Leseproben aus: Marcelle Sauvageot, Fast ganz die Deine



S. 26 ff., 46 ff., 56 ff., 80



[1] "Du" bzw. "Sie" im Deutschen entsprechen nicht vollständig dem französischen "Tu" bzw. "Vous". Die Autorin, die den Mann, der ihr den Abschiedsbrief geschrieben hatte, im realen Leben mit "Vous" angesprochen hatte, wechselt in ihrem Text zwischen "Vous" und "Tu" (S. 26 ff.)

[2] Zu Beginn ihrer Freundschaft hatte die Autorin ihrem Freund den Kosenamen Bébé gegeben (S. 46 ff.)

[3] Abwägung "Liebe" gegen "Freundschaft" (S. 56 ff.)

[4] Eine Anmerkung des Kritikers Charles Du Bos zu Sauvageots Text. (S. 80)




[1]

"Du" bzw. "Sie" im Deutschen entsprechen nicht vollständig dem französischen "Tu" bzw. "Vous". Die Autorin, die den Mann, der ihr den Abschiedsbrief geschrieben hatte, im realen Leben mit "Vous" angesprochen hatte, wechselt in ihrem Text zwischen "Vous" und "Tu" (S. 26 ff.)


Beklage Dich nicht darüber, daß ich Dich beurteile und messe – so kenne ich Dich besser, und ich liebe Dich deswegen nicht weniger. Nicht ich bin es, die kein Glück empfand, sondern Sie. Sie hätten den Satz in Ihrem Brief umdrehen und schreiben sollen: «Sie wissen doch, daß Sie mir kein Glück schenken konnten, denn selbst in den Momenten der größten Nähe haben Sie immer ein Eckchen von sich zurückbehalten ... das nicht mitschwang ... das mich beurteilte.»

Im übrigen: Waren Sie es denn, den ich beurteilte, oder war ich es selbst? Sie wissen ja, daß ich mir immer beim Leben zusehe, daß ich über mich spotte, daß ich mich schlechtmache, über meine Impulse und Überschwenglichkeiten lache, daß ich mir selber alles Selbstvertrauen nehme. Also hatte ich auch kein Vertrauen in Sie. Ich war mir nicht sicher, trotz all Ihrer Liebe. Sie hatten viele Freundinnen – das warf ich Ihnen nicht vor; ich hätte Sie gern über sie reden hören, um zu erfahren, was Sie zu ihnen hinzog und von mir weg. Doch sie erzählten mir nicht viel. Ich dachte, daß Sie mich nicht liebten, und traute mich nicht, Ihnen Fragen zu stellen, obwohl ich so gern mehr gewußt hätte. Ein Blick, ein Wort, ein Schweigen beunruhigen mich ... aber ich sage: «Sie sind frei», denn ich will nicht, daß man unter Zwang bleibt, und möchte doch, daß man trotzdem bliebe. Nur kann ich es so gut verstehen, daß man mich nicht mehr liebt, daß ich jeden Versuch zu kämpfen und etwas festzuhalten dumm von mir finde. Das wäre so vergebliche Mühe, daß ich mich beim geringsten Anflug von Auflehnung selbst auslache: «Du eifersüchtig? Ach! Nein, das steht dir nicht zu: Sag lieber nichts. Du würdest nichts gewinnen als ein Lächeln, ein paar quälende Beschwichtigungen... Und er würde trotzdem gehen, nicht früher und nicht später ... Also: Sie sind frei.»

Ich versuchte, mir einen kleinen Halt außerhalb von Ihnen zu bewahren, um mich an dem Tag, da Sie mich nicht mehr lieben würden, daran festklammern zu können. Dieser kleine Halt, das war kein anderer, kein Traum, kein Bild. Es war das, was Sie meinen Egoismus und meinen Stolz nannten; was ich im Leid wiederfinden können wollte, war ich selbst. Ich wollte mich auf mich selbst zurückziehen können, alleine mit meinem Schmerz, meinen Zweifeln, meinem fehlenden Glauben. Weil ich mich spüre, habe ich in der Not die Kraft weiterzumachen. Wenn alles sich ändert, wenn alles mir weh tut, bin ich doch selbst noch bei mir. Um mich ganz zu verlieren, hätte ich sicher sein müssen, daß ich mich nicht mehr brauchte.



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[2]

Zu Beginn ihrer Freundschaft hatte die Autorin ihrem Freund den Kosenamen Bébé gegeben (S. 46 ff.)


«Bébé» war ein netter junger Mann, blaß und schwarzgekleidet. Er hatte schönes, blauschimmerndes Haar und eine dicke Brille, hinter der kleine braune Augen eindringlich hervorschauten. Respektlos wollten sie sein; in Wirklichkeit waren sie schüchtern und schienen sich auszuliefern. Bébé wirkte, als gehöre er keiner «Welt» an. Als wäre er außerhalb jeder Gruppe aus dem Boden gewachsen. Er hatte viele Systeme und Theorien; doch im Wechsel der Tage kamen und vergingen die einen wie die anderen schnell – es war, als hätte er gar keine gehabt. Er hatte sich alle Vorurteile bewahrt, schien ihnen jedoch keinerlei Wert beizumessen; er behielt sie nur bei, um diejenigen, die sich noch nach ihnen richteten, wie auch die, die sich von ihnen freigemacht hatten, verstehen zu können.

Er kannte mich nicht und kannte keinen meiner Freunde – er hatte in sich kein Bild von mir, dem ich gerecht werden müßte; und da er keiner «Welt» angehörte, hatte er auch kein Modellbild einer Frau im Kopf, wogegen das meine verstoßen könnte. Ich hatte sofort das Verlangen, ihm von mir zu erzählen. Seit jeher suchte ich jemanden, vor dem ich meinen Film ablaufen lassen könnte. Verspürt nicht jeder Mensch diese Schwäche? Ich sprach mit mir selbst, doch die Nüchternheit dieses Monologs ermüdete mich manchmal; es ist so viel bequemer, einen Vertrauten zu haben, der bedauert, zustimmt, zuhört; man gewinnt an Bedeutung; die Dinge, die man sagt, werden greifbar, bilden eine Romanwelt, in der man eine Rolle spielt. Bis zu welchem Punkt hält man sich an die reine Wahrheit? Dann entleeren sich diese kleinen Romane ihres Schmerzes; dieser erstarrt, wird zu einem der Seele äußerlichen Gebilde. Ab und zu brauchte ich diese Bequemlichkeit. Ich hatte mich zusammengenommen, um meine Integrität zu wahren; doch um mein Mißtrauen zu beschwichtigen, dachte ich nun, wenn ich mein Leben erst erzählt hätte, wäre es von allem Anekdotischen befreit - es würde sich mir in seiner innersten Bewegung offenbaren. Ich brauchte ein Double.

Ich fand Gefallen an dem schwarzgekleideten jungen Mann mit den Augen, die sich auslieferten; ich nannte ihn «Bébé» und sprach jeden Tag mit ihm. Ich erzählte ihm bis ins einzelne von jeder meiner Minuten, und wenn er nicht da war, war er es, mit dem ich fortan leise sprach. Alles bekam erst dann seinen vollen Wert und Geschmack, wenn ich es ihm dargestellt hatte; nicht daß ich mich von ihm hätte leiten lassen, doch er war der Punkt, von dem ich ausging, um zu agieren und zu reagieren. Und ich liebte ihn, als wäre er ich selbst. Ich hätte ihn gern sehr verwöhnt; er war mir kostbar und ich hatte Angst, ihn zu verlieren.

Doch eines Tages spürte ich, daß Bébé nicht mehr war. Er trug nicht mehr seine schwarzen Kleider; er war in ein «Milieu» eingetreten, und den, der sich abseits hielt, verstand er nicht mehr. Hätte man ihn nur ein wenig angestachelt, er hätte «Horrido!» geschrien; und seine nunmehr feststehende Doktrin hieß, im Mittelmaß zu leben, um glücklich zu sein. Er wollte mir nicht mehr folgen. Und über meine Geschichten zuckte er die Schultern. Bébé war tot, und es war Bébé, den ich liebte. Aber der noch da war, glich ihm so sehr, daß die Illusion blieb, und ich gab nicht auf Man trennt sich nicht von jetzt auf gleich von seinem Double, weil es plötzlich verschwunden ist. Man spürt seinem Bild, der Erinnerung an ihn nach; man wünscht, man hätte sich getäuscht; ich dachte, er wäre nicht tot, er käme später wieder, wenn es mir besser ginge. Konnte er denn alles, was ich ihm gesagt hatte, verworfen haben?



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[3]

Abwägung "Liebe" gegen "Freundschaft" (S. 56 ff.)


Liebe, Spiel, treue Zuneigung ... all das habe ich seither nicht aufgehört für Sie zu empfinden. Warum verlangen Sie, es «wiederzufinden»? Sie haben aufgehört, es zu sehen, denn Sie durften es nicht mehr sehen, da Sie sich von mir lösten. Jetzt wo Sie von neuem gebunden sind ... aber anderweitig, können Sie ohne Gefahr für Ihre neue Liebe und ohne Furcht um die Meinung, die Sie von sich selbst haben, von mir verlangen, daß ich Ihnen als die erscheine, die ich war, als Sie mich liebten. Sie gebrauchen nicht mehr das Wort Liebe, sondern sprechen von Freundschaft; doch dieses neue Wort umfaßt dasselbe; es ist tatsächlich Liebe, was Sie verlangen, aber eine Liebe, die sich mit ihrem bloßen Vorhandensein zufriedengibt und nur noch Güte und Entsagung ist.

Nun haben Sie jedoch meinem Herzen so lange die bedingungslose Liebe abverlangt, die Liebe, die gibt und die fordert, die Liebe des Geistes, die Liebe des Körpers ... daß es mir schwierig erscheint, diese Sehnsüchte, diese Wünsche, die ich angenommen, geliebt, gewollt habe, mit einem Schnippen auszulöschen. Sie wollen nichts mehr als die Güte; meinen Sie, es genügt, das übrige zu leugnen, um es aus der Welt zu schaffen?

Um in Ihren Augen als die bewunderungswürdige Frau zu erscheinen, an die man ohne Reue und ohne Bedauern zurückdenkt, müßte ich Ihnen diese Liebe erhalten und von Ihnen nichts als ein paar kleine Dienste erwarten, die Sie mir leisten würden, wenn Sie nichts anderes zu tun hätten. Diese kleinen Dienste, um die ich andere hätte bitten können, um die ich Sie nicht hätte bitten müssen, wenn nicht meine Trägheit mich dazu verleitet hätte, diese kleinen Dienste sind tatsächlich seit langem schon die einzigen Zeichen, durch die Sie mir Ihre Ergebenheit kundtun. Und ich habe sehr gezögert, Sie darum zu bitten, und manchmal bereut, Sie damit behelligt zu haben. Ich merkte Ihre schlechte Laune und Ihre Ablehnung, wenn meine Bitte Ihren gewohnten Tagesablauf in irgendeiner Weise stören mochte; Sie taten dann etwas für mich, wenn es sich zwanglos in die Ordnung Ihres Lebens einfügen ließ. Jetzt wären Sie viel eifriger, um mir Ihre Freundschaft zu beweisen. Ich vergesse nicht Ihr «Wenn die Gelegenheit sich böte ...». Doch das sind für mich nicht die Zeichen der Freundschaft. Diese bestehen in der bloßen Tatsache, daß es jemanden gibt, an den ich mich jederzeit mit meinen Gedanken wenden kann, der meine Freude und meinen Verdruß fühlen wird wie ich selbst. Ich glaube nicht, daß ich damit das Maß überschreite; mir scheint, ich darf egoistisch sein. Von einem Freund muß ich viel verlangen können, ohne je fürchten zu müssen, ihm zu mißfallen. Und eine solche Freundschaft geben Sie mir schon lange nicht mehr.

Also werde ich Ihnen «diesen kleinen Platz in meinem Herzen» nicht bewahren. Etwas kindisch wie alle Verliebten hatte ich Ihnen versprochen, Ihnen für immer ein Körnchen wahrer Liebe zu bewahren, selbst wenn ich anderweitig leidenschaftlich lieben sollte. Ich bin es nicht, die heiratet; in mir wohnt Ihr Bild und nimmt allen Raum ein; wenn ich nicht mehr leiden soll, müssen Sie gehen, damit eines Tages Ihr Name, wenn er vor mir ausgesprochen wird, vorbeizieht wie ein Hauch und nichts mehr berührt. Ich will diese Auslöschung, denn ich brauche Frieden; Sie, Sie haben das Glück; ein bißchen Liebe von mir würde Ihnen nichts mehr geben.



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[4]

Eine Anmerkung des Kritikers Charles Du Bos zu Sauvageots Text. (S. 80)


Was Marcelle Sauvageot hier umreißt, was sie für ihren Teil empfindet – es gibt freilich kaum ein Beispiel, daß das Leben dem so empfindenden Menschen Gegenseitigkeit gewährt –, ist nichts Geringeres als die verstehende Liebe, die Goethe und Charlotte von Stein zehn Jahre lang in ihrer höchsten Form erlebten und genossen, so wie sie jene in der Weltdichtung einzigartigen Verse wiedergeben: Warum gabst du uns die tiefen Blicke, jene Liebe, über die ich in einer meiner unveröffentlichten Bemerkungen zu Goethe schrieb: «Sich lieben, nicht mehr ohne sich zu verstehen, sondern im Gegenteil, indem man sich versteht – und man müßte sogar hinzusetzen, sich lieben, weil man sich versteht, denn hier ist das Verstehen das Fundament, der eigentliche Kern der Liebe –, sich lieben, weil jeder der beiden den anderen sieht, wie er ist, und nicht, wie er niemals war – ach! das ist eins der seltensten, eins der größten Meisterwerke der Menschen.»



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