Leseproben aus: Isaac Bashevis Singer, Feinde – die Geschichte einer Liebe



S. 40 ff., 230 ff., 238 ff.



[1] Herman ist bei Mascha und ihrer Mutter Schifrah Puah. Nach dem Essen kommt seine Arbeit für einen Rabbi zur Sprache, eine Art Ghostwriting. (S. 40 ff.)

[2] Die Situation bricht über Herman zusammen, er irrt durch die Stadt. In seiner Verzweiflung ruft er Tamara an. Sie, die praktisch denkt, bietet ihm an, zu ihm zu kommen. (S. 230 ff.)

[3] Inzwischen haben sich Tamara und Yadwiga kennengelernt, sogar in gewisser Weise befreundet. Man feiert das Passahfest zu dritt. Tamaras Onkel, der seiner Nichte die Führung seines Buchladens anvertraut, verschafft Herman dort Arbeit. (S. 238 ff.)





[1]

Herman ist bei Mascha und ihrer Mutter Schifrah Puah. Nach dem Essen kommt seine Arbeit für einen Rabbi zur Sprache, eine Art Ghostwriting. (S. 40 ff.)


Mascha rauchte beim Essen. Nach jedem Bissen machte sie einen Zug. Sie kostete ein bißchen und schob den Teller weg, aber Herman tat sie immer wieder auf und drängte ihn zu essen. »Stell dir vor, du bist auf dem Heuboden in Lipsk, und deine Bäuerin hat dir ein Stück Schweinefleisch serviert. Wie können wir wissen, was morgen ist? Es kann jeden Tag wieder passieren. Juden zu schlachten, ist was ganz Natürliches. Juden müssen geschlachtet werden – das ist Gottes Wille.«

»Tochter, du brichst mir das Herz.«

»Es ist doch wahr! Papa hat immer gesagt, alles kommt von Gott. Und du sagst das auch, Mama. Aber wenn Gott zugelassen hat, daß die Juden Europas umgebracht wurden, welchen Grund gibt es dann für die Annahme, daß er die Vernichtung der Juden Amerikas verhindern würde? Gott kümmert das nicht. So ist Gott nämlich. Stimmt's Herman?«

»Wer weiß?«

»Auf alles hast du dieselbe Antwort: ‘Wer weiß?’ Irgendwer muß es doch wissen! Wenn Gott allmächtig ist und alles kann, dann müßte Er doch für Sein geliebtes Volk aufstehen können. Wenn Er im Himmel sitzt und still bleibt, dann heißt das, daß Er sich einen feuchten Dreck drum kümmert.«

»Tochter, wirst du jetzt Herman in Ruhe lassen, ja? Erst läßt du das Fleisch anbrennen, dann löcherst du ihn mit Fragen, daß er kaum zum Essen kommt.«

»Das macht nichts«, sagte Herman. »Ich wünschte, ich wüßte die Antwort. Es könnte sein, daß Leiden ein Attribut Gottes ist. Wenn man voraussetzt, daß Gott alles ist, dann sind auch wir Gott, und wenn ich dich schlage, bedeutet das, daß Gott geschlagen worden ist.«

»Warum sollte Gott sich selber schlagen? Iß auf. Laß bloß nichts auf dem Teller. Ist das deine Philosophie? Wenn der Jude Gott ist und der Nazi auch, dann brauchen wir nicht weiterzureden. Mama hat einen Kuchen gebacken. Ich werd' dir ein Stück bringen.«

»Tochter, erst muß er das Kompott essen.«

»Ist doch egal, was er zuerst ißt. Im Magen kommt sowieso alles durcheinander. Du bist eine richtige Despotin. Aber gut, bring ihm das Kornpott.«

»Ich bitte euch, zankt euch nicht meinetwegen. Was ich zuerst esse, ist wirklich gleichgültig. Wenn ihr zwei euch nicht vertragt, wie soll es dann jemals Frieden geben? Die letzten zwei Menschen auf der Erde werden sich noch gegenseitig umbringen.«

»Zweifelst du etwa daran?« fragte Mascha. »Ich nicht. Sie werden sich mit Atombomben gegenüberstehen und am Hunger sterben, weil keiner den andern zum Essen kommen läßt. Sollte einer es wagen zu essen, schmeißt der andere die Bombe. Papa hat mich immer mit ins Kino genommen. Sie haßt Kinos« – Mascha deutete mit dem Kopf auf ihre Mutter – »aber Papa war ganz wild drauf. Er hat gesagt, im Kino vergißt er alle seine Sorgen. Jetzt liegt mir auch nichts mehr dran, aber damals bin ich gern hingegangen. Ich saß neben ihm und durfte seinen Rohrstock halten. Als Papa Warschau verließ, an dem Tag, wo all die Männer über die Prager Brücke abzogen, zeigte er auf seinen Stock und sagte: ‘Solange ich den habe, kann mir nichts passieren.’ Aber warum erzähl' ich das? – Ach ja! In einem Film kamen zwei Hirsche vor, die um ein Weibchen kämpften. Sie gingen mit den Geweihen aufeinander los, bis einer tot umfiel. Der andere war auch halbtot. Die ganze Zeit über hat die Hirschkuh ruhig weitergegrast, als ob sie überhaupt nichts damit zu tun hätte. Ich war noch ein Kind – im zweiten Jahr des Gymnasiums. Damals hab' ich gedacht, wenn Gott so viel Gewalttätigkeit in unschuldige Tiere legt, dann ist die Sache hoffnungslos. In den Lagern mußte ich oft an diesen Film denken. Er hat mich Gott hassen gelehrt.«

»Tochter, du sollst nicht so reden.«

»Es gibt vieles, was ich nicht sollte. Bring das Kompott!«

»Wie können wir uns erdreisten, Gott verstehn zu wollen?«

Schifrah Puah ging zum Herd.

»Wirklich, du solltest dich nicht so viel mit ihr zanken. Wenn meine Mutter heute noch lebte, würde ich ihr nicht widersprechen.«

»Du willst mir Vorschriften machen? Schließlich muß ich mit ihr leben – nicht du. Fünf Tage in der Woche bist du bei deiner Bäuerin, und wenn du endlich hier herkommst, fängst du an, Predigten zu halten. Sie macht mich rasend mit ihrer Frömmigkeit und Engstirnigkeit. Wenn Gott so gerecht ist, warum macht sie dann so ein Geschrei, wenn die Suppe nicht so schnell fertig ist, wie sie will? Wenn du meine Meinung hören willst, dann sag' ich dir, daß sie an materiellen Dingen mehr hängt als jeder Atheist. Zuerst hat sie mich gedrängt, Leon Tortschiner zu heiraten, weil er ihr immer Kekse mitgebracht hat. Und später hat sie dann angefangen, Fehler bei ihm zu suchen – Gott weiß, warum. Was war es schon wichtig, wen ich heiratete? Was für eine Rolle konnte das noch spielen, nach allem, was ich durchgemacht hatte? Aber sag mal, wie geht's denn deiner kleinen Bäuerin? Hast du ihr wieder erzählt, du wärst auf Reisen, um Bücher zu verkaufen?«

»Was sonst?«

»Und wo bist du heute?«

»In Philadelphia.« »Was ist, wenn sie das mit uns mal rauskriegt?«

»Das kriegt sie nie raus.«

»Sag das nicht, möglich ist das immer.«

»Du kannst sicher sein, daß sie uns nie auseinanderbringen wird.«

»Da bin ich gar nicht so sicher. Wenn du so viel Zeit mit einer Gans von Analphabetin verbringen kannst, hast du bestimmt auch kein Bedürfnis nach was Besserem. Und was für einen Sinn soll es haben, die Dreckarbeit für einen Schwindler von Rabbi zu machen? Werd' wenigstens selber Rabbi und schwindle unter deinem eigenen Namen.«

»Das kann ich nicht.«

»Du versteckst dich immer noch auf deinem Heuboden, das ist die Wahrheit!«

»Ja, es ist die Wahrheit. Es gibt Soldaten, die können eine Bombe auf eine Stadt fallen lassen, die tausend Menschen umbringt, aber ein Huhn zu schlachten, bringen sie nicht fertig. Solange ich den Leser, den ich betrüge, nicht sehe, und er mich nicht sieht, kann ich's aushalten. Außerdem richtet das, was ich für den Rabbi schreibe, keinen Schaden an. Im Gegenteil.«

»Heißt das etwa, daß du kein Betrüger bist?«

»Doch, das bin ich. Und jetzt laß uns aufhören, davon zu reden!«

Schifrah Puah kam an den Tisch zurück. » Hier ist das Kompott. Warte noch, laß es abkühlen. Was sagt sie wieder über mich, meine Tochter? Wenn man sie reden hört, könnte man meinen, ich wär' ihr schlimmster Feind.«

»Mama, du kennst doch das Sprichwort: ‘Gott schütze mich vor meinen Freunden, vor meinen Feinden schütz' ich mich selber.’«

»Das hab' ich ja gesehn, wie du dich vor deinen Feinden schützt. Aber natürlich, da ich noch am Leben bin, nachdem sie meine Familie und mein Volk hingemetzelt haben, hast du recht. Dafür bist du allein verantwortlich, Mascha. Wenn du nicht gewesen wärst, würde ich jetzt in Frieden ruhen.«


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[2]

Die Situation bricht über Herman zusammen, er irrt durch die Stadt. In seiner Verzweiflung ruft er Tamara an. Sie, die praktisch denkt, bietet ihm an, zu ihm zu kommen. (S. 230 ff.)


Herman hatte eine Stunde geschlafen und war aufgewacht. Er hatte sich nicht ausgezogen, sondern lag in Jacke, Hose, Hemd und Socken im Bett. Tamara hatte wieder die Ärmel eines Pullovers über die Füße gezogen. Auf die Bettdecke hatte sie noch ihren schäbigen Pelzmantel und Hermans Mantel geworfen.

Sie sagte: »Gottseidank ist meine Leidenszeit nicht vorbei. Ich stecke noch mitten drin. Mehr oder weniger ist dies derselbe Kampf wie in Jambul. Du wirst es mir nicht glauben, Herman, aber irgendwie ist das ein Trost für mich. Ich will nicht vergessen, was wir durchgemacht haben. Wenn es warm ist im Zimmer, mein' ich immer, ich hätte all die Juden in Europa verraten. Dem Gefühl meines Onkels nach sollten Juden ewig Schiva halten. Das ganze Volk sollte auf niedrigen Schemeln hocken und im Buch Hiob lesen.«

»Ohne Glauben kann man nicht mal trauern.«

»Das alleine ist schon Grund genug zum Trauern.«

»Am Telefon hast du gesagt, du hast vorgehabt, mich anzurufen. Weswegen?«

Tamara wurde nachdenklich. »Oh, ich weiß nicht, wie ich anfangen soll. Herman, es liegt mir nicht, dauernd so zu lügen wie du. Meine Tante und mein Onkel haben mich wegen uns zur Rede gestellt. Da ich die Wahrheit bereits einem Niemand wie Pescheles gestanden hatte, wie konnte ich die Tatsachen da noch vor den einzigen Verwandten verheimlichen, die mir auf der Welt geblieben sind? Ich wollte mich nicht beklagen über dich, Herman, es ist auch meine Schuld, aber ich hatte das Gefühl, ich sollte es ihnen sagen. Als ich ihnen sagte, du seist mit einer Nicht Jüdin verheiratet, dachte ich, der Schlag würde sie treffen. Aber mein Onkel seufzte nur und sagte: ‘Wenn man an jemandem eine Operation vornimmt, gibt es hinterher Schmerzen.’ Wer wüßte das besser als ich? Die Schmerzen kamen erst am Morgen nach der Operation. Er will natürlich, daß wir uns scheiden lassen. Er hat nicht einen, sondern zehn Heiratskandidaten für mich im Sinn – gebildete Männer, feine Juden, alles Flüchtlinge, die in Europa ihre Frauen verloren haben. Was soll ich dazu sagen? Ich hab' soviel Lust zu heiraten wie du, auf dem Dach zu tanzen. Aber Onkel und Tante, beide haben sie darauf bestanden, daß du dich entweder von Yadwiga scheiden läßt und zu mir zurückkommst, oder daß ich mich von dir scheiden lasse. Von ihrem Standpunkt aus haben sie recht. Meine Mutter, gesegnet sei ihr Andenken, hat mir einmal eine Geschichte über gestorbene Menschen erzählt, die nicht wissen, daß sie gestorben sind. Sie essen, trinken und heiraten sogar. Also, da wir einmal zusammen gelebt haben und zusammen Kinder hatten und jetzt in der Welt des Wahns herumirren, wozu brauchen wir da eine Scheidung?«

»Tamara, auch eine Leiche kann ins Gefängnis kommen.«

»Niemand wird dich ins Gefängnis bringen. Und wieso hast du überhaupt so eine Angst vor dem Gefängnis? Da geht's dir vielleicht viel besser als jetzt.«

»Ich will mich nicht ausweisen lassen. Ich will nicht in Polen begraben werden.«

»Wer will dich denn anzeigen? Deine Geliebte?«

»Vielleicht Pescheles.«

»Warum sollte er das tun? Und welchen Beweis hat er? Du hast niemanden in Amerika geheiratet.«

»Ich habe mit Mascha einen jüdischen Ehevertrag.«

»Was kann sie damit schon machen? Mein Rat ist, geh zurück zu Yadwiga und schließ Frieden mit ihr.«

»Ist es das, was du mir erzählen wolltest? Für den Rabbi kann ich nicht mehr arbeiten, das steht jetzt außer Frage. Ich bin Miete schuldig. Ich habe kaum genug, um morgen durch den Tag zu kommen.«

»Herman, ich möchte dir etwas sagen, aber sei mir nicht böse.«

»Was?«

»Herman, Menschen wie du sind unfähig, Entscheidungen für sich selbst zu treffen. Ich bin darin zwar auch nicht besonders gut, aber manchmal ist es leichter, die Probleme von andern zu bewältigen als seine eigenen. Hier in Amerika haben manche Menschen das, was man einen Manager nennt. Laß mich dein Manager sein. Gib dich ganz in meine Hände. Tu so, als wärst du in einem Konzentrationslager und müßtest alles machen, was man dir sagt. Ich sage dir, was du zu tun hast, und du tust es. Ich werde auch eine Arbeit für dich finden. In deinem Zustand bist du nicht in der Lage, dir selbst zu helfen.«

»Warum willst du das tun? Und wie?« »Das ist nicht deine Sache. Ich werd‘ schon was tun. Ich werde mich um alle deine Bedürfnisse kümmern, und du mußt bereit sein, alles zu tun, was ich von dir verlange. Wenn ich zu dir sage, geh raus und grab Löcher, mußt du rausgehn und Löcher graben.«

»Und was passiert, wenn sie mich ins Gefängnis stecken?«

»Dann schick' ich dir Pakete ins Gefängnis.«

»Wirklich, Tamara, das willst du nur, um mir deine paar Dollar zustecken zu können.«

»Nein, Herman. Du wirst mir nichts wegnehmen. Morgen fangen wir an. Ich werde alle deine Angelegenheiten in die Hand nehmen. Ich weiß, ich bin ein Greenhorn, aber ich bin's gewöhnt, in der Fremde zu leben. Ich kann sehen, daß alles zu viel geworden ist für dich, daß du dabei bist, unter der Last zusammenzubrechen.«

Herman schwieg. Dann sagte er: »Bist du ein Engel?«

»Vielleicht. Wer weiß, was Engel sind?« »Ich hab' mir gesagt, es ist Wahnsinn, dich so spät in der Nacht anzurufen, aber irgendwas hat mich dazu getrieben. Ja, ich werde mich in deine Hände geben. Ich habe keine Kraft mehr –«

»Zieh dich aus. Du ruinierst dir den ganzen Anzug.«

Herman stieg aus dem Bett, zog Jacke, Hose und Schlips aus und behielt nur seine Unterwäsche und die Socken an. Im Dunkeln legte er seine Sachen über den Stuhl. Während er sich auszog, hörte er Dampf durch den Heizkörper zischen.

Er legte sich wieder ins Bett, und Tamara rückte ein Stückchen näher und legte ihm die Hand auf die Rippen. Herman döste ein, schlug die Augen aber immer wieder auf. Langsam lichtete sich die Dunkelheit. Er konnte Geräusche hören, Schritte, wie unten in der Halle die Tür auf und zu ging. Die Mieter mußten alle Leute sein, die früh zur Arbeit gingen. Selbst um in diesen elenden Buden wohnen zu dürfen, mußte man Geld verdienen. Nach einiger Zeit schlief Herman wieder ein. Als er aufwachte, war Tamara bereits angezogen. Sie sagte ihm, sie habe in dem Badezimmer im Flur ein Bad genommen. Sie betrachtete ihn prüfend, und ihr Gesicht nahm einen entschlossenen Ausdruck an.

»Erinnerst du dich noch an unsere Abmachung? Geh dich waschen. Hier ist ein Handtuch.«


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[3]

Inzwischen haben sich Tamara und Yadwiga kennengelernt, sogar in gewisser Weise befreundet. Man feiert das Passahfest zu dritt. Tamaras Onkel, der seiner Nichte die Führung seines Buchladens anvertraut, verschafft Herman dort Arbeit. (S. 238 ff.)


Ein latenter Geschäftssinn war in Tamara erwacht. Mit Hermans Hilfe katalogisierte sie die Bücher, setzte Preise fest und schickte die aus dem Leim gegangenen Bücher zum Binden. Vor dem Passah-Fest hatte Tamara einen Vorrat von Haggadahs besorgt, Seder-Tabletts, Matzo-Deckchen, Schädelkappen in allen Stilarten und Farben, sogar Kerzen und Mazzo-Teller. Sie deckte sich mit Gebetsschals ein, mit Gebetsriemen, Gebetsbüchern, die zweisprachig in Englisch und Hebräisch gedruckt waren, und mit Texten, die von den Jungen zur Bar-Mitzvah studiert wurden.

Die Lüge vom Bücherverkaufen, die Herman so oft wiederholt hatte, war Wahrheit geworden. Eines Morgens nahm er Yadwiga mit in die Stadt, um ihr den Laden zu zeigen. Tamara brachte sie dann nach Hause, weil Yadwiga immer noch Angst hatte, allein mit der U-Bahn zu fahren, besonders jetzt in den letzten Monaten ihrer Schwangerschaft.

Wie seltsam war es, mit Tamara und Yadwiga am Seder-Tisch zu sitzen und mit den beiden die Haggadah zu rezitieren. Sie hatten darauf bestanden, daß er eine Schädelkappe aufsetzte und die ganze Zeremonie vollzog – den Segen über dem Wein, das symbolische Zusichnehmen von Petersilie, geriebenen Äpfeln mit Nüssen und Zimt und von Eiern und Salzwasser. Tamara fragte die vier Fragen. Für ihn und wahrscheinlich auch für Tamara war das alles nur ein Spiel, ein Ausdruck der Nostalgie. Aber was war schließlich nicht ein Spiel? Nirgendwo konnte er etwas »Reales« finden, nicht einmal in den sogenannten »exakten Wissenschaften«.

In Hermans Privatphilosophie beruhte das Überleben an sich schon auf Arglist. Von der Mikrobe bis zum Menschen dominierte das Leben von Generation zu Generation dadurch, daß es sich an den eifersüchtigen Mächten des Zerstörerischen vorbeischlich. Ebenso wie die Tzivkever Schmuggler im Ersten Weltkrieg ihre Stiefel und Hemden mit Tabak vollstopften, alle möglichen Schmuggelwaren an ihrem Körper verbargen, sich über Grenzen stahlen, Gesetze brachen und Beamte bestachen – so schacherte jedes Protoplasmateilchen, jede Anhäufung von Protoplasma sich von Epoche zu Epoche seinen Schleichweg frei. So war es gewesen, als die ersten Bakterien im Schlick am Rande des Ozeans auftauchten, und so würde es sein, wenn die Sonne zu Schlacke geworden und die letzte lebendige Kreatur auf der Erde erfroren oder sonstwie nach dem Diktat des allerletzten biologischen Dramas verendet wäre. Die Tiere hatten die Unsicherheit des Daseins und die Notwendigkeit von Flucht und Heimlichkeit akzeptiert; nur der Mensch suchte Sicherheit – mit dem Ergebnis, daß er statt dessen seinen eigenen Untergang herbeiführte. Der Jude hatte es immer geschafft, sich zwischen Verbrechen und Wahnsinn hindurchzuschmuggeln. Verstohlen hatte er sich in Kanaan und Ägypten eingenistet. Abraham hatte Sarah für seine Schwester ausgegeben. Die ganzen zweitausend Jahre des Exils, beginnend mit Alexandria, Babylon und Rom und endend in den Ghettos von Warschau, Lodz und Wilna, waren eine einzige große Schmuggelei gewesen. Die Bibel, der Talmud und die Kommentare unterwiesen den Juden in einer Strategie: Fliehe das Böse, verbirg dich vor Gefahr, vermeide Kraftproben, geh den zornigen Mächten des Universums so weit wie möglich aus dem Wege. Der Jude hat nie verächtlich auf den Fahnenflüchtigen herabgeblickt, der sich in einem Keller oder auf einem Dachboden verkroch, während draußen in den Straßen Armeen aufeinanderprallten.

Herman, der moderne Jude, hatte dieses Prinzip um einen Schritt erweitert: Er hatte sogar den Halt des Glaubens an die Torah aufgegeben. Er betrog nicht nur Abimelech, sondern auch Sarah und Hagar. Herman hatte kein Bündnis mit Gott geschlossen und hatte keine Verwendung für Ihn. Er wollte nicht, daß sein Same so zahlreich werde wie der Sand am Meer. Sein ganzes Leben war ein Spiel der Verstohlenheit – die Predigten, die er für Rabbi Lampert geschrieben hatte, die Bücher, die er Rabbinern und Yeshiva-jungen verkaufte, die Tatsache, daß er Yadwigas Konversion zum Judentum akzeptierte und Tamaras Freundlichkeiten annahm. Herman las aus der Haggadah und gähnte. Er hob sein Weinglas und vergoß zehn Tropfen, um die zehn Plagen anzudeuten, von denen Pharao heimgesucht worden war. Tamara lobte Yadwigas Knödl. Ein Fisch aus dem Hudson oder irgendeinem See hatte mit seinem Leben dafür bezahlt, daß Herman, Tamara und Yadwiga an die Wunder des Auszugs aus Ägypten erinnert wurden. Zum Gedenken an das Passah-Opfer hatte ein Huhn seinen Hals hinhalten müssen.

In Deutschland und sogar in Amerika wurden neonazistische Parteien aufgebaut. Im Namen Lenins und Stalins hatten Kommunisten ältere Lehrer gefoltert, und im Namen der »Kultur«-Revolution wurden in China und Korea ganze Dörfer vernichtet. In Münchener Kneipen schlürften Mörder, die mit Kinderschädeln gespielt hatten, aus hohen Steinkrügen Bier und sangen in Kirchen fromme Lieder. In Moskau hatte man alle jüdischen Schriftsteller liquidiert. Und dennoch priesen jüdische Kommunisten die Mörder und schmähten die Führer von gestern. Wahrheit? Nicht in diesem Dschungel, dieser irdenen Pfanne, die auf glühender Lava stand. Gott? Wessen Gott? Der der Juden? Der Pharaos?

Beide, Herman und Yadwiga, baten Tamara, über Nacht zu bleiben, aber sie wollte unbedingt nach Hause. Sie versprach, morgen wiederzukommen und bei den Vorbereitungen für das zweite Seder mitzuhelfen. Sie und Yadwiga machten den Abwasch. Tamara wünschte Yadwiga und Herman einen glücklichen Festtag und machte sich auf den Heimweg.

Herman ging ins Schlafzimmer und legte sich aufs Bett. Er wollte nicht an sie denken, aber seine Gedanken kehrten immer wieder zu Mascha zurück. Was machte sie jetzt? Ob sie jemals an ihn dachte?

Das Telefon klingelte, und er rannte hin, um den Hörer abzunehmen. Er hoffte, es würde Mascha sein, und gleichzeitig hatte er Angst, daß sie es sich anders überlegt haben könnte. Fast wäre er gestolpert, und atemlos stieß er ins Telefon: »Hallo?«

Niemand antwortete.

»Hallo! Hallo! Hallo!«

Anzurufen und dann kein Wort zu sagen, war ein alter Trick von Mascha. Vielleicht wollte sie nur seine Stimme hören.

»Sei kein Idiot, sag was!« sagte er. Immer noch keine Antwort.

»Du hast Schluß gemacht, nicht ich«, hörte er sich sagen. Keine Erwiderung. Er wartete einen Moment und sagte dann: »Noch elender als ich bin, kannst du mich nicht machen.«


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