Leo Perutz
Der schwedische Reiter



         
         
Leo Perutz

Der schwedische Reiter



Süddeutsche Zeitung Bibliothek
ISBN 978-3-86615-549-7
223 Seiten
5,90 €
         
Unter dem Titel "Wieviel Ordnung verträgt die Welt" ist dem Roman ein Nachwort von Hans-Harald Müller nachgestellt. Ich möchte anstelle eines eigenen Kommentars daraus zwei Stellen zitieren:

Zwei Männer auf der Flucht vor ihren Verfolgern, erschöpft, verhungert, dem Tode näher als dem Leben – der Anfang des Romans sieht fatal nach einem Ende aus. Doch dann geht es erst richtig los. Erst 240 Seiten später sind die beiden Männer wirklich tot. Dazwischen aber spannt sich der Bogen zweier Lebensgeschichten. Prall und gemächlich die eine, die vom Aufstieg und Fall eines namenlosen Diebs berichtet, der durch Freundesbetrug und Kirchenraub ein Landgut erwirbt und die schöne Maria Agneta von Krechwitz zur Frau gewinnt, um schließlich ein düsteres Ende zu finden – kurz und rasant die Geschichte vom tiefen Fall, raschen Aufstieg und ruhmvollen Tod des Christian von Tornefeld, der nichts sehnlicher begehrt, als sein Leben für den schwedischen König Karl XII.

(...)

Der gleiche Minimalismus, der die Figurenausstattung und den Handlungsablauf regiert, gilt auch für die moralische Ordnung des Romans. Verraten wird nur, welche Ordnung über der Erzählung nicht waltet: die religiöse Ordnung der christlichen Konfessionen. Die Welt des Schwedischen Reiters ist eine ganz und gar von Gott verlassene, eine gottlose Welt. Der Bischof finanziert seinen neuen Lustgarten mit Hilfe eines Zwangsarbeitslagers, der Held des Romans ist »lutherisch oder papistisch, wie es die Welt will« und schreckt selbst vor dem Gottesraub nicht zurück, und das Gottesgericht bildet den blasphemischen Höhepunkt des Romans, es spricht den Dieb von allen Verbrechen frei, um ihn für das dem Kameraden gebrochene Versprechen desto härter zu strafen.

Der Leser bleibt bei der Deutung des Romans so auf sich selbst gestellt wie der Protagonist, der sich einen Reim auf sein Leben machen will. Er weiß, daß er Besitz, Liebe und Glück einem Betrug zu danken hat: »Wie ein kalter Nachtwind wehte es ihn an: als wäre all dies nicht sein eigen, sondern ihm nur geliehen für kurze Frist, und als müßte er es wieder hingeben.« Desto zäher hält er fest an seinem Glück. Er erkennt die vom Gottesgericht über ihn verhängte Strafe des Schweigens nicht als Sühne – bis in seine Todesstunde. Als der »Cherub mit dem Schwerte« da abermals erscheint, spricht der Dieb zu ihm: »Hör mich an. Ich habe oftmals nachgedacht über das Gericht Gottes, aber ich konnt’ es nicht begreifen, es war mir zu schwer. Jetzt mein’ ich, ich begreif’s.«

Nicht zufällig verliert der Namenlose kein Wort darüber, was er an dem Gericht Gottes begreift. Sein »ich begreif’s« sagt nichts Neues über das Gottesgericht oder seine Auslegung, es besagt, daß der Namenlose sein ohnehin besiegeltes Schicksal aus freiem Willen annimmt.


Ein sehr bewegendes Buch.
         
 
         
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