Leseproben aus: Cormac McCarthy, Die Straße



S. 7, 120



[1] Der Anfang des Romans (S. 7 ff.)

[2] Eine Begegnung (S. 120 ff.)





[1]

Der Anfang des Romans (S. 7 ff.)


Wenn er im Dunkel und in der Kälte der Nacht im Wald erwachte, streckte er den Arm aus, um das Kind zu berühren, das neben ihm schlief. Nächte, deren Dunkel alle Dunkelheit überstieg, und jeder Tag grauer als der vorangegangene. Wie das Wachstum eines kalten Glaukoms, das die Welt verdüsterte. Mit jedem kostbaren Atemzug hob und senkte sich weich seine Hand. Er schob die Plastikplane weg, richtete sich zwischen den stinkenden Fell- und Wolldecken auf und hielt Richtung Osten nach einer Spur von Licht Ausschau, aber es war nichts zu sehen. In dem Traum, aus dem er erwacht war, hatte er, von dem Kind an der Hand geführt, eine Höhle durchstreift. Das Licht ihrer Lampe spielte über die feuchten Sinterwände. Wie Pilger in einer Sage, von einem Granitungeheuer verschlungen lind zwischen seinen inneren Organen verirrt. Tiefe Steinschächte, in denen das Wasser tropfte und sang, in der Stille ohne Unterlass die Minuten der Erde schlug, ihre Stunden, Tage und Jahre. Bis sie in einer großen Steinhalle standen, in der ein schwarzer, alter See lag. Und am anderen Ufer ein Lebewesen, das sein triefendes Maul aus dem Travertinbecken hob und mit toten Augen, weiß und blind wie Spinneneier, ins Licht starrte. Es schwang den Kopf tief über das Wasser, wie um Witterung von dem aufzunehmen, was es nicht sah. Kauerte dort bleich und nackt und durchscheinend, seine Alabasterknochen als Schatten auf die Felsen dahinter geworfen. Seine Eingeweide, sein schlagendes Herz. Das Gehirn, das in einer Glocke aus stumpfem Glas pulsierte. Es schwang den Kopf hin und her, stieß dann ein leises Ächzen aus, drehte sich um, wankte davon und verschwand lautlos im Dunkel.

Beim ersten grauen Licht stand er auf, ließ den Jungen schlafen und ging auf die Straße, wo er sich niederhockte und die Landschaft im Süden musterte. Öde, stumm, gottverlassen. Er meinte, es sei Oktober, doch er war sich nicht sicher. Er hatte schon seit Jahren keinen Kalender mehr geführt. Sie zogen Richtung Süden. Noch ein Winter hier war nicht zu überleben.

Als es hell genug wurde, um das Fernglas zu benutzen, suchte er das unter ihm liegende Tal ab. Alles verblasste in die Düsterkeit. Über dem Asphalt flog in lockeren Wirbeln die weiche Asche. Er musterte, was er sehen konnte. Die Straßenabschnitte dort unten zwischen den toten Bäumen. Er hielt nach Farbigem Ausschau. Nach irgendeiner Bewegung. Irgendeiner Spur von stehendem Rauch. Er senkte das Fernglas, zog sich den Baumwollmundschutz vom Gesicht, wischte sich mit dem Handrücken die Nase und suchte dann erneut die Landschaft ab. Dann saß er, in der Hand das Fernglas, einfach nur da und sah zu, wie das aschene Tageslicht über dem Land gerann. Er wusste nur, dass das Kind seine Rechtfertigung war. Er sagte: Wenn er nicht das Wort Gottes ist, hat Gott nie gesprochen.



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[2]

Eine Begegnung (S. 120 ff.)


Der Junge saß auf der Eingangstreppe, als er am hinteren Ende der Einfahrt des gegenüberliegenden Hauses eine Bewegung wahrnahm. Ein Gesicht sah ihn an. Ein Junge, ungefähr in seinem Alter, in einen zu großen Wollmantel mit aufgekrempelten Ärmeln gehüllt. Er stand auf. Er rannte über die Straße und die Einfahrt hinauf. Niemand da. Er blickte zum Haus hin und rannte dann durch das tote Unkraut bis zum hinteren Ende des Gartens, an einen stillen schwarzen Bach. Komm zurück, rief er. Ich tu dir nichts. Er stand immer noch da und weinte, als sein Vater über die Straße gerannt kam und ihn am Arm packte.

Was machst du denn da?, zischte er. Was soll denn das?

Da ist ein kleiner Junge, Papa. Da ist ein kleiner Junge.

Da ist kein kleiner Junge. Was soll denn das?

Doch, da ist ein kleiner Junge. Ich habe ihn gesehen.

Ich habe dir doch gesagt, du sollst dich nicht vom Fleck rühren. Habe ich dir das nicht gesagt? Jetzt müssen wir gehen. Komm.

Ich wollte ihn doch bloß sehen, Papa. Ich wollte ihn bloß sehen.

Der Mann nahm ihn beim Arm, und sie gingen durch den Garten zurück. Der Junge hörte nicht auf zu weinen und blickte sich immer wieder um. Komm schon, sagte der Mann. Wir müssen gehen.

Ich will ihn sehen, Papa.
Es gibt niemanden zu sehen. Willst du sterben? Ist es das, was du willst?

Das ist mir egal, sagte der Junge schluchzend. Das ist mir egal.

Der Mann blieb stehen. Er blieb stehen, ging in die Hocke und zog ihn an sich. Es tut mir leid, sagte er. Sag das nicht. Du darfst das nicht sagen.


Sie gingen durch die nassen Straßen zur Überführung zurück, holten die Jacketts und die Decke aus dem Auto, marschierten weiter zum Bahndamm, wo sie hinaufkletterten, die Gleise überquerten, in den Wald eintauchten, den Wagen holten und den Highway ansteuerten.

Und wenn der kleine Junge niemanden hat, der auf ihn aufpasst?, fragte er. Wenn er keinen Papa hat?

Dort sind Leute. Sie haben sich bloß versteckt.

Er schob den Wagen auf die Straße und blieb stehen. Er konnte die Spuren des Lastwagens in der feuchten Asche erkennen, schwach und ausgewaschen, aber vorhanden. Er meinte sie riechen zu können. Der Junge zog an seiner Jacke. Papa, sagte er.

Was denn? Ich habe Angst um den kleinen Jungen.

Ich weiß. Aber ihm passiert schon nichts.

Wir sollten ihn holen, Papa. Wir könnten ihn holen und mitnehmen. Wir könnten ihn mitnehmen, und den Hund auch. Der Hund könnte was zu essen fangen.

Das geht nicht.

Und ich würde dem kleinen Jungen die Hälfte von meinem Essen abgeben.

Hör auf. Es geht nicht.

Er weinte wieder. Was wird aus dem kleinen Jungen?, schluchzte er. Was wird aus dem kleinen Jungen?


In der Dämmerung setzten sie sich an einer Kreuzung auf die Straße, und er legte die einzelnen Blätter der Karte auf den Boden und studierte sie. Er tippte mit dem Finger auf eine bestimmte Stelle. Hier sind wir, sagte er. Genau hier. Der Junge sah nicht hin. Der Mann studierte das verschlungene Streckenmuster in Rot und Schwarz, den Finger auf die Kreuzung gelegt, wo er zu sein meinte. Als sähe er sie ganz klein dort kauern. Wir könnten zurückgehen, sagte der Junge leise. Es ist nicht so weit. Es ist nicht zu spät.



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