Aus der Schreibwerkstatt (April 2019)

Ausschnitt aus dem in Arbeit befindlichen Roman "Die Wegwerfwelt"









(Stand: 11.4.19.)



Am frühen Morgen des 1. Januar 2000, im Aufbruch ins letzte Jahr des Millenniums (notabene einem Tag, den jedermann, überreizt und verführt durch die Zahlen, als Beginn eines neuen Jahrtausends missverstand), fuhr der achtundzwanzigjährige Max N. lange vor Tagesanbruch durch das Dunkel der Münchner Vororte von einem Fest nach Hause, behelligt (wenn auch in unterschiedlichem Maß) von schwankenden Gestalten in den Straßen, ebenso schwankenden flüchtigen Bildern der durchfeierten Nacht und der Angst vor Verkehrskontrollen, die zu scheuen er Grund hatte – wie fast alle, die an diesem Morgen mit dem Auto unterwegs waren.

Gefeiert hatte man in Stockdorf, sechzig, siebzig Leute, um die zwanzig waren immer noch da. Max trat ins Freie (es roch nach Reihenhäusern und erbrochenem Bier), er streckte sich, sog die Morgenkälte ein, die böig vom Fluss her wehte (die Würm, die sich hinter den Häusern leise durch die Dunkelheit gurgelte). Er ließ den Lärm zurück, das Gequatsche, die Musik, er hatte genug. Wo stand das Auto? Sein Stolz, den er nur selten aus der Garage holte (meistens fuhr er mit der S-Bahn in die Stadt): froschgrün (bei Tageslicht), vierzig Jahre alt und zu dieser Stunde in fraglos besserem Zustand als sein Fahrer. Er tat immer gekränkt, wenn jemand den Wagen den DKW nannte – es war ein Auto Union 1000 S de Luxe Coupé mit Scheibenbremsen und Panoramascheibe, das absolute Topmodell von 1959, ein bildschöner, völlig unkorrekter Zweitakter (er liebte das blaue Wölkchen paffende Rönn-dön-dön-dön). Es war widerlich kalt, er würde frieren, die nächtliche Fahrt war nicht geplant. Immerhin lag kein Schnee, hier wenigstens. Um nach Hause zu kommen, musste er die Isar überqueren, er wohnte in Deining. Am schnellsten führe er über Forstenried und die Starnberger Autobahn zur Schäftlarner Brücke, allerdings war dieses Autobahnstück eins der bestüberwachten im Freistaat (wie er immer wieder feststellte). Natürlich war es bescheuert, mit dem Auto zu einer Silvesterfeier zu fahren. Er hatte überhaupt nicht vorgehabt nach dem Besuch in der Stadt noch etwas zu unternehmen, das neue Jahr (Jahrhundert, Jahrtausend) hätte gern ohne ihn anfangen können, das Datum spielte keine Rolle, unausweichlich würde das Jahr Wichtiges bringen (fröstelnd fiel die gefühlte Temperatur um zwei Grad): die Vereidigung zum Beamten auf Lebenszeit stand bevor, zwei Monate noch und er wäre Regierungsrat (auf Lebenszeit klang freilich nach lebenslänglich – doch das hatte er mit sich ausdiskutiert). Dann war ihm auf dem Heimweg (er war schon in Solln) Filippos Fest eingefallen. Er könnte vorbeischauen – vielleicht ist Els da! Der Gedanke hatte ihn (wie immer) für einen Moment aus dem Takt gebracht. Els, die mit ihm Literatur studiert hatte, bis er auf Jura umgestiegen war. Wegen Els‘ Vater. Letztendlich war Els schuld. An allem war sie schuld. Sie hatte über Rilke gearbeitet, Ich lebe grad, da das Jahrhundert geht. Man fühlt den Wind von einem großen Blatt. Ein Jahr oder so hatte er sie nicht mehr gesehen. Els! Sie war wirklich gegen elf aufgetaucht (eine Schar Verehrer im Schlepp), um Mitternacht war man (natürlich) einander um den Hals gefallen, pünktlich waren irgendwo ein paar Sektgläser zu Bruch gegangen, und jemand hatte einen Walzer aufgelegt (wieder schüttelte es ihn). Gegen zwei war Els gegangen. Mit einem ihrer Fans, knutschend. Max hatte vielleicht zehn Minuten, alles zusammengenommen, mit ihr geredet.

Sollte er den Weg nehmen, den er immer fuhr, wenn er vom Münchner Westen kam, über Solln und die Grünwalder Brücke? Er verwarf den Gedanken, zu gefährlich, zu nah an der Stadt. Am sichersten wäre die Wolfratshauser Brücke (Vroni war aus Wolfratshausen, sie war ebenfalls da, mit Horst gekommen und mit ihm wieder verschwunden, aber sie war sowieso zweite Wahl), nur: Wolfratshausen war ein elender Umweg, wenn man nichts wie (allein) ins Bett wollte. Und wenn er diese heikle Autobahn meiden wollte, müsste er über Starnberg fahren: keine sichere Gegend, gerade Starnberg! Zwei Wochen zuvor hatten sie ihn blasen lassen, die Starnberger. Nullkommavier, Glück gehabt. Summer surprised us, coming over the Starnbergersee with a shower of rain, die Literatur hatte ihn jedenfalls nicht verlassen (um diese Jahreszeit kam vom See her freilich eher Nebel). Man hatte ihn über Dichterjuristen promovieren lassen, immerhin, Eichendorff, Verhaeren und so. Und Carol hatte mit einem Typen, den er nicht kannte, rumgemacht (ein Ami, wie sich das Gelaber angehört hatte). Alles in allem eine unerfreuliche Fete, das hätte er sich sparen können. Zwei, drei andere wären noch infrage gekommen, allenfalls, er wusste keine Namen. Alle zweite Wahl, höchstens. Wobei: zweite Wahl würde irgendwie zu ihm passen (es lachte in ihm auf), in seinem Leben war alles zweite Wahl, das Studium zum Beispiel. Er hatte gewechselt, weil Els‘ Vater ihm damals angeboten hatte, in die Kanzlei einzusteigen, der Vater hatte ihn gemocht. Jura wäre doch richtig kreativ, man könne viel bewirken, Gutes tun, bla bla. Als es dann vor drei Jahren mit Els vorbei war, hatte sich auch der Kontakt zum Vater abgekühlt, im Studium war er aber schon so weit, dass er es nicht mehr abbrechen wollte. Und er konnte der Juristerei sogar inzwischen einiges abgewinnen, das mit der Kreativität war nicht falsch. Dann eben in irgendein Amt. Beim Staat. Und? War doch o.k. für den Anfang, Regierungsrat und so. Die Literatur konnte er nebenbei betreiben (wäre als Beruf eh nur brotlos gewesen), die war dann halt jetzt die zweite Wahl (noch ein Aufgelächter). Bitteres stieß ihm auf. Zum Schluss hatte ihn diese Schwatzblase (Gesine oder wie sie hieß) noch angebaggert, (das Make-up nicht mehr unbeschädigt, wie die ganze Person), nicht sein Typ, überhaupt nicht (dürr wie die war), trotzdem war er nahe daran gewesen ihr nachzugeben (getrunken hatte er hinreichend). Wenn schon nicht Els (Els, das hatte wehgetan). Oder wenigstens Vroni. Oder Carol. Als verworrener Reigen traten sie in der dunklen Straße zwischen den ahnungs- und lieblosen Eigenheimen vor ihm auf. Die Schäftlarner Brücke war sicher am besten, die Autobahn musste er nicht zwingend nehmen, er kannte sich doch aus. Er konnte sich auf Schleichwegen an die Brücke heranmachen (bei einer Brücke wird’s wohl klappen), von Leutstetten führte ein schmales Waldsträsschen an der Schwaig vorbei nach Wangen. Und von da nach Schäftlarn. So könnte es gehen. Gar so übel war die Gisa (oder so) eigentlich nicht, ein bisschen jung (ob die schon achtzehn war?), und eine Macke hatte die auch. Bestimmt hatte sie was genommen, so wie die drauf war. Das hätte interessant werden können (was man so hört). Er hatte seine Phantasie spazierengeführt, während ihr Geblubber durch ihn hindurchperlte, und er sich (Typ hin, Typ her) in ihren entgegenkommenden Ausschnitt versenkte (auch wenn da nicht viel drin war). Was sie wollte, war klar. Das hatte was. Nur hörte sie sich an, als würde sie die Nacht durchplappern. Er sah sich am folgenden Morgen (also am Nachmittag) neben ihr aufwachen, Nettigkeiten absondern, ein Frühstück mit ihr teilen – und auf einmal war er ernüchtert, fühlte sich geradezu geprellt. Fast wurde ihm schlecht. Wie hatte er sich verabschiedet? Hatte er das überhaupt? Unerquicklich, wie gesagt, das Fest, und es entglitt ihm, kaum dass er die ersten Schritte die Straße hinunter getan hatte (wo er den DKW an der Ecke stehen sah). Alles kippte ins Dunkel, die Musik, das Geschwätz, die Figuren, Els, Vroni, Carol, Gisela (hieß sie Gisela? Kein Mensch heißt mehr Gisela). Er griff in die Hosentasche, fühlte den Schlüssel unter dem Taschentuch, zog ihn heraus (und traf auf Anhieb das Schlüsselloch). Er öffnete die Tür, ließ seine Einmeterneunzig auf den Sitz fallen und schlug die Tür zu, dass es froschgrün in die Nacht hinaus schepperte, halloo! Um Gauting herum müsste er wachsam sein, ganz ohne Risiko war auch diese Strecke nicht. Es war halb vier. Er fuhr los, auf Gauting zu.








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