Leseproben aus: Ian McEwan, Saturday



S. 114 ff., 303 ff.







[1] Henry Perowne, Neurochirurg, gerät auf dem Weg zum Squashspiel in eine schwierige Situation. (S. 114 ff.)

[2] Baxter und Nigel, zwei der Männer aus dem BMW, dringen später bewaffnet in Henry Perownes Haus ein. Anwesend sind Henrys Frau Rosalind, sein Schwiegervater John Grammaticus, die erwachsenen Kinder Theo und Daisy. (S. 303 ff.)





[1]

Henry Perowne, Neurochirurg, gerät auf dem Weg zum Squashspiel in eine schwierige Situation. (S. 114 ff.)


Die Bewegung ist wie ein Auslöser, der ihn schlagartig zu seiner Liste zurückbringt, zu den proximalen und distalen Ursachen seiner Gemütslage. In Gedanken kann eine Sekunde eine ziemlich lange Zeit sein. Lang genug für Henry, um mit den negativen Eindrücken anzufangen, jedenfalls ausreichend Zeit, um zu erahnen - ohne dies in Sätze und Worte zu zerlegen -, daß es der Zustand der Welt ist, der ihn am stärksten beunruhigt, und daß die Demonstranten ihn daran erinnern. Doch wenn die Welt sich wirklich fundamental verändert hat, dann wird das Ganze höchst ungeschickt gehandhabt, vor allem von den Amerikanern. Es gibt Menschen auf diesem Planeten, gut organisierte Menschen mit weitreichenden Beziehungen, die wollen ihn, seine Familie und seine Freunde töten, um ihren Ansichten Nachdruck zu verleihen. Die Menge der in Kauf genommenen Toten steht nicht länger zur Debatte; weshalb es zweifellos auch weiterhin, vermutlich sogar in dieser Stadt, Tote in großer Zahl geben wird. Hat er solche Angst, den Tatsachen ins Auge zu sehen? Diese Feststellungen und Fragen formuliert er nicht aus. Eher erfährt er sie als ein mentales Achselzucken, gefolgt von einem Frageimpuls. Präverbale Sprache, die Linguisten sprechen von Mentalese, der universalen Sprache der Gedanken. Nicht so sehr Sprache als vielmehr eine Matrix wechselnder Muster, wobei Bedeutung sich in Bruchteilen von Sekunden verfestigt und komprimiert, um untrennbar mit einer unverwechselbaren emotionalen Einfärbung zu verschmelzen. Ein kränkliches Gelb. Selbst wenn man wie ein Poet die Gabe der Verdichtung besäße, bräuchte man aberhundert Worte und viele Minuten, um diese Gedanken auszudrücken. Weshalb der rote Blitz, der links über den Rand seines Gesichtsfelds jagt wie ein Schatten über die Netzhaut bei Schlaflosigkeit, bereits den Charakter eines Gedankens hat, eines neuen Gedankens, unerwartet und gefährlich, dabei noch gänzlich sein eigener Gedanke und nichts, was aus der Welt außerhalb seiner selbst käme.

Er fährt mit instinktivem Gespür durch die schmale Gasse, die rechts von einem bordsteinbegrenzten Fahrradweg und links von einer Reihe parkender Autos markiert wird. Aus dieser Reihe springt ihn auch der Gedanke an und mit ihm der schnappende Laut eines glatt abrasierten Seitenspiegels, das Wimmern von Stahlblechen, die sich unter hohem Druck aneinanderreiben, während zwei Autos in eine Lücke vorstoßen, die nur für einen Wagen reicht. Noch im Moment des Zusammenstoßes entscheidet sich Perowne dafür, Gas zu geben und zugleich nach rechts auszuweichen. Da sind weitere Geräusche - das stakkatohafte Scheppern des roten Wagens zu seiner Linken, der ein halbes Dutzend abgestellter Autos streift, und das Wummern, mit dem Gummi auf Beton knallt, fast wie ein einzelnes, verstärktes Klatschen, als der Mercedes über den Bordstein auf den Fahrradweg ausschert. Auch der Hinterreifen kracht gegen den Bordstein. Dann ist Perowne an dem Eindringling vorbei und bremst. Einmal um sich selbst gedreht, stehen die Autos knapp dreißig Meter voneinander entfernt, Motoren abgestellt, und einen Augenblick lang herrscht Stille, niemand steigt aus.

Gemessen am Standard heutiger Autounfälle - Henry hat insgesamt fünf Jahre auf der Notfallstation gearbeitet - ist das hier eine Lappalie. Verletzte kann es eigentlich nicht geben, er wird kaum als Notarzt in Aktion treten müssen. In den letzten fünf Jahren ist es zweimal dazu gekommen, beide Male ein Herzinfarkt, einmal auf einem Flug nach New York, dann bei einer Hitzewelle im Juni in einem stickigen Londoner Theater, zwei unbefriedigende, komplizierte Fälle. Er selbst hat keinen Schock, ist weder unnatürlich gelassen noch euphorisch oder wie betäubt, er sieht nicht überscharf, er zittert nicht. Er lauscht dem Klicken sich abkühlenden Metalls. Eigentlich fühlt er nur wachsenden Ärger, der gegen lebenskluge Vorsicht kämpft Den Wagen braucht er sich nicht anschauen, um zu wissen, daß eine Seite hinüber ist. Er sieht die Wochen und Monate Papierkram schon vor sich, Versicherungsansprüche und Gegenansprüche, Telefongespräche, Wartezeiten in der Werkstatt. Etwas Einmaliges und Unersetzliches ist dem Wagen genommen worden und kann ihm nie zurückgegeben werden, wie gut die Reparatur auch ausfallen mag. Dann ist da noch der Schlag gegen die Vorderachse, die Radaufhängung, auf jene mysteriösen Teile, die an Folter denken lassen - Ritzel oder Zahnriemen. Sein Auto wird nie mehr so sein wie zuvor. Es ist unwiderruflich dahin, genau wie sein Samstag. Er wird es auf keinen Fall mehr rechtzeitig zum Spiel schaffen.

Vor allem aber kommt in ihm eine gänzlich moderne Empfindung auf - der Gerechtigkeitssinn des Autofahrers, von einem inbrünstigen Gefühl der Unschuld punktgenau zu glühendem Haß verschweißt, in dessen Gefolge diverse abgedroschene Phrasen wiederbelebt werden und wie neu durch seine Gedanken taumeln: Fährt einfach los, ohne zu hupen, blöder Hund, hat sich nicht mal umgedreht, wozu ist denn der Spiegel da, dämlicher Idiot. Der einzige Mensch auf der Welt, den er haßt, der sitzt in dem Wagen hinter ihm, und Henry wird mit ihm reden, ihm gegenübertreten, die Versicherungsangaben mit ihm tauschen müssen - dabei könnte er jetzt Squash spielen. Er fühlt sich wie von sich selbst im Stich gelassen. Fast glaubt er zu sehen, wie diese andere, wahrscheinlichere Version seiner selbst nichtsahnend die Seitenstraße hinunterfährt, ein in der Ferne verschwindender reicher Onkel, der in Gedanken versunken, glücklich und sorgenfrei durch seinen Samstag steuert und ihn elend und allein seinem neuen, unwahrscheinlichen, aber unausweichlichen Schicksal überläßt. Doch es ist real. Daß er sich das sagen muß, verrät, wie wenig er daran glaubt. Er hebt den Schläger vom Boden auf und legt ihn wieder auf das Journal. Die rechte Hand ruht auf dem Türgriff. Aber noch rührt er sich nicht. Er schaut in den Spiegel. Es gibt Gründe für diese Vorsicht.

Wie erwartet, kann er im hinteren Wagen drei Köpfe erkennen. Er weiß, daß er zu vorschnellen Schlüssen neigt, und versucht deshalb, sich die Insassen etwas näher anzusehen. Seines Wissens verstößt ein Striptease nicht gegen das Gesetz. Dennoch wäre er vielleicht schon ausgestiegen, hätte er die Männer, und sei es noch so verstohlen, aus dem Wellcome Trust oder der British Library laufen sehen. Da sie rannten, verärgert diese Verzögerung sie womöglich noch mehr als ihn selbst. Ihr Auto ist ein BMW der 5er Serie, ein Fahrzeug, das er ohne zwingenden Grund mit Kriminalität und Drogenhandel in Verbindung bringt. Außerdem sind sie zu dritt. Der Kleine sitzt auf der Beifahrerseite, und seine Tür öffnet sich, noch während Perowne hinübersieht, gleich darauf geht die Fahrertür auf, danach die Hintertür auf der anderen Seite. Perowne, der nicht vorhat, sich im Sitzen ein Gespräch aufdrängen zu lassen, steigt aus dem Wagen. Die halbe Minute Pause hat der Situation einen spielerischen Charakter verliehen, erste Überlegungen wurden angestellt. Die drei Männer haben ihre eigenen Gründe, sich zurückzuhalten und ihr Vorgehen zu besprechen. Er darf nicht vergessen, sagt sich Perowne, während er zur Kühlerhaube seines Wagens geht, daß er im Recht und daß er wütend ist. Gleichzeitig muß er vorsichtig sein. Diese widersprüchlichen Anweisungen sind allerdings nicht besonders hilfreich, und er beschließt, die Konfrontation einfach auf sich zukommen zu lassen, statt sich mit Grundregeln zu belasten. Sein erster Impuls rät ihm, die Männer zu ignorieren, sich von ihnen abzuwenden, um den Mercedes herumzugehen und sich die beschädigte Seite anzusehen. Doch während er, Hände in die Hüften gestemmt, die Haltung des wütenden, in seinem Besitzerstolz verletzten Mannes einnimmt, behält er die Männer, die jetzt als Gruppe auf ihn zukommen, im Augenwinkel.

Auf den ersten Blick scheint überhaupt kein Schaden entstanden zu sein. Keine Beulen, der Seitenspiegel ist heil, selbst auf dem Silbermetallic ist erstaunlicherweise nichts zu sehen. Er beugt sich vor, um den Lack aus einem anderen Winkel zu betrachten. Mit gespreizten Fingern fährt er sacht über die Karosserie, als ob er wirklich etwas davon verstünde. Nichts. Nicht mal ein Kratzer. In taktischer Hinsicht scheint dies momentan für ihn eher ein Nachteil zu sein. Er hat für seine Wut nichts vorzuweisen. Falls der Wagen tatsächlich etwas abbekommen hat, dann irgendwo unsichtbar zwischen den Vorderreifen.

Die Männer sind stehengeblieben, um sich auf der Straße etwas anzusehen. Mit der Schuhspitze berührt der untersetzte Kerl im schwarzen Anzug den abrasierten BMW-Spiegel, dreht ihn um, als wäre es ein totes Tier. Einer der beiden anderen, ein großer, junger Mann mit langem, traurigem Pferdegesicht, hebt ihn auf und hält den Spiegel in beiden Händen. Gemeinsam starren sie ihn an, doch wie aufgescheuchtes Rotwild wenden sie plötzlich nach einer Bemerkung des kleinen Mannes ihre Köpfe gleichzeitig und mit unverhohlener Neugier nach Perowne um. Zum ersten Mal kommt ihm der Gedanke, daß er in Gefahr sein könnte. Die offiziell in beide Richtungen gesperrte Straße liegt völlig verlassen da. Im Rücken der Männer sind Demonstranten in lockerer Reihe Richtung Süden unterwegs, um sich dem Hauptzug anzuschließen. Perowne wirft einen Blick über die Schulter. Hinter ihm, auf der Gower Street, hat der eigentliche Marsch begonnen. Mehrere tausend Menschen ziehen geschlossen zum Piccadilly, die Transparente wie auf einem revolutionären Poster heldenhaft vorgereckt. Man glaubt, die Wärme fast spüren zu können, die von den Gesichtern, Händen und Kleidern der dichtgedrängten Menschenmenge ausgeht. Um die dramatische Wirkung zu steigern, marschieren sie schweigend im Trauerrhythmus der Trommeln.

Die drei Männer haben sich erneut in Bewegung gesetzt. Wie zuvor geht der kleine Mann - einsvierundsechzig, vielleicht auch einsfünfundsechzig - voraus. Sein Gang ist auffällig, jeder Schritt begleitet von einer kleinen, abrupten Drehung des Rumpfes, dabei leicht vorgebeugt, als stake er einen Stechkahn durch einen ruhigen Flußabschnitt. Der Stecher vom Spearmint Rhino. Vielleicht hört er Walkman. Manche Leute gehen nirgendwo ohne Soundtrack hin, nicht mal in eine Auseinandersetzung. Die beiden anderen Männer benehmen sich wie Untergebene, Gefolgsleute. Sie tragen Turnschuhe, Jogginganzüge und Kapuzenshirts - die Uniform der Straße, so allgegenwärtig, daß sie nicht mal mehr Mode ist. Manchmal zieht Theo sich so an, wenn er, wie er sagt, sich für kein Aussehen entscheiden kann. Wie eine Trophäe hält das Pferdegesicht den Spiegel immer noch in beiden Händen. Das unablässige Dröhnen der Trommeln ist nicht gerade hilfreich, und weil so viele Menschen in seiner Nähe sind, ohne ihn zu bemerken, fühlt Henry sich erst recht isoliert. Am besten gibt er sich einfach beschäftigt. Er geht neben dem Wagen in die Knie und entdeckt unter dem Vorderreifen eine plattgedrückte Coladose. Und dann sieht er, ebenso verärgert wie erleichtert, an der Hintertür einen unregelmäßigen Fleck, an dem der Lack nur noch matt schimmert, als hätte jemand mit einem Schmirgeltuch darübergerieben. Bestimmt die Stelle, an der sich die Wagen berührt haben, insgesamt kaum mehr als einen halben Meter breit. Wie recht er doch daran getan hatte, vor dem Bremsen noch auszuweichen. Als er sich nun aufrichtet und zu den Männern umdreht, die vor ihm stehengeblieben sind, ist er ein wenig gefaßter.

Im Gegensatz zu manchen Kollegen - dem cholerischen Chirurgentyp - hat Henry für persönliche Konfrontationen nur wenig übrig. Er gehört nicht zu denen, die gern die Machete schwingen. Doch ist der Klinikalltag nicht zuletzt auch ein aggressiver, stählender Prozeß, der Empfindlichkeiten notgedrungen abschleift. Patienten, Untergebene, Hinterbliebene, die Verwaltung natürlich - in zwei Jahrzehnten tauchen unweigerlich Momente auf, in denen er um seinen Platz kämpfen, sich rechtfertigen oder heftig aufwallende Emotionen abwiegeln mußte. Meist steht eine Menge auf dem Spiel - zwischen Kollegen geht es um Fragen der Hierarchie, des beruflichen Stolzes oder der Verschwendung von Krankenhausmaterial, Patienten gegenüber um den Verlust von Körperfunktionen, Verwandten gegenüber um eine plötzlich verstorbene Gattin, ein Kind - wichtigere Vorfälle als ein Kratzer am Auto. Gerade aber wenn Patienten beteiligt sind, geht von diesen Momenten immer auch etwas Reines und Unschuldiges aus; alles wird auf das Wesentliche der Existenz reduziert - Gedächtnis, Sehkraft, chronische Schmerzen, motorische Funktionen, die Fähigkeit, Gesichter wiederzuerkennen, sogar das Selbstgefühl. Sanft glimmend, ruhen im Hintergrund die Probleme der Medizinwissenschaft, die Wunder, die sie ermöglicht, der Glaube, den sie inspiriert, und andererseits die nur langsam schwindende, noch immer ungeheuer große Unkenntnis über Hirn und Geist sowie deren Wechselbeziehung. Regelmäßig die Schädelwand mit bescheidenem Erfolg zu durchdringen ist ein verhältnismäßig neues Abenteuer. Zwangsläufig gibt es da manchmal Enttäuschungen, und wenn es dann zur Konfrontation mit den Verwandten in seinem Büro kommt, muß niemand überlegen, wie er sich verhalten oder was er sagen soll, niemand fühlt sich beobachtet. Es bricht einfach heraus.


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[2]

Baxter und Nigel, zwei der Männer aus dem BMW, dringen später bewaffnet in Henry Perownes Haus ein. Anwesend sind Henrys Frau Rosalind, sein Schwiegervater John Grammaticus, die erwachsenen Kinder Theo und Daisy. (S. 303 ff.)


Baxter drückt das Messer flach an Rosalinds Hals. Sie sitzt aufrecht auf dem Sofa, die Hände umklammern die Knie, und sie verzieht keine Miene, der Blick ist immer noch starr geradeaus gerichtet. Nur ein Zittern in den Schultern verrät ihre Angst. Im Zimmer ist es still. Grammaticus am anderen Ende des Sofas nimmt nun doch noch die Hände vom Gesicht. Das geronnene Blut auf der Oberlippe verstärkt seinen entsetzten, ungläubigen Gesichtsausdruck. Daisy steht neben der Seitenlehne, auf der Großvaters Kopf liegt. Etwas steigt in ihr auf, und vor lauter Anstrengung, einen Schrei oder einen Schluchzer zu unterdrücken, läuft ihr Gesicht dunkel an. Trotz seiner mahnenden Rufe ist Theo etwas näher gerückt. Seine Arme baumeln nutzlos herab. Wie sein Vater hat er nur Augen für Baxters Hand. Perowne beobachtet sie und redet sich ein, Baxters Schweigen bedeute, daß ihn der Probelauf, das neue Verfahren interessieren, er mit der Versuchung kämpft.

Von draußen ist das Dröhnen eines Polizeihubschraubers zu hören, der vermutlich die sich auflösende Demonstration observiert. Außerdem erklingen plötzlich Schritte auf dem Bürgersteig und ein fröhliches Hallo, als Freunde, sicher die ausländischen Studenten, über den Platz aufeinander zukommen und in die Charlotte Street einbiegen, in der sich die Restaurants und Bars allmählich füllen. Für Londons City beginnt der Samstagabend.

»Egal, jedenfalls habe ich gerade versucht, ein Gespräch mit dieser jungen Dame anzufangen, mit Fräulein Nichts.«

Nigel mit seinem Pferdegesicht steht anzüglich grinsend im Zimmer und sagt mit feuchten Lippen plötzlich ganz aufgeregt: »Weißt du, an was ich denke?«

»Das weiß ich, Nige. Und ich habe gerade dasselbe gedacht.« Dann sagt er zu Daisy: »Ich will, daß du meine Hand anschaust ... «

»Nein«, sagt Daisy rasch. »Mum. Nicht!«

»Schnauze. Ich bin noch nicht fertig. Schau meine Hand an, und hör mir zu. Okay? Stellst du dich an, ist es aus. Hör genau zu. Runter mit den Klamotten. Mach schon. Zieh dich aus.«

»Mein Gott«, sagt Grammaticus leise. »Dad?« ruft Theo quer durch das Zimmer.

Henry schüttelt den Kopf. »Nein, bleib, wo du bist.«

»Hast du gehört?« sagt Baxter.

Er meint nicht Theo, sondern Daisy. Sie starrt ihn ungläubig an, zittert, schüttelt fast unmerklich den Kopf. Ihre Angst erregt ihn, sein ganzer Körper schaudert, wippt vor und zurück.

Daisy stößt flüsternd hervor: »Ich kann nicht. Bitte ... ich kann nicht.«

»Doch, du kannst, Darling.«

Mit der Messerspitze ratscht Baxter einen halbmeterlangen Schlitz ins Ledersofa, direkt über Rosalinds Kopf. Sie starren die Wunde an, den häßlichen Striemen, der der Länge nach anschwillt, als die alte, gelbweiße Füllung wie subkutanes Fett hervorquillt.

»Verdammt, jetzt mach schon«, brummt Nigel.

Baxters Hand mit dem Messer liegt wieder auf Rosalinds Schulter. Daisy sieht zu ihrem Vater hinüber. Was soll sie tun? Er weiß nicht, was er ihr sagen könnte. Sie beugt sich vor, will die Stiefel ausziehen, bekommt aber den Reißverschluß nicht auf, die Finger wollen ihr nicht gehorchen. Mit einem verärgerten Ausruf kniet sie sich auf ein Bein und zerrt, bis der Verschluß nachgibt. Dann setzt sie sich wie ein Kind, das sich auszieht, auf den Boden und streift die Stiefel ab. Immer noch im Sitzen hantiert sie am Häkchen ihres Rocks, steht dann auf und tritt beiseite. Beim Ausziehen verkriecht sie sich entmutigt immer mehr in sich selbst. Rosalind schlottert, als Baxter sich über ihre Schulter vorbeugt und seine zuckende Messerhand ihren Hals berührt. Doch sie wendet den Blick nicht von Daisy ab, anders als Theo, der es nicht erträgt, seine Schwester so zu sehen. Er starrt wie gebannt auf den Boden. Grammaticus hat den Blick ebenfalls ab gewandt. Daisy beeilt sich jetzt, zieht mit ungeduldigem Keuchen die Strumpfhose aus, reißt sie sich fast herunter und wirft sie zu Boden. In panischer Hast entkleidet sie sich, streift den schwarzen Pullover über den Kopf und wirft ihn zu den anderen Sachen. Sie steht kurz da in ihrer frischen weißen Unterwäsche, macht dann aber weiter. Mit einer fließenden Bewegung hakt sie den BH auf, schält mit den Daumen den Slip von den Hüften und läßt ihn fallen. Erst danach sieht sie zu ihrer Mutter hinüber, doch nur kurz. Es ist geschafft. Mit gesenktem Kopf, Hände an den Seiten, steht Daisy da, unfähig, irgend jemandem in die Augen zu blicken.

Perowne hat seine Tochter seit über zwölf Jahren nicht nackt gesehen. Trotz der Veränderungen erinnert er sich an ihren Körper von den Badewannenzeiten, und selbst in seiner Angst - vielleicht auch gerade deswegen - sieht er vor allem das verletzliche Kind. Doch er weiß, daß diese junge Frau sich nur zu genau bewußt ist, was ihre Eltern in diesem Augenblick an der vollen Rundung, der straffen Wölbung ihres Bauchs und den prallen kleinen Brüsten erkennen. Wieso ist er nicht vorher darauf gekommen? So ergibt alles einen Sinn, ihre Stimmungsschwankungen, die Euphorie und warum sie wegen einer Widmung geweint hat. Sie ist bestimmt schon im vierten Monat. Aber es bleibt keine Zeit, darüber nachzudenken. Baxter hat seine Stellung nicht geändert. Rosalinds Knie beben heftig. Das Messer hindert sie daran, zu ihrem Mann hinzusehen, aber er meint zu spüren, daß ihre Augen nach ihm suchen.

Daisy steht vor ihnen, und Nigel sagt: »Scheiße, die hat schon einen Braten in der Röhre. Die kannst du für dich behalten, Kumpel.«

»Schnauze«, sagt Baxter.

Ohne daß es jemand sieht, macht Perowne einen halben Schritt auf ihn zu.

»Sieh an, was ist denn das da!« sagt Baxter plötzlich. Mit der freien Hand zeigt er über den Tisch auf Daisys Buch. Vielleicht will er nur seine Verwirrung überspielen, sein Unbehagen angesichts einer Schwangeren, oder er sucht nach einer Möglichkeit, die Demütigung noch zu steigern. Diese jungen Männer sind unreif, haben offenbar noch nicht viel sexuelle Erfahrung. Daisys Zustand macht sie verlegen. Er widert sie vielleicht sogar an. Das läßt hoffen. Baxter hat die Situation zugespitzt, aber jetzt weiß er nicht weiter. Da entdeckt er das Vorabexemplar auf dem gegenüberliegenden Sofa und nutzt die Gelegenheit.

»Gib das mal her, Nige.«

Als Nigel ihm das Buch bringt, rückt Henry näher heran. Theo macht es ihm nach. »Mein dreister Kahn. Von der dreisten Daisy Perowne.« Baxter blättert mit der linken Hand im Buch. »Du hast mir gar nicht gesagt, daß du Gedichte schreibst. Sind die alle von dir?«

»Ja.«

»Bist wohl mächtig schlau, wie?«

Er hält ihr das Buch hin. »Lies eins vor. Das schönste. Mach schon. Gib ein Gedicht zum besten.«

Sie nimmt das Buch und sieht ihn dabei flehentlich an. »Ich mach, was Sie wollen. Alles. Aber bitte, nehmen Sie das Messer von ihrem Hals weg.«

»Hast du das gehört?« Nigel kichert. »Alles, hat sie gesagt. Mach schon, dreiste Daisy.«

»Nee, tut mir leid«, sagt Baxter zu ihr, als bedaure er es ebenso wie alle anderen. »Da könnte sich ja jemand von hinten anschleichen.« Und er wirft einen Blick über die Schulter auf Perowne und zwinkert ihm zu.

Das Buch zittert in ihrer Hand, als sie es wahllos aufschlägt.

Sie holt tief Luft und will anfangen, als Nigel sagt: »Lies uns dein schmutzigstes Gedicht vor, was richtig Dreckiges.«

Diese Worte bringen sie um ihre Entschlossenheit. Sie schließt das Buch. »Es geht nicht«, jammert sie. »Ich kann es einfach nicht.«

»Du kannst«, sagt Baxter. »Oder du siehst dir an, was meine Hand anstellt. Ist dir das lieber?«

Grammaticus sagt leise zu ihr: »Hör mal, Daisy. Sag das auf, was du mir immer aufgesagt hast.«

»Halt deine verdammte Schnauze, Opa!« ruft Nigel.

Bei Grammaticus' Worten schaut sie ihn verständnislos an, doch dann scheint sie zu begreifen. Sie öffnet erneut das Buch, schlägt die Seiten um, sucht eine Stelle und beginnt mit einem Blick auf ihren Großvater zu lesen. Die Stimme klingt heiser und dünn, die Hand zittert so sehr, daß sie das Buch kaum halten kann, weshalb sie die andere Hand zu Hilfe nimmt.

»Nee«, sagt Baxter. »Noch mal von vorn. Ich hab kein Wort verstanden, überhaupt nichts.«

Also beginnt sie von vorn, ist aber kaum besser zu verstehen. Henry kennt ihre Gedichte, auch wenn er einige nur einmal gelesen hat; an dies hier kann er sich nur äußerst vage erinnern. Die Verse verblüffen ihn - offenbar hat er sie nicht aufmerksam genug gelesen. Sie sind überraschend nachdenklich, anmutig und gewollt archaisch. Daisy hat sich in ein anderes Jahrhundert zurückversetzt. In seiner Angst hört er nur die Hälfte und bekommt vieles nicht richtig mit, doch als ihre Stimme kräftiger wird und einen ruhigen Rhythmus findet, spürt er, wie er an den Worten entlang zu den Dingen hinübergleitet, die sie beschreiben. Er sieht Daisy in einer Sommernacht auf einer Terrasse stehen und auf einen Strand im Mondlicht blicken; das Meer ist ruhig, die Flut steigt, ein Duft erfüllt die Luft, am Himmel ein letzter Schimmer vom Sonnenuntergang. Sie spricht zu ihrem Geliebten, bestimmt der Mann, der eines Tages der Vater ihres Kindes sein wird; er soll kommen und schauen oder vielmehr mit ihr lauschen. Perowne sieht an Daisys Seite einen glatthäutigen jungen Mann, nackt bis zur Hüfte. Gemeinsam hören sie die Brandung über die Kiesel rauschen und hören darin eine uralte Klage aus fernen Tagen. Daisy glaubt, es habe eine noch ältere Zeit gegeben, als die Erde neu war und das Meer Trost spendete und Mensch und Gott nichts entzweite. Doch an diesem Abend hören die Liebenden nur Trauer und Verlust im Klang der Wellen, die ans Ufer schlagen und wieder zurückweichen. Sie dreht sich zu ihm um, und ehe sie sich küssen, sagt sie, daß sie sich lieben und einander treu sein müssen, nun ganz besonders, da sie ein Kind bekommen und da es keinen Frieden und keine Gewißheit gibt, denn die Wüstenarmeen sind zum Kampf bereit.

Sie schaut auf. Ohne das Muskelzittern in ihren Knien kontrollieren zu können, sieht Rosalind immer noch ihre Tochter an. Alle anderen starren auf Baxter und warten. Er steht vornübergebeugt, das Gewicht auf der Rückenlehne des Sofas. Obwohl er die Rechte nicht von Rosalinds Hals genommen hat, liegt das Messer lockerer in der Hand, und seine Haltung, die seltsam nachgiebige Krümmung seines Rückgrats, deutet womöglich auf ein Nachlassen seiner Entschlossenheit hin. Könnte es sein, wäre es im Bereich des Möglichen, daß ein simples Gedicht von Daisy einen Stimmungsumschwung auslöst?

Schließlich hebt er den Kopf, richtet sich leicht auf und sagt plötzlich, fast ein wenig ausgelassen: »Lies es noch einmal.«

Sie blättert zurück, und mit größerem Selbstvertrauen beginnt sie erneut, probiert es mit dem verführerischen, nuancenreichen Ton einer Geschichtenerzählerin, die ein Kind verzaubern will.

Die See ist still heut nacht,
Die Flut steht hoch, der Mond fällt schön
Auf den Kanal - an Frankreichs Küste wacht
Ein schwaches Licht nur
Beim ersten Mal hatte Henry die Erwähnung von Englands Klippen überhört, die »groß und matt schimmernd in die Bucht« hineinragen. Jetzt sieht er keine Terrasse, sondern ein offenes Fenster vor sich, es gibt auch keinen jungen Mann mehr, den Vater des Kindes. Statt dessen sieht er Baxter allein dort stehen, wie er, auf die Fensterbank gestützt, den Wellen lauscht:
wie zitternder Gesang,
In dem ein steter Ton von Trauer schwingt.



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