Aus der Schreibwerkstatt (August 2017)

Ausschnitt aus dem Essay "Der Fürst dieser Welt" (2. Teil eines dreiteiligen Projekts mit dem vorläufigen Titel "Die Wegwerfwelt")









(Stand: 6.8.17)



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Vielleicht kann man sich den Schöpfungsprozess als ein stufenweises Ausprobieren vorstellen, eine Art göttliches Trial and Error:

Erste Stufe: Aus dem Nichts wird Etwas: die Welt wird erschaffen – Und Gott sah, dass es gut war. Aber etwas fehlt.

Zweite Stufe: Der Mensch wird erschaffen – Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Paradiesisch geradezu. Aber immer noch fehlt etwas. Etwas völlig Neues, nie Dagewesenes muss her. Zwar ist die Schöpfung per se schon etwas nie Dagewesenes und in gewisser Weise auch vollkommen. Doch was ist Vollkommenheit? Das Ganze? Das Gute?

Dritte Stufe: Was ist es, das immer noch fehlt? Da überall nichts als das Gute existiert, kann das nur bedeuten, das Gegenteil alles Bestehenden in Betracht zu ziehen. Eine problematische Situation (an der sich später Theologen und Philosophen die Zähne ausbeißen werden): Wenn Gott das Böse erschafft, kann er dann noch Gott sein? Das Böse aber muss notwendiger Bestandteil der Welt werden, sonst macht das ganze Projekt keinen Sinn. Gottes Ausweg: er lässt erschaffen.

Es gibt in den alten Erzählungen eine Vielzahl von Darstellungen dieses Schöpfungsschritts. Durch das Zwischenschalten eines niederklassigeren Demiurgen etwa bietet sich die Chance, den eigenen göttlichen Namen unbefleckt zu bewahren. Die Schmutzflut der Welt reicht nicht bis an die allerhöchste Stelle. Dafür ist ein anderer zuständig, Fürst dieser Welt wird man ihn nennen. Gleichzeitig lassen sich die Erzählungen von Trennung und Abspaltung als Berichte von den ersten Manifestationen der Freiheit verstehen. Etwas Geschaffenes trennt sich von seinem Schöpfer und geht eigene Wege. Genau so aber ist die Welt beabsichtigt. Zu den ersten praktischen Folgen der Freiheit gehört freilich auch, dass die Geschöpfe Gottes beginnen einander umzubringen, und zwar nicht mehr wie im Tierreich üblich, zur Nahrungsbeschaffung oder Verteidigung des eigenen Lebens, sondern in vollem Bewusstsein um eines Vorteils willen. Niedere Beweggründe wird diese Motivlage einmal genannt werden. Die Welt nimmt ihre Rolle als Suhle ein.

Diese dritte Stufe ist die entscheidende, aber auch eine, die mit einem hohen Risiko behaftet ist: Frei und böse – kann das gut gehen? Um hier korrigierend eingreifen zu können, berichten die biblischen Erzählungen von einer weiteren, vierten Stufe am Ende der Zeit: Alles wird wieder eingesammelt und abgerechnet, damit Gott, der das Gute verkörpert, siegen kann – das aber halte ich für Fake News.

Denn etwas stört an diesem Vierstufenplan: ihm fehlt das große Wagnis. Er hat etwas von einer Unterhaltungsveranstaltung, von Zirkus und Gladiatorenspielen: es treten Raubtiere und tollkühne Artisten auf, alle geben ihr Bestes und Letztes, liefern das bestmögliche Spektakel, das Publikum wird in Atem gehalten – und doch ist das Ende vorhersehbar. Ein sicheres Netz ist durch die Arena der Zeit gespannt, welches das ganz große Scheitern der Darbietung verhindert. Zwar garantiert das Netz keinen verletzungsfreien Absturz, Kollateralschäden gibt es am laufenden Band (auf Kosten der Akrobaten natürlich, siehe die Geschichte von Hiob), aber die Große Show ist gesichert, geprüft von einem endzeitlichen TÜV gewissermaßen.

Diese Version macht Gott zum Zuschauer des von ihm in Gang gesetzten Theaters, dessen Finale feststeht, eingeschrieben in das Schicksalsbuch der Erde. Er kann sich zurücklehnen und das Schauspiel genießen. Die alten Schriften lassen eine solche Interpretation des Weltgeschehens durchaus zu. Ich ziehe allerdings die Auslegung vor, wir seien Gottes Verlängerung und das Projekt Mensch eine Open-End-Veranstaltung, und zwar ohne Netz. Erst dann nämlich, erst mit dem großen Wagnis, das auch die Möglichkeit des völligen Scheiterns enthält, gewinnt dieses Projekt seine Größe. Ein vorherbestimmtes Ende der Aufführung ist nicht mehr möglich, und wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, dass wir die waghalsige Aktion, die unser Leben darstellt, ohne Fangnetz ausüben müssen. Dann gibt es auch keinen Zuschauer mehr, der uns Beifall klatscht oder ausbuht, uns belohnt oder bestraft.

Es lohnt in diesem Zusammenhang, die Geschichte des Mordes von Kain an seinem Bruder Abel genauer zu betrachten. Neben der Schilderung eines bewussten Akts des Bösen scheint nämlich die Erzählung auf ein göttliches Nachhelfen hinzudeuten, damit sich Böses in der Welt überhaupt erst entwickeln kann. Lass uns aufs Feld gehen! sagt Kain zu seinem Bruder. Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot. Der Grund: Gott hatte Kains Opfer nicht im selben Maß gewürdigt wie das seines Bruders. Der Anlass mag uns gering erscheinen und ein Mord nicht die angemessene Reaktion, in einer frühen Welt aber, in der die Menschen ihrem Schöpfergott als höchste Autorität gegenüberzustehen und mit ihm zu kommunizieren gewohnt waren, musste eine derartige Zurückweisung als tödliche Entehrung wirken. Wir müssen uns nur zwei von ihren Eltern fortwährend ungleich behandelte Geschwister vorstellen und die Gefühle desjenigen, das sich zurückgesetzt fühlt. Wenn auch die biblische Darstellung diese Herabsetzung auf ein einziges Ereignis, die Opferhandlung, reduziert, so kann man doch davon ausgehen, dass als zugrundeliegendes Motiv des Brudermords eine permanente Demütigung – oder das subjektive Gefühl einer solchen – gemeint ist, und die Tat wird verstehbar. Die Erzählung lässt sich so lesen, dass die schöpferische Macht durch eine bewusste Erniedrigung des Menschen dem Bösen auf die Sprünge hilft: Ich bringe euch so weit, dass ihr von eurem ewigen Gutsein ablasst! Jenes Gutsein, von dem am Anfang des Schöpfungsberichts die Rede ist, und das – man möchte sagen: auf Teufel komm raus! – überwunden werden musste. Die Tötung Abels war ein provozierter Ehrenmord – und damit ein eindeutig menschliches Motiv, die Tierwelt kennt Derartiges nicht. Erst mit der Nachhilfe für diesen Mord war die Schöpfung auf den vorgesehenen Weg gebracht.

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