Leseproben aus: Markus Zusak, Die Bücherdiebin



S. 95 ff., 378 ff., 422 ff.



[1] Liesel Meminger, die Bücherdiebin, hatte anlässlich einer Bücherverbrennung zu "Führers Geburtstag" in Molching, ihrem Heimatort, ein Buch gestohlen. (S. 95 ff.)

[2] Der Tod berichtet aus den Konzentrationslagern (S. 378 ff.)

[3] Durch Molching marschieren Juden auf dem Weg in Dachauer KZ (S. 422 ff.)






[1]

Liesel Meminger, die Bücherdiebin, hatte anlässlich einer Bücherverbrennung zu "Führers Geburtstag" in Molching, ihrem Heimatort, ein Buch gestohlen. (S. 95 ff.)


EIN MÄDCHEN, ERSCHAFFEN AUS DUNKELHEIT

~ EINE STATISTIK ~

13. Januar 1939: Das erste Buch wird gestohlen.
20. April 1940: Das zweite Buch wird gestohlen.
Zeitlicher Abstand zwischen den beiden Diebstählen: 463 Tage.



Es ließe sich leichtfertig behaupten, dass nur ein bisschen Feuer nötig war und ein paar menschliche Stimmen, die dazu brüllten und schrien – dass dies alles war, was Liesel zur Rechtfertigung brauchte, um das zweite Buch zu stehlen, es zu packen, auch wenn es in ihren Händen schmauchte. Auch wenn es ihre Rippen in Brand steckte.

Es ergibt sich nur folgendes Problem:

Dies ist nicht die rechte Zeit, um leichtfertig zu sein.

Es ist nicht die rechte Zeit, um nur mit einem Auge hinzusehen, sich umzudrehen oder nebenbei nach der Milch auf dem Herd zu schauen – denn als die Bücherdiebin ihr zweites Buch stahl, spielten in diesem Verlangen nicht nur zahlreiche Faktoren eine Rolle, sondern die Tat – das Stehlen – war selbst auch Auslöser dessen, was noch folgen sollte. Sie würde ihr den Weg zu weiteren Diebstählen weisen. Sie sollte Hans Hubermann dazu inspirieren, sich einen Plan auszudenken, wie er einem jüdischen Faustkämpfer helfen konnte. Und es sollte mir einmal mehr beweisen, dass eine Gelegenheit geradewegs zu einer anderen führt, genauso wie ein Risiko ein weiteres nach sich zieht, ein Leben ein anderes und ein Tod den nächsten.

Auf gewisse Weise war es Schicksal.

Wisst ihr, man behauptet, dass Nazi-Deutschland auf Antisemitismus erbaut wurde, auf einem übereifrigen Führer und einer Nation von mit Hass überfütterten Heuchlern. Aber das alles hätte zu nichts geführt, wenn die Deutschen nicht eine ganz besondere Vorliebe gehabt hätten:

Etwas zu verbrennen.

Die Deutschen liebten es, Dinge zu verbrennen. Geschäfte, Synagogen, Reichstagsgebäude, Häuser, persönliche Gegenstände, die Leichen ermordeter Menschen und natürlich: Bücher. Eine gute Bücherverbrennung war Gold wert – und gab nebenbei all jenen, die eine Schwäche für Bücher hatten, die Gelegenheit, Exemplare zu ergattern, die sie unter normalen Umständen nie in die Hände bekommen hätten. Eine Person mit einer solchen Veranlagung war, wie wir wissen, ein schmalknochiges Mädchen namens Liesel Meminger. Sie hatte zwar 463 Tage warten müssen, aber das war es wert gewesen. Am Ende eines Nachmittags, der jede Menge Aufregung mit sich gebracht hatte, viel herrliche und prächtige Abscheulichkeiten, einen blutigen Fuß knöchel und eine Ohrfeige von einer vertrauten Hand, schlug Liesel Meminger ein zweites Mal erfolgreich zu. Das Schulterzucken. Es war ein blaues Buch mit roter Schrift, die in den Einband eingraviert war. Unter dem Titel befand sich, ebenfalls in Rot, das kleine Bild eines Kuckucks. Zurückblickend schämte sich Liesel nicht, dass sie das Buch gestohlen hatte. Im Gegenteil: Das Gefühl, das der Empfindung in ihrem Bauch am nächsten kam, war Stolz – und dann waren da noch Wut und dunkler Hass, der das Verlangen zu stehlen angestachelt hatte. Am 20. April, am Geburtstag des Führers, als sie das Buch unter einem dampfenden Haufen Asche hervorzog, war Liesel ein Mädchen, das aus Dunkelheit erschaffen war.

Es stellt sich die Frage nach dem Warum. Worüber war sie so wütend?

Was war in den vorangegangenen vier oder fünf Monaten geschehen, dass sich solche Gefühle angestaut hatten?

Kurz gesagt: Die Antwort wanderte von der Himmelstraße zum Führer, zu dem unbekannten Aufenthaltsort ihrer Mutter und wieder zurück.

Wie so oft bei Leid und Elend fing alles mit vermeintlicher Freude an.


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[2]

Der Tod berichtet aus den Konzentrationslagern (S. 378 ff.)


DAS TAGEBUCH DES TODES: DIE PARISER JUDEN


Der Sommer kam.

Im Leben der Bücherdiebin lief alles glatt.

In meinem Leben hatte der Himmel die Farbe von Juden.

Ihre Körper gaben die Suche nach Spalten in der Tür auf. Ihre Seelen erhoben sich. Ihre Fingernägel hatten sich in das Holz gekrallt, waren manchmal in der Kraft der Verzweiflung wie hineingenagelt. Dann kamen ihre Seelen zu mir, in meine Arme, und gemeinsam kletterten wir aus den »Duschen« hinauf aufs Dach und höher, in den sicheren Atem der Ewigkeit. Sie fütterten mich unentwegt. Minute um Minute. Eine Dusche nach der anderen.

Ich werde nie diesen ersten Tag in Auschwitz vergessen, den ersten Tag in Mauthausen. Dort hob ich sie nach einer Weile auch vom Fuß einer hohen Klippe empor, wo ihr Versuch zu entkommen jämmerlich gescheitert war. Es waren zerschmetterte Körper und tote, liebliche Herzen. Aber das war immer noch besser als das Gas. Manche von ihnen fing ich noch im freien Fall auf. Gerettet, dachte ich dann und hielt ihre Seelen fest, während der Rest ihres Daseins - ihre körperliche Hülle – auf die Erde stürzte. Alle waren sie leicht, wie die Schalen einer hohlen Walnuss. Rauchige Himmel, fast überall. Ein Geruch wie von einem Ofen, aber so kalt, so kalt. Ich zittere, wenn ich daran denke wenn ich versuche, die Wirklichkeit ungedacht zu machen.

Ich blase mir warme Luft in die geballten Hände, um die Kälte zu vertreiben.

Aber es ist so schwer, sie zu wärmen, wenn die Seelen noch vor Kälte beben.

Gott.

Immer sage ich diesen Namen, wenn ich daran denke. Gott.

Zwei Mal spreche ich ihn aus.

Ich sage Seinen Namen in dem vergeblichen Versuch zu verstehen. »Aber es ist nicht deine Aufgabe zu verstehen.. Ich bin es selbst, der mir antwortet. Gott sagt niemals etwas. Glaubt ihr vielleicht, ihr seid die Einzigen, die nie eine Antwort von ihm bekommen? »Deine Aufgabe ist es ...« Und dann höre ich mir nicht mehr länger zu, denn ehrlich gesagt langweile ich mich selbst. Wenn ich anfange, so zu denken, bin ich schnell erschöpft, und den Luxus, Ermüdungserscheinungen nachzugeben, kann ich mir nicht leisten. Ich bin gezwungen weiterzumachen, denn obwohl es nicht auf jeden Menschen auf Erden zutrifft, so doch auf die allermeisten: Der Tod wartet auf niemanden. Und wenn er es doch tut, wartet er nicht lange.

Am 23. Juni 1942 saß eine Gruppe französischer Juden in einem deutschen Gefängnis auf polnischem Boden. Die erste Person, die ich mir nahm, befand sich nahe an der Tür. Die Gedanken rasten, dann schlenderten sie, dann taumelten sie, langsam, langsamer ...

Glaubt mir, wenn ich euch sage, dass ich an diesem Tag jede Seele aufhob, als wäre sie neugeboren. Ich küsste sogar ein paar erschöpfte, vergiftete Wangen. Ich lauschte ihren letzten, erstickten Schreien. Ihren verschwindenden Worten. Ich betrachtete ihre Visionen von Liebe und befreite sie von ihrer Angst.

Ich nahm sie alle mit, und wenn es jemals eine Zeit gab, in der ich der Ablenkung bedurfte, so war es diese. In vollkommener Verlassenheit schaute ich in die Welt da oben. Ich sah den Himmel, der sich von Silber zu Grau wandelte und dann die Farbe des Regens annahm. Sogar die Wolken flohen von diesem Ort. Manchmal stellte ich mir vor, wie es über diesen Wolken aussah. Ich wusste ohne Zweifel, dass die Sonne blond war und die endlose Atmosphäre ein einziges, riesiges blaues Auge.

Sie waren Franzosen, diese Juden, und sie waren wie ihr.


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[3]

Durch Molching marschieren Juden auf dem Weg in Dachauer KZ (S. 422 ff.)


~ DUDEN BEDEUTUNGSWÖRTERBUCH - ~ SECHSTER EINTRAG

Leid: a) tiefer seelischer Schmerz als Folge erfahrenen Unglücks.
Synonyme: Gram, Jammer, Kummer, Pein, Qual, Schmerz, Unglück.
b) Unrecht, Böses, das jemandem zugefügt wird.
Synonyme: Unglück, Unrecht.


Noch mehr Menschen tauchten auf der Straße auf, über die die Ansammlung von Juden und anderen Verurteilten bereits geschoben wurde. Die Vernichtungslager mochten ein Geheimnis sein, aber manchmal wurde den Menschen der Ruhm der Konzentrationslager wie Dachau vor Augen geführt.

In weiter Ferne, auf der anderen Seite, erblickte Liesel einen Mann mit einem Karren voller Farbeimer. Unbehaglich strich er sich mit der Hand durchs Haar.

»Dahinten«, sagte sie zu Rudi und streckte die Hand aus. »Mein Papa.« Beide überquerten die Straße, und Hans Hubermann machte zuerst Anstalten, sie wegzuschicken. »Liesel«, sage er. »Vielleicht solltest du ... «

Aber er merkte, dass das Mädchen zum Bleiben entschlossen war, und vielleicht war dies etwas, was sie sehen musste. In der leichten Herbstbrise stellte er sich neben sie. Er sagte nichts. Sie standen auf der Münchener Straße und schauten. Andere kamen zu ihnen und schoben sich vor sie.

Sie sahen zu, wie die Juden die Straße entlangkamen, wie eine Palette aus Farben. So hat sie die Bücherdiebin zwar nicht beschrieben, aber glaubt mir, genau das waren sie, denn viele von ihnen würden sterben. Sie würden mich begrüßen als ihren letzten wahren Freund, mit Knochen aus Rauch und Seelen, die hinter ihnen baumelten.

Als sie angekommen waren, pochten ihre Füße auf der Straße. Ihre Augen waren riesig groß in ihren ausgezehrten Schädeln. Und der Dreck. Der Dreck war an ihnen festgebacken. Ihre Beine taumelten; ihre Körper wurden von Soldatenhänden gestoßen – ein paar ziellose, erzwungene Laufschritte, dann fielen sie wieder in ihr unterernährtes Schlurfen.

Hans sah sie über die Köpfe des versammelten Publikums an. Ich bin mir sicher, dass seine Augen silbern und angespannt waren. Liesel schaute durch die Lücken oder über die Schultern hinweg.

Die leidenden Gesichter der entleerten Männer und Frauen reckten sich ihnen entgegen, flehten: nicht um Hilfe – das hatten sie hinter sich gelassen –, sondern um eine Erklärung. Um irgendetwas, das diese Verwirrung begreifbar machen konnte.

Ihre Füße hoben sich kaum von der Erde.

Davidssterne waren an ihre Kleidung geheftet, und die Qual hing an ihnen wie ein Etikett. »Vergesst euer Leid nicht ... « In einigen Fällen wurden sie davon überwuchert wie von Weinranken.

Auch die Soldaten passierten die Zuschauer, befahlen den Gefangenen, sich zu beeilen und mit dem Jammern aufzuhören. Einige der Soldaten waren noch fast Jungen. Der Führer leuchtete in ihren Augen.

Während sie all das betrachtete, gab es für Liesel keinen Zweifel daran, dass dies die ärmsten Seelen der Welt waren. Das ist es, was sie über dieses Erlebnis schrieb. Ihre verhärmten Gesichter waren vor Elend in die Länge gestreckt. Hunger nagte an ihnen, und sie schleppten sich vorwärts, wobei etliche die Augen zu Boden gerichtet hatten, um nicht die Menschen ansehen zu müssen, die die Straße flankierten. Nur wenige sahen flehend jene an, die gekommen waren, um ihre Erniedrigung, dieses Vorspiel ihres Todes, mit anzusehen. Andere baten darum, dass jemand, irgendjemand, vortrete und sie in die Arme nehme.

Niemand tat es.

Egal ob sie diese Parade mit Stolz betrachteten, mit zitternden Herzen oder voller Scham, niemand trat vor und tat etwas. Noch nicht.

Von Zeit zu Zeit fiel der Blick eines Mannes oder einer Frau – nein, sie waren keine Männer und Frauen, sie waren Juden – auf Liesels Gesicht in der Menge. Sie begegneten ihr voller Niederlage, und die Bücherdiebin konnte den Blick in diesem langen, unüberwindbaren Moment nur erwidern, bis sie vorbeigegangen waren. Liesel konnte nur hoffen, dass sie in ihren Augen ihre tiefe Trauer erkennen konnten, dass sie wussten, wie wahrhaftig und dauerhaft diese Trauer war.

Ich habe einen von euch bei mir im Keller!, wollte sie sagen. Wir haben zusammen einen Schneemann gebaut! Ich habe ihm dreizehn Geschenke gebracht, als er krank war!

Doch Liesel sagte nichts dergleichen.

Was hätte es genutzt?

Sie verstand, dass sie für diese Menschen vollkommen wertlos war. Sie konnten nicht gerettet werden, und in wenigen Minuten sollte sie erleben, was mit jenen geschah, die versuchten, ihnen zu helfen.

In einer kleinen Lücke in der Prozession ging ein Mann, der älter war als die anderen.

Er trug einen Bart und zerrissene Kleidung.

Seine Augen hatten die Farbe von Todesqualen, und so wenig Gewicht er auch zu schleppen hatte, so war er doch zu schwer für seine Beine.

Mehrmals fiel er hin.

Die Seite seines Gesichts wurde flach auf den Asphalt gepresst.

Jedes Mal stand ein Soldat über ihm. »Steh auf!«, schrie er hinab.

Der Mann erhob sich auf die Knie und kämpfte sich hoch. Er ging weiter.

Jedes Mal, wenn er wieder zu seiner Reihe aufgeschlossen war, verlor er schon bald wieder an Fahrt und fiel ein weiteres Mal nieder. Hinter ihm kamen noch mehr – eine ganze Wagenladung voll –, und sie drohten ihn niederzutrampeln.

Der Schmerz in seinen Armen, als sie versuchten, seinen Körper hochzustemmen, war unerträglich. Sie gaben noch ein Mal unter ihm nach, ehe er sich aufrichten konnte und ein weiteres Häuflein Schritte unternahm.

Er war tot.

Der Mann war tot.

Gebt ihm noch fünf Minuten, und er würde in einen deutschen Rinnstein fallen und sterben. Sie würden es zulassen, und sie würden dabei zusehen.

Dann, ein Mensch.

Hans Hubermann.

Es geschah so schnell.

Die Hand, die ihre so fest gehalten hatte, löste sich, als der Mann sich zu ihnen kämpfte. Sie fühlte ihre Handfläche auf die Hüfte klatschen.

Papa griff in seinen Karren und holte etwas heraus. Er bahnte sich einen Weg durch die Zuschauer auf die Straße.

Der Jude stand vor ihm und erwartete eine weitere Handvoll Spott, aber er und alle anderen auch sahen, dass Hans Hubermann die Hand ausstreckte und ihm ein Stück Brot darbot. Ein Wunder.

Das Brot wurde von einer Hand zur anderen gereicht, und dann sank der Jude nieder. Er fiel auf die Knie und umklammerte Papas Schienbeine. Er vergrub das Gesicht zwischen ihnen und dankte ihm.

Liesel schaute zu.

Mit Tränen in den Augen sah sie, wie der Mann weiter nach unten rutschte und Papa dabei zurückschob, um nun in seine Fußgelenke zu weinen.

Andere Juden gingen vorbei; manche schauten auf dieses kleine, vergebliche Wunder. Sie strömten vorbei wie menschliches Wasser. An diesem Tag würden ein paar den Ozean erreichen. Eine weiße Krone erwartete sie dort.

Ein Soldat watete durch die Menschen und hatte schon bald den Ort des Vergehens erreicht. Er betrachtete den knienden Mann und Papa und schaute dann die Menge an. Nach einer kurzen Überlegung nahm er die Peitsche von seinem Gürtel und fing an.

Der Jude wurde sechs Mal gepeitscht. Auf den Rücken, auf den Kopf und auf die Beine. »Du Abschaum! Du Schwein! « Blut rann ihm aus dem Ohr.

Dann war Papa an der Reihe.

Eine Hand hielt Liesel fest, und als sie voller Schrecken neben sich blickte, stand da Rudi Steiner und schluckte, während vor ihnen auf der Straße Hans Hubermann ausgepeitscht wurde. Das Geräusch verursachte ihr Übelkeit, und sie hatte Angst, dass auf dem Körper ihres Papas Risse aufplatzen würden. Er bekam vier Hiebe, dann ging auch er zu Boden.

Als der ältere Jude ein letztes Mal aufstand und sich weiterschleppte, schaute er noch einmal kurz zurück. Er warf einen letzten, traurigen Blick auf den Mann, der jetzt selbst auf der Straße lag, auf dessen Rücken vier Feuerlinien brannten, dessen Knie sich schmerzhaft in den Asphalt bohrten. Aber wenigstens würde der alte Mann sterben wie ein Mensch. Oder zumindest mit dem Gedanken, dass er ein Mensch war.

Was ich darüber denke?

Ich bin mir nicht sicher, ob das gut war.

Als Liesel und Rudi sich zu Hans durchgekämpft hatten und ihm auf die Beine halfen, waren sie in Stimmen gebadet. In Worte und Sonnenlicht. So blieb es Liesel im Gedächtnis. Das Licht funkelte auf der Straße, und die Worte brachen sich wie Wellen an ihrem Rücken. Erst als die drei weggehen wollten, bemerkten sie das Stück Brot, das verschmäht auf der Straße lag.

Rudi wollte es aufheben, aber ein vorbeigehender Jude riss es ihm aus der Hand, und zwei andere balgten sich mit ihm darum, während sie ihren Weg nach Dachau fortsetzten.

Da liefen silbrige Augen über.

Ein Karren wurde umgeworfen, und Farbe floss auf die Straße.

Man nannte ihn einen Judenfreund.

Andere schwiegen und halfen, ihn in Sicherheit zu bringen.

Hans Hubermann hatte sich vorgebeugt und die Arme ausgestreckt. Mit den Händen stützte er sich an eine Hauswand. Er war mit einem Mal überwältigt von dem, was gerade geschehen war.

Ein Bild tauchte auf, schnell und glühend.

Himmelstraße 33 – der Keller.

Panik verfing sich zwischen seinen rasselnden Atemzügen. Jetzt werden sie kommen. Jetzt werden sie kommen.

O Herr Jesus, o Herr Jesus,

Er schaute das Mädchen an und schloss die Augen.

»Bist du verletzt, Papa?«

Als Antwort kam eine Gegenfrage.

»Was habe ich mir nur dabei gedacht?« Fest presste er die Augenlider zu und öffnete sie wieder. Sein Arbeitskittel war zerknittert. Überall an seinen Händen waren Farbe und Blut. Und Brotkrumen. Aber ganz anders als das Brot des Sommers. »O mein Gott, Liesel, was habe ich getan? «

Ja.

Ich kann es nicht leugnen.

Was hatte Papa getan?


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