Leseproben aus: Robert Walser, Jakob von Gunten



S. 49 ff., 70 ff., 95 ff., 126 f.



[1] Reflexionen Jakobs über den Unterricht im Institut (S. 49 ff.)

[2] ... über seinen Mitschüler Kraus (S.70 ff.)

[3] ... über eigene Phantasien (S. 95 ff.)

[4] ... über seine Entwicklung (S. 126 f.)




[1]

Reflexionen Jakobs über den Unterricht im Institut (S. 49 ff.)


In der Unterrichtsstunde sitzen wir Schüler, starr vor uns herblickend, da, unbeweglich. Ich glaube, man darf sich nicht einmal die persönliche Nase putzen. Die Hände ruhen auf den Kniescheiben und sind während des Unterrichts unsichtbar. Hände sind die fünffingrigen Beweise der menschlichen Eitelkeit und Begehrlichkeit, daher bleiben sie unter dem Tisch hübsch verborgen. Unsere Schülernasen haben die größte geistige Ähnlichkeit miteinander, sie scheinen alle mehr oder weniger nach der Höhe zu streben, wo die Einsicht in die Wirrnisse des Lebens leuchtend schwebt. Nasen von Zöglingen sollen stumpf und gestülpt erscheinen, so verlangen es die Vorschriften, die an alles denken, und in der Tat, unsere sämtlichen Riechwerkzeuge sind demütig und schamhaft gebogen. Sie sind wie von scharfen Messern kurzgehauen. Unsere Augen blicken stets ins gedankenvolle Leere, auch das will die Vorschrift. Eigentlich sollte man gar keine Augen haben, denn Augen sind frech und neugierig, und Frechheit und Neugierde sind von fast jedem gesunden Standpunkt aus verdammenswert. Ziemlich ergötzlich sind die Ohren von uns Zöglingen. Sie wagen alle kaum zu horchen vor lauter gespannten Horchens. Sie zucken immer ein wenig, als fürchteten sie, von hinten plötzlich mahnend gezogen und in die Weite und Breite gerissen zu werden. Arme Ohren das, die derart Angst ausstehen müssen. Schlägt der Ton eines Rufes oder Befehls an diese Ohren, so vibrieren und zittern sie wie Harfen, die berührt und gestört worden sind. Nun, es kommt ja auch vor, daß Zöglingsohren gern ein wenig schlafen, und wie werden sie dann geweckt! Es ist eine Freude. Das Dressierteste an uns ist aber doch der Mund, er ist stets gehorsam und devot zugekniffen. Es ist ja auch nur zu wahr: ein offener Mund ist die gähnende Tatsache, daß der Besitzer desselben mit seinen paar Gedanken meist anderswo sich aufhält als im Bereich und Lustgarten der Aufmerksamkeit. Ein festgeschlossener Mund deutet auf offene, gespannte Ohren, daher müssen die Türen da unten, unter den Nasenflügelfenstern, stets sorgsam verriegelt bleiben. Ein offener Mund ist ein Maul ohne weiteres, und das weiß jeder von uns genau. Lippen dürfen nicht prangen und lüstern blühen in der bequemen natürlichen Lage, sondern sie sollen gefalzt und gepreßt sein zum Zeichen energischer Entsagung und Erwartung. Das tun wir Schüler alle, wir gehen mit unsern Lippen laut bestehender Vorschrift sehr hart und grausam um, und daher sehen wir alle so grimmig wie kommandierende Wachtmeister aus. Ein Unteroffizier will die Mienen seiner Soldaten bekanntlich gen au so schnauzig und grimmig haben wie seine, das paßt ihm, denn er hat Humor in der Regel. Im Ernst: Gehorchende sehen meist genau aus wie Befehlende. Ein Diener kann gar nicht anders, als die Masken und Allüren seines Herrn annehmen, um sie gleichsam treuherzig fortzupflanzen. Unser verehrtes Fräulein ist ja nun gar kein solcher Feldwebel, im Gegenteil, sie lächelt sehr oft, ja, sie gestattet sich manchmal, uns Murmeltiere von vorschriftenbefolgenden Menschenkindern einfach auszulachen, aber sie gewärtigt eben, daß wir sie ruhig, und ohne unsere Mienen zu verändern, lachen lassen, und das tun wir auch, wir tun so, als hörten wir den süßen Silberton ihres Gelächters überhaupt gar nicht. Was sind wir für aparte Käuze. Unser Haar ist stets sauber und glatt gekämmt und gebürstet, und jeder hat sich einen geraden Scheitel in die Welt da oben auf dem Kopf einzuschneiden, einen Kanal in die tiefschwarze oder blonde Haar-Erde. So gehört sich's. Scheitel sind nun einmal auch vorschriftsmäßig. Und daher, weil wir so reizend frisiert und gescheitelt sind, sehen wir uns alle eigentlich ähnlich, was für einen Schriftsteller zum Beispiel zum Totlachen wäre, wenn er uns besuchte, um uns in unserer Herrlichkeit und Wenigkeit zu studieren. Mag dieser Herr Schriftsteller zu Hause bleiben. Windbeutel sind das, die nur studieren, malen und Beobachtungen anstellen wollen. Man lebe, dann beobachtet sich's ganz von selber. Unser Fräulein Benjamenta würde übrigens solch einen hergewanderten, -geregneten und -geschneiten Artikelschreiber derart anherrschen, daß er vor Schreck über die Unfreundlichkeit des Empfangs zu Boden fiele. Nun, dann würde die Lehrerin, die es liebt, selbstherrlich zu verfahren, vielleicht zu uns sagen: «Geht, helft dem Herrn von der Erde aufstehen.» Und dann würden wir Zöglinge des Institutes Benjamenta dem ungebetenen Gast zeigen, wo die Türe ist. Und das Stück neugierigen Schriftstellertums würde wieder verschwinden. Nein, das sind Phantasien. Zu uns kommen Herrschaften, die uns Knaben engagieren wollen, und nicht Leute mit Schreibfedern hinter den Ohren.



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[2]

... über seinen Mitschüler Kraus (S.70 ff.)


Der liebe Kraus! Immer zieht es mich in Gedanken wieder nach ihm hin. An ihm sieht man so recht, was das Wort Bildung eigentlich bedeutet. Kraus wird später im Leben, wohin er auch kommen wird, immer als brauchbarer, aber als ungebildeter Mensch angesehen werden, für mich aber ist gerade er durchaus gebildet, und zwar hauptsächlich deshalb, weil er ein festes, gutes Ganzes darstellt. Man kann gerade ihn eine menschliche Bildung nennen. Das flattert um Kraus herum nicht von geflügelten und lispelnden Kenntnissen, dafür ruht etwas in ihm, und er, er ruht und beruht auf etwas. Man kann sich mit der Seele selber auf ihn verlassen. Er wird nie jemanden hintergehen oder verleumden, nun, das vor allen Dingen, dieses Nicht-Schwatzhafte, nenne ich Bildung. Wer schwatzt, ist ein Betrüger, er kann ein ganz netter Mensch sein, aber seine Schwäche, alles, was er gerade denkt, so herauszuschwatzen, macht ihn zum gemeinen und schlechten Gesellen. Kraus bewahrt sich, er behält immer etwas für sich, er glaubt, es nicht nötig zu haben, so draufloszureden, und das wirkt wie Güte und lebhaftes Schonen. Das nenne ich Bildung. Kraus ist unliebenswürdig und oft ziemlich grob gegen Menschen seines Alters und seines Geschlechtes, und gerade deshalb mag ich ihn so gern, denn das beweist mir, daß er sich auf den brutalen und gedankenlosen Verrat nicht versteht. Er ist treu und anständig gegen alle. Denn das ist es ja: aus gemeiner Liebenswürdigkeit pflegt man meist hinzugehen und Ruf und Leben seines Nachbarn, seines Kameraden, ja seines Bruders auf die entsetzlichste Weise zu schänden. Kraus kennt wenig, aber er ist nie, nie gedankenlos, er unterwirft sich immer gewissen selbstgestellten Geboten, und das nenne ich Bildung. Was an einem Menschen liebevoll und gedankenvoll ist, das ist Bildung. Und dann ist ja noch so vieles. So von aller und jeder, auch der kleinsten Selbstsucht entfernt, dagegen aber der Selbstzucht so nah zu sein wie Kraus, das ist es, wie ich denke, was Fräulein Benjamenta veranlaßt hat zu sagen: «Nicht wahr, Jakob, Kraus ist gut?» – Ja, er ist gut. Wenn ich diesen Kameraden verliere, gehen mir Himmelreiche verloren, ich weiß es. Und ich fürchte mich jetzt fast, ferner mit Kraus in ausgelassener Weise zu zanken. Ich möchte ihn nur noch anschauen, immer, immer anschauen, denn ich werde mich ja später mit seinem Bild begnügen müssen, da uns beide ja doch das gewaltsame Leben trennen wird.

Ich verstehe jetzt auch, warum Kraus keine äußern Vorzüge, keine körperlichen Zierlichkeiten besitzt, warum ihn die Natur so zwerghaft zerdrückt und verunstaltet hat. Sie will irgend etwas mit ihm, sie hat etwas mit ihm vor, oder sie hat von Anfang an etwas mit ihm vorgehabt. Dieser Mensch ist der Natur vielleicht zu rein gewesen, und deshalb hat sie ihn in einen unansehnlichen, geringen, unschönen Körper geworfen, um ihn vor den verderblichen äußern Erfolgen zu bewahren. Vielleicht ist es auch anders gewesen, und die Natur ist ärgerlich und boshaft gewesen, als sie Kraus schuf. Aber wie leid muß es ihr jetzt tun, ihn stiefmütterlich behandelt zu haben. Und wer weiß. Vielleicht freut sie sich des anmutlosen Meisterwerkes, das sie hervorgebracht hat, und wirklich, sie hätte Ursache, sich zu freuen, denn dieser ungraziöse Kraus ist schöner als die graziösesten und schönsten Menschen. Er glänzt nicht mit Gaben, aber mit dem Schimmer eines guten und unverdorbenen Herzens, und seine schlechten, schlichten Manieren sind vielleicht trotz alles Hölzernen, das ihnen anhaftet, das Schönste, was es an Bewegung und Manier in der menschlichen Gesellschaft geben kann. Nein, Erfolg wird Kraus nie haben, weder bei den Frauen, die ihn trocken und häßlich finden werden, noch sonst im Weltleben, das an ihm achtlos vorübergehen wird. Achtlos? Ja, man wird Kraus nie achten, und gerade das, daß er, ohne Achtung zu genießen, dahinleben wird, das ist ja das Wundervolle und Planvolle, das Anden-Schöpfer-Mahnende. Gott gibt der Welt einen Kraus, um ihr gleichsam ein tiefes unauflösbares Rätsel aufzugeben. Nun, und das Rätsel wird nie begriffen werden, denn siehe: man gibt sich ja gar nicht einmal Mühe, es zu lösen, und gerade deshalb ist dieses Kraus-Rätsel ein so Herrliches und Tiefes: weil niemand begehrt, es zu lösen, weil überhaupt gar kein lebendiger Mensch hinter diesem namenlos unscheinbaren Kraus irgendeine Aufgabe, irgendein Rätsel oder eine zartere Bedeutung vermuten wird. Kraus ist ein echtes Gott-Werk, ein Nichts, ein Diener. Ungebildet, gut genug, gerade die sauerste Arbeit zu verrichten, wird er jedermann vorkommen, und sonderbar: darin, nämlich in diesem Urteil, wird man sich auch nicht irren, sondern man wird durchaus recht haben, denn es ist ja wahr: Kraus, die Bescheidenheit selber, die Krone, der Palast der Demut, er will ja geringe Arbeiten verrichten, er kann's und er will's. Er hat nichts anderes im Sinn, als zu helfen, zu gehorchen und zu dienen, und das wird man gleich merken und wird ihn ausnutzen, und darin, daß man ihn ausnutzt, liegt eine so strahlende, von Güte und Helligkeit schimmernde, goldene, göttliche Gerechtigkeit. Ja, Kraus ist ein Bild rechtlichen, ganz, ganz eintönigen, einsilbigen und eindeutigen Wesens. Niemand wird die Schlichtheit dieses Menschen verkennen, und deshalb wird ihn auch niemand achten, und er wird durchaus erfolglos bleiben. Reizend, reizend, dreimal reizend finde ich das. Oh, was Gott schafft, ist so gnädig, so reizvoll, mit Reizen und Gedanken über und über behangen. Man wird denken, das sei sehr überspannt gesprochen. Nun, das ist, ich muß es gestehen, noch lange nicht das Überspannteste. Nein, kein Erfolg, kein Ruhm, keine Liebe werden Kraus je blühen, das ist sehr gut, denn die Erfolge haben nur die Zerfahrenheit und einige billige Weltanschauungen zur unabstreifbaren Begleitschaft. Man spürt es sofort, wenn Menschen Erfolge und Anerkennung aufzuweisen haben, sie werden quasi dick von sättigender Selbstzufriedenheit, und ballonhaft bläst sie die Kraft der Eitelkeit auf, zum Niewiedererkennen. Gott behüte einen braven Menschen vor der Anerkennung der Menge. Macht es ihn nicht schlecht, so verwirrt und entkräftet es ihn bloß. Dank, ja. Dank ist etwas ganz anderes. Doch einem Kraus wird man nicht einmal danken, und auch das ist durchaus nicht nötig. Alle zehn Jahre wird jemand vielleicht einmal zu Kraus sagen: «Danke, Kraus», und dann wird er ganz dumm, gräßlich dumm lächeln. Verliederlichen wird mein Kraus nie, denn es werden sich ihm immer große, lieblose Schwierigkeiten entgegenstellen. Ich glaube, ich, ich bin einer der ganz wenigen, vielleicht der einzige, oder vielleicht sind es zwei oder drei Menschen, die wissen werden, was sie an Kraus besitzen oder besessen haben. Das Fräulein, ja, die weiß es. Auch Herr Vorsteher vielleicht. Ja ganz gewiß. Herr Benjamenta ist gewiß tiefblickend genug, um wissen zu können, was Kraus wert ist. Ich muß aufhören, heute, mit Schreiben. Es reißt mich zu sehr hin. Ich verwildere. Und die Buchstaben flimmern und tanzen mir vor den Augen.



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[3]

... über eigene Phantasien (S. 95 ff.)


Was ich manchmal für Einbildungen habe! Es grenzt beinahe an das Absurde. Mit einem Mal, ohne daß ich es habe verhindern können, war ich Kriegsoberst geworden, so ums Jahr 1400 herum, nein, etwas später, zur Zeit der mailändischen Feldzüge. Ich und meine Herren Offiziere, wir tafelten. Es war nach einer gewonnenen Schlacht, und unser Ruhm mußte sich in den nächsten Tagen durch ganz Europa verbreiten. Wir tranken und waren lustig. Nicht etwa in einem Zimmer hielten wir Tafel, nein, auf freiem Feld. Die Sonne war eben am Untergehen, da wurde vor meine Augen, deren Strahl Schlachtenangriff und -sieg bedeutete, eine Kreatur geführt, ein ganz armer Teufel, ein ertappter Verräter. Der unglückliche Mensch schaute zitternd zu Boden, wohl wissend, daß er nicht das Recht hatte, den Feldherrn anzuschauen. Ich sah ihn an, ganz leicht, dann schaute ich diejenigen ebenso leicht und schnell an, die ihn hergeführt hatten, dann widmete ich mich dem volleingeschenkten Glas Wein, das vor mir stand, und diese drei Bewegungen bedeuteten: «Geht. Und henkt ihn.» Sogleich ergriffen ihn die Leute, doch da schrie der Verruchte wie verzweifelt, noch mehr, wie zerrissen, zum voraus zerrissen von tausend entsetzlichen Martertoden. Meine Ohren hatten in den Gefechten und Kämpfen, die mein Leben erfüllten, schon allerlei Töne gehört, und meine Augen waren an den Anblick des Furchtbaren und Jammervollen mehr wie gewöhnt, doch merkwürdig, das konnte ich nicht ertragen. Wieder drehte ich mich nach dem Verdammten um, außerdem winkte ich meinen Soldaten. «Laßt ihn laufen», sagte ich, das Glas an der Lippe, um es kurz zu machen. Da geschah etwas ebenso Ergreifendes wie Widerwärtiges. Der Mann, dem ich das Leben geschenkt hatte, das Verbrecher- und Verrä-terleben, stürzte wie unsinnig zu meinen Füßen und küßte den Staub meiner Schuhe. Ich stieß ihn weg. Ich war von Ekel und Grauen erfaßt worden. Mich berührte die Gewalt, die ich ausübte, die Macht, mit der ich frei spielen konnte, wie der Sturmwind mit Blättern, peinlich, ich lachte daher und befahl dem Menschen, sich zu entfernen. Er hatte beinahe den Verstand verloren. Eine tierische Freude brach sich ihm durch Augen und Mund Bahn, er lallte Dank, Dank und kroch weg. Wir andern ergaben uns bis in die Nacht hinein einem ausgelassenen Gesöffe und Gelage, und am frühen Morgen, noch immer saßen wir bei der Tafel, empfing ich mit einer Würde, einer Hoheit, die selbst mir beinahe ein Lächeln abnötigte, den Gesandten des Papstes. Ich war der Held, der Herr des Tages. Von meiner Laune, meiner Zufriedenheit hing der Frieden von halb Europa ab. Doch ich spielte den diplomatischen Herren gegenüber den Dummen, den Guten, es paßte mir so, ich war etwas ermüdet, mich begehrte, in die Heimat zurückzukehren. Ich ließ mir die Vorteile, die mir der Krieg zuerteilte, wieder abnehmen. Natürlich bin ich später in den Grafenstand erhoben worden, dann habe ich geheiratet, und jetzt bin ich so tief gesunken, daß es mich gar nicht geniert, ein niedriger, kleiner Eleve des Institutes Benjamenta zu sein und Kameraden zu haben wie Kraus, Schacht, Hans und Schilinski. Man muß mich nackt auf die kalte Straße werfen, dann stelle ich mir vielleicht vor, ich sei der allesumfassende Herrgott. Es ist Zeit, daß ich die Feder aus der Hand lege.



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[4]

... über seine Entwicklung (S. 126 f.)


Ich war eigentlich nie Kind, und deshalb, glaube ich zuversichtlich, wird an mir immer etwas Kindheitliches haften bleiben. Ich bin nur so gewachsen, älter geworden, aber das Wesen blieb. Ich finde an dummen Streichen noch ebensoviel Geschmack wie vor Jahren, aber das ist es ja, ich habe eigentlich nie dumme Streiche gemacht. Meinem Bruder habe ich ganz früh einmal ein Loch in den Kopf geschlagen. Das war ein Geschehnis, kein dummer Streich. Gewiß, Dummheiten und Jungenhaftigkeiten gab es die Menge, aber der Gedanke interessierte mich immer mehr als die Sache selber. Ich habe früh begonnen, überall, selbst in den dummen Streichen, Tiefes herauszuempfinden. Ich entwickle mich nicht. Das ist ja nun so eine Behauptung. Vielleicht werde ich nie Äste und Zweige ausbreiten. Eines Tages wird von meinem Wesen und Beginnen irgendein Duft ausgehen, ich werde Blüte sein und ein wenig, wie zu meinem eigenen Vergnügen, duften, und dann werde ich den Kopf, den Kraus einen dummen, hochmütigen Trotzkopf nennt, neigen. Die Arme und Beine werden mir seltsam erschlaffen, der Geist, der Stolz, der Charakter, alles, alles wird brechen und welken, und ich werde tot sein, nicht wirklich tot, nur so auf eine gewisse Art tot, und dann werde ich vielleicht sechzig Jahre so dahinleben und -sterben. Ich werde alt werden. Doch ich habe kein Bangen vor mir. Ich flöße mir durchaus keine Angst ein. Ich respektiere ja mein Ich gar nicht, ich sehe es bloß, und es läßt mich ganz kalt. O in Wärme kommen! Wie herrlich! Ich werde immer wieder in Wärme kommen können, denn mich wird niemals etwas Persönliches, Selbstisches am Warmwerden, am Entflammen und am Teilnehmen verhindern. Wie glücklich bin ich, daß ich in mir nichts Achtens- und Sehenswertes zu erblicken vermag! Klein sein und bleiben. Und höbe und trüge mich eine Hand, ein Umstand, eine Welle bis hinauf, wo Macht und Einfluß gebieten, ich würde die Verhältnisse, die mich bevorzugten, zerschlagen, und mich selber würde ich hinabwerfen ins niedrige, nichtssagende Dunkel. Ich kann nur in den untern Regionen atmen.



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