Aus der Schreibwerkstatt (Juni 2014)

Ausschnitt aus einem Text mit dem Arbeitstitel "Novembersommer" (1. Kapitel)









(Stand: 1.6.14.)



Das geht überhaupt nicht! Wenn Menschen einen Ort besiedeln, müssen sie sich mit seinen Elementen, wie sie von alters her die Welt formen, auseinandersetzen: Erde, Wasser, Luft und Feuer … Josef, das kannst du nicht bringen. So kannst du dein Buch nicht anfangen … im Einverständnis mit den elementaren Kräften, die immer schon lange vor den Menschen einen Ort beleben und so weiter, mein Gott, ist das ein Geschwafel, das liest doch kein Mensch.

So deutlich habe ich es ihm aber nicht gesagt, ich habe mich nur gefragt: warum schreibt er so ganz anders als er redet! «Du musst dir bei den ersten Sätzen ganz große Mühe geben», habe ich gesagt, «die ersten Sätze entscheiden, ob einer dein Buch liest.» Ich war vorsichtig. Josef war mein Freund, das darf ich sagen, auch wenn er fast fünfundzwanzig Jahre älter war, und in gewisser Weise war er ja auch ein Vorbild für mich. Ich habe viel von ihm gelernt, nur gerade was die Dinge ums Bücherschreiben angeht, war er es, der etwas von mir lernen wollte. Ich hatte ganz klar ein Problem damit, ihn zu kritisieren, damals bei Jack in der Taberna von Aubrac.

Es soll ja Schriftsteller geben, die sich eine Sammlung packender erster Sätze anlegen, um dann bei Bedarf einen auszuwählen. Vielleicht keine schlechte Idee, aber ich habe mich nie zu so einem Hilfsmittel entschließen können, obwohl ich, zugegeben, oft Schwierigkeiten mit den Anfängen habe. Auch bei dieser fatalen Geschichte über A und B, die ich im Jahr darauf für ihn schreiben sollte, war das nicht anders, ich hatte keine Ahnung, wie ich anfangen sollte. Überhaupt war das alles für mich eine Nummer zu groß.

Oder nein, das stimmt so nicht. Als zu groß oder zu schwer zu erfüllen habe ich seine Bitte gar nicht empfunden. Zu mühsam war mir das Ganze eher, viel zu umständlich, um mich ganz darauf einzulassen. Es war einfach nicht mein Ding. Und dann war ja auch Christina da. Als mir dann schließlich doch noch ein guter erster Satz eingefallen ist, war es längst zu spät.

Das ist jetzt alles sehr lange her. Viel Leben ist vergangen, und nichts davon hatte mit den alten Zeiten zu tun. Ich hatte Josef und Hella und Aubrac und alles, was damit zusammenhängt, völlig vergessen. Vielleicht hin und wieder mal ein Erinnerungssplitter, ohne Gewicht und ohne Wert, aber sonst war alles versenkt in der Tiefsee der Vergangenheit. Wahrscheinlich hätte ich Josefs Papiere nie wieder angefasst.

Wenn ich von Aubrac spreche, meine ich übrigens nicht die Gegend weiter im Norden in der Lozère, wo es jetzt eine eigene Autobahnausfahrt mit diesem Namen gibt, nein, mein Aubrac ist ein winziges Nest im Haut Languedoc, versteckt im hintersten Winkel eines wilden kleinen Bergzugs, den die Geologen zur Montagne noire zählen, die Geographen eher zu den Cevennen, aber das ist ja egal. Der kleine Ort besteht aus einem Dutzend steinerner Häuser, eins am anderen, gerade auf der Grenze zwischen dem mediterranen Süden Frankreichs und den Causses, der rauen Hochebene am Rand des Zentralmassivs, wo man glauben könnte, man hätte sich irgendwo in Schwedens unendlichen einförmigen, dunklen und menschenleeren Wäldern verirrt. Ein grimmig kalter Wind geht da oben, auch im Sommer. Der Wind aber, der durch Aubrac weht, nur ein Stückchen weiter dem Meer zu, ist (solange nicht gerade ein Mistralabkömmling durchs Dorf fegt) doch eher le souffle Sud – ein hübscher Name, nicht wahr: Hauch des Südens. Den habe ich mir von den Fahnen der nächsten Kleinstadt abgeschaut, die ihn sich da gern zu ihrem Schmuck draufschreibt.

Heute ist der zweite Januar, wir schreiben das Jahr 2015, aber schreiben werde ich heute nicht. Nur erzählen, höchstens. Ich bin zeitig aufgewacht und ich gehe gleich nach draußen. Anders als gestern, an Neujahr, da haben wir alle lange geschlafen und uns dann zu einem späten Frühstück im Château getroffen. Heute sind bei Lili die Vorhänge zu, auch von Sibylle und Bernhard ist nichts zu sehen, die Sonne wartet noch mit ihrem Aufgang hinter Le Serre (das ist der Berg, der meinem Fenster gegenüber steht, oder eigentlich ist es kein Berg, mehr ein Hang, und wenn ich hinaufschaue zu der Stelle, an der die Sonne später sichtbar werden wird, sieht es so aus, als ob da oben ein Grat verliefe, ein paar Bäume und Büsche zeichnen sich vor dem Himmel ab, Stechpalmen, Wacholder, so genau kann ich das zwar von hier aus nicht unterscheiden, aber inzwischen habe ich viel gelernt). Es wird ein klarer Tag werden, vielleicht sogar warm, hier ist alles möglich. Ausnahmsweise frühstücke ich nur kurz, dann nehme ich mir den kleinen Rucksack vom Haken neben der Tür, packe ein paar Äpfel, zwei belegte Brote, eine große Flasche Wasser, den Fotoapparat, den wollenen Pullover und den Anorak hinein. Und die Wanderkarte noch, die werde ich brauchen.

Dass es so gekommen ist, dass ich jetzt hier bin, verdanke ich zu einem Teil auch Jonathan, meinem Neffen, der hat mir diesen Schatz gehoben. Im Sommer war er ein paar Tage bei mir zu Besuch (in München, nicht hier in Aubrac), und hat mir bei der Gelegenheit meine Erinnerungen zum Geschenk gemacht. Geschenke soll man auch annehmen, und da schwanke ich noch, das hat aber nichts mit Jonathan zu tun.

Josefs Papiere also lagen gut verschnürt in einer Pappschachtel ganz unten in der alten Truhe, dem eichenen Ungeheuer mit den geschnitzten Ornamenten und groben eisernen Beschlägen, meinem einzigen Familienerbstück. Die Kiste steht in einem Winkel meiner Schlafecke, einer Verlängerung des Arbeitsbereichs im obersten Teil meiner kleinen verschrobenen Münchner Dachwohnung, und ich kann das gute Stück vom Schreibtisch und vom Bett aus sehen, also beinahe immer. Aber wie das so ist mit den Dingen, die man ständig vor Augen hat, es gibt sie nach einer Weile nicht mehr, und wenn mich noch vor ein paar Monaten jemand gefragt hätte, was ich denn in der Truhe habe, hätte ich wahrscheinlich zuerst gefragt: in welcher Truhe, und dann lange nachdenken müssen, was drin sein könnte, Papier halt, irgendwelche alten Geschichten. Als ich nach der Scheidung eingezogen bin, habe ich den Kasten unter die Dachschräge gestellt, es gab nicht viel Auswahl, die Wohnung ist klein, und dort war dieses Möbel gut aufgeräumt. Es hat sich in die Schräge gebettet und ist dann verschwunden.

In der Truhe habe ich immer schon alles Papier abgelagert, das ich wahrscheinlich lange Zeit nicht mehr anfassen würde. Ja, man sollte so Zeug wegschmeißen, ich weiß, aber dann ist mir doch immer der Eichhörnchentrieb des Schriftstellers dazwischengekommen: vielleicht taugt ja das eine oder andere noch mal zur Inspiration, und so hat sich allerhand angesammelt, Ordner und Mappen und Schachteln, dazu der ganze Ehemüll, den mir Christina hinterlassen hat: Fotos, Erinnerungsstücke, Briefe – Sachen, bei denen ich mich immer vor der Entscheidung drücke, ob ich sie fortwerfen soll. Nein, die Briefe werfe ich natürlich nicht fort. Mit dem Papierkram ist es besser geworden, seit ich mit einem Computer schreibe, da kann ich endlos Zeug aufbewahren (wenigstens solange die Kiste nicht tödlich abstürzt), aber wenn ich mich von Geschriebenem endgültig trennen soll, ist das immer noch schwer für mich, da muss ich erst sicher sein, dass es nie mehr eine Bedeutung für mich haben wird. Bei Josefs Papieren habe ich so eine Sicherheit nie erreicht.

Jonathan also. Ich hatte noch überlegt, was einen Siebenjährigen interessieren könnte, malen vielleicht oder vorlesen, da hat er die Truhe gesehen, an die er sich nicht mehr erinnert hat, zuletzt war er vor vier Jahren hier gewesen – boa, eine Schatztruhe!, und da war schon klar, was wir die nächste Stunde tun würden. Der Deckel ist schwer, und das alte geschmiedete Schloss, das eine gewisse Ähnlichkeit mit den Türschlössern in Aubrac hat, klemmt, aber zu einer Schatztruhe gehören so Hindernisse. Wir haben uns vor die Truhe auf den Boden gesetzt und die Bündel und Heftordner, die da zum Vorschein gekommen sind, erforscht, einen Stapel bunter Ansichtskarten von überallher zum Beispiel, die Jonathan gleich begeistert durchwühlt hat – warst du da überall, Onkel Mack?, und zu jeder Karte wollte er die Geschichte hören, und dann sind wir um die Welt gereist und als wir wieder zurück waren, war nur noch die große zugebundene Pappschachtel übrig, ganz unten – sind da noch mehr Postkarten drin?, und sekundenlang, mit so einem Widerwillen, wollte ich die Schachtel zu lassen, wollte gar nicht wissen, was drin war – nein, Jonathan, keine Karten, nur irgendwelches Papier, nichts Besonderes. Alte Geschichten. Und da ist mir Josef eingefallen, und wie ich seinerzeit in seine Angelegenheiten geraten bin. Oder er in meine, das kann man sehen, wie man will, man pfuscht sich ja immer gegenseitig in die Lebensläufe hinein. Allerdings sind die Spuren, die eine Begegnung hinterlässt, selten auf beiden Seiten gleichmäßig tief, und welche Spuren ich einst in Josefs Leben gegraben haben könnte, davon habe ich immer noch keine rechte Vorstellung.

*


Zuletzt hatte ich an Josef gedacht, als im Radio von einem Armutsbericht der Bundesregierung die Rede war. Ich war überrascht, dass das satte Deutschland einen solchen nötig hat, aber gut, immerhin ein Bericht, wenn man es schon so weit kommen lässt. Ich habe nur mit halbem Ohr hingehört: arm, hieß es da, seien soundso viele Menschen im Land und ganz besonders betroffen seien kinderreiche Familien, Alleinerziehende und ein Wanderer. Nicht einmal eine halbe Sekunde mochte vergangen sein, bis ich meinen Hörfehler bemerkt und im Geiste korrigiert hatte, aber in diesem kurzen Augenblick ist Josefs Bild vor mir aufgetaucht, wie er – arm, der er nach materiellen Maßstäben freilich war – mit aufgepackter Kraxe, in der Linken einen langen Stock, durch Aubracs Kastanienwälder stapft. Eine einsame, gebückte, beladene Gestalt, die im herbstlichen Wald dahinwandert und allmählich zwischen den Stämmen verschwindet. Wie einer, der eine Schuld abzutragen hat. Aber wie kann einer eine Schuld abtragen, die in der Zukunft liegt? Und will man überhaupt so etwas wie Schuld gelten lassen?

Von Schuld wird noch die Rede sein. Leider habe ich von Hella kein vergleichbares Bild – von diesem faszinierenden Foto an der Wand im Château abgesehen, auch davon muss ich noch erzählen. Ich hätte gern auch an sie eine so schöne, lebendige Erinnerung wie an Josef, und das Bild des Wanderers hätte doch ausgezeichnet zu ihr gepasst. Ich stellte sie mir bei Josefs Erzählungen immer wie eine Diana vor, die durch die Natur streicht, immer allein, und erst, seit ich mit Lili darüber gesprochen habe, weiß ich, wie sehr ich damit ins Schwarze getroffen hatte. Von Josefs anderen Frauen, Gretl, Bettina, Anne, und ich weiß nicht, wer sonst noch in seinem Leben eine Rolle gespielt hat, habe ich noch viel weniger eine Ahnung. Vielleicht gab es ja noch jede Menge Göttinnen. Hella war insofern ein Sonderfall, als ich immerhin ihre Auswirkung auf ihn mitgekriegt habe, auch wenn sie nie zur selben Zeit wie ich in Aubrac war. Wie nahe ich ihr gekommen bin, das hat schon etwas Surreales, denn alles, was ich über sie weiß, habe ich ja von Josef. Und von Lili natürlich. Auch alles, was Josefs andere Frauen angeht, alle sind sie durch ihn gefiltert, auch meine Gefühle ihnen gegenüber sind es (soweit man Unbekannten gegenüber überhaupt Gefühle hegen kann), und das hat unvermeidlich Konsequenzen für das, was ich erzähle, weil sich weite Strecken meiner Schilderungen nur auf Vermutungen und Assoziationen stützen. Das könnte insofern etwas heikel sein, als ich zwangsläufig auch auf Intimes eingehen muss, das gehört ganz unbedingt zum Verstehen eines Menschen. In erster Linie sogar, ganz im Innern ist der Mensch am ehesten verstehbar, die Ähnlichkeit der Menschen wächst mit der Intimität ihrer Mitteilungen.1 Es ist nicht so, dass ich das früher nicht geahnt hätte (ich komme noch drauf zurück).

Nach Lilis Ansicht hat Hella mit Josef die Liebe ausprobiert, so hat sie es gesagt, ja, ich glaube, auch Josef hat da etwas ausprobiert, ich hatte jedenfalls immer den Eindruck, dass er zu dem, was er da mit Hella durchmacht, Mut gebraucht hat. Was Hella angeht, hat sie möglicherweise noch viel größeren Mut gehabt, aber darüber habe ich von Josef wenig gehört, oder nicht deutlich, und deshalb weiß ich da auch nichts drüber, auch hier ist Lili meine hauptsächliche Quelle. Er hatte sich schon von Hella getrennt – oder sie sich von ihm, ich kenne unterschiedliche Versionen, und dass das einmal eine Rolle spielen würde, hätte ich nie gedacht –, jedenfalls, Josef kam eines Tages mit einem aufgeschlagenen Buch in der Hand zu mir auf die kleine Terrasse mit dem Nussbäumchen: Hör mal, sagte er, da hat einer was über Hella und mich geschrieben, und dann hat er angefangen, mir aus dem Buch vorzulesen: Plötzlich, als ich die kunterbunten Farben von Hellas Haaren im rotgelben Laublicht aufleuchten sah, liebte ich sie genug, um mich und meine selbstmitleidige Verzweiflung zu vergessen, um zufrieden zu sein, dass ihr etwas bevorstand, was sie für ihr Glück hielt.2 Ich nahm ihm das Buch aus der Hand, es war Capotes «Frühstück bei Tiffany», und da stand nichts von Hellas, sondern von Hollys Haaren. Ah! Hatte sie kunterbunte Haare?, habe ich ihn gefragt. Knallbunt! war seine Antwort und er hat gelacht und geblinzelt, ach was, hat er gesagt, kastanienrotbraun, irgendwie so, aber ich seh sie ganz genauso vor mir in diesem Laublicht, hell und gelb und rot, hier mitten in Aubrac, so gegen die Sonne, schau!

Gut. Dann leihe ich mir eben Josefs Erinnerung, wenn ich schon keine eigene an Hella habe – auch wenn ich natürlich weiß, dass sie eine solche nie ersetzen kann. Fiktionen und Fälschungen werden sich unvermeidlich in Hellas Bild und das aller anderen stehlen. Aber das Bild, wie ich es von Josef zeichne, wird ja auch nicht frei davon sein, Erinnerungen sind hinterhältig, das Gedächtnis ist ein konstruktiver Prozess3, (und auch für Lilis Gedächtnis trifft das natürlich zu, auch wenn innerhalb einer Familie viel mehr und bessere Möglichkeiten des Erinnerns bestehen – vielleicht aber auch verführerischere Wege des Verschleierns und Konstruierens): Was wir, oder zumindest ich, überzeugt als Erinnerung ausgeben – womit wir einen Augenblick, eine Begebenheit, einen Sachverhalt meinen, die einem Fixierbad ausgesetzt und so vor dem Vergessen bewahrt wurden –, ist in Wirklichkeit eine Form des Geschichtenerzählens, die sich unaufhörlich in unserem Geist vollzieht und sich oft noch während des Erzählens verändert. Zu viele widerstreitende Gefühlsinteressen stehen auf dem Spiel, als dass das Leben jemals ganz und gar annehmbar sein könnte, und möglicherweise ist es das Werk des Geschichtenerzählers, die Dinge so umzuordnen, dass sie sich diesem Zweck fügen. Wie dem auch sei, wenn wir über die Vergangenheit reden, lügen wir mit jedem Atemzug4. Diese Sätze stammen aus dem Roman «Also dann bis morgen» von William Maxwell. Warum bedienen wir uns denn unserer Fähigkeit zur Manipulation des eigenen Lebens immer nur in Bezug auf die Vergangenheit! Die Gegenwart müssten wir handhaben, formen, sie ist das einzig wirkliche Rohmaterial für den Geschichtenerzähler. Das Nichtwahrhabenwollen dieser Möglichkeit – und ich meine, das war es, was Josef Hella vorhielt – ist doch die viel anstößigere Unredlichkeit. Aber mir liegt es fern, jemandem Vorwürfe zu machen, das steht mir auch nicht zu.

Seit ich angefangen habe, mich wieder mit den alten Geschichten zu beschäftigen und alles aufzuschreiben – auch wenn mir da bisher kaum etwas Vernünftiges gelungen ist –, fliegen mir von überallher die Gründe zu, warum ich es tue, und seither weiß ich auch, weshalb so viele Bücher voller zitierter Sprüche und Mottos sind: sie sind unvermeidlich. Ich kann gar nicht anders als Zitate überallhin zu verstreuen, wahrscheinlich könnte ich ein ganzes Buch, das nur von Eigenem und nie zuvor Beschriebenem handelte, Satz für Satz aus Zitaten zusammensetzen und müsste trotzdem auf meine eigene Originalität nicht verzichten. Irgendwie sind wir alle Plagiatoren. Zu den Erfahrungen, die man beim Schreiben macht, gehört die merkwürdige, dass einem wie gerufen Dinge zuschießen, Nachrichten, Gespräche, Bücherstellen und Briefe, die man nur einfügen muss; oft merkt man im ersten Augenblick nicht, wozu sie gehören, sobald man sie aber einsetzt, sieht man, wie sie die ganze Umgebung erhellen.5 Da haben wir’s.

Je tiefer ich mich wieder in Josef-Hella-Aubrac hineindachte, desto mehr wurde es fast egal, welches Buch ich in die Hand nahm, Romane, Sachbücher, es spielte keine Rolle, immer kamen mir meine eigenen Gedanken in klarerer Form entgegen. Auch Josef musste das so erfahren haben, in seinen Notizen ist ebenfalls alles voller Zitate und Hinweise, und ich hätte mir einen seiner Autoren zum Leitstern (und beharrlichen Mottolieferanten) wählen können, Erich Fromm vielleicht, Rilke (ja, Rilke wäre exzellent hier), Steiner, Nietzsche, die kennt man alle, mit denen kann jeder etwas anfangen, mehr oder weniger, und Josef hat sie alle vorgeführt in seinem Sammelsurium. Oder vielleicht auch Robert Pirsig, Annie Dillard, oder ich hätte mir einen alten Griechen herbeizitieren können, irgendeinen klugen Dichter, den Müller der «Winterreise» vielleicht oder meine Großmutter mit ihren unerschöpflichen Hausweisheiten, warum denn nicht. Sie hätten alle eine üppige Ernte versprochen: überall geht es ja geistreich zu, und jeder von ihnen wäre dazu geschaffen, neben allem Möglichen auch das Universale meiner Erinnerungen an Josef, nachdem sie nun schon aus ihrem langen Schlaf erwacht waren, zu belegen. Einfach hineingreifen in den Reichtum. Aber ich kann mich nicht entscheiden, und darum müssen sie hier alle mit- und durcheinander auftreten.

*
Die erfreulichen Erinnerungen an Aubrac sind in den vergangenen zwanzig Jahren eher die Ausnahme gewesen, meist hat das Unangenehme überwogen, das Peinliche, wie oft ein schlimmes Ende alles, was davor gewesen ist, beschmutzt, und auch das ist natürlich nur eine Funktion des Geschichtenerzählers, ob berechtigt oder nicht, wer will das entscheiden. Sowieso erinnert sich das Fühlen präziser als das Denken. Und schneller. Daher mein Unbehagen beim Anblick der staubigen Schachtel, aber Jonathan hatte die Schnur schon aufgenestelt, den Deckel hochgehoben und die Heftordner und Notizbücher herausgezogen.

«Was ist das?»

«Alte Geschichten, hab ich doch gesagt. Papier. Nichts Besonderes.»

Als mein Neffe längst schlief, lag der Inhalt der Truhe immer noch ausgebreitet auf dem Boden, und ich konnte mich nicht zum Aussortieren aufraffen, räumte alles wieder zurück in die Truhe, mit Ausnahme der Postkarten, die ich für Jonathan auf die Seite legte. Blieb noch die Pappschachtel. Ratlos saß ich einige Zeit davor, unentschlossen, ob ich die Notizbücher und Mappen durchschauen sollte. Ich fing an, lustlos darin zu blättern, Jonathan hatte sich von meinem alte Geschichten bestechen lassen und war zum nächsten Fundstück übergegangen, meinem Wehrpass mit einem Foto von mir als Achtzehnjährigem, das war dann lustiger gewesen. Ich packte die Papiere wieder in die Schachtel, legte sie zu den anderen Sachen in die Truhe (das Zubinden ersparte ich mir), schloss den mächtigen Deckel und drehte mit einiger Mühe den riesenhaften angerosteten Schlüssel herum.

Zwei Tage später holte meine Schwester ihren Sohn wieder ab. Ich machte, nachdem ich den beiden lange nachgewinkt hatte, noch einen Spaziergang zum Elisabethmarkt, kaufte mir eine Zeitung und setzte mich damit auf eine Bank. Da las ich Josefs Todesanzeige. Zufall, wenn man so will, eigentlich lese ich keine Tageszeitungen mehr, das Fortschreiten der Jahre erlaubt mir immer weniger so zeitverschlingende Tätigkeiten, gar wenn sie nicht mit dem Schreiben zusammenhängen, und Todesanzeigen lese ich schon gar nicht. Der Grund, warum ich mir an diesem Tag doch die Zeitung geholt und die Anzeigen durchgesehen hatte, war, dass ich für eine Kurzgeschichte ein Trauermotto brauchte, die Zeitungslektüre also doch Teil meiner Arbeit war. Marc Aurels Nicht den Tod sollte man fürchten, sondern dass man nie beginnt zu leben, war dann der Fund, mit dem ich ganz zufrieden war.

Da sah ich seinen Namen. Josef Medard d'Alessio, den Namen gibt's nur einmal, sein Urgroßvater war Mitte des neunzehnten Jahrhunderts von Apulien nach Bayern ausgewandert. Von irgendwem hatte ich wohl gehört, Josef sei wieder in München und arbeite als Bildhauer, das lag aber schon einige Jahre zurück, jetzt, als ich die Anzeige sah, fiel es mir ein. Genau genommen waren es vier Todesanzeigen für Josef: Familie, Akademie, ein Künstlerverband und die Stadt. Tatsächlich, die Stadt München hatte Josef eine viertelseitige Todesanzeige gewidmet, allerhand, da war wohl etwas aus ihm geworden: Träger der Medaille ‘München leuchtet – den Freundinnen und Freunden Münchens’. Das musste ich erst einen Moment lang verdauen. (Die Freundinnen sind neu, dachte ich noch, früher haben die Freunde gereicht, aber gerade die überflüssigsten Trends sind oft die zähesten – wie einem doch völlig Nebensächliches durchs Hirn schießt in einem Augenblick, da man bewegende Nachrichten erhält!) Ein Kontakt zwischen Josef und mir hatte sich nie mehr ergeben, und das lag ganz gewiss nicht an ihm, er konnte nicht wissen, dass auch ich wieder in München lebte, ich war ja damals mit Christina nach Schweden gegangen, aber ich glaube, schon das hat er nicht mehr mitgekriegt. Und ich hatte mich meinerseits, als ich nach der Trennung wieder zurückkam, um nichts außerhalb meiner vier Wände gekümmert. Dass Josef seine Häuser in Aubrac verkauft hatte, wusste ich aus dem Brief, den er dem Paket mit den Papieren beigelegt hatte. Der Brief musste doch noch in dem Karton sein, wenn Jonathan nicht irgendwas damit angestellt hatte. Jetzt begegnete mir Josef innerhalb weniger Tage zum zweiten Mal, nun als Toter. Das beunruhigte mich, irgendwie dachte ich, komme ich jetzt zu spät, aber das gab eigentlich keinen Sinn. Vielleicht, weil ich jetzt langsam in das Alter kam, wo das Wegsterben der Freunde anfängt? Aber Josef war um so vieles älter als ich, da wäre er sowieso lange vor mir dran gewesen. Trotzdem, die eigene Endlichkeit meldet sich mit jedem Toten, den man im Leben gekannt hat.

Ich ging hinauf und öffnete die Truhe noch einmal. Der Karton lag obenauf wie ich ihn hineingelegt hatte, ich nahm die gebündelten Papiere wieder heraus, blätterte jetzt etwas sorgfältiger, und nach einigem Suchen fand ich den Brief.


Aubrac, 14. November 1991

Lieber Mack,
jetzt haben wir uns eine lange Zeit nicht gesehen. Es ist viel passiert und mir geht es nicht gut. Ich schicke Dir die gesammelten Papiere wieder, es sind noch ein paar Ergänzungen dabei. Mich hat der Geist verlassen, aber vielleicht willst Du etwas damit anfangen. Du hast mal von einem Sachbuch gesprochen, mach mit dem Zeug, was Du willst, Du bist der Schriftsteller. Für mich ist das Thema zu Ende.
Ich werde Jean-Pierre die Häuser zurückverkaufen, er hat größtes Interesse und inzwischen hat er auch genug Geld, und dann gehe ich weg von Aubrac. Ich muss mich um ein großes Unglück kümmern. Wenn ich wieder eine feste Adresse habe, melde ich mich.
Nochmals herzlichen Dank für alles, was Du für mich getan hast,
Dir alles Gute, schreib mir nicht.
Bis irgendwann,
Dein Freund Josef

Das bis irgendwann würde er nun auf dem Friedhof einlösen müssen, seiner letzten festen Adresse. Und: Mir geht es nicht gut – ja, das musste wohl so sein, wenn er sich dafür entschieden hatte, Aubrac zu verlassen.

Er hatte recht, wir hatten uns über ein Jahr nicht mehr gesehen – wie die Zeit vergeht, hatte ich noch gedacht, wie im Taumel, Deutschland feierte gerade seine neue Ganzheit, und ich war wegen unseres Buchprojekts ein letztes Mal nach Aubrac gefahren, mehr weil ich es Josef versprochen hatte als aus wirklichem Interesse. Die haben sich ja mächtig beeilt mit ihrem Kaufvertrag6 war sein Kommentar gewesen, als man jäh die Einheit zwischen West und Ost unterschrieben hatte. Wohl hatten wir noch darüber gesprochen, ob ich vielleicht im nächsten Frühjahr wieder kommen würde, aber mein Leben war ganz anders geworden. Und das seine offenbar auch. Dass er Aubrac verlassen und seine Häuser an Jean-Pierre zurückgeben wollte, fand ich schade, Aubrac ohne Josef war nicht mehr dasselbe, aber es berührte mich nicht mehr so, wie das vielleicht ein Jahr zuvor noch der Fall gewesen wäre. Sicher hieß es, dass dort irgendetwas vorgefallen sein musste, er sprach ja von einem großen Unglück. Gut möglich, dass es einen fundamentalen Streit zwischen ihm und Jean-Pierre gegeben hatte, diesen beiden Dickschädeln, aber in mir war nicht genug Raum zum Nachdenken. Wenn ein anderer von einem Unglück redet, muss man ja nicht unbedingt so genau hinhören, und ich wollte nichts als mich um mein großes Glück kümmern. Thema zu Ende – für ihn wie für mich, es hatte sich verlaufen. Schreib mir nicht – das war mir nur recht. Schon als ich den Brief erhalten hatte, war mir Aubrac fern, ein knappes Jahr zuvor war ich Christina begegnet, und mit ihr zusammen war alles anders geworden. Neue Ufer. Nichts sonst war wirklich wichtig, und Aubrac war wieder in die hinreißende und unerreichbare Fremdheit zurückgeglitten, die es für mich nie ganz verloren hatte. Ein Ort für Märchen und Träume.




1 MOSER, Hans Albrecht: Efeu ohne Baum (Aphorismen), Bochum 2009, S. 101

2 CAPOTE, Truman: Frühstück bei Tiffany, München 2007 (SZ-Bibliothek Nr. 51), S. 86. Im Original steht: von Hollys Haaren

3 FRIED, Johannes: Der Schleier der Erinnerung, München 2012, S. 135 ff. (Kapitel «Gedächtnis als konstruktiver Prozeß»)

4 MAXWELL, William: Also dann bis morgen, Frankfurt am Main 2001, S. 36

5 KÄSTNER, Erhart: Ölberge, Weinberge, Frankfurt am Main 1974, S. 202

6 Den Einigungsvertrag zwischen der (alten) Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik hat Dieter HILDEBRANDT 1991 mit dem Titel Kaufvertrag belegt.




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