden–«

»In welcher Reihenfolge?« fragte Dr. Berger, vielleicht sarkastisch; Jack konnte es nicht genau sagen.

Wieder gab Dr. Hubers Piepser Laut. Sie stand vom Tisch auf und ging ans Telefon. Dr. Krauer-Poppe schlug die Hände vors Gesicht.

»Vielleicht sollten wir Jack ein wenig von Williams Tagesablauf erzählen?« fragte Professor Ritter.

»Pingeligkeit hoch drei!« rief Dr. Horvath.

»Ihr Vater möchte jeden Tag im voraus wissen, was ansteht«, erklärte Dr. von Rohr.

»Jede Stunde!« röhrte Dr. Horvath.
»Schildern Sie ihm einfach den Tagesablauf«, sagte Dr. Krauer-Poppe. »Vielleicht hilft das ja.«

»Huber hier«, sagte Dr. Huber in den Hörer. »Ich komme sofort.« Sie kam zum Tisch zurück. »Ein Notfall«, sagte sie zu Jack und schüttelte ihm die Hand. »Noch ein Notfall.« Jack war aufgestanden, um ihr die Hand zu geben. Alle anderen erhoben sich ebenfalls.

Jack und das Team abzüglich Dr. Huber schickten sich an, das Besprechungszimmer zu verlassen. (Dr. Huber war blitzschnell verschwunden.)

»Aufstehen, heißes Wachs, Eiswasser, Frühstück -«, sagte Dr. Horvath, während sie die Treppe hinuntermarschierten. Jack wurde klar, daß die Aufzählung der Einzelheiten im Tagesablauf seines Vaters begonnen hatte.

»Unmittelbar nach dem Frühstück Fingerübungen in der Gymnastikhalle«, erklärte Dr. Berger.

»Fingerübungen?« fragte Jack.

»William nennt das so, wenn er für die Tanzgruppe Klavier spielt. Er trägt dann nämlich eine Augenbinde und spielt nur die Stücke, die er auswendig kann«, sagte Dr. von Rohr.

»Wieso trägt er eine Augenbinde?« fragte Jack.

»In der Gymnastikhalle gibt es Spiegel«, sagte Professor Ritter.

»Viele Spiegel. William trägt dort immer die Augenbinde. Manchmal, nachts, spielt er auch im Dunkeln.«

»Nach den Fingerübungen Joggen – je nach Wetter«, fuhr Dr. Horvath fort. »Manchmal auch eine Fahrt in die Stadt mit Hugo.«

»Über Hugo haben wir eigentlich noch nicht gesprochen«, sagte Professor Ritter zu den anderen.

»Müssen wir denn über ihn sprechen?« fragte Dr. von Rohr. »Geht es nicht auch ein andermal? Ich frage nur.«

»Manchmal – ich meine nach den Fingerübungen – braucht William auch noch einmal Eiswasser, nicht wahr?« fragte Dr. Berger.

»Es scheint zu helfen«, sagte Dr. Krauer-Poppe resigniert.

(...)


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