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Mittwoch,
30. März 2016
Josef (18) – Fortsetzungsgeschichte, 18. Teil ( zur Einleitung)

( zum 17. Teil)


Eines Abends lud mich Josef zu sich ins Château zum Essen ein. Er war ein exzellenter Koch, der die gehobene Cuisine seines Gastlands ebenso beherrschte wie eine bäuerliche Resteküche. Das Kräftige, Deftige bevorzugten wir damals beide, und er servierte, wenn ich mich recht erinnere, Hammel- oder Lammbraten in einer fetten köstlichen scharfen Soße. Von Hammelschweinerei redete Josef. Nach der Käseplatte, dem Armagnac und einer schweren Zigarre lag mit einem Mal, ich weiß den Zusammenhang nicht mehr, eine Bibel auf dem Tisch. Irgendwie muss es um künstlerische Prozesse gegangen sein, Josefs Werkstücke, meine Bücher, Schaffen, Schöpfung – einer von uns beiden hatte dann die Frage, ob man die Welt als ein Kunstwerk ansehen könne, zu den Resten des Hammels auf den Tisch gelegt, und ich glaube, ich hatte gefragt: "und wer ist der Künstler?" – "Ja wer wohl, hä?" fragte Josef zurück, als hätte ich meine Sinne nicht beisammen.

"Glaubst du an Gott?" setzte er nach als er mein Zögern sah, und das brachte mich in Bedrängnis. Wer darf sagen, ich glaub an Gott! Magst Priester oder Weise fragen, Und ihre Antwort scheint nur Spott Über den Frager zu sein42. Bedrängnis nicht, weil ich die Frage zu intim gefunden hätte, sondern weil ich mit einem Ja wie mit einem Nein ein Missverständnis befürchtete. Was antwortet man denn, wenn man weiß, dass einen der andere nicht verstehen wird? Glaubst du an Gott? ist eine von diesen Fragen, die scheinbar so einfach und klar wie nur möglich daherkommen, da geht jeder, der sie stellt, davon aus, dass er verstanden wird.

Als sich Moses anschickt vom Berg Sinai zurückzukehren, wendet er sich noch einmal an Gott: Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!, und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen?43, da gibt ihm Gott nicht die naheliegende Antwort mit auf den Weg: Sage ihnen, ich bin der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs – eine Auskunft, mit der das Volk etwas hätte anfangen können –, sondern die rätselhaften Worte: Ich bin der ich bin.44 Erich Fromm merkt dazu an, ein chassidischer Kommentar lege diese Schriftstelle so aus, dass zwei Menschen nicht denselben Gott haben, dass Gott stets das individuelle Erlebnis jedes einzelnen ist.45

Die Frage nach Gott scheint der Frage Liebst du mich? doch sehr verwandt, eigentlich darf man keine von beiden stellen. Liebst du mich? Das ist die Standardfrage des selbstunsicheren Menschen46, und ähnlich ist es mit Glaubst du an Gott? Beide Fragen sind nicht beantwortbar, weil jeder einen anderen Begriff von Liebe wie eben auch von Gott hat, und mit der größten Wahrscheinlichkeit wird man beim Versuch ehrlich zu antworten, einen folgenschweren Irrtum erschaffen.

Mund halten. Man muss sich davor hüten, die Begriffe, die sich schon in einem vorgeformt haben, zu rasch auf die Erscheinungen der Welt oder die eigenen Eingebungen zugreifen zu lassen. Hinschauen, -hören, -fühlen auf das, was ist, heißt es erst einmal. Aber: schau mal auf Gott (oder die Liebe)! Gleich wissen, was Sache ist, kann von großem Übel sein. Will heißen: bei jedem Begriff, den wir blitzschnell einem Gedanken zuordnen, schon in dem still formulierten Gedanken, ist im Grunde die Verfälschung bereits geschehen. Vor dem Benennen, vor dem Etikettieren müsste man gedanklich stehen bleiben, ein inhaltlich und poetisch wahrer Name für Gedachtes und Gefühltes müsste aus einem ganz anderen Zusammenhang kommen. Wenn überhaupt. Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort. Wenn das schon für Hund und Haus und Beginn und Ende gilt47, wie will ich mich dann an Gott oder die Liebe wagen. Wie Gott ist auch die Liebe das individuelle Erlebnis eines jeden einzelnen.

Josefs Frage schien in ihrer vermeintlichen Einfachheit nichts als ein Ja oder ein Nein zu fordern, aber damals fand ich die Antwort nicht. Mein Gott war nicht Josefs Gott, und das, was man mir (und vermutlich Josef) über Gott erzählt hatte, war unmöglich identisch mit dem, was in meinem (oder seinem) Herzen lebte. Ein Reden darüber schien kaum denkbar, ich wusste nicht, wie ich mich Josef erklären sollte. Zu allem Überfluss war noch das Wort Proudhons in der Welt: Wer Gott sagt, will betrügen48 – gut, das war anderthalb Jahrhunderte her und wurde zu einer Zeit geäußert, da Gott ohnehin ums Überleben kämpfte, bis ihn Nietzsche eine Generation später endgültig für tot erklärte (was in der wiederum folgenden Generation Marcel Proust nicht hinderte, zu schreiben, es sei doch merkwürdig, daß nach dem letzten Stand der Wissenschaft der Materialismus offenbar erledigt und das Wahrscheinlichste noch immer das ewige Leben der Seelen und ihre künftige Wiedervereinigung sei49).

Das ist nicht besser geworden seither: heute nennt Sloterdijk Gott den machthabenden Götzen der Religionen50. Großartig – und doch zum Verzweifeln. Mir half das alles nichts, und so wich ich Josefs Frage aus, sagte, dass ich sie nicht beantworten könne – betrügen wollte ich gewiss nicht –, doch er ließ mir das nicht durchgehen: "Du wirst doch wissen, ob du an Gott glaubst oder nicht!"

Josef wollte von mir ein Bekenntnis. Ich mochte Josef, also nahm ich mich zusammen und versuchte, meine Gedanken zu ordnen. Ich erzählte ihm von einem Schreibprojekt, einem unausgegorenen Gemenge aller möglichen pseudospirituellen Schrullen, Gott und die Welt hatte ich es bei mir genannt – ich war noch so jung. Zwar fand ich es unbefriedigend und riskant, über eine halbfertige Schöpfung zu reden, aber ich hatte großes Vertrauen zu Josef gefasst, anderenfalls hätte ich meine Gedanken für mich behalten.

Immerhin kam Gott in meinem Projekt vor.


Fortsetzung folgt
42 GOETHE, J.W.: Faust I. Teil, Marthens Garten

43 Zweites Buch Moses (EXODUS) 3, 13. Wenn nicht anders vermerkt, sind die Bibelstellen nach der Übersetzung Martin Luthers zitiert, in der revidierten Fassung von 1984.

44 Zweites Buch Moses (EXODUS) 3, 14; diese Stelle wird auf unterschiedliche Weise ins Deutsche übersetzt, ich habe folgende neun Versionen gefunden:
1. Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: "Ich werde sein", der hat mich zu euch gesandt. (Luther, in der Version 1984)
2. Da sprach Gott zu Mose: "Ich bin, der ich bin." Dann sprach er: So sollst du zu den Söhnen Israel sagen: Der "Ich bin" hat mich zu euch gesandt. (Elberfelder Bibel)
3. Gott antwortete: "Ich bin euer Gott, der für euch da ist. Darum sag den Israeliten: 'Ich bin für euch da' hat mich zu euch gesandt." (Hoffnung für alle)
4. Gott sprach zu Mose: "Ich bin, der ich bin!" Und er sprach: So sollst du zu den Kindern Israels sagen: "Ich bin", der hat mich zu euch gesandt. (Schlachter 2000)
5. Gott antwortete:  Ich bin da", und er fügte hinzu: "Sag zum Volk Israel: ‚Der Ich-bin-da hat mich zu euch geschickt.‘" (Gute Nachricht)
6. Da antwortete Gott dem Mose: Ich bin der "Ich-bin-da". Und er fuhr fort: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der  Ich-bin-da" hat mich zu euch gesandt. (Einheitsübersetzung) 7. Gott entgegnete: "Ich bin, der ich immer bin. Sag ihnen einfach: ‚»Ich bin« hat mich zu euch gesandt.‘" (Neues Leben)
8. Da sagte Gott zu Mose: "Ich bin der, der ist und immer sein wird. Sag den Israeliten: Der 'Ich-bin' hat mich zu euch geschickt." (Neue evangelistische Übersetzung)
9. Gott antwortete: "Ich bin der Ich-bin-da", und er fügte hinzu: "Sage zu den Israeliten: ‚Der Ich-bin-da‘ hat mich zu euch geschickt." (Die Gute Nachricht in heutigem Deutsch)

Für Leser, die sich intensiver mit dieser Thematik befassen wollen:
Hebräisch: ויאמר אלהים אל־משה אהיה אשר אהיה ויאמר כה תאמר לבני ישראל אהיה שלחני אליכם׃
Griechisch (Septuaginta): καὶ εἶπεν ὁ θεὸς πρὸς Μωυσῆν ᾿Εγώ εἰμι ὁ ὤν· καὶ εἶπεν Οὕτως ἐρεῖς τοῖς υἱοῖς Ισραηλ ῾Ο ὢν ἀπέσταλκέν με πρὸς ὑμᾶς.
Lateinisch (Vulgata): Dixit Deus ad Moysen : Ego sum qui sum. Ait : Sic dices filiis Israël : Qui est, misit me ad vos.
Quelle 1 – 8, sowie hebräischer, griechischer und lateinischer Text: http://www.bibleserver.com
Quelle 9: Die Gute Nachricht in heutigem Deutsch, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 1982

45 FROMM, Erich: Die Herausforderung Gottes und des Menschen, Konstanz-Zürich 1970, S. 98

46 LAUSTER, Peter: Die Liebe – Psychologie eines Phänomens, Reinbek bei Hamburg 1995, S. 100

47 RILKE, R. M.: Aus: Im All-Einen, in: Sämtliche Werke in sechs Bänden, Dritter Band, Frankfurt am Main 1959, S. 257.
Gesamtes dreistrophiges Zitat:
Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Sie sprechen alles so deutlich aus:
Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und hier ist Beginn und das Ende ist dort.

Mich bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie wissen alles, was wird und war;
kein Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr Garten und Gut grenzt grade an Gott.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.
48 PROUDHON, Pierre-Joseph, 1809-1865, französischer Ökonom und Soziologe; Wikipedia nennt ihn einen "der ersten Vertreter des solidarischen Anarchismus". Die genaue Quelle des Zitats ist mir nicht bekannt, für Hinweise bin ich dankbar.

49 PROUST, Marcel: Im Schatten junger Mädchenblüte (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Zweiter Teil), Frankfurt am Main 1981, S. 397

50 SLOTERDIJK, Peter: Du mußt dein Leben ändern, Frankfurt a. M., 2009, S. 42
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Dienstag,
29. März 2016
Es gibt Schriftsteller und Schriftstellerinnen von hohem Rang, die ihr ganzes Leben lang keine einzige Zeile veröffentlichen. Peter Schneiders Mutter gehört zu ihnen. Was in Die Lieben meiner Mutter 41 an Auszügen aus ihren Briefen steht, ist der klare, kraftvolle, mitunter poetische Ausdruck ihrer starken Gefühle. Sie formuliert weit besser, genauer und schöner als mancher bestsellende Schreiberling unserer Tage. Das Leben gab Frau Schneider keine Gelegenheit, das Schreiben zu ihrer Profession zu machen. Ihr Sohn hat ihr mit diesem Buch ein eindrucksvolles Denkmal gesetzt.



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Samstag,
26. März 2016
Seit zwei Tagen zurück im Schwarzwald.



Abends Studio LCB im Deutschlandfunk. Die Sendung dreht sich um den Roman Unterleuten von Juli Zeh. Als die Autorin gegen Ende der Sendung auch über ihre Arbeitsweise spricht, sagt sie sinngemäß: sie habe zu Anfang eines Projekts wenig bis keinen Plan, sie schreibe mehr oder weniger drauflos, ausgehend von einer Situation, die ihr Interesse und Engagement weckt.

Das beeindruckt mich vor allem deshalb, weil ich bisher dachte, gerade ein solches "planloses" Vorgehen sei der Hauptgrund für mein bisheriges Scheitern gewesen. Schließlich habe auch ich ein solches Drauflosschreiben gern gepflegt, bis ich dann regelmäßig festgestellt habe: ich weiß nicht weiter. J.Z. dagegen vertraut offenbar auf die eigene Dynamik ihres Erzählens, darauf, dass es sich von selber zu einem schlüssigen Ende trägt, und aus dem stürmischen Anfang ein rundes Ganzes wird.



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Dienstag,
22. März 2016
Die Nachrichten des Tages (Brüssel): wird der Terror in Europa etwas Normales, Alltägliches? Dann hätten wir hier die Zustände wie sie in den Ländern herrschen, aus denen die Flüchtlinge zu uns kommen. Würde das zu mehr Solidarität mit ihnen oder zu noch größerem Hass führen?

Der Himmel jedenfalls hat an diesem Abend ein Zeichen gesetzt: Er hat sich rot eingefärbt. Nicht rot wie Blut, es ist eher die Farbe der Rosen. Nicht das Blutvergießen symbolisiert der Himmel, er fordert mit dem Symbol der Liebe das Ende des Irrsinns.



Rosenhimmel: 22.3.2016, 19 Uhr 11
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Montag,
21. März 2016 
Zur Erinnerung: der Frühling ist da! Er hat dieses Mal schon gestern, am 20. März angefangen, daran ist das Schaltjahr schuld.

 
   
 
Frühling am Wegrand: Viola reichenbachiana? canina? pyrenaica? odorata? ... Frühling am Wegrand: Euphorbia salicifolia (?) Frühling auch am abgesägten Holunder Verdrossener Alter im Sonnenuntergang
   
  Frühling, wo man hinschaut. Und mit einem Mal stelle ich fest, dass ich auf der Bank an der Grabkapelle sitze und mit verdrossenem Gesicht in die untergehende Sonne stiere.


Am Abend gibt's Brennnesselspinat.
   
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Meine gegenwärtige Lektüre41 beschreibt unter anderem die letzten Wochen und Monate des Zweiten Weltkriegs in Deutschland, als sich tausende von Menschen auf die Flucht machen. Meistens Frauen mit Kindern, die Männer sind entweder tot, an der Front oder vermisst. Ein Kampf ums Überleben setzt ein, und die Umstände sind so, dass das Leben jeden Tag zu Ende sein kann. Was dieser permanente Ausnahmezustand mit den Menschen macht, welche Auswirkungen er auf sämtliche Bereiche des Lebens hat: Liebe, Beziehungen, Moral, ist für uns in unserem sicheren Leben kaum noch vorstellbar. Machen wir uns das klar, wenn wir über die Flüchtlinge unserer Tage reden?

41
Peter Schneider: Die Lieben meiner Mutter
SCHNEIDER, Peter: Die Lieben meiner Mutter, Köln 2013
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  Himmelstagebuch 21.3.2016, 18 Uhr 52   21.3.2016, 18 Uhr 52




Sonntag,
20. März 2016
Erste Sätze (11)


Liane Dirks, Die liebe Angst (1986)

Einmal kam eine Frau an unserem Fenster vorbeigeflogen.
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Freitag,
18. März 2016
Da versuche ich seit ein paar Tagen meinen Input zu bremsen: kein Radio, keine Zeitschrift, kein Buch (!) vor 18 Uhr, und auch am Abend Zurückhaltung. Es tut mir gut.

Gegen 20 Uhr 45 mache ich das Radio an, Deutschlandfunk, und gerate in eine Sendung über das Schreiben. Verflixt. Nach dem Ende schaue ich ins Internet: Verpasst habe ich Liane Dirks und Dieter Wellershoff ...

Wenigstens ist das Manuskript der Sendung verfügbar. Wenigstens das.40
40 Deutschlandfunk, 18.3.2016, 20 Uhr 10: Federball, der durch den blassblauen Himmel fliegt – Schriftsteller und ihre Lebensentwürfe
       
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Donnerstag,
17. März 2016
IN VOLLER FAHRT


Wir sitzen in einem Zug
niemand fragt ob wir
aussteigen wollen
und fahren auf eine Brücke zu
und die Brücke wird brechen
Diese Brücke oder die nächste
wird brechen

Wie weh du mir tust
wie weh ich dir tu
wo wir dahinfahr'n
in solcher Eile
auf eine Brücke zu –
die nicht tragen wird


Hilde Domin39



39 Die Gedichte von Hilde Domin stammen aus dem Band des S.-Fischer-Verlags:
Hilde Domin, Sämtliche Gedichte, ISBN 978-3-10-015341-8
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Montag,
14. März 2016
Gespräch mit meinem Einsiedlerfreund. Wir sprechen über das Asthmathema, den ständigen Input.

Wenn du künstlerisch tätig sein willst, musst du deinen Input vollständig abstellen, sagt er. Versuche stattdessen, ganz aus der Wahrnehmung zu leben.

Es hört sich so einfach an. Ich weiß, dass er recht hat. Es wäre sehr verwunderlich, wenn man von einem Menschen, der seit dreißig Jahren in der Einsiedelei lebt, nichts lernen könnte.



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Sonntag,
13. März 2016
Im "Faust" eine interessante Stelle entdeckt (aufmerksam gemacht durch einen Artikel im Goetheanum): Im ersten Akt von Faust II bezeichnet Goethe Furcht und Hoffnung als zwei der größten Menschenfeinde.

Im Fall der Furcht ist leicht einzusehen, warum sie als Menschenfeind zu gelten hat. Sie lähmt und schwächt. Aber die Hoffnung?

Unmittelbar bevor die Klugheit ihr Wort von den Menschenfeinden spricht, äußert sich die Hoffnung folgendermaßen:
Seid gegrüßt, ihr lieben Schwestern!
Habt ihr euch schon heut' und gestern
In Vermummungen gefallen,
Weiß ich doch gewiß von allen:
Morgen wollt ihr euch enthüllen.
Und wenn wir bei Fackelscheine
Uns nicht sonderlich behagen,
Werden wir in heitern Tagen
Ganz nach unserm eignen Willen
Bald gesellig, bald alleine
Frei durch schöne Fluren wandeln,
Nach Belieben ruhn und handeln
Und in sorgenfreiem Leben
Nie entbehren, stets erstreben;
überall willkommne Gäste,
Treten wir getrost hinein:
Sicherlich, es muß das Beste
Irgendwo zu finden sein.
38

Diese Zeilen, meine ich, machen schon deutlich, warum die Hoffnung nicht weniger als die Furcht zum Feind des Menschen werden kann: es muss das Beste irgendwo zu finden sein ...

Da fällt mir doch glatt Janosch ein, der geniale Kinderbuchautor. In einem seiner Bücher (habe vergessen, in welchem) gibt es die Figur des Reiseesels Mallorca, dessen wesentliche Eigenschaft darin besteht, immer dort zu sein, wo das Glück NICHT ist.

Aber irgendwo muss es ...

38 GOETHE, J.W.: Faust II,
1. Akt, "Weitläufiger Saal"

(s.a. Projekt Gutenberg)
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  Heute ist Landtagswahl in drei Bundesländern (auch in meinem, was für mich hieß: Briefwahl). Die paradoxe Situation ist, dass die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin mehr Unterstützung bei anderen Parteien, etwa den Grünen, findet als in der eigenen CDU. Auch das ist ein Zeichen für die gewaltigen Veränderungen, denen wir alle derzeit unterworfen sind, und die ich schon einmal hier erwähnt habe.

Jedenfalls wird der Wahlabend spannend. Darf man mit einer hohen Beteiligung rechnen?
   
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Samstag,
12. März 2016
Aus Gründen, die hier keine Rolle spielen sollen, habe ich mich ein weiteres Mal mit dem viel zu unbekannten Schriftsteller Albert Vigoleis Thelen beschäftigt. Dabei habe ich erfahren, dass er 1953 bei einer Lesung aus seinem Buch Die Insel des zweiten Gesichts in der Gruppe 47 von Hans Werner Richter mit den Worten abgefertigt wurde: Dieses Emigrantendeutsch brauchen wir nicht.37

Sehr schade.

Wikipedia zitiert Stimmen, die anderer Meinung sind:

Siegfried Lenz "Wenn ein Buch wirklich verdient, ein Ereignis genannt zu werden, dann dies."

Paul Celan nannte das Buch "ein wahres Kunstwerk". Sein Lese-Exemplar (heute im Literaturarchiv Marbach) enthält ca. 4000 Anstreichungen.

Als die Wochenzeitung Die Zeit ihre Umfrage nach dem "Jahrhundertbuch" veranstaltete, wählte der niederländische Schriftsteller Maarten ’t Hart Thelens Werk aus und begann seinen Beitrag: "Seit langem glaube ich: Das größte Buch dieses Jahrhunderts ist die Insel des zweiten Gesichts von Albert Vigoleis Thelen. Eine überraschende Wahl? Vielleicht, aber es war doch eines der Lieblingsbücher Thomas Manns. Er nannte es eines der drei größten Bücher dieses Jahrhunderts."

Meine eigene Begegnung mit Thelen war eine Literatursendung des Deutschlandfunks im Jahr 2003, anlässlich des 100. Geburtstags des Autors. Ich hatte nie von ihm gehört. Um das wichtigste Buch der deutschen Literatur im 20. Jahrhundert würde es sich handeln, hieß es, und ich dachte, das gibt's doch nicht: Thomas Mann, Bertolt Brecht, Günter Grass – was ist denn mit denen? Und ich kannte noch nicht mal den Namen!

Natürlich habe ich mir das Buch auf der Stelle besorgt und an dieser Stelle darauf aufmerksam gemacht. Ich kann nur hier und heute wiederholen: Lesen!

Die erste Ausgabe der "Insel" erschien 1953, und im Spiegel erschien ein langer Artikel über das Buch, ohne Namensnennung des Verfassers, wie damals üblich. Der Stil des Artikels aber war Vigoleis durchaus ebenbürtig.
37 Wikipedia-Artikel über "Die Insel ..."
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Freitag,
11. März 2016
Josef (17) – Fortsetzungsgeschichte, 17. Teil ( zur Einleitung)

( zum 16. Teil)


Als nach Josefs Scheidung sein Betrieb aufgelöst wurde, das Eigentum geteilt und das Geld für den Unterhalt der Kinder angelegt war, blieben ihm noch ein paar Rücklagen und die Ruinen in Aubrac. Er hatte zu der Zeit die Wohnung im Château bereits ausgebaut, zum Glück stellten in den Augen eines deutschen Familiengerichts ein paar alte Mauern im französischen Midi ohne fließendes Wasser und Toiletten keinen großen Wert dar. So konnte er aus den Trümmern seiner Ehe (und des Irrsinns mit Anne) nahtlos in die Trümmer Aubracs flüchten. Seine Leiden verwandelte er mit gewaltiger Energie in Schaffenskraft, und ich glaube, in diesem Abschnitt seines Lebens machte er die ersten großen Schritte auf ein wirkliches Künstlertum zu, obwohl er sich noch lange in einem unbestimmten Reich zwischen Handwerk und Kunst bewegte. Den nach schalem Kommerz riechenden Begriff Kunsthandwerk hatte er sowieso immer heftig abgelehnt, ich bin doch nicht der Herrgottsschnitzer von Aubrac!

Josef hatte eine Fähigkeit, die mir, je mehr ich darüber nachdenke, immer mehr imponiert (weil sie mir noch fehlt?): er konnte seine Ideen und Träume in anschauliche Gedanken und Worte fassen, konnte ganz konkrete Pläne daraus anfertigen und die Pläne zuletzt auch noch in die Wirklichkeit umsetzen. Er hat die Träume, bevor sie überfließen konnten, schon geformt. Ideen und Träume haben wir alle, aber bei der Ausführung geduldig einen kleinen Schritt nach dem andern zu machen, immer erst nur das Nächstliegende anzupacken, daran hapert es meistens. Immer überstrahlt das Bild des schon erfüllten Wunschtraums den Weg zur Erfüllung, und im Handumdrehen ist alles undeutlich und undurchschaubar geworden. Sobald es ans Verwirklichen geht, wabert ein verschwommener Nebel über den Weg, und nichts ist mehr zu erkennen.

Josef war konsequenter, aufsässiger: auch die alten Träume nahm er wieder wahr, er musste das, was er in Aubrac umgesetzt hat, schon lange in sich getragen haben, er hörte seinen Träumen zu, aufmerksam und fürsorglich, wie er war, spielte sie sich immer wieder vor, damit ihm nichts davon entgehe, und hob seine Arbeit schrittweise auf neue Stufen. Mutig, konzentriert, achtsam. Er wagte den Versuch, seinen Lebensunterhalt mit seinen Schöpfungen zu verdienen, mühsam ging das zunächst und mit hohem Aufwand, auf weiten Fahrten bot er wie ein Vertreter seine Waren feil, später gelang ihm das immer besser und leichter. Er war das lebende Beispiel dafür, dass auch der weiteste Weg mit dem ersten Schritt anfängt, nur: der erste reicht ja nicht, den zweiten, dritten, hundertsten braucht es auch noch. Aber dafür sind wir alle – von Josef mal abgesehen – wahrscheinlich viel zu wenig radikal.
Den gewölbten Keller baute sich Josef zur Werkstatt aus – sie wurde zur gleichen Zeit fertig wie der Stromanschluss –, mit einer phantasievoll gestalteten Eingangstür aus dunklen, halbverwitterten groben Brettern, die er wie alles Hölzerne am und im Haus in eine eigentümliche Schöpfung verwandelte. Im Inneren gab es große und zweckmäßige Versionen seiner fantastischen Regale, dazu eine Hobelbank, eine Kreissäge und eine Drehbank, die auf engstem Raum die Einrichtung bildeten, und ein paar Geräte zum Schleifen und Polieren. Ein bisschen eng, aber es reicht, meine Kunststücke sind ja nicht groß. Als ich Josef kennenlernte, war aus der Ruine längst das bewunderte Château geworden, und auf der Dépendance saß der Dachstuhl.


Fortsetzung folgt
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Donnerstag,
10. März 2016
Erste Sätze (10)


Paul Auster, Die Brooklyn-Revue/The Brooklyn Follies (2005)

Ich suchte nach einem ruhigen Ort zum Sterben.
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Mittwoch,
9. März 2016
Josef (16) – Fortsetzungsgeschichte, 16. Teil ( zur Einleitung)

( zum 15. Teil)


Prima Idee, aber erst mal passierte gar nichts. Auf dem Postamt in Olargues stapelten sich die Sendungen, Jean-Pierre und Josef weigerten sich, sie abzuholen, und das ging ein Weile so. Schließlich platzte Jean-Pierre der Kragen, so nicht!, er ging hin und verklagte die französische Post.

Die wehrte sich auf ihre Weise und verklagte zur Freude der beiden die Gemeinde auf Instandsetzung der Straße, und, was das Beste war, sie hatte damit Erfolg. Das Zähneknirschen des Bürgermeisters war bis nach Aubrac zu vernehmen (eure Stromleitung könnt ihr vergessen!), es half aber nichts, die Straße musste in einen Zustand versetzt werden, in dem ein normales Auto ohne Schaden zu nehmen sie befahren konnte. Man entschied, eine Betonschicht auf das übelste Stück, die oberen anderthalb Kilometer, draufzugießen. Täglich wurden zwanzig oder dreißig Meter gegossen, eine heikle Arbeit, weil man auf der schmalen Trasse auch immer eine Ausweichstelle offen lassen musste, aber in drei Monaten war die Sache erledigt.

Was die Elektrizitätsversorgung betraf, war dieser Sieg ein Rückschlag. Neue Allianzen mussten geschmiedet werden, der Kampf um Strom war noch lange nicht gewonnen. Noch einmal war Josefs Diplomatie und Verhandlungsgeschick vonnöten, noch einmal sprach er mit den Bauernvertretern und dem Schafzüchterverband. Was, sagten sie zu Jean-Pierre, du gewinnst hier jedes Jahr auf den Messen Preise für deine Zuchtböcke, und die geben dir keine Stromleitung? Mit den Bauern im Rücken gelang es Josef und Jean-Pierre endlich im Lauf der folgenden zwei Jahre den Stromanschluss für Aubrac auszuhandeln, Bauern sind Wähler, in Frankreich nicht die unwichtigsten. Dann vergingen noch einmal zwei weitere Jahre, bis der Strom durch den Draht floss, und als im Frühjahr 1984 die erste Glühbirne in Jean-Pierres Keller, wo man den Hauptschalter installiert hatte, aufleuchtete, knallten die Sektkorken.

Seinen Telefonanschluss hatte Aubrac übrigens früher und schneller erhalten, da hatte nämlich die Gemeinde nichts mitzureden. 1977 war das Dorf in eine von Frankreichs Wohlfahrts- und Modernisierungswellen geraten, die einmal in jedem Jahrhundert das Land überrollen (jedem Franzosen sein Huhn im Topf und sein Telefon im Haus, jetzt sind sie gerade beim schnellen Internet), und als Josef nach einem dreimonatigen Deutschlandaufenthalt zurückkam, wiesen ihm neu aufgestellte Masten den Weg. Ich hab gedacht, mich trifft der Schlag, jetzt ist das Mittelalter vorbei! Schade eigentlich. Ich brauch kein Telefon, solang‘s der Postbote hier rauf schafft. Aber das Thema war ja vom Tisch.

Die Verträge mit der Électricité de France waren unterschrieben, und Josef erwarb von Jean-Pierre ein Areal im westlichen Teil Aubracs. Der Besitz umfasste zwei Häuser, eines davon das Château, das ihm Jean-Pierre zu einem exorbitanten Preis überließ, Josef nahm’s hin. Das andere war kleiner und eine völlige Ruine. Dazu ein paar weitere Mauerreste, aus denen sich noch zwei, drei kleine Gebäude errichten ließen. Als mir Jean-Pierre zur Unterschrift einen Forderungskatalog vorgelegt hat, wo er des Langen und Breiten aufgezählt hat, was ich hier zu tun und zu lassen habe, hätte ich ihm beinah im letzten Moment den Vertrag vor die Füße geschmissen: Du hast einen kompletten Vogel, hab ich zu ihm gesagt, wie lang kennen wir uns jetzt? Hasenfuß! Und es waren noch einmal ein paar Tage und einige sehr intensive Gespräche nötig, um Jean-Pierre die Angst um seinen Spielplatz auszureden und die Sache unter Dach und Fach zu kriegen.

Endlich konnte Josef an seinen Häusern an die Arbeit gehen, Helfer gab es genug. Er machte sich zunächst an den Ausbau des zweiten Wohnhauses, um es an Sommergäste vermieten zu können. Den Erlös steckte er ins Baumaterial für die weiteren Projekte, eines davon, halb Haus, halb Häuschen, das sich eng ans Château schmiegte, wurde sein spezieller Liebling, seine Dépendance. Josefs Dachstühle, Böden, Deckenkonstruktionen (und nicht zuletzt sein Verhandlungsgeschick bei den Behörden) forderten am Ende doch noch Jean-Pierres Respekt heraus, er sah schließlich ein, welches Glückslos er und Aubrac mit Josef gezogen hatten: dich hätte ich früher hier haben sollen.

Das Dörfchen gedieh jetzt vorzüglich im Spannungsfeld zweier völlig unterschiedlicher Charaktere mit einem gemeinsamen Traum. Jean-Pierres Schwerpunkte lagen in der Schafzucht und im langsamen Weiterbau der Ruinen, Josefs in der phantasie- und kunstvollen Gestaltung aller Details. So konstruierte er etwa ein tragbares Modell für weitere Plumpsklos (die auch künftig im Sommer dringend benötigt wurden), das bei Bedarf einfach als Ganzes hochgehoben und ein paar Meter versetzt werden konnte. Genial.

Dazu kam beider Liebe zur Kunst und Literatur (wenn auch nicht unbedingt zur selben), und Paulines Engagement für die Musik. Im Sommer vibrierte Aubrac geradezu. Dass der zivilisatorische Fortschritt nicht allzu rasch hereinbrechen würde, dafür sorgte der schmale Geldbeutel aller Beteiligten. Alles musste selber gebaut und eingerichtet werden. Josef und Jean-Pierre waren nicht nur Maurer, Zimmerleute, Schreiner und Dachdecker, sondern auch Schlosser, Glaser, Installateure, Landschaftsgärtner und nun auch noch Elektriker. Dazu hatte jeder sein spezielles Feld, Jean-Pierre die Schafzucht und Josef sein Handwerk, das immer mehr zur Kunst geriet. Auf jeder dieser Fluren dauerte es seine Zeit, bis die Früchte reif waren, vom Planen übers Ausprobieren bis zur Vollendung. So verging etwa fast ein Jahr, bis die Wasserrohre vom oberen Ruisseau de la Bayssière ins Dorf und zu allen größeren Häusern verlegt waren, und auch hier war Josef die treibende Kraft: Wir haben das gleich von Anfang an fachgemäß gemacht; haben oben ein Becken in den Bachlauf gemauert und einen Filterkopf vors Rohr gesetzt, mit einen Siebkäfig drumrum, dass man nicht ständig rauflaufen und das Teil saubermachen muss. War doch klar, dass wir von der Gemeinde in diesem Jahrhundert keine Wasserleitung mehr kriegen würden.


Fortsetzung folgt
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Himmelstagebuch 9.3.2016, 17 Uhr 56 9.3.2016, 17 Uhr 56
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Kaum geht mein Winterschlaf in Südfrankreich seinem Ende entgegen, schon fange ich an, mir Gedanken über literarische Arbeiten zu machen. Das heißt, in die letzten zwei Wochen soll alles passieren, was die vergangenen dreieinhalb Monate nicht geschehen ist.

Zum einen habe ich angefangen, mein Uraltprojekt, den einst mithilfe von BoD veröffentlichen Roman "Marie" zu überarbeiten (vielleicht eine Art Verzweiflungstat, weil mir nichts Besseres eingefallen ist?) und zum anderen habe ich die Erzählung "Das Grundeinkommen", ebenfalls eine Antiquität, wieder ausgegraben und erste Schritte in Richtung Veröffentlichung vorbereitet (noch nicht getan, heißt das). – Siehe auch den kleinen Ausschnitt.

Die hauptsächlichen Schwächen dieses Textes sind allerdings:

1. Die ganz schwierige Länge von ca. 50 Seiten (entweder zu lang oder zu kurz)

2. Das Alter des Autors (Verlage möchten gerne einen Autor mit Zukunft, wenn sie sich schon auf einen Neuen einlassen)

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Dienstag,
8. März 2016
Josef (15) – Fortsetzungsgeschichte, 15. Teil ( zur Einleitung)

( zum 14. Teil)


Das Gespräch dauerte mehr als zwei Stunden. Es kostete Josef seine ganze Überzeugungskraft, Jean-Pierres (und seine eigenen) Leistungen so herauszustellen, dass sie bei seinem Gesprächspartner als solche ankamen. "Mais bien sur, Monsieur, das Leben in den Bergdörfern, wie es früher war, ist vorbei, wie recht Sie haben. Stammen Sie von hier? Ich kenne so was nur zu gut." Und unversehens wurde Niederbayern mit seinen fetten Weizenböden zum notleidenden Landstrich, wo man nichts dringender bräuchte als ein tatkräftiges Engagement zur Rettung des ländlichen Lebensraums. "Menschen wie Jean-Pierre, die die sterbenden Dörfer wieder lebendig machen, sind doch ein Segen fürs Land, überall in Europa, es wird Zeit, dass wir die Rolle des Landes für Europa – und für la France natürlich, Monsieur le Maire – wieder entdecken. Ihnen muss ich es ja nicht sagen, dass jeder Hof, der aufgeben muss, ein nicht wieder gutzumachender Verlust an Kultur ist, n’est-ce pas?"

Josef zog alle Register. "Sie haben sich doch sicher schon einmal selbst ein Bild gemacht, wie es in Aubrac jetzt aussieht, nicht wahr, Monsieur, und als er die Antwort äh, man hat mir berichtet hörte, wusste Josef, dass er ihn da hatte, wo er ihn haben wollte. "Ich weiß, Ihre Zeit ist kostbar, aber kommen Sie doch übermorgen oder wann es Ihnen passt, mal rauf, übermorgen würde es mich ganz besonders freuen, Monsieur le Maire, da habe ich Geburtstag, ich gebe einen kleinen Empfang in unserem Konzertsaal, wirklich, Sie müssen kommen, nur kurz, wenn Sie wollen, es wäre mir eine Ehre" und er redete in diesem Stil noch ein gutes Stück weiter. Vielleicht war es das Stichwort Konzertsaal, das von einer überraschenden Solidität kündete, jedenfalls kam der Bürgermeister am anderen Tag, Josef und Jean-Pierre hatten für diesen Fall, an den sie aber eigentlich gar nicht glaubten, alles vorbereitet, der "Konzertsaal" war ein verhältnismäßig großer Raum, den Jean-Pierre schon bald nach der Sesshaftigkeit ausgebaut hatte für alle möglichen Versammlungen und Veranstaltungen, mit einem nur leicht verstimmten alten Klavier, eine salle polyvalente gewissermaßen, bevor diese noch in den Dörfern Mode wurden. Es gab Schnittchen, Wein und Musik in Gestalt von zwei Gästen, die Geige und Klavier spielen konnten, und tatsächlich, der Herr Bürgermeister erschien, gratulierte Josef zum gefälschten Geburtstag, und dass man in Aubrac nicht zugvogelmäßig, sondern für die Dauer gebaut hatte, das konnte er nicht übersehen. Jean-Pierre und Josef rieben sich die Hände, als der Bürgermeister offenbar hochzufrieden wieder abgefahren war.

Da passierte die Sache mit dem Postauto. Ich bitte um Nachsicht, dass ich nun wieder etwas weiter ausholen muss, aber ich fühle mich genötigt, die Situation in und um Aubrac doch etwas genauer darzustellen. Für Josef hatte sie in jenen Pionierjahren existenzielle Bedeutung. Das Postauto also: Früher war der Postbote, Monsieur Astruc, täglich um die Mittagszeit mit seinem blassgelben Kasten-R4 die Straße heraufgeklappert und hatte gehupt, sobald er den Parkplatz erreicht hatte. (Man muss dazu sagen, dass das Auto eine Errungenschaft seiner allerletzten Berufsjahre gewesen war, vorher kam er mit einem Motorrad, das er sich auf eigene Kosten gekauft hatte um sich den Fußweg zu sparen. Ja, er kam anfangs tatsächlich zu Fuß nach Aubrac, es war zu der Zeit, in den sechziger, siebziger Jahren durchaus noch normal, dass der Briefträger eine oder zwei Stunden hinauf zu den Bergdörfern lief, nicht täglich, aber eben so nach Bedarf. Dann aber nahm die Postmenge zu, das bunte Völkchen in Aubrac hatte diesbezügliche Bedürfnisse, Monsieur Astruc hätte bald jeden Tag herauflaufen müssen, deshalb das Motorrad. Seine zwei Arbeitsstunden hat man ihm weiter bezahlt, und so waren alle zufrieden.) Das Hupen also war für Pauline das Zeichen, die Ladentür aufzusperren, auf die Jean-Pierre die Preise für seine Erfolge bei der Schafzucht genagelt hatte: Concours Géneral Agricole Paris, Concours Régional Toulouse 1984, 1985, in allen Farben und gleich in mehreren Disziplinen. Sein besonderer Liebling war eine kleine rosafarbene handgemalte Plakette aus der Auvergne, vom September 1981, ein fünfter Preis, der erste, den er irgendwo gewonnen hatte, mit dem schönen Prädikat: EXCELLENT. Hinter diesen Auszeichnungen also versteckte sich der Laden in einem Gewölbekeller des ehemaligen Schulhauses, da wo heute die große Pinie steht. Pauline hatte ihn eröffnet, als in den siebziger Jahren immer mehr Gäste ankamen. Die Zivilisation in Form des nächsten Lebensmittelgeschäfts und eines Cafés war sechs Kilometer schlechter Straße und vierhundert Höhenmeter weit weg, da war man froh, das Nötigste oben im Dorf zu bekommen. Pauline kochte immer einen großen Topf Tee, Monsieur Astruc bekam ein Glas Roten, das ganze Dorf traf sich zum Tratsch, man gab dem Postboten mit, was man seinen fernen Liebsten schicken wollte, und wenn man keine Briefmarken hatte, nahm er selbstverständlich auch Bares. Die Mittagsstunde war der Höhepunkt des Tages.

Nach Monsieur Astrucs Pensionierung übernahm nun André, ein junger Bursche aus der Gegend, den Postdienst nach Aubrac, und er kannte von Anfang an nur das Auto als Transportmittel. Er fegte mit dem R4 wie ein Wilder die holprige Straße hinauf und wieder hinunter, Zeit war jetzt Geld, vom Zufußgehen über die Berge hatte er keinen Begriff, und nach dem zweiten Achsbruch sagte sich die Postverwaltung im zwölf Kilometer entfernten Olargues, jetzt ist es gut, die da oben können sich ihre Post hier im Büro abholen, und man schrieb einen steifen und unverschämt höflichen Brief entsprechenden Inhalts an die sehr geehrten Einwohner des Weilers Aubrac. Das war nun weder für Jean-Pierre noch für Josef hinnehmbar. Jean-Pierre tobte, die Sache mit der Stromleitung war ja noch am Kochen, was bilden die sich ein, fangen die von der Post jetzt auch noch an oder wie, und das ist eine Gemeindestraße, die müssen!! (und er haute mit seiner gewaltigen Faust auf den Eichentisch, dass die Weingläser tanzten) die müssen die Straße herrichten, da steckt doch nur diese Mafiabande vom Bürgermeister dahinter, jetzt reicht’s mir und so weiter und so fort, und Josef hatte Mühe, Jean-Pierre auf dem Teppich zu halten. "Hör mal", sagte er, "wir machen das auf die intelligente Art, wir haben doch jede Menge Freunde und Bekannte im Ausland, denen sagen wir, sie sollen uns ganz viele Briefe schreiben, und alle mit ‘persönlich’, als Einschreiben und Rückporto und lauter solche Sachen, und dann schauen wir mal, was passiert."


Fortsetzung folgt
       
       
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Übrigens, die Tramontane neulich: zwei Tage hat sie nur geweht, gottseidank.
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Sonntag,
6. März 2016
Der Dirigent Nikolaus Harnoncourt ist gestern gestorben. In einer Sendung des Deutschlandfunks anlässlich seines Todes hört man den Musiker die folgenden Sätze sagen:
Zufrieden kann man nie sein. Wenn man zufrieden ist, hat man sein Ziel nicht hoch genug gesteckt.




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Samstag,
5. März 2016
Jahreszeitengemisch



Jahreszeitengemisch
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Freitag,
4. März 2016
Ich kenne einen Menschen, der hier in den Bergen lebt, allein, Stunden zu Fuß entfernt von der nächsten Ansiedlung. Er lebt als Einsiedler dort seit dreißig Jahren, hat sich ein Haus gebaut aus dem Material, das die Natur seiner Umgebung ihm schenkt und was er auf dem Rücken dorthin tragen konnte. In den achtziger Jahren waren sie eine ganze Gruppe gewesen, auch mit Kindern. Dann haben die anderen nach und nach aufgegeben, er ist übriggeblieben. Ein Deutscher in den wilden, einsamen Bergen zwischen Cevennen und Montagne Noire.

Er lebt teils vom Erlös der Arbeit, die er gelegentlich in der Zivilisation ausübt, teils vom Ertrag seines Gartens, den er zu einem fantastischen Kunstwerk ausgestaltet hat. Schaut man sich in diesem Garten um, kann man nur staunen und seinen Schöpfer bewundern. Staunen muss man auch über gelegentliche Besucher, die ihn – im Angesicht dieses Wunderwerks – fragen: was machst du eigentlich den ganzen Tag ...

Er ist ein bescheidener Mensch, freundlich und angenehm. Jetzt, da er langsam alt wird, beschleicht ihn immer öfter die Furcht vor der Zukunft. Sein Leben in den Bergen ist ausgesprochen hart, und er wird es nicht bis ins wirklich hohe Alter weiterführen können. Was dann?



 
Zaubergarten am Roc de Salis Zaubergarten am Roc de Salis Das Haus des Zauberers und Einsiedlers Zaubergarten am Roc de Salis
   
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Donnerstag,
3. März 2016
Erste Sätze (9)


Albert Vigoleis Thelen, Die Insel des zweiten Gesichts (1953)

Es hieße diese Aufzeichnungen mit Erdichtetem beginnen, wollte ich mich anheischig machen, nach zwanzig Jahren noch an den Tag zu bringen, wer mich auf der nächtlichen Meerfahrt mit ärgerer Tücke gequält hat: der gemeine Menschenfloh in dem von einem Matrosen entliehenen Schlafsack oder der garstige Traumalb, der mich in die Nicolaas Beets Straat nach Amsterdam entführte, wo sich das Grab über einer jungen Frau geschlossen hatte, deren Todesursache ich, Doppelgänger ihres treulosen Geliebten, geworden war.
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Mittwoch,
2. März 2016
Schweinefleisch darf nicht vom Speiseplan in öffentlichen Einrichtungen verschwinden, lese ich. (Die CDU in Schleswig-Holstein meint, mit Schwachsinn auf sich aufmerksam machen zu müssen.) Den schönsten Kommentar dazu fand ich: Die Würste des Menschen sind unantastbar.

Vielleicht könnte man sich ja mal Gedanken darüber machen, unter welchen Bedingungen Schweinefleisch in Deutschland/Europa "produziert" wird, das wäre relevanter. Aber in Wahlkampfzeiten wahrscheinlich nicht so lustig.

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  Mein Finanzamt hat mich "unter Androhung eines Zwangsgeldes" mit der "nochmaligen" Aufforderung erfreut, ich solle die Einkommensteuer- und Umsatzsteuererklärung für das Jahr 2014 endlich abgeben. Ich antworte (sinngemäß): die habt ihr doch längst, wollt ihr bitte erst mal in eurem eigenen Haus suchen, bevor ihr Drohbriefe verschickt. Es folgt das Eingeständnis, dass die Erklärungen doch schon eingegangen seien, und man bitte mich, Annehmlichkeiten zu entschuldigen. Die Zwangsgeldfestsetzung hätte sich somit auch erledigt. Wie schön.

Dass man sich seitens des Finanzamts wegen der Annehmlichkeiten, die man mir vielleicht bereitet haben könnte, entschuldigt, ist bemerkenswert. Finanzämter bereiten üblicherweise ausschließlich Unannehmlichkeiten, das ist bekannt und selbstverständlich. Ist man ausnahmsweise gezwungen, von diesem Brauch abzuweichen, liegt offenbar ein Grund vor, sich zu entschuldigen.

(Kommentar meines Steuerberaters: Da sehen Sie mal – ne Zwangsgeldfestsetzung ist jetzt schon eine Annehmlichkeit – was machen die dann, wenn es unangenehm wird ...)
  Annehmlichkeiten vom Finanzamt
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Montag,
29. Februar 2016
Einen 29. Februar kann man nicht einfach so vorübergehen lassen, er kommt ja erst in vier Jahren wieder.


Ein alte Dame stirbt, 85-jährig, und hinterlässt so Allerlei. Sie hat – unter vielem andern – seit beinahe fünfzig Jahren zusammen mit ihrem vor sieben Jahren verstorbenen Mann einen Beherbungsbetrieb geführt, Konzerte und Kunstereignisse organisiert, Landwirtschaft betrieben und sehr viele Bekannte und Freunde gehabt, über die ganze Welt verstreut. Seit ca. fünfzehn Jahren hat sie deren Adressen, Telefonnummern und andere Kontaktdaten in einer Computerdatei gesammelt. Die Arbeit mit dem Computer war ihr nie leichtgefallen, ihre Generation kam dafür schon etwas spät.

Die Adressdatei enthält über tausend Datensätze und soll natürlich für die Nachfolger zur Verfügung stehen. Ich habe mich bereit erklärt, die Datei durchzuschauen und in eine Form zu bringen, die sie für andere nutzbar macht. Ich habe die Arbeit unterschätzt, muss ich gestehen. Nach einer Woche intensiver Arbeit bin ich beim Buchstaben P. Immerhin.


Seit einem Tag bläst hier die Tramontane, eine bösartige Verwandte des berüchtigten Mistral. Eiskalt und scharf veranlasst sie mich, das Haus so gut wie nicht mehr zu verlassen. Ich brauche doppelt so viel Brennholz wie sonst. Stromausfälle (und Unterbrechungen der Internetverbindung) sind die Regel. Man sagt, die Tramontane (wie der Mistral) weht drei, sechs oder neun Tage. Ich werde berichten.

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Samstag,
27. Februar 2016
Josef (14) – Fortsetzungsgeschichte, 14. Teil ( zur Einleitung)

( zum 13. Teil)


Der Haken bestand darin, dass man auf Seiten der zuständigen Verwaltungen der Ansicht war, die Bergdörfer in den hauts cantons seien es nicht wert, Geld in sie hineinzustecken. Wenigstens war es das, was man offiziell hörte. Aubrac und Hunderte anderer kleiner Siedlungen auf den Höhen der Cevennen, des Zentralmassivs und anderer Gebirgszüge des Südens verfielen seit dem Ende des Ersten Weltkriegs, und die Nichtsnutze, die sich in den letzten Jahren vereinzelt dort festgesetzt hatten, musste man nicht für voll nehmen.

Wenn Jean-Pierre Bemerkungen dieser Art hörte, wurde er wild: "Von den Einheimischen habe ich bis jetzt keinen einzigen getroffen, der hier rauf ziehen und Landwirtschaft treiben will. Die haben alle vergessen, wie ihre Großeltern das gemacht haben. Und was das Geld betrifft: es gäbe genug Zuschüsse von der EWG, wenn man wollte. Aber ich weiß doch, wie das läuft: bevor die was investieren, schauen sie hier zuerst, wie sie sich das Geld gegenseitig zuschieben können. Der Bürgermeister, die Departementsräte, alles Subventionsschleicher! Was glaubst du denn, woher die alle ihre neuen Häuser haben? Und dann kommen sie zu mir und sagen, ich soll Steuern zahlen! Wenn die von mir Steuern wollen, dann will ich von denen Strom. Und eine Wasserleitung! Vorher gibt’s keinen Centime!"

Nicht, dass die Zustände, die Jean-Pierre da attackierte, auf den Süden Frankreichs beschränkt gewesen wären, nein, es ist das übliche Spiel, wenn irgendwo öffentliches Geld fließt. Jean-Pierre, der seine Meinung nicht nur Josef gegenüber äußerte, machte sich wenig Freunde unter den Amtsträgern der Gegend. Josef hörte sich das Geschimpfe eine Zeitlang an, dann, als er wieder auf dem Damm war (ah! das ist in diesem Fall vielleicht kein so gutes Bild), also: als Josef wieder in der Lage war, sich um die Welt, um Aubrac und alles andere zu kümmern, griff er ein. Sein Französisch war inzwischen ebenso gut wie das von Jean-Pierre und Pauline, die ihren Schweizer Akzent nie abgelegt hatten und für die Leute in der Gemeinde trotz der florierenden Schafzucht irgendwie immer die boches du Nord geblieben waren, die ihnen gerade noch gefehlt haben. (Vielleicht sogar wegen Jean-Pierres Erfolgen, für die er Jahr für Jahr Preise holte, wer lässt sich schon gern von einem Zugereisten zeigen, wie man die eigene Arbeit besser macht.) Was den Eigensinn betraf, konnte Josef sowieso mit Jean-Pierre mithalten. In einem wesentlichen Punkt unterschied er sich allerdings von ihm: Obwohl waschechter Niederbayer und als solcher mit einer beträchtlichen Sturheit gesegnet, war Josef gleichzeitig auch Diplomat, so dass nicht jeder, der mit ihm sprach, sich gleich vor den Kopf gestoßen fühlte. Er konnte, anders als Jean-Pierre, seinen Dickschädel tarnen. "Du musst dem anderen das Gefühl geben, dass er Herr der Lage ist, dann macht er Zugeständnisse. Alle Machtmenschen sind berechenbar" – eine Grundregel, die er auch auf Jean-Pierre anwandte (wenn sie nur alle so leicht zu behandeln wären wie der! sagte er einmal zu mir). Josef ging hin und bot den Regionalfürsten an, was jeder Leithammel braucht: die Bestätigung der eigenen Wichtigkeit.

Im Gegensatz zu Jean-Pierre war Josef von Jugend an mit dem Leben auf dem Land vertraut. Er verstand sich auf die Bauern und ihre Schläue, das Niederbayrische in ihm war dem Naturell des Cevennenvolks nicht fremd. Als erstes sprach Josef mit den nächsten Nachbarn (mit denen er die geringsten Schwierigkeiten hatte, da sie Jean-Pierres Schafzucht und die wiederaufgebauten Häuser verfolgen konnten und durchaus mit Respekt betrachteten), dann ging er zum Bauernverband und der Schafzüchtervereinigung (wo ebenfalls anerkennend, aber schon um einiges theoretischer diskutiert wurde), schließlich zum Strukturfondsbüro der EWG (wo man ihn wohlwollend mit Papier zuschüttete). Er spann ein Netz um Aubrac, bevor er zuletzt, angetan mit seinem besten Anzug, den Bürgermeister aufsuchte. Der saß auch im conseil général, dem entscheidenden Gremium des Departements, und war die härteste Nuss von allen. Als Josef ihn in gewandten Worten auf den Umstand hinwies, dass Aubrac das letzte bewohnte Dorf Frankreichs sei, das keinen Stromanschluss besaß (und keine Wasserleitung und eine Straße, auf der der Postbote jeden Tag aufs Neue einen Achsbruch riskierte), konterte Monsieur le Maire ohne Umschweife: "Wie wär’s, wenn Jean-Pierre zuerst mal Steuern zahlen würde für seine Gäste? Da oben hausen eine Menge Leute, denen nimmt er doch Geld fürs Übernachten ab, oder? Also. Und was heißt ‚bewohntes Dorf‘: wenn wir heute eine Stromleitung und sonst noch was rauf legen und morgen sind alle wieder weg, dann stehen wir da und haben ins Nichts investiert. Ihr seid doch wie die Zugvögel, heute hier, morgen da!" – ‚Überhaupt‘ – aber das war nur gedacht, wenn auch unüberhörbar – ‚müssen es unbedingt Ausländer sein, denen wir das Geld nachschmeißen? Was meint ihr denn, was das alles kostet, wir wüssten mit dem Geld schon was anderes anzufangen ...‘


Fortsetzung folgt
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  Für die Geflohenen ein Gedicht



ANSTANDSREGEL FÜR ALLERWÄRTS

Man spuckt dir ins Gesicht
zieh eine Wolke um dich
sage es regne.

Ein regennasses Gesicht
ist gesellschaftsfähig
selbst ein verweintes.

Der Misshandelte
sei unbefangen
dass ihm vergeben werde.

Sicher wusste das jeder
Jude
im Dritten Reich.

Nur die Gehängten
hingen da
ärgerlich anzusehen

und wurden geprügelt
Sterbende
für ihr Sterben.


Hilde Domin
   
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Mittwoch,
24. Februar 2016
Josef (13) – Fortsetzungsgeschichte, 13. Teil ( zur Einleitung)

( zum 12. Teil)


Es muss in diesen Wochen und Monaten der eigenen Wiederfindung gewesen sein, dass sich Josefs Verhältnis zu Frauen veränderte. Wenn ihn alle beide, Anne und Bettina, verließen, so hieß das … ja, was hieß es denn?

Es gab viel zu denken im Krankenbett. Hatten beide ihn aus dem gleichen Grund verlassen? War da etwas an ihm, das sie gleichermaßen abstieß? Oder enttäuschte? Hatte sich Bettina vernachlässigt gefühlt? War er in ihren Augen kein guter Vater mehr? Sicher, er hatte in den letzten Jahren fast nur noch Aubrac und sein Château gekannt, das war schon wahr, und wenn er in Deutschland war, steckte er von früh bis spät im Betrieb. Aber …

Anne, hm. Er hatte es Bettina frühzeitig gesagt, hatte auf ihr Verständnis gehofft. Er wollte sie nicht verlieren. Er liebte sie doch. Aber er liebte auch Anne. Und wie. Warum war sie gegangen? Das war ein Punkt, den er lieber nicht genauer untersuchen wollte. Anne war zweiundzwanzig. Er war sechsundvierzig. Vielleicht war es besser, darüber nicht weiter nachzudenken.

An dieser Stelle muss auch ich meine Überlegungen abbrechen. Näher werde ich an Josef nicht herankommen in Bezug auf diese wilde und schmerzhafte Episode in seinem Leben. Er hat sich einerseits, sagte er, geschämt, ganz tief. Andererseits war er hilflos wie ein Süchtiger und hatte überhaupt keinen Ausweg gesehen. Lass es sein! hatte Bettina zu ihm gesagt, lass es einfach sein! Warum hatte sie ihn nicht gleich aufgefordert, das Atmen sein zu lassen.

In diesen Winterwochen kamen sich Jean-Pierre und Josef nahe. Wirkliche Freundschaft war immer ein rares Phänomen in Jean-Pierres Leben gewesen, man bewunderte, respektierte ihn, aber kaum einer wurde wirklich Freund mit diesem herrischen, unnahbaren Menschen. Seltsam, dass die Vertrautheit mit Josef gerade aus dem Umstand erwuchs, dass Josef alle seine Gewissheiten verlor, während Jean-Pierre doch in jeder Lage wusste, was richtig war. Wenn man Josef glaubte, war Jean-Pierre als Gemeinschaftsmensch im Grunde untauglich. Auch wenn er vielleicht immer eine heimliche Sehnsucht nach Gemeinschaft in sich getragen hat, im Kern seines Wesens war er, der so viel Dominanz abstrahlte, ängstlich, das hat Josef sehr fein erkannt. Jean-Pierre vertraute niemandem außer sich selbst. Immerhin sah er, dass von Josef vorzügliche Ideen kamen, und gewiss war Josef handwerklich weit beschlagener als er.

Der Druck der Banken war inzwischen weiter gestiegen, man drohte Jean-Pierre jetzt unverhohlen mit der Zwangsversteigerung. Sie hatten wohl schon Interessenten in der Hinterhand, wer weiß, wer dahintersteckte. Ein mitverantwortliches tätiges (und finanzielles!) Engagement Josefs erschien da als Rettung und großer Gewinn für den weiteren Wiederaufbau. Ob es nun dieser Einsicht geschuldet war oder dem Drängen der Banken, vielleicht auch der so überraschend gewonnenen Nähe zu Josef – Jean-Pierre willigte schließlich – bangend und hoffend – in den Verkauf ein. Aber nur mit Rückkaufsrecht!

Bevor sie ihren Vertrag unterschrieben – auf eine ordentliche schriftliche Form legten beide Wert –, gab es noch einen Fall zu lösen. "Du bist jetzt seit fünfzehn Jahren hier der Grundbesitzer", sagte Josef zu Jean-Pierre, "und sie haben dir immer noch keine Stromleitung gelegt. Das geht nicht. Bevor wir das nicht geregelt haben, kann ich dir die Ruinen nicht abkaufen. Ich will hier eine richtige Werkstatt mit Drehbank und Kreissäge und so, dazu brauch ich Strom." Auch Jean-Pierre brauchte Strom. Das Leben wie im Mittelalter hat seinen Charme solange man Urlaub macht, aber inzwischen war das zwanzigste Jahrhundert zu mehr als drei Vierteln vorbei, eine Waschmaschine und ein Kühlschrank wären willkommen. "Das Geld kannst du gern schon mal haben. Leihweise halt, wenn nichts aus dem Kauf wird", sagte Josef, "wo ist denn eigentlich der Haken?"


Fortsetzung folgt
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Sonntag,
21. Februar 2016
Wanderung zu den Höhen – mit Asthma und Gelenkschmerzen.



Der Wanderer
      Des Wanderers Ziel
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Freitag,
19. Februar 2016
Erste Sätze (8)


Siegfried Lenz, Die Klangprobe (1990)

Über Nacht hatten sie wieder mal sein Meisterwerk versaut, die – wie ich glaube – gelungenste Figur, die er jemals gemacht hat, den "Wächter".
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Mittwoch,
17. Februar 2016
Josef (12) – Fortsetzungsgeschichte, 12. Teil ( zur Einleitung)

( zum 11. Teil)


Einen Wimpernschlag vor dem Verlöschen, als er schon dabei war, sich der Macht des Wassers zu überlassen, regte sich in seinem Herzen ein Keim. Im Auge des Sturms, inmitten dieses aberwitzigen Wütens gab es etwas, das still und fest in seinem Innersten Wache hielt. Scheu und zag, aber von Sekunde zu Sekunde mutiger, begann ihn aus der Mitte der Kälte etwas zu durchströmen, ergriff Besitz von ihm, du kannst dich auf mich verlassen, nichts ist verloren. Stelle dich dem Regen entgegen, lass die eisernen Strahlen dich durchdringen, gleite in dem Wasser, das dich fortschwemmen will, aber bleibe doch, erwarte so, aufrecht, die plötzlich und endlos einströmende Sonne.32 – Mitten im Winter erfuhr er, dass es in ihm einen unbesiegbaren Sommer gab.33

Er erwachte in die Eisstarre und der Schock durchfuhr ihn, völlig durchnässt, zitternd, schwankend und unendlich langsam ließ er sich auf das reißende Wasser des Überlaufs nieder und kroch auf allen Vieren Zentimeter für Zentimeter die Staumauer zurück. Mit letzter Kraft überwand er das Absperrgitter und als er den sicheren Boden erreicht hatte, brach er zusammen. Was ihm das Leben rettete, war der Umstand, dass ein paar Meter weiter ein Pfad vorbeiführte, so entdeckte ihn kurz vor Einbruch der Dunkelheit ein Jäger, der trotz des abscheulichen Wetters seinen Hund suchte, der ihm am Morgen davongelaufen war. Er erkannte Josef, schleppte ihn zu seinem Pick-up, fuhr hinauf nach Aubrac und alarmierte Jean-Pierre. Zu zweit brachten sie Josef ins Château, zogen ihm trockene Sachen an und legten ihn mit zwei Wärmflaschen in sein Bett. Pauline schürte das Feuer im Ofen, bis der glühte.

Josef hing zwischen Leben und Tod. Der tagelange Regen machte noch in derselben Nacht die Straße durch einen Erdrutsch unpassierbar, ein Transport ins Krankenhaus nach Lamalou-les-Bains kam nicht in Frage. Man richtete Josef das Bett am Ofen, und alle zwei Stunden schauten Pauline, Jean-Pierre oder einer der Helfer nach Josef, legten Holz nach, machten Tee oder brachten ihm etwas zum Essen. Als die Straße nach einer Woche wieder befahrbar war und der alte Doktor aus Olargues heraufkam, hatte Josef das Schlimmste überstanden.

Nach einem Monat war er vollends über dem Berg und konnte das Krankenlager verlassen. Er hatte an Weihnachten 1979 sein eigenes Leben zum Geschenk erhalten, aber es war nicht mehr dasselbe wie vorher. Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles34, und: Nicht sind die Leiden erkannt, nicht ist die Liebe gelernt, und was im Tod uns entfernt, ist nicht entschleiert. Einzig das Lied überm Land heiligt und feiert.35 Ernsthafter denn je arbeitete er an seinen Werken, und jetzt nahm er den Zauber Aubracs in sich auf, als ob er ihn zum ersten Mal wahrnähme, denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.36

In einer Hinsicht allerdings änderte sich Josef nicht, ja das Ereignis stärkte seine bisherige Haltung noch: Mit noch festerer Überzeugung als zuvor glaubte er an die Machbarkeit und Gestaltbarkeit des Schicksals, sein Überleben erschien ihm nicht nur als das Wunder, das es zweifellos war, sondern auch als Ergebnis seines eigenen Willens. Antrieb und Kraft zur Umkehr auf der Staumauer waren doch aus seinem eigenen Innern gekommen, woher denn sonst. Jetzt erst recht wurde Aubrac seine Heimat.


Fortsetzung folgt
32 KAFKA, Franz: Tagebucheintrag vom 27.5.1914; zitiert nach: LAUDERT, Andreas: Erfüllte Schrift, Stuttgart 2009, S. 128;
(siehe auch: LAUDERT, A.: "Die Symbolik der Sonne im Werk Franz Kafkas". In: Jahrbuch der Sektion für Schöne Wissenschaften, Dornach 2006)

33Mitten im Winter habe ich erfahren, dass es einen unbesiegbaren Sommer in mir gibt, lautet das Zitat, das Albert CAMUS zugeschrieben wird. Leider konnte ich die Stelle nicht ausfindig machen, für Hinweise bin ich dankbar.

34RILKE, R. M.: Requiem für Wolf Graf von Kalckreuth, in: Werke in drei Bd., Bd. I, S. 420

35ders.: Sonette an Orpheus I, XIX, in: Werke in drei Bd., Bd. I, S. 499

36ders.: Archaïscher Torso Apollos, in: Werke in drei Bd., Bd. I, S. 313
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Sonntag,
14. Februar 2016




Farewell, Jean
      Farewell, Jean
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    Adieu liebe Jean,
danke für alles




Freitag,
12. Februar 2016
Wie ich höre, fordern die Gewerkschaften eine Erhöhung des Mindestlohns. Recht so. Wer möchte schon schon für 1280,- € im Monat arbeiten (soviel bleibt bei 8,50 €/Stunde und einer 40-Stunden-Woche nach Abzug des Durchschnittssteuersatzes im Monat übrig).

Oder? Schauen wir doch etwas genauer hin: Welche Branchen sind denn in erster Linie vom Mindestlohn betroffen? Mir fällt da die Landwirtschaft ein, aber auch nachgelagerte Branchen wie etwa die fleischverabeitende Industrie. Von letzterer ist bekannt, dass sie mafiöse Strukturen aufweist – gesetzliche Bestimmungen fordern dort seit jeher die Kreativität der Beteiligten heraus. Und auch 2016 gibt es Menschen, die froh sind, für fünf oder sechs Euro je Stunde in Deutschland arbeiten zu dürfen.

Auf die Gefahr hin, den Leser dieses Blogs zu langweilen, muss ich ein weiteres Mal auf die Lebensmittelpreise in Deutschland hinweisen. Im aktuellen Edeka-Prospekt finden wir zum Beispiel Kasseler für 3,50 € oder Schinkenbraten/Schinkengulasch für 3,79 € das Kilo. Eine Anhebung des Mindestlohns würde diese paradiesischen Zustände ernsthaft gefährden.

Welche Qualität dieses Fleisch aus der agrarindustriellen Massenproduktion hat, ist noch ein ganz anderes Thema. Eines, um das sich der deutsche Verbraucher einen Dreck schert. Den Dreck frisst er lieber, Hauptsache billig.

Ergänzende Information: Als ich noch Inhaber eines landwirtschaftlichen Betriebs (Sparte: Gemüsebau) war, habe ich mir einmal den Spaß erlaubt, meinen eigenen Stundenlohn auszurechnen. Bei Berücksichtigung sämtlicher Nebenarbeiten, die so ein Betrieb mit sich bringt, bin ich auf etwa 4 bis 5 Mark pro Stunde gekommen. Das war Ende der Neunzigerjahre, kurz vor der Umstellung auf den Euro.

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  Josef (11) – Fortsetzungsgeschichte, 11. Teil ( zur Einleitung)

( zum 10. Teil)


Der Herbst war größer als alle Herbste, die Josef bis dahin erlebt hatte, ein November voller Glut, und seine Sehnsüchte und Hoffnungen waren der Anlass, Jean-Pierre zu fragen, wie er zu einem Verkauf einer oder mehrerer Ruinen stünde. Er war sich darüber im Klaren, dass Jean-Pierre normalerweise ein solches Ansinnen brüsk von sich weisen würde, aber er wusste auch vom Druck der Banken, der spürbarer geworden war. Mitten in der prallen Sommersaison war einer von den Bankern dagewesen, hatte Aubrac voller Menschen vorgefunden und sich einen Reim auf die Einnahmen gemacht, die man bei entsprechender Bewirtschaftung hier erzielen könnte. Jean-Pierre sah in den Augen des Bankers das Touristenresort aufblühen – Aubrac das urige Bergdorf, village cévenole, ses villas en style rustique, tout confort, son environnement sauvage, sa nature vierge –, als er mit dem Schuldeneintreiber einen Rundgang durchs Dorf machte, und ihm wurde unwohl. So schlug Josefs Stunde, und er konnte Jean-Pierre dank seiner Rücklagen aus der guten Zeit ein Angebot machen. Anne war seine große wilde Liebe, und ein paar Häuser in Aubrac wären das Sahnehäubchen obendrauf. Jean-Pierre zögerte noch, das Dorf war sein persönlicher Abenteuerspielplatz, und alles sträubte sich in ihm, ihn zu teilen.

Da verlor Josef Anne. Wer sein Herz aus der Brust reißt zur Nacht, der langt nach der Rose. Sein ist ihr Blatt und ihr Dorn …30, aber das war schon ganz zum Schluss, als Anne sich anschickte, die Schmetterlingsflügel wieder anzulegen. Celan sagte Anne wenig.

Tief in seinem Innern hatte Josef gewusst, dass er sowohl Bettinas als auch Annes Liebe verspielen würde, als es dann aber so weit war, barst etwas in ihm, so wie die Liebe euch krönt, so wird sie euch kreuzigen31. Kurz vor Weihnachten – und drei Wochen, nachdem Bettina in Deutschland mitsamt den Kindern aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen war – sagte Anne ihm Lebewohl und missbrauchte dabei Hesse, Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde, das dumme Ding. Ihm war, als ob sein Leben in Scherben zerbräche, und jeder Splitter, den er festzuhalten suchte, schnitt ihm aufs Neue quer durchs Herz. Verzweifelt versuchte er sich dem Mahlstrom, in dem alles auf ihn einstürzte, entgegenzustemmen, doch jede Tat, jedes Wort und jeder Gedanke vermehrten den Tumult in seinem Innern. An Heiligabend verließ er bei fünf Grad, Sturm und Regen im T-Shirt das Haus, lief ohne Plan und Ziel durch den Wald talwärts, bis er beim Stausee ankam. Ohne anzuhalten und ohne zu wissen, was er tat, taumelte er den Hang entlang bis zur Staumauer, stieg hinunter und kletterte über die Absperrung auf die Mauerkrone. Er balancierte auf ihr bis zum Überlauf, wo sich das Wasser auf einer Breite von dreißig Metern in einem feinen Schleier in die Tiefe ergoss. Der bemooste Beton war schlüpfrig, der Wind pfiff scharf, mehr als einmal verlor er in der eisigen Strömung beinahe den Halt. In der Mitte des Überlaufs angekommen, drehte er sich dem Abgrund zu, und ein gewalttätiger Sog – nicht nur der des Wassers, das seine eiskalten, völlig durchnässten und gefühllosen Füße umspülte – zerrte an ihm, um ihn in die unzugängliche Schlucht des Rec Grand zu reißen. Das Wasser toste, dröhnte, brauste unter ihm, um ihn, in ihm, Josef schloss die Augen und breitete die Arme aus, er spürte weder die eisige Kälte noch die alles durchdringende Nässe noch das Zittern, das ihn schüttelte, die Tränen rannen ihm über das regennasse Gesicht, er war Teil des tobenden Wassers, das durch ihn hindurchjagte, alles Massive, Starke an ihm war verloren, eine winzige, erniedrigte Gestalt weit draußen auf der Staumauer, der Gekreuzigte in den Fluten, erstarrt und einsam, während rings um ihn die Naturgewalten rasten. Bis das Maß übervoll war und ihn beinahe das Bewusstsein verließ.


Fortsetzung folgt
  30CELAN, Paul: "Mohn und Gedächtnis" (zuerst veröffentlicht 1952), in: Gesammelte Werke Erster Band, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1986, S. 51. Das vollständige Gedicht lautet: Wer sein Herz aus der Brust reißt zur Nacht, der langt nach der Rose. / Sein ist ihr Blatt und ihr Dorn, / ihm legt sie das Licht auf den Teller, / ihm füllt sie die Gläser mit Hauch, / ihm rauschen die Schatten der Liebe. // Wer sein Herz aus der Brust reißt zur Nacht und schleudert es hoch: / der trifft nicht fehl, / der steinigt den Stein, / dem läutet das Blut aus der Uhr, / dem schlägt seine Stunde die Zeit aus der Hand: / er darf spielen mit schöneren Bällen / und reden von dir und von mir.

31GIBRAN, Khalil: Der Prophet, München 32005, S. 14 (Original: For even as love crowns you so shall he crucify you; nach: K.G., The Prophet, London,1991, S. 12;)
       




Dienstag,
9. Februar 2016
Die Lektüre eines frühen Blogs begonnen: Uwe Johnson, Jahrestage – Aus dem Leben der Gesine Cresspahl29, vierbändig, berühmt (aber von mir bisher nicht zur Kenntnis genommen), 1900 Seiten stark, und nach dem Eindruck der ersten achzig zu urteilen, ein geniales Werk. Man weiß, dass Uwe Johnson ein geniales Werk hinterlassen hat, aber es macht einen Unterschied, ob man dieses Urteil aus der Literarturkritik (bzw. der Literaturgeschichte, die Erstveröffentlichung liegt 45 Jahre zurück) oder aus der eigenen Lektüre erfährt.


Zitat (Seite 46):
Mrs. Ferwalter ist aus einem ruthenischen Dorf, dem Osten der Slowakei, "wo die Juden saßen wie in einem Nest". Sie betont, dass es ein "gutes" Dorf war. Die Christen duldeten die Andersgläubigen, und das fünfzehnjährige Mädchen wurde im christlichen Ende nicht einmal abends von den halbwüchsigen Jungen belästigt. Nach ihren Eltern können wir sie nicht fragen. "Ich war nicht hübsch. Man nannte mich apart." "Das Haar ging mir bis ans Kreuz." 1944 wurde sie, wahrscheinlich von den Ungarn (danach können wir sie nicht fragen) ausgeliefert an die Deutschen. Die Deutschen brachten sie in das Konzentrationslager Mauthausen. "Eine von den Aufseherinnen, die war so gut, sie hatte fünf Kinder und musste das alles ja." Sie meint eine SS-Wächterin. Danach können wir sie nicht fragen. Auf einem Foto von 1946 hat sie das Gesicht einer Fünfunddreißig­jährigen, mit glatter Haut.

29 JOHNSON, Uwe: Jahrestage – Aus dem Leben von Gesine Cresspahl, 4 Bände, Frankfurt a.M., 1970, 1971, 1973, 1983.
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Montag,
8. Februar 2016
Die unsterbliche Geschichte stellt verrückte Dinge an, wenn sie auf die Liebe Sterblicher trifft. Vielleicht ist es aber auch nur so, dass die körperliche Liebe in der offiziellen Version der Geschichte nicht vorkommt, obwohl sie sie letztendlich bestimmt. Stattdessen lässt diese sich höchstens dazu herab, die geistige Liebe zu betrachten, die zwar erhabener ist, aber auch blasser und daher weniger entscheidend. Lippenstifte tauchen in den Büchern nicht auf. Professoren beachten sie nicht, wenn sie ökonomische, ideologische und soziale Faktoren miteinander kombinieren, um exakte interdisziplinäre Rahmen abzustecken. Hier gibt es keine Kästchen, um ein Erschaudern, eine Vorahnung, den stummen Ruf zweier Blicke, die sich begegnen, die Gänsehaut oder eine unerklärliche Begegnung einzuordnen, die scheinbar zufällig zustande kommt, obwohl sie in einer oder vielen schlaflosen Nächten minutiös geplant wurde. In Geschichtsbüchern ist kein Platz für Augen, die ins Dunkel starren, auf einen Himmel, der von den vier Ecken der Schlafzimmerdecke begrenzt ist, auch nicht für die Begierde, die immer heißer wird und die Grenzen einer angenehmen Phantasie, eines harmlosen Streichs, einer vergnüglichen Unschicklichkeit sprengt, bis sie den Mund austrocknet und den Hals verbrennt, den Magen zusammenzieht und schließlich die Flammen ihrer Herrschaft ausdehnt, um die Glut bis in die letzten Zellen des ahnungslosen sterblichen Körpers zu tragen. Die Liebe des Geistes ist erhabener, aber diese Spannung kann sie nicht aushalten. Niemand hält sie aus.


Diese Zeilen stammen aus dem Roman Inés und die Freude von Almudena Grandes28

Dieses Buch ist ein weiterer Beleg dafür, dass Lieben und Schreiben auf eine Weise zusammengehören, die uns (mir?) vielleicht bisher nicht ausreichend bewusst geworden ist. Der Roman hat einen historischen Hintergrund: die Invasion des Val d'Aran im Oktober 1944 durch republikanische Truppen, ein gescheiterter Versuch, in der letzten Phase des 2. Weltkriegs einen militärischen Sieg über die Franco-Diktatur herbeizuführen. Die Rolle der Liebe bei diesem Vorhaben zu beschreiben, ist nicht Sache der Historiker, sondern der Dichter.
28 GRANDES, Almudena: Inés und die Freude, München, 2014, S. 22.
(Original: Inés y la alegría, 2010)
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  Derzeit etwas eingeschränkte Blog-Aktivität wegen: Zeichnung: Wilhelm Busch  




Donnerstag,
4. Februar 2016
In diesen Tagen ist viel von Grenzen die Rede. Vor allem von solchen, die angeblich zu weit offen stehen. Es lohnt sich, das Phänomen der Grenze näher zu betrachten.

Bereits beim Versuch der Umsetzung des Näher-Betrachtens kann man erstaunliche Beobachtungen machen: Sobald man gewisser Grenzen habhaft zu werden versucht, beginnt ein Prozess ihrer Auflösung. Das scheint auf alle Grenzen zuzutreffen, die nicht – wie etwa Staatsgrenzen – von Menschen geschaffen sind. Alles, was in der Natur grenzenhaft erscheint, erweist sich als Täuschung, das Leben scheint Grenzen nicht zu kennen, und wenn, dann nur solche von flüchtiger Qualität. Die Grenze entpuppt sich als Illusion. An ihrer Stelle trifft man auf Übergänge, allmählich, behutsam, mal breit, mal schmal, doch stets als Wandel oder Veränderung wahrnehmbar und von einer eigenen, mehr verbindenden als trennenden Art. Das Teilende, Unterscheidende, ist oft nur aus der Entfernung sichtbar. Je weiter wir uns von der vermeintlichen Grenze entfernen, desto klarer scheint sie uns, desto deutlicher erscheint ihre Trennungsfunktion. Aus der Nähe erkenn wir: sie ist ein Scheinwesen, ähnlich dem Scheinriesen Tur Tur in Michaels Endes Jim Knopf, der erst mit zunehmendem Abstand des Betrachters seine riesenhafte Gestalt gewinnt. Solchen scheinbaren Grenzen begegnen wir gleichermaßen in der Natur wie in der Kultur.

Grenzen in der Natur aufzuspüren, scheint einfach zu sein. Hohe Bergkämme, breite Ströme – nichts liegt näher als sie in ihrer Funktion als Grenzen und damit als Trennungslinien wahrzunehmen. Nähern wir uns ihnen aber, tritt der Tur-Tur-Effekt ein: Berge weichen zurück, öffnen zwischen ihnen liegende Täler, Pässe führen von einer Seite auf die andere, das Schroffe und Trennende der Berge verliert im Zug der Annäherung seinen abweisenden Charakter. Ebenso verhält es sich mit den Flüssen und Strömen: Wo das Gewässer nicht selbst in Gestalt einer Furt den Übergang ermöglicht, verschafft sich der Mensch mit Hilfe von Booten, Fähren und Brücken Zugang zum anderen Ufer, so dass bald die eine Seite nicht mehr von der anderen unterscheidbar ist.

Für beide scheinbar so trennende geologische Formationen, Berge wie Flüsse, gibt es schöne Beispiele ihrer verbindenen Funktion: In den Alpentälern nördlich und südlich des Hauptkamms etwa spricht die einheimische Bevölkerung praktisch denselben ursprünglichen Dialekt: das Tirolerische. Auch wenn im Norden das Hochdeutsche beziehungsweise im Süden das Italienische inzwischen die alteingesessene Sprache verdrängt haben, ist die enge Verwandtschaft immer noch gut erkennbar. Was Stromgrenzen betrifft, haben wir zu beiden Seiten des Rheins zwischen Baden und dem Elsass ein ebenso schönes Beispiel: Gäbe es im Elsässischen inzwischen nicht so viel französisches Vokabular, man würde nur wenig Unterschied zwischen beiden Seiten des Rheins hören. Zwar sind die Tage des elsässischen Dialekt heute ebenso gezählt wie die der Südtiroler Sprache, aber dies ist ein anderes Thema. Die engen Verwandtschaften auf beiden Seiten dieser so imposant wirkenden natürlichen Grenzen zeigen, dass sich die Menschen zu keiner Zeit von ihnen haben abschrecken lassen. Diese Grenzen waren Scheingrenzen von Anfang an.

Eine weitere Grenze (beziehungsweise ihre Nicht-Existenz) möchte ich beschreiben: Die Grenze zwischen Jung und Alt. Wieder ist es so, dass die Grenze mit zunehmendem Abstand leichter zu erkennen ist: einen Achtzigjährigen als alt zu bgreifen fällt ebenso leicht wie einen Zwanzigjährigen als jung. Auch bei Siebzig- und Dreißigjährigen gibt es kein Definitionsproblem. Sechzig und Vierzig? Da geht die Trennung gerade noch so. Aber wo stehen dann die Fünzigjährigen? Nehmen wir selber einen jungen oder alten Standpunkt ein, das heißt: beurteilen wir als Zwanzig- beziehungsweie Achtzigjährige einen Menschen von fünfzig Jahren, dann stecken wir den Fünfzigjährigen schnell in die jeweils entgegengesetzte Schublade. Der Grenze zwischen Jung und Alt kommen wir auf diese Weise aber nicht näher. Wer selber fünfzig Jahre alt ist, ist mit der Suche nach dieser Grenze allein gelassen.

In meinem Roman "Marie – Engel der Grenze", habe ich diese Grenze thematisiert:
Jung, das war der Zustand auf der einen Seite, alt der auf der anderen. Soweit war alles klar und leicht zu verstehen. Aber sobald ich versuchte mich der Grenze zu nähern, sie auf irgendeine sinnliche Weise zu spüren suchte, nicht nur in Form einer undeutlichen Ahnung, fing sie an, sich meinem Zugriff zu entziehen, löste sich auf. Wo war sie denn, die Grenze: vor mir oder hinter mir? Oder stand ich mitten auf ihr, so dass ich sie überhaupt nicht bemerken konnte? Zu widersprüchlich waren die Signale, die mir mein tägliches Leben meldete.




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Mittwoch,
3. Februar 2016
Wenn ich einfach so weiterlebe, wie nahe komme ich Krieg?

Aus einem Gedicht von Daniela Seel – Lesung aus ihrem Gedichtband "Was weißt du schon von Prärie?", heute im Deutschlandfunk



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Sonntag,
24. Januar 2016
Josef (10) – Fortsetzungsgeschichte, 10. Teil ( zur Einleitung)

( zum 9. Teil)


In Josefs Fall hat das sechzehn Jahre dauernde, überaus glückliche Zusammenleben mit seiner Frau Bettina nicht ausgereicht, um ihm die Bedeutung einer solchen Beziehung klar zu machen. Die große Achtsamkeit, die er in den meisten Angelegenheiten des Lebens, vor allem in Hinblick auf seine Kunst, an den Tag gelegt hat – hier hat sie ihm gefehlt. Oder hat Bettina ihn nicht rechtzeitig gewarnt? Und wie hätte sie das machen sollen?

Wer ihn schließlich aufgeweckt hat, war Anne. Die Grundzüge dieses süßen und tödlich bitteren Intermezzos in Josefs Leben kenne ich aus seinen eigenen Erzählungen, manches hat mir Jean-Pierre berichtet, aber es bleibt Raum für meine eigene Vorstellungskraft, mit der ich gewisse Einzelheiten schildere. Auch ich bin ein Mensch, und gerade das Privateste verbindet die Menschen miteinander, macht sie zu wechselseitigen Mitwissern. Die Ähnlichkeit der Menschen wächst mit der Intimität ihrer Mitteilungen.27

Die Bedeutung der Liebe im Leben eines Menschen habe ich schon erwähnt, und auch, dass man sie eigentlich nicht überschätzen kann. Zwischen den Ruinen und halbfertigen Häusern von Aubrac hatte sich ein Schmetterling niedergelassen. Anne war ein junges Ding von zweiundzwanzig Jahren, in das sich Josef schneller verliebte als er es selbst mitkriegte. Feenhaft und impulsiv, mit weißblonden, immer zerzausten kurzen Haaren, einer alabasternen Haut und lichtgrauen, aber dunkel umwölkten Augen erschien sie ihm wie ein unirdisches, zauberisches Wesen, das mondenhaft wie eine Elfe durch die alte Steine tanzte. Anne war in der Tat Tänzerin, ihre Bewegungen hatten trotz ihrer leichtfüßigen Anmut etwas Sicheres und Vollendetes – eine Kombination, die Josef wie magisch anzog. Eine Aufbruchstimmung der Liebe durchdrang ihn, wie er sie Jahrzehnte nicht mehr gekannt und nicht mehr für möglich gehalten hatte. Über Annes zarter Schönheit, der Josef vom ersten Augenblick an verfallen war, lag ein geheimer Hauch von Schwermut, aber auch von naturhafter, unberührter Sinnlichkeit. Selbst wenn es Josef in den Sinn gekommen wäre, sich ihrer Anziehung zu erwehren, hätte er keine Chance gehabt. Er dachte aber ohnehin keine Minute an Widerstand. Nach der Dürre der letzten Ehejahre leicht entflammbar, ergriff er keinerlei Feuerschutzmaßnahmen, sondern setzte noch Brandbeschleuniger ein. Ihm, dem Künstler, belesen, feinfühlig, lebenserfahren, fiel es nicht schwer, das Herz des jungen Mädchens zu gewinnen. Bettina, der er sehr bald gestand, was mit ihm los war, war nicht schockiert, sie kämpfte nicht, sie hatten einander schon verloren.

Josef verbrachte den größten Teil des Sommers und Herbstes in Aubrac und ließ sich nur noch sporadisch bei der Familie und in seinem Betrieb sehen, während Anne im Château wohnte. Er streifte mit ihr durch seine Wälder, sie schwammen in den Bergbächen und Gumpen und träumten an den Abenden auf der Terrasse beim Wein. Josef fing an Pläne zu machen, und ihm wurde klar, was Aubrac für ihn bedeutete. Hier wollte er bleiben, hier wollte er leben. Mit Anne. Er träumte davon, mit ihr zusammen weiter die Ruinen aufzubauen und ständig hier zu wohnen. Alles das in die Tat umsetzen, was mit Bettina nicht möglich war.

Josef liebte Anne, wie er glaubte, noch nie geliebt zu haben. Er brachte seinem Augen-, Sonnen- und Mondenstern Blumen, seltene Steine und Bergkristalle von den Höhen Aubracs, zeigte ihr die Gottesanbeterinnen, Geckos und Salamander und schnitzte für sie wundersame, märchenhafte kleine Dinge. Und spürte unzählige Gedichte für sie auf:

Bob Dylan für ihre abgrundtiefen engelsgleichen Augen, in denen er sich jeden Tag und jede Nacht aufs Neue ertränken wollte:

There’s beauty in the silver, singin‘ river
There’s beauty in the sunrise in the sky
But none of these and nothing else can touch the beauty
That I remember in my true love’s eyes …,
Erich Fried über die in ihm nagende Angst vor dem Erwachen aus diesem Traum (es war nicht so, dass er völlig blind gewesen wäre, aber er schob diese Angst immer wieder beiseite):
Ich hielt ihn für ein welkes Blatt
im Aufwind
Dann auf der Hand:
ein gelber Schmetterling
Er wird nicht länger dauern
als ein Blatt
das fallen muß
in diesem großen Herbst …


Fortsetzung folgt
27 MOSER, Hans Albrecht: Efeu ohne Baum (Aphorismen), Bochum 2009, S. 101
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Mittwoch,
20. Januar 2016
Josef (9) – Fortsetzungsgeschichte, 9. Teil ( zur Einleitung)

( zum 8. Teil)


Ich sehe, es ist schwieriger die Bereiche in Josefs Biografie getrennt zu halten, als ich mir das vorgestellt habe: der künstlerische Werdegang, sein Leben in Aubrac und das, was man das Private nennt – immer vermischen sich die verschiedenen Stränge eines Lebens wie bei einem Fluss, der sich auf seinem Lauf durch eine weite Ebene in viele Arme teilt, sich vereinigt, sich wiederum verzweigt, und der doch stets ein und derselbe Wasserlauf bleibt, in dem sich am Ende alle Teile sammeln, um in der Mündung des Strom ihre Bestimmung zu finden.

Es gibt inzwischen Beschreibungen des Lebensgangs von Josef d‘Alessio (es gab sie teilweise auch schon zu seinen Lebzeiten), die den künstlerischen und ansatzweise auch den privaten Bereich beleuchten, vor allem seine letzten Jahre sind gut erforscht und der Fachwissenschaft ebenso wie der interessierten Öffentlichkeit bekannt. Man rechnet ihn zu den wichtigsten bildenden Künstlern der aktuellen Jahrhundertwende, dies gilt in europäischem Maßstab, vielleicht noch darüber hinaus. In einer Zeit zunehmender Beliebigkeit hat er neue Normen gesetzt, hat das Handwerkliche in der Kunst und das Künstlerische im Handwerk auf vielfältige Weise betont und sichtbar gemacht. Fast möchte ich sagen: die europäische Bildhauerei ist nach d’Alessio nicht mehr dieselbe. In gewisser Weise gilt Ähnliches natürlich für alle großen Vertreter ihres Fachs in den Künsten, der Literatur, der Musik, den Wissenschaften: sie eilen den Zeitgenossen davon, definieren ihre Domäne neu, setzen Wegmarken.

Ich erwähne diese beinahe selbstverständlichen Dinge deshalb, weil es im Leben Josef d’Alessios eine Episode gibt, die seinen Biografen und damit der Öffentlichkeit unbekannt geblieben ist, und die ihn im Alter von 46 Jahren um ein Haar das Leben gekostet hätte. Damals war er bei weitem noch nicht die überragende Künstlergestalt, als die man ihn immer im Gedächtnis behalten wird. Es existierten zu jener Zeit wohl eine große Anzahl fantastischer Möbelstücke und überaus origineller Einrichtungs- und Alltagsgegenstände, auch schon eine Reihe mehr oder weniger "zweckfreier" Plastiken und Figuren, und wäre er bei diesem Ereignis tatsächlich ums Leben gekommen, wäre er ganz sicher als Gestalter von Gebrauchsgütern von hohem Rang gestorben. Allerdings hätte man ihn erst noch entdecken müssen, denn zu jenem Zeitpunkt lebte er noch ganz zurückgezogen in dem versteckten Dörfchen in den Cevennen. Wir hätten, wie bei Mozart oder anderen jung verstorbenen schöpferischen Menschen, nur spekulieren können, wie sich seine Entwicklung fortgesetzt hätte, was er den Menschen noch alles hätte schenken können.

Diese Episode, von der ich erzählen muss, gehört ganz entschieden in den privaten Bereich, deshalb mein Abschweifen. Andererseits ist sie aber gerade wegen dieser Privatheit ein Schlüssel zum Verständnis dieses Mannes. Oder vielleicht besser gesagt: zum Verständnis seiner Entwicklung. Wir Männer (ich schließe mich nicht aus) neigen dazu, alles, was mit dem Privatleben, sprich: Beziehungen und Liebe zusammenhängt, in die zweite Reihe zu stellen, quasi zum Gedöns zu erklären. Es ist das Lebensthema für jeden Menschen, aber nur wenige sehen das so. Da leider die wenigsten von uns schon mit Weisheit gesegnet auf die Welt kommen, bedarf es einer Erweckung, damit diese Tatsache ins Bewusstsein treten kann. So ein Weckruf hat unter Umständen ein erhebliches dramatisches Potenzial, je nachdem wie tief der Schlaf ist, aus dem erweckt werden muss. Josefs handwerkliche Entfaltung in Aubrac geradlinig weiter zu erzählen, ohne den privaten Arm seines Lebensflusses mit einzubeziehen, wäre also nicht sinnvoll.

Etwa drei Jahre vergingen nach der Fertigstellung des Châteaus – aber was heißt schon Fertigstellung: ein Objekt wie dieses wird nie fertig, vor allem, wenn es einer wie er in die Hände bekommt –, und in dieser Zeit kam Josef regelmäßig nach Aubrac. Im ersten Jahr zweimal, im nächsten dreimal, zuletzt fünfmal. Er mietete um geringes Geld das Château ganzjährig von Jean-Pierre, irgendwie war es jetzt doch sein Haus, und er brachte viele seiner eigenen Dinge her: Kleider, Haushaltssachen und vor allem Bücher. Die Schreinerei lief gut ohne ihn, er hatte zuverlässige Mitarbeiter, und im Geheimen schmiedete er Pläne, den Betrieb zu verkaufen, um sich in Aubrac niederzulassen. Das war 1979, das Jahr, in dem Bettina sich von ihm trennte.


Fortsetzung folgt

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Dienstag,
19. Januar 2016
Gelegentlich nähern die beiden Paradiese ihr Erscheinungsbild einander an:

Seltener Tiefwinter im Haut Languedoc Seltener Tiefwinter im Haut Languedoc Seltener Tiefwinter im Haut Languedoc         Mimose, frierend und deprimiert
 


... aber nur ein kleines bisschen weiter talwärts blühen die Mandeln ...
  Blühender Mandelbaum in Les Pradals
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Montag,
18. Januar 2016
Erste Sätze (7)


Charlotte Roche, Feuchtgebiete (2008)

Solange ich denken kann, habe ich Hämorrhoiden.




Himmelstagebuch 18.1.2016, 10 Uhr 37
18.1.2016, 10 Uhr 37
(oben: Klick öffnet heute mal ein neues Fenster)
 
Meine Mimose bereut ihre vorwitzigen Frühlingsgefühle
  Frierende Mimose
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Sonntag,
17. Januar 2016
Josef (8) – Fortsetzungsgeschichte, 8. Teil ( zur Einleitung)

( zum 7. Teil)

An dieser Stelle würde ich gerne einen kurzen Blick auf das Dorf Aubrac und seinen Neugründer Jean-Pierre werfen. Erst mal jedoch nur so weit, wie es zum Verständnis von Josefs Lebensweg nötig ist.

Wer sich in dieser Region, dem Haut Languedoc, auskennt, dem kann ich verraten, dass Aubrac keine Erfindung von mir ist, es gibt diesen Ort bis zu einem gewissen Grad auch in der so genannten Wirklichkeit, allerdings unter anderem Namen. Über das Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit habe ich schon mehrfach geschrieben, aber nicht nur Personen, sondern auch Orte und Landschaften, welche in Erzählungen oder Romanen auftreten, können unversehens eine Individualität entwickeln. All the world's a stage, und die Kulissen sind so lebendig und wandelbar wie die in ihnen agierenden Figuren mitsamt ihren Eigenheiten und Maskeraden.

Aubrac ist ein fantastisches Bühnenbild, meine Darsteller könnten sich kein besseres wünschen. Der winzige Ort liegt versteckt im hintersten Winkel eines kleinen wilden Bergzugs, den die Geologen einerseits zur Montagne noire, die Geographen andererseits zu den Cevennen zählen. Jean-Pierre, der wie seine Frau Pauline aus der Schweiz stammte, war im Kanton Fribourg zweisprachig aufgewachsen und kaufte im Jahr 1967 diesen Ort als einen Haufen Ruinen, was nur deshalb möglich war, weil sich, wie man so sagt, kein Schwein für das abgelegene, verlassene und verfallene Gemäuer interessierte. Ruinierte Dörfer gab es im Süden Frankreichs zu Hauf. Da ich, als ich in den achtziger Jahren dorthin kam, nicht nur Josef, sondern natürlich auch Jean-Pierre kennengelernt habe, ist mir die Geschichte dieser Wiederauferstehung vertraut. Ich liebe diese Geschichte sehr und werde sie an anderer Stelle ausführlich erzählen.

Als Josef den Ort entdeckte, war Jean-Pierre bereits seit acht Jahren mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Zu diesem Zeitpunkt war allerdings höchstens ein Drittel der Häuser wieder halbwegs bewohnbar gemacht, meistens ohne irgendwelche sanitäre Einrichtungen. Es gab eine Quelle, und die Jugend von überall her (die bald wie magisch angezogen sich hier einfand) stellte ohnehin keine Ansprüche an den Komfort. Im Gegenteil, man genoss das halbwilde Leben. Jean-Pierre hatte zu Anfang keineswegs vor, den gesamten Ort wieder aufzubauen, aber als immer mehr junge Leute nach Aubrac kamen, begeistert von der offenen Atmosphäre, der Natur, und sie auch kaum zu bremsen waren, "irgendwie" mitzuhelfen, veränderten sich seine Pläne, und die Häuser wuchsen schneller aus den Ruinen, als er sich das gedacht hatte.

Josef kam mit seinen handwerklichen Fähigkeiten und fundierten Kenntnissen im richtigen Augenblick nach Aubrac, und Jean-Pierre erkannte seine Chance. Er war froh um einen rührigen Fachmann und bezog ihn in viele der planerischen Überlegungen mit ein. Sehr bald überließ er Josef eines der schönsten halben Häuser, eben das erwähnte Château, zum weitgehenden selbständigen Aufbau. Allerdings nicht ohne eine Liste von Vorgaben, denn die Kontrolle über seine Projekte gab er nie ganz aus der Hand.

Josef engagierte sich euphorisch. Nachdem Bettina mit den Kindern ans Meer gefahren war, packte er richtig an. Das obere Geschoß nur zur Hälfte wiederherzustellen, die Decke des vorderen Hausteils als geräumige Terrasse und den Mittelbogen als Terrassentür zu gestalten, waren Josefs Einfälle. Zusammen mit ein paar Helfern zog er die teilweise eingestürzten Seitenwände wieder hoch und setzte einen Dachstuhl drauf, für den er einen Teil der alten Balken verwendete. Er deckte das Dach – mit Holz und Dachpappe, mehr gab Jean-Pierres Budget zu jener Zeit nicht her –, passte die mit einfachsten Mitteln gefertigten Fenster und Türen ein, und verlegte Wasserleitungen und Fußböden.

– Aber gleich richtige, ich hab mich nach gutem Holz umgesehen, gar nicht so einfach hier, und hab dann Parkett reingelegt.

Häuserbauen ohne elektrischen Strom war im Aubrac jener Jahre der besondere Kick. Den Beton mit der Schaufel mischen, jedes Brett mit der Hand sägen, die Löcher mit der Brustleier bohren – Josef hatte seinen Spaß daran. Dann war der Urlaub zu Ende, Bettina kam vom Strand zurück und holte ihn ab. Wehmütig ließ er das fast bezugsfertige Haus zurück und vereinbarte mit Jean-Pierre, dass er im Spätherbst wiederkommen würde. Jean-Pierre, der immer an mindestens fünf Baustellen gleichzeitig arbeitete, war, als Josef zurückkam, mit dem Château kaum vorangekommen, und ließ Josef jetzt wirklich freie Hand. Es war aber nicht mehr viel zu tun, ein paar Wände mussten verputzt werden, der Kamin war noch zu mauern, Josef richtete eine einfache Küche ein und – Gipfel des Luxus – eine Dusche.


Fortsetzung folgt
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Samstag,
16. Januar 2016
Himmelstagebuch 16.1.2016, 10 Uhr 48 16.1.2016, 10 Uhr 48
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Erste Sätze (6)


Laurence Sterne, Leben und Meinungen von Tristram Shandy, Gentleman (The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman, 1760)

Ich wollte, mein Vater oder meine Mutter, oder eigentlich beide, denn beide waren gleichermaßen dazu verpflichtet, hätten bedacht, worauf sie sich einließen, als sie mich zeugten.

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Freitag,
15. Januar 2016
Ich habe mir an dieser Stelle schon einmal Sorgen um den Geisteszustand der Verfasser gewisser Texte gemacht. Nun ist mir ein besorgniserregendes Beispiel eines Serviervorschlags begegnet. Man kennt das: Auf der Packung Paniermehl ist ein knuspriges Wiener Schnitzel abgebildet, und damit keiner auf die Idee verfällt, in der Schachtel könnte ein solches enthalten sein, schreibt man neben das Bild "Serviervorschlag". So weit, so gut, höheren Orts sorgt man sich um die Intelligenz des Verbrauchers, das ist in Ordnung. Und dass man Semmelbrösel auf diese Weise auf den Tisch bringen könnte, ist realistisch. Wenn aber auf einem Pack Orangensaft eine aufgeschnittene Orange abgebildet ist (auch das ist soweit in Ordnung, das Bild dient ja der Identifizierung des Inhalts), und daneben steht Suggestion de présentation ("Serviervorschlag"), dann ist allerdings die Grenze des gesunden Menschenverstands übertreten. Wie, bitte, serviere ich Orangensaft in Form einer Orange??



Orangensaft. Am rechten Rand: "Suggestion de présentation"
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Donnerstag,
14. Januar 2016
Himmelstagebuch

14.1.2016, 17 Uhr 47
  14.1.2016, 17 Uhr 47
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Josef (7) – Fortsetzungsgeschichte, 7. Teil ( zur Einleitung)

( zum 6. Teil)

Nach dem Fehlschlag mit der Schule arbeitete Josef – verärgert und ernüchtert – wieder in seinem Beruf, aber nicht mehr in festen Verhältnissen. Mit seiner Ausbildung fiel es ihm leicht, gut bezahlte Arbeit zu finden und Geld zusammenzusparen. Neben dem Möbeltischlern lernte er etwas von der Bauschreinerei und den großen Zimmererarbeiten. Dann ging er auf Reisen. Teils auf die Walz, um auswärts zu lernen, obwohl das zu seiner Zeit kaum üblich war, teils aber auch einfach, um die Welt zu sehen. Auch das war in den frühen sechziger Jahren noch gegen den Trend, zu der Zeit begegnete man den Deutschen im Ausland oft noch mit Misstrauen und Ablehnung, nur da und dort keimten junge Szenen mit Menschen, die nach vorn blickten. Mit großem Interesse studierte er die Bauwerke der Gegenden, durch die er reiste: Schlösser, Kirchen, aber auch einfache Bürger- und Bauernhäuser, er wollte sehen, wie man woanders baute und lebte und wie man zu früheren Zeiten gearbeitet hatte. Nebenher las er die Lebensgeschichten bedeutender Baumeister, bildender Künstler und Dichter. In Schwaben interessierte ihn Hölderlin, in der Schweiz beschäftigte er sich mit Le Corbusier, Rilke, Hesse und Steiner, in Barcelona mit Antoni Gaudí, in der Provence las er René Char, in Nordfrankreich studierte er die Baugeschichte der großen Kathedralen. Daneben blieb er aber auch den Möbeln treu, da kannte er sich bestens aus, und wo er ein besonders schönes Stück sah, einen Tisch, einen Stuhl oder Schrank – und insbesondere solche aus der Zeit der Jahrhundertwende hatten es ihm angetan –, machte er sich genaue Skizzen und Aufzeichnungen, eine Methode, der er mehr als der Fotografie vertraute.

– Wenn ich zeichne, sagte er, kann ich auch innere Strukturen nachbilden, ein Foto zeigt mir immer nur das Äußere.

In Kopenhagen, an einem Flipperautomaten im Tivoli, lernte er Bettina kennen. Sie war fünf Jahre jünger als Josef, stammte wie er aus Bayern und war ebenfalls ohne festes Ziel unterwegs. Zwei Jahre trampten sie miteinander durch Europa und Nordafrika, und als Bettina schwanger wurde, war es Zeit, sesshaft zu werden. Sie heirateten, und mit Hilfe von Bettinas Vater, einem Notar, baute sich Josef auf einem Bauernhof eine kleine Möbelschreinerei auf. Nicht im fetten Niederbayern, sondern im noch fetteren Oberbayern, wo in dem Streifen zwischen München und den Bergen mehr Geld zu Hause ist als im ganzen Rest der Republik. Ebenfalls entgegen jedem Trend waren Josefs Entwürfe weder nachgemachtes Chippendale noch nachgemachtes Bauhaus, sondern seine eigenen Originale. Teure Stücke, aber gefragt.

– War eine gute Zeit. Ist lange her.

Ich fragte ihn, wie er nach Aubrac gekommen war.

– Das war 1975, ich war mit ein paar Kumpels auf einer Frankreichfahrt unterwegs, und einer wusste von irgendwoher etwas über dieses Dorf. Dann waren wir zuerst aber noch eine Woche in Paris bevor wir hier gelandet sind. Nach einem halben Tag in Aubrac hab ich die verplemperte erste Woche schwer bereut.

Eine Woche Paris als verplemperte Zeit zu bezeichnen, ist eine stolze Haltung. Als er im Jahr darauf das zweite Mal nach Aubrac fuhr, nahm er die Familie mit. Die Kinder waren sechs, drei und zwei Jahre alt, Bettina hatte alle Hände voll zu tun, die Große, die sich langweilte, zu bespaßen und die beiden Kleinen davon abzuhalten, die ungesicherten Ruinen zu betreten, sich an den überall wild wuchernden Brombeerranken zu reißen oder über Aubracs unzählige Mauerabsätze zu fallen. Am Ende der ersten Woche war Bettina urlaubsreif.

– Aubrac war nicht ihr Ding, auch deshalb, weil ich mich sofort wie im Rausch aufs Bauen gestürzt habe und kaum noch bei der Familie war. Jean-Pierre hat immer gleich Arbeitskräfte requiriert, und da bin ich schwach geworden. Es war aber auch zu schön.

Bettina packte die Kinder in den VW-Bus, sagte zu Josef: weißt du was: das ist DEIN Aubrac, und fuhr nach Cap d’Agde, wo sie zu viert zehn köstliche Tage am Strand verlebten.

– Ich frage mich manchmal, ob das nicht der erste Sargnagel für meine Ehe war.


Fortsetzung folgt
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Mittwoch,
13. Januar 2016
Istanbul. Wie gesagt, der Nahe Osten rückt uns täglich näher. Vor etwa vierzig Jahren, als ich noch ein junger Mensch war, habe ich zusammen mit meiner Freundin und späteren Frau Istanbul besucht, und dort unter anderem auch die Sultan-Ahmed-Moschee, die weltberühmte Blaue Moschee mit den sechs Minaretten. Reisen in die Türkei und weiter in den Nahen Osten waren zu jener Zeit ohne Gefahr möglich, der Overland-Trip von Europa nach Indien (ein Plan, den wir allerdings nicht ausgeführt haben) war wegen der Reiseumstände eine abenteuerliche, aber keineswegs über Gebühr gefährliche Angelegenheit.

Was haben sich die Zeiten geändert. In meiner Jugend – nicht lange nach dem Krieg, der mir schon so weit im Vergangenen zu liegen schien – dachte ich, alles wird besser, alles kann nur besser werden. Aller Schrecken und alles Leid liegen hinter uns, und wir und alle, die nach uns kommen, werden ein besseres Leben haben.

Habe ich dazu beigetragen? Das müssen andere entscheiden. Insgesamt ist die Bilanz allerdings verheerend.
Die Blaue Moschee in Istanbul (links), rechts die Hagia Sophia

 
Die Blaue Moschee in Istanbul (links), rechts die Hagia Sophia (Quelle: Wikipedia.org)
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Dienstag,
12. Januar 2016
Erste Sätze (5)


Raymond Chandler, Lebwohl, mein Liebling (Farewell, My Lovely, 1940)

Es war einer von den gemischten Wohnblocks drüben an der Central Avenue, einer der Blocks, die noch nicht völlig von Negern bewohnt waren.
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Montag,
11. Januar 2016
Was ist Wahrheit?

Nicht nur Pontius Pilatus hat diese Frage gestellt. An jeden Schreibenden wird sie ständig gerichtet: Was erzählst du da? Wieviel von deinen Texten ist wirklich? Ist das alles wahr? Was ist erfunden? Auch mir ist diese Frage nicht fremd, siehe den ersten Teil der laufenden Fortsetzungsgeschichte "Josef".

Die schönste Erwiderung auf diese Frage gibt Albert Vigoleis Thelen, ein Schriftsteller, den leider kaum jemand kennt, dabei hat er eines der originellsten Bücher des zwanzigsten Jahrhunderts geschrieben: Die Insel des zweiten Gesichts ( zu meiner Rezension). Seine Antwort auf die Frage nach der Wahrheit, die er in einer "Weisung an den Leser" dem Buch voranstellt, lautet:

Alle Gestalten dieses Buches leben oder haben gelebt. Hier treten sie jedoch nur im Doppelbewusstsein ihrer Persönlichkeit auf, der Verfasser einbegriffen, weshalb sie weder für ihre Handlungen noch auch für die im Leser sich erzeugenden Vorstellungen haftbar gemacht werden können. Im gleichen Maße, wie die Spaltung der ichverlorenen Gestalten größer oder kleiner zu sein scheint, unterliegt auch der chronische Ablauf der Geschehnisse einer Umschichtung, die bis in die Aufhebung des Zeitgefühls gehen kann.

In Zweifelsfällen entscheidet die Wahrheit.




  Was ist Wahrheit?

Nikolai Nikolajewitsch Ge: Was ist Wahrheit? (Pontius Pilatus und Christus, 1890)


 
(Nikolai Nikolajewitsch Ge, 1890 – Pontius Pilatus und Christus)
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Himmelstagebuch

11.1.2016, 15 Uhr 15

11.1.2016, 16 Uhr 05

11.1.2016, 17 Uhr 17
11.1.2016, 15 Uhr 15
11.1.2016, 16 Uhr 05
11.1.2016, 17 Uhr 17
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Josef (6) – Fortsetzungsgeschichte, 6. Teil ( zur Einleitung)

( zum 5. Teil)

Zurück zu Josefs frühen Jahren. Wir kamen an dem Abend, als mir Josef sein Schloss zeigte (mit dem skurrilen Bettgestell und der Bibliothekstreppe), nach dem Essen, zu dem er mich eingeladen hatte, darauf zu sprechen. In Aubrac, diesem unwirklichen Ort hinter den sieben Bergen, lud man sich ständig gegenseitig ein um in Gesellschaft zu sein, irgendwie waren alle dort "anders" und daher einander ähnlich, was ein behagliches Gefühl der togetherness hervorrief. Es wurde viel englisch gesprochen, die meisten waren wie ich in den Zwanzigern, und kamen von überall her – nur nicht aus Frankreich. Man traf sich, kochte und aß miteinander, trank billigen Rotwein und genoss das Leben. Doch davon später.

Wir saßen auf der Terrasse von Josefs Château, es war dunkel geworden, er zündete ein Windlicht an und stellte es auf den Tisch. Ein Satz von ihm, den er bei unserem ersten Zusammentreffen hatte fallen lassen, ging mir nicht aus dem Sinn:

– Was war denn in den zehn Monaten, in denen du nicht selbständig warst?

– Ich war Lehrer. In Niederbayern. Die zehn Monate haben gereicht, um zu merken, dass ich das nicht aushalte. Nicht die Arbeit mit den Kindern, das meine ich nicht, sondern den ganzen Kram drumherum. Ich hatte mir das anders vorgestellt. Als Junglehrer bist du in der Schule das zweitletzte Arschloch.

Auf das Lehramtsstudium, das ihm Freude und Vorfreude bereitete, war das Referendariat gefolgt, in dem man ihm sogar die Leitung einer Klasse anvertraute. Das war die Zeit seiner Ernüchterung. Schluss mit der Pädagogik. Die Beschränktheit und das – wie er es nannte – rechtwinklige Weltbild seines Seminarleiters gingen ihm derart auf die Nerven, dass er, noch kein Jahr im Dienst (und stur und eigensinnig wie er immer gewesen ist), innerhalb eines Augenblicks sein mühevoll auf dem damals so genannten zweiten Bildungsweg erworbenes Studium wegwarf, in der Überzeugung, das Richtige, und das hieß: das ihm Gemäße tun zu müssen. Zum Abschied hatten ihm seine Kinder – es war eine vierte Klasse, die er leitete – noch ein Zeugnis ausgestellt (geschrieben von Carolin, der Klassenbesten, in makelloser Schönschrift): lauter Einser gab es da für ihn, nur in "Strengheit" eine Zwei.

Wie Jean-Pierre auf seinem Feld, war auch Josef ein Pionier, nicht zuletzt wenn es darum ging, den Weg, den andere geebnet hatten, wieder zu verlassen. Auf dem eigenen Lebensweg ist jeder Pionier, und Josef verkörperte exemplarisch die typisch abendländische Abenteuerhaltung: die Sehnsucht nach etwas, das noch keines Menschen Auge erblickt hat: nämlich nach seinem eigenen, ganz einzigartigen Leben.26 Seine Eichbäume hat er sich auch hier zum Vorbild genommen und den Hölderlin ein zweites Mal bedacht:
Keiner von euch ist noch in der Menschen Schule gegangen,
Und ihr drängt euch fröhlich und frei, aus der kräftigen Wurzel
Untereinander herauf …
27

Vielleicht aber graute es ihm auch nur davor, sich in eine Ordnung einfügen zu müssen, die Sloterdijk die seit zweieinhalb Jahrtausenden anhaltende Menschheitsbelästigung durch Lehrer nennt.28

Als Josef später seinen Meister machte, damit er einen eigenen Handwerksbetrieb eröffnen konnte, erstritt er sich die Möglichkeit, die Prüfung extern abzulegen, ohne Schulen oder Kurse. Wozu hatte er gelernt, anderen etwas beizubringen? Dann würde das doch auch bei ihm selber klappen! Sein Meisterstück war eine makellos gearbeitete Kommode (er hat mir mal ein Bild davon gezeigt), stilmäßig irgendwo zwischen der Sagrada Família und dem Goetheanum, und doch völlig Josef. Es gab das Stück zu der Zeit schon seit Jahren, er lieh es sich von einem Kunden aus, in dessen Salon das Möbel prunkte, und den theoretischen Prüfungsstoff sprach er sich aufs Tonband, das er – wenn nicht gerade die Maschinen liefen – immer wieder bei der Arbeit abhörte. Der Kassettenrekorder und erst recht der Walkman waren noch nicht erfunden, – das wär′s gewesen!, meinte er begeistert, als er in Aubrac zum ersten Mal die jungen Leute mit so einem Ding herumlaufen sah.


Fortsetzung folgt
26 CAMPBELL, Joseph: Das bist du. Die spirituelle Bedeutung biblischer Geschichten, Wunder und Gleichnisse. Herausgegeben von Eugene Kennedy, München 2002, S. 66.
Das Zitat lautet im Original:
Der spezifisch abendländische Abenteuergeist hingegen speist sich aus dieser Sehnsucht nach etwas, das noch keines Menschen Auge erblickt hat. Was könnte dieses noch nie Gesehene sein? Ihr ganz einzigartiges Leben, wenn es zu seiner Erfüllung gelangt ist. Ihr Leben ist das, was erst noch hervorgebracht werden muss.

27 siehe Anmerkung 7 zum "Novembersommer" (Hölderlin)

28 SLOTERDIJK, Peter: Du mußt dein Leben ändern, Frankfurt a. M. 2009, S. 294
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Sonntag,
10. Januar 2016
Frühlingsspaziergang



Frühlingsspaziergang – Hummel am Immergrün Frühlingsspaziergang  Frühlingsspaziergang  Frühlingsspaziergangr 
       
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Die Digitalisierung verändert die Welt. Die Stimmen, die vor ihren Folgen warnen, werden leiser und weniger, die D. ist ohnehin nicht aufzuhalten. Wir haben neue Kulturtechniken zu erlernen wie einst im Altertum, als Lesen und Schreiben revolutionäres neumodisches Zeug waren. Auch damals gab es ernste Warnungen. Plato zum Beispiel legt in seinem Dialog Phaidros dem Sokrates folgende Rede in den Mund:

Ich habe also vernommen, zu Naukratis in Ägypten sei einer der dortigen alten Götter gewesen, dem auch der heilige Vogel, den sie ja Ibis nennen, eignete, der Dämon selbst aber habe den Namen Theuth. Dieser habe zuerst Zahl und Rechnung erfunden, dann Geometrie und Sternkunde, ferner Brettspiel und Würfelspiel, ja sogar auch die Buchstaben. Da damals über ganz Ägypten Thamus König war in der großen Stadt des oberen Bezirks, welche die Hellenen das ägyptische Theben nennen, den dortigen Gott aber Ammon nennen, so kam der Theuth zu diesem und zeigte ihm seine Künste und sagte, man müsse sie nun den anderen Ägyptern mitteilen. Der aber fragte, was für einen Nutzen eine jede habe. Indem er dies nun auseinandersetzte, so wusste er, wie ihm jener etwas gut oder nicht gut zu sagen dünkte, es bald zu tadeln, bald zu loben. Vieles nun soll da Thamus dem Theuth über jede Kunst dafür und dawider frei heraus gesagt haben, was durchzugehen viele Worte fordern würde. Als er aber an den Buchstaben war, sagte Theuth: "Diese Kenntnis, o König, wird die Ägypter weiser und erinnerungsfähiger machen, denn als ein Hilfsmittel für das Gedächtnis sowohl als für die Weisheit ist sie erfunden." Thamus aber erwiderte: "O du sehr kunstreicher Theuth! Einer ist der, der das, was zur Kunst gehört, hervorzubringen, ein anderer aber der, der zu beurteilen vermag, in welchem Verhältnis sie Schaden und Nutzen denen bringe, die sie gebrauchen werden. So hast auch du jetzt, als Vater der Buchstaben, aus Vaterliebe das Gegenteil von dem gesagt, was ihre Wirkung ist. Denn Vergessenheit wird dieses in den Seelen derer, die sie kennenlernen, herbeiführen durch Vernachlässigung des Gedächtnisses, sofern sie nun im Vertrauen auf die Schrift von außen her mittelst fremder Zeichen, nicht von innen her aus sich selbst, das Erinnern schöpfen. Nicht also für das Gedächtnis, sondern für seinen Anschein hast du ein Hilfsmittel erfunden. Von der Weisheit aber bietest du den Schülern nur Schein, nicht Wahrheit dar. Denn die viel lesen, sind nun ohne Belehrung, und so werden sie Vielwisser zu sein meinen, da sie doch größtenteils Nichtswisser sind und Leute, mit denen schwer umzugehen ist, indem sie Dünkelweise geworden sind, nicht Weise.25


  25 PLATO, Phaidros, 274-275, zitiert nach opera-platonis.de in der Übersetzung von Ludwig Georgii, Stuttgart 1853
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Erste Sätze (4)


Robert M. Pirsig, Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten (Zen and the Art of Motorcycle Maintenance, 1974)

Ohne die Hand vom linken Griff des Motorradlenkers zu nehmen, kann ich auf meiner Uhr sehen, dass es halb neun ist.


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Samstag,
9. Januar 2016
Josef (5) – Fortsetzungsgeschichte, 5. Teil ( zur Einleitung)

( zum 4. Teil)

Dieses Vorhaben ging ordentlich daneben. Ich werde noch davon berichten, erst aber muss ich erzählen, wie Josef und ich uns begegnet sind, damals in Aubrac. Ich habe schon gesagt, dass dieses Dorf eine Geschichte für sich ist, und ich werde sie auch – wenigstens in groben Umrissen – erzählen. Jean-Pierre, dem der Wiederaufbau des Orts zu verdanken ist (auch von ihm später mehr) hatte mir das Häuschen, in dem ich wohnen konnte, gezeigt, und wir unterhielten uns noch ein wenig in allgemeiner Art. Er fragte mich, was ich mache, und als ich antwortete: ich schreibe, war er plötzlich ganz interessiert:

– Schreiben, ach! Ein homme de lettre! Schreibst du nebenbei oder wie?

– Nein, sagte ich, ich lebe davon, und gleich schien er noch interessierter.

– Schreiben, ach, sagte er nochmal, – so richtig? Romane?

– Ja, auch.

Es waren eher gewollte Romane, denn was ich in der Hinterhand hatte, waren zwei oder drei Erzählungen, vielleicht nicht schlecht, aber Romane – das sollte alles erst noch kommen.

– Wie Thomas Mann?

Was soll man darauf antworten.

– So ähnlich, sagte ich, nur besser, und da setzte er ein säuerliches Lächeln auf. Der Gesprächsfaden war gerissen, die Worte irrten noch etwas hin und her, ich weiß nicht, was er in dem Moment von mir dachte. Wir stiegen hintereinander die Stufen vor dem kleinen Haus wieder hinunter, ich, um meine Sachen aus dem Auto zu holen, er, weil ihn die Arbeit bei den Tieren rief (Jean-Pierre betrieb eine Schafzucht), da lief uns unten, wo sich einige Wege kreuzten, Josef über den Weg. Fast ebenso groß und breit wie Jean-Pierre, massig beinahe, ebenfalls so um die Fünfzig, mit gestreiften Hosenträgern über einem staubigen, ehemals blauen T-Shirt, die Haare in dichten dunklen Locken ums schwarzbärtige Gesicht. Als er uns sah, musterte er mich aufmerksam aus grauen, von lauter Lachfältchen umgebenen Augen.

– Ah, das ist Josef, sagte Jean-Pierre zu mir, von ihm kannst du alles über Zimmermannsarbeit lernen – Josef, das ist – wie? – Mack. – Ah ja, Mack. Er bleibt ein paar Tage bei uns.

Da die Vorstellung eher förmlich war – und eben wegen des Altersunterschieds – hatte ich Josef, während wir uns die Hände gaben, höflich gefragt: – Sie leben auch hier? Noch bevor Josef etwas erwidern konnte, hatte Jean-Pierre irritiert dazwischengeredet: – Äh (und dabei eine Handbewegung gemacht, so zwischen Josef und mir hin und her) – würdet ihr euch bitte duzen! und Josef hatte ihn einen Moment lang entgeistert angestarrt und war dann in schallendes Gelächter ausgebrochen.

– Das kann er nicht haben, sagte Josef, als Jean-Pierre außer Hörweite war, das Lachen stand ihm noch im Gesicht, – ein Sie passt nicht in seine Ideologie.

– Hat er eine Ideologie?

– Wir sind alle Freunde!, sagte er mit spöttischem Grinsen und breitete seine Arme aus, als ob er mich umarmen wollte.

– Na, ist ja nichts Schlechtes, oder?

– Schon, aber erstens ist er immer der Oberfreund und zweitens kannst du so was doch nicht verordnen. Aber er probiert’s immer wieder. Es fängt schon an, dass hier alle mit einer aggressiven Scheißfreundlichkeit rumlaufen und hinterm Rücken übereinander herziehen. Wenn das so weitergeht, ist das das Ende aller Freundschaften.

Josef interessierte mich. – Jetzt frag ich nochmal, aber richtig: Du lebst auch hier? Arbeitest du für Jean-Pierre? (ich hatte schon erfahren, dass Jean-Pierre immer Helfer für seine Schafe und das Häuseraufbauen hatte.)

Er ließ ein Grunzen hören. – Mit Ausnahme von zehn Monaten war ich mein ganzes Leben lang unabhängig, und ausgerechnet hier werd′ ich das nicht ändern, sagte er und schaute mich etwas giftig an.

Nun habe ich (eher unbeabsichtigt und etwas vorzeitig) auch Jean-Pierre schon vorgestellt. Noch nicht richtig, aber vielleicht kann man schon eine Ahnung haben, was für ein Mensch er ist.

Fortsetzung folgt.
 
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Himmelstagebuch

9.1.2016, 13 Uhr 07

9.1.2016, 17 Uhr 20
9.1.2016, 13 Uhr 07
9.1.2016, 17 Uhr 20
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Freitag,
8. Januar 2016
Ich habe vor einiger Zeit meine regelmäßigen Buchrezensionen eingestellt, da mir dafür immer weniger Zeit bleibt. Je älter ich werde, desto weniger Zeit habe ich. Wahrscheinlich ist das ein Naturgesetz, und angesichts der schwindenden Lebenszeit auch ganz plausibel.

Nun habe ich aber das Bedürfnis, mich etwas ausführlicher über zwei Bücher auszulassen, die ich kürzlich gelesen habe. Es handelt sich um zwei Titel von Liane Dirks: Vier Arten meinen Vater zu beerdigen24 und Die liebe Angst25. Beides sind autobiographische bzw. stark autobiographisch gefärbte Texte, und es sind auch keineswegs Neuerscheinungen (Erstveröffentlichungen 2002 bzw. 1986). Trotzdem spüre ich den ganz persönlichen Wunsch, etwas dazu zu sagen.

Die liebe Angst beschreibt einen Kindesmissbrauch aus Sicht des kleinen Mädchens, das – gemeinsam mit seiner Schwester – diese Tortur erdulden muss. Warum heißt diese Angst die liebe Angst? Weil der Vater keineswegs der Unhold und Familientyrann ist, den man sich vielleicht unter einem Kindsmissbraucher vorstellen mag. Im Gegenteil, er ist ein kreativer, offenbar auch gütiger und sanftmütiger Mensch, der seinen Kindern gern phantasievolle Märchengeschichten erzählt. Andererseits ist er ein "Luftikus", trinkt, vergnügt sich mit anderen Frauen, mit der Verantwortung für seine Familie hat er′s nicht so. Er ist häufig abwesend (später auch, weil er wegen des Missbrauchs im Gefängnis sitzt), und die Kinder sehnen sich nach ihm. So lebt eine ungeheure, nie auflösbare Spannung in der Kinderseele. Kinder haben keine Wahl – sie müssen ihre Eltern lieben, wen sonst. Auch die Rolle der Mutter wird in den Büchern beschrieben – auch sie ist eine Ausgelieferte.

Vier Arten meinen Vater zu beerdigen ist der vermutlich bis dahin singuläre Versuch eines Opfers, den Lebensweg des Täters nachzuvollziehen, seinen Werdegang zum Täter, dem – natürlich, möchte man sagen – eine Existenz als Opfer vorausgegangen ist. Vielleicht gibt es sogar so etwas wie eine Gesetzmäßigkeit der Täterwerdung: alle Täter waren Opfer? Daraus aber den Umkehrschluss zu ziehen, aus Opfern werden automatisch Täter, wäre grundfalsch. Die Stärke, sich aus einer solchen Zwangsläufigkeit zu befreien, ist als Potenzial in jedem Menschen vorhanden. Nicht jeder aber ist in der Lage, dieses Potenzial in sich zu aktivieren. Der Vater in den beiden Büchern ist und bleibt ein schwacher Mensch, es ist nicht in der Lage, seiner Gier (oder was auch immer es ist, das ihn treibt) Einhalt zu gebieten. Er kann nicht, was an Stärke sicher auch in ihm angelegt war, zur Entfaltung bringen.

Liane Dirks wurde auf Grund ihrer Lebenserfahrungen ganz offenbar ein immer stärkerer Mensch. Sie hat darüber hinaus für sich das Ziel gefunden, anderen Menschen auf diesen Weg zur Selbstentfaltung (Untertitel ihres letzten Buchs Sich ins Leben schreiben) zu helfen. Sie gibt Seminare, in denen sie das Schreiben als Akt der Befreiung, des persönlichen Wachstums und der Bewusstseinserweiterung lehrt. Jede Form von Kunst, jeder kreative Akt, ist Ausdruck unseres Lebens, schreibt Liane Dirks auf ihrer Homepage, schulen wir die Kunst des Schreibens, schulen wir auch unser Bewusstsein.

Eine ganz besondere Qualität dieser beiden Bücher möchte ich hervorheben: die poetische. In weiten Passagen schreibt Liane Dirks einen sagen wir: normalen, angenehmen literarischen Stil. Dann aber, wenn sich die Dramen zuspitzen, die äußeren, vor allem aber die inneren, bei denen der Schauplatz die kindliche Seele in ihrer Angst und Liebe und Verzweiflung ist, da webt sie einen schützenden Kokon aus gesteigerter, dramatischer Poesie um die Angst und die Erinnerungen. Wenn die Schmerzen drohen, verdichtet sich ihre Sprache – und die hält dicht.

Mir sind diese beiden Bücher nahegegangen. In gewisser Weise, glaube ich, gehen sie jeden an. Täter, Opfer, wir alle sind: Menschen. Auch das sagt Liane Dirks.

In ihrem bewegenden Nachwort zur neuesten Auflage der lieben Angst (2015) schreibt die Autorin:

Das Opfer muss den Täter betrachten, um ihn verlassen zu können, auf das Weggehen kommt es an. Auf das: Es ist vorbei. Auf das langsame Wachsen der Freiheit, darauf, sein eigenes Leben zu entwerfen.



24 DIRKS, Liane: Vier Arten meinen Vater zu beerdigen, Köln 2002 (Taschenbuchausgabe München 2004)

25 DIRKS, Liane: Die liebe Angst, Hamburg 1986 (Neuausgaben Köln 2007 und 2015)
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Erste Sätze (3)


Annie Dillard, Der freie Fall der Spottdrossel (Pilgrim at Tinker Creek, 1974)

Ich hatte mal einen Kater, eine alte Kämpfernatur, der oft mitten in der Nacht durch das offene Fenster neben meinem Bett sprang und auf meiner Brust landete.


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Donnerstag,
7. Januar 2016
Es gab eine zeit da die zahllosen übers land schweifenden völker
die weite und breite brust der erde zu erdrücken drohten;
zeus sah dies und hatte mitleid; in seinem weisen rat beschloss er
die alles ernährende erde vom gewicht der menschheit zu erlösen
indem er die großen schlachten des troianischen krieges entfachte
um ihre schwere last durch den tod erleichtern zu lassen:
so wurden die krieger vor troia getötet, so erfüllte zeus' wille sich.


Homer, Vorgesang zur Ilias, ca. 8. Jh. vor Christus (Datierung fraglich). Übertragung: Raoul Schrott, 2008



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Spaßvögel mit Nebenwirkungen

(Aufgrund ihrer Allgegenwärtigkeit sind diese Nebenwirkungen eine Schule der Achtsamkeit)
Spaßvogel

Schule der Achtsamkeit
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Josef (4) – Fortsetzungsgeschichte, 4. Teil ( zur Einleitung)

( zum 3. Teil)

– Der Thanneder war’s, von dem hab ich die Lust zur Genauigkeit und zur Schönheit, sagte Josef, warte, ich zeig dir was, und er holte von seiner Bibliothekstreppe – einer wundersamen Zusammenfügung von handgearbeiteten Bücherregalen, die sich entlang der gedrehten Treppe in den ersten Stock des Château hinaufwand – eine alte Ausgabe von Stifters Nachsommer.

– Das Buch ist noch von ihm, vom Thanneder! Er blätterte kurz, bis er die Stelle gefunden hatte: Der Bau dieses Hauses war aber bei weitem nicht das Schwerste, viel schwerer war es, die Menschen zu finden. Ich hatte mehrere Schreiner, und musste sie entlassen. Ich lernte nach und nach selber, und da trat mir der Starrsinn, der Eigenwille und das Herkommen entgegen. Ich nahm endlich solche Leute, die nicht Schreiner waren und sich erst hier unterrichten sollten. Aber auch diese hatten wie die frühern eine Sünde, welche in arbeitenden Ständen und auch wohl in andern sehr häufig ist, die Sünde der Erfolggenügsamkeit oder der Fahrlässigkeit, die stets sagt: ‚es ist so auch recht’, und die jede weitere Vorsicht für unnötig erachtet. Es ist diese Sünde in den unbedeutendsten und wichtigsten Dingen des Lebens vorhanden, und sie ist mir in meinen früheren Jahren oft vorgekommen. Ich glaube, dass sie die größten Übel gestiftet hat. Manche Leben sind durch sie verloren gegangen, sehr viele andere, wenn sie auch nicht verloren waren, sind durch sie unglücklich oder unfruchtbar geworden, Werke, die sonst entstanden wären, hat sie vereitelt, und die Kunst und was mit derselben zusammenhängt, wäre mit ihr gar nicht möglich. Nur ganz gute Menschen in einem Fache haben sie gar nicht, und aus denen werden die Künstler, Dichter, Gelehrten, Staatsmänner und die großen Feldherren.23

– Die Feldherrn brauchen wir heute nicht mehr, sagte Josef und klappte das Buch zu, dass es staubte, – aber genau so einer war mein Meister!

Wie der Meister Thanneder so wurde also der Josef, mehr oder weniger, das hat er selber so gesehen. Aber außer der Liebe zu Sorgfalt, Schönheit und Harmonie erlebte Josef in seiner Lehrzeit noch eine weitere Liebe: die zur Gretl, ich habe es schon angedeutet. Er war schon zwanzig, als sich die beiden ineinander verliebten, zu jener Zeit ein gängiges Alter für einen jungen Mann um seine Unschuld zu verlieren. Die Gretl wird in gewisser Weise die Grundsteine für Josefs Art gelegt haben, mit der er den Frauen begegnet ist. Aber da bleiben nur Spekulationen, meistens spielt in dieser Hinsicht ja auch die Mutter eine entscheidende Rolle, und über sie weiß ich überhaupt nichts außer den paar Kriegs- und Nachkriegsgeschichten, Josef war da sehr zurückhaltend. Und auch die Gretl hat er mir gegenüber gerade einmal mit dem Namen erwähnt, als er von der Thannederzeit erzählte, drei Jahre, sagte er, seien sie zusammen gewesen, und ich glaube mich zu erinnern, dass die Trennung ungefähr mit dem Beginn des Abendgymnasiums zusammenfiel, aber sicher bin ich mir da nicht mehr. Er hat nie weiter von ihr gesprochen, und ich frage mich, ob da nicht mancher von uns so etwas wie eine Sünde der Fahrlässigkeit begeht, wenn er in den späten Jahren seine erste Liebe vergisst. Was ich über Josefs Beziehungen zu Frauen ganz allgemein sagen kann, ist, dass er dieses Thema außerordentlich ernst genommen hat, ja, im Lauf des Lebens immer ernster, und nicht wie viele Männer die Frauen als Beiwerk zum Leben und zur Arbeit angesehen hat.

Nach dem Ende der Lehrzeit jedenfalls blieb Josef noch ein Jahr bei seinem Meister, in der freien Zeit las er Bücher, zuerst die in Thanneders Stube, dann wahllos alles, was er in die Finger kriegen konnte, zuletzt wurden es vor allem Romane, Klassik und Weltliteratur – und Gedichte. Ich könnte mir vorstellen, dass die Gretl als Tochter eines Schulleiters da ihre Finger im Spiel gehabt hat, bei ihr zuhause werden noch andere Bücher gestanden sein als beim Schreinermeister, und vielleicht muss man ihr sogar so etwas wie eine intellektuelle Initialzündung zuerkennen, wer weiß. Wie dem auch gewesen sein mag, Josef fasste bald den Entschluss, dass ihm seine Schulbildung nicht reichen würde für das, was er im Leben noch machen wollte, und ging, wie gesagt, aufs Abendgymnasium in Landshut. Mit dreiundzwanzig, für die Verhältnisse fast ein Rekord, bestand er dort das Abitur. Lehrer wollte er werden und den Kindern alles nahebringen, was ihm selber etwas bedeutete.

Fortsetzung folgt.
23 STIFTER, Adalbert: Nachsommer, München o.J. (1955?), S. 67 f.
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Mittwoch,
6. Januar 2016
Erste Sätze (2)



Knut Hamsun, Hunger (Sult, 1890)

Es war in jener Zeit, als ich in Kristiania umherging und hungerte, in dieser seltsamen Stadt, die keiner verlässt, ehe er von ihr gezeichnet worden ist.
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Himmelstagebuch

6.1.2016, 13 Uhr 04

6.1.2016, 16 Uhr 24

6.1.2016, 16 Uhr 42
6.1.2016, 13 Uhr 04
6.1.2016, 16 Uhr 24
6.1.2016, 16 Uhr 42
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Josef (3) – Fortsetzungsgeschichte, 3. Teil ( zur Einleitung)

( zum 2. Teil)

Die Zeit auf Steinöd, dem Hof im Niederbayerischen, wurde, wie ich schon gesagt habe, für Josef bestimmend. Die Mutter hatte ihm bedeutet, dass er, schmächtig oder nicht, dort dringend in der Landwirtschaft gebraucht würde, sprach von Heimatfront auf dem Land, und Josef fügte sich in sein Schicksal. Medard (der nächstältere dieses Namens, Bruder von Josefs Mutter und Bauer auf Steinöd), hatte es nicht erreicht, selber vom Kriegsdienst verschont zu werden. Man hatte ihm vorgerechnet, dass die Eltern und seine Frau recht gut den Hof mit seinen paar Tagwerk Äcker und Wiesen, einer Handvoll Kühen, einem Dutzend Schweinen und ein paar Hühnern versorgen könnten, und ihn als k.v. eingestuft. Medard kam vier Jahre nach Kriegsende aus russischer Gefangenschaft zurück, fand sich auf seinem Hof und im Leben nicht mehr zurecht und starb als Achtunddreißigjähriger an der Krankheit, für die keiner einen Namen hatte als eben: der Krieg.

Josef verbrachte also die letzten Kriegsmonate in einer Umgebung, die ihm das Überleben sicherte und ihn nebenbei mit einer ganz anderen Art von Existenz bekannt machte, als er, Kind der Stadt, sie bis dahin kennengelernt hatte. Die Münchner Wohnung wurde bei einem der letzten Fliegerangriffe zerbombt, so kam auch Josefs Mutter auf den Hof, den jetzt außer ihr und Josef die Schwägerin, also Josefs Tante, und Medards Eltern, beide inzwischen über siebzig, bewohnten und nach ihren Kräften bewirtschafteten. Es wurde eng auf Steinöd, und man musste zusehen, wie man sich eine erträgliche Gegenwart und eine Zukunft dazu schaffen konnte. In die Vergangenheit schaute keiner. Auf den umliegenden Höfen, auf denen noch Platz war, wurden bald nach Kriegsende Flüchtlinge aus dem Osten untergebracht, da war man auf Josefs Hof wieder froh, dass man wenigstens Quartiergäste aus der eigenen Verwandtschaft hatte. Von einer Willkommenskultur wusste keiner etwas. Josefs Mutter ging nach einiger Zeit zurück nach München, reihte sich in die Schar der Trümmerfrauen ein und machte zwei Zimmer ihrer zerstörten Wohnung wieder halbwegs nutzbar. Josef, dem das Landleben mit seinen neuen Horizonten ganz unerwartet gefiel, blieb mit Mutters Segen auf dem Hof, lernte das Pflügen und Eggen mit den Ochsen, im Jahreslauf das Säen, die Heuwerbung und die Getreideernte. Und, da zum Hof auch zehn Tagwerk Wald gehörten, den grundlegenden Umgang mit dem Holz. Ins Holz zu fahren wurde ihm die liebste von allen Arbeiten. Nach dem Tod des Onkels hätten die Frauen Josef gern weiter bei sich behalten, er hatte sich inzwischen dank der körperlichen Arbeit und ihrer nahrhaften Kost in einen ansehnlichen jungen Burschen verwandelt, und die Bauerntöchter im Umkreis fingen an, Blicke zu werfen. Josefs erste Liebe wurde dann aber die Gretl, Tochter des Hauptlehrers in Schönbrunn bei Landshut.

Das war aber schon später. Als Josef siebzehn war, im Sommer 1950, suchte Heinrich Thanneder, Schreinermeister zu Ergoldsbach, einen Lehrling. Jetzt, nach der Währungsreform, gab es auf einmal wieder eine Zukunft. In der Familie musste man dem Buben erst gut zureden, damit er sich um die Stelle bewarb: Holz – das kannte er ja schon von daheim, Josef wollte viel lieber etwas mit Metall, am liebsten mit Autos lernen, die motorisierte Zeit warf ihre Schatten schon bis nach Steinöd. Am Ende hatten sie ihn soweit, er ging nach Ergoldsbach, eine Stunde zu Fuß vom Hof, und stellte sich vor. Thanneder nahm ihn auf Anhieb, er hatte das Talent des Jungen zum Zeichnen und Formen gleich nach ein paar Aufgaben, die er ihm gestellt hatte, erkannt. Möglich, dass Josef die Begabung vom Vater mitbekommen hatte, geerbt oder abgeschaut, für einen gewissen Teil unserer Fertigkeiten mögen ja doch die Eltern entscheidend sein, aber sehr viel, vielleicht das meiste, bringen wir aus uns selber mit auf die Welt.

Fortsetzung folgt



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Dienstag,
5. Januar 2016
Mathematik, vierter und letzter Teil

( zum 1. Teil)
( zum 2. Teil)
( zum 3. Teil)

Mir war klar, dass ich mich von der Vorstellung lösen musste, dass die acht Würfel, aus denen das vierdimensionale Objekt bestand, auch wie Würfel im herkömmlichen Sinn aussahen, wenn man ein taugliches dreidimensionales Modell erstellen wollte. Wenn man einen dreidimensionalen Würfel auf einem zweidimensionalen Blatt Papier zeichnen will, sehen die Seitenflächen ja auch nicht mehr wie die Quadrate aus, aus denen der Würfel in der dreidimensionalen Wirklichkeit besteht ( siehe Würfelzeichnung), wir haben uns nur so an derartige perspektivische Darstellungen gewöhnt, dass wir uns darüber keine Gedanken mehr machen. Auf dieser Zeichnung hier sind von den sechs quadratischen Flächen nur zwei wirklich wie Quadrate dargestellt, nämlich die hintere und die vordere Fläche des Würfels (grün in der Zeichnung). Die linke, rechte, obere und untere Fläche des Würfels sind dagegen in Form von Parallelogrammen zu sehen.

Würfeldarstellung. Nur zwei Seiten (Vorder- und Rückseite) sind als Quadrate darstellbar Ober- und Unterseite des Würfels sind als Parallelogramme gezeichnet Die linke und die rechte Seite des Würfels sind als Parallelogramme gezeichnet
Entsprechende Verzerrungen würden demnach auch beim dreidimensionalen Modell eines vierdimensionalen Körpers auftreten.

Sich unvorstellbare Dinge vorstellen zu wollen, schafft naturgemäß Probleme. Ich weiß nicht mehr, wie lange es gedauert hat, bis ich schlussendlich ein wirklich taugliches Modell zustande gebracht habe, das alle Bedingungen erfüllt hat, und ich erinnere mich auch nicht mehr an die Denk- und Probierwege. Zuviel Zeit ist seither verstrichen.
Damals gab es auch kein Internet, keine Wikipedia und ich hatte auch keinen Mathematiker zum Freund, so dass ich ohne eine Überprüfung von kompetenter Seite das Thema wieder losgelassen habe, rundum zufrieden, weil alles so gut gepasst hat.

Und so sah das Ergebnis meiner langen Versuche aus:

3-dimensionales Modell eines 4-dimensionalen Körpers



Man kann nachzählen: 16 Eckpunkte, 32 gerade Linien, 24 quadratische Flächen (natürlich nur zu einem kleinen Teil als wirkliche Quadrate sichtbar) und 8 "Würfel". Sechs von ihnen sind – wie versprochen – verzerrt ("Pyramidenstumpf" heißt diese Form) und die Verzerrung verstärkt sich auch noch durch die zweidimensionale Darstellung des eigentlich dreidimensionalen Modells.

Zur Verdeutlichung hier noch eine Zeichnung mit allen acht Würfeln/Pyramidenstümpfen in getrennter Darstellung
(zwei von ihnen haben ihre würfelförmige Gestalt behalten):

Die acht Würfel/Pyramidenstümpfe, aus denen sich der 4-dimensionale Körper zusammensetzt





Ich habe zu Anfang vom Wiedersehen mit alten Bekannten gesprochen:
Vor kurzem habe ich zufällig bei Wikipedia genau diese Figur entdeckt. Sie hat einen Namen: Tesserakt

Man findet dort auch eine leicht abgewandelte Form der "Aufklappung" und viele weitere Darstellungen (auch dynamisch-bewegliche, bei denen erkennbar wird, wie die "Würfel" ineinander übergeführt werden können!).

Der Tesserakt ist eine Form des "Hyperwürfels", und wie nicht anders zu erwarten, geben sich die Mathematiker nicht mit der vierten Dimension zufrieden, sondern rechnen mit n Dimensionen, und n kann bekanntlich jede mögliche natürliche Zahl bedeuten ...

Selbstverständlich kann ich nicht beweisen, dass ich damals vor vierzig oder fünfzig oder noch mehr Jahren von selber auf die Figur des Tesserakts gekommen bin – aber das muss ich ja auch nicht.
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Mützenparade (2)



Danke, Betsy!
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Montag,
4. Januar 2016
Erste Sätze (1)

Literaturkritiker machen gelegentlich viel Gewese um den ersten Satz eines Romans. Ob er wirklich eine so entscheidende Rolle spielt, wie manche behaupten, sei dahingestellt. Ich habe mir Bücher auf ihre ersten Sätze hin angeschaut, mehr oder weniger wahllos, und möchte ab und zu hier einen einstreuen.

Günter Grass, Der Butt (1977)

Ilsebill salzte nach.
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Himmelstagebuch 4.1.2016, 13 Uhr 17 4.1.2016, 13 Uhr 17
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Josef (2) – Fortsetzungsgeschichte, 2. Teil ( zur Einleitung)

( zum 1. Teil)

In den letzten Wochen des Krieges, als Josef gerade zwölf Jahre alt geworden war, schickte ihn seine Mutter zu ihrer Familie ins Niederbayerische, auf einen Einödhof zwischen Landshut und Straubing, eine Gegend, in der es zu der Zeit noch viel Wald und Einsamkeit gab. Dies war vor allem eine Vorsichtsmaßnahme gegenüber seiner angeborenen Hitzköpfigkeit. Sein Vater, ein technischer Zeichner, der in München bei Siemens gearbeitet hatte, dann aber, nachdem man ihn ein paar leichtsinnige Bemerkungen hatte machen hören, eingezogen und an die Front versetzt worden war, sein Vater also machte den Krieg vom Anfang bis kurz vor dem Ende mit, lernte Frankreich, Afrika und Russland aus der eingeschränkten Sicht des Soldaten kennen und kehrte vom letzten Einsatz an der weichenden Ostfront nicht mehr zurück. In Josef brachen, noch bevor Trauer und Entsetzen in ihm reifen konnten, grenzenlose Wut und Verzweiflung aus, und leidenschaftlich trachtete er danach, zum Volkssturm eingezogen zu werden, damit er Führer, Volk und Vaterland verteidigen und seinen Vater rächen könnte. Mit Hingabe hätte er sich jedem alliierten Panzer entgegengeworfen, wenn man ihn nur gelassen hätte. Glücklicherweise hielten alle den schmächtigen Buben für viel zu jung und völlig ungeeignet, irgendein Arbeitsgerät oder gar eine Waffe in die Hand zu nehmen, auch noch in den allerletzten Kriegstagen, als überall im Reich halbe Kinder losgeschickt wurden um hoffnungslose Endkämpfe auszufechten.

Trotz seiner körperlichen Zartheit – von der in seinen erwachsenen Jahren allerdings nichts zurückgeblieben war – besaß Josef schon damals das Feurige und Leidenschaftliche, das sein ganzes späteres Leben charakterisieren sollte. Knurrend beugte er sich dem Willen der Mutter. Natürlich ahnte er nicht, dass der Aufenthalt auf dem Bauernhof in gewisser Weise für sein ganzes Leben bestimmend werden sollte.

– Weißt du, sagte er einmal, als er mir von dieser Zeit erzählte, was ich mir mit meinen dummen zwölf Jahren gewünscht habe? Dass der Krieg noch so lange weitergeht, bis ich endlich alt genug dafür wäre.

*


Vielleicht ist es nicht angebracht oder sinnvoll, Josefs Jugend- und Ausbildungszeit in allen Einzelheiten wiederzugeben, aber einige charakteristische Episoden möchte ich doch erwähnen, soweit sie mir bekannt sind, so, wie er sie mir, nachdem wir uns angefreundet hatten, erzählt hat.

Kennengelernt hatten wir uns im Herbst 1985 in einem kleinen Dorf im Süden Frankreichs, ein Ort, an den ich durch den Tipp einer Zufallsbekanntschaft geraten war und den ich seither regelmäßig aufsuche. Er ist zum Ankerplatz in meinem Leben geworden. Ich kann nicht sagen, ob Josefs prägende Gestalt dafür der Auslöser war oder der Zauber dieses Fleckens und der ihn umgebenden Natur, aber dieses Dorf und alles was mit ihm zusammenhängt, ist sowieso eine andere Geschichte. Als wir uns trafen, hatte Josef die Fünfzig schon überschritten, ich war etwa achtundzwanzig, und es ist nicht selbstverständlich, dass bei einem solchen Altersunterschied eine dauerhafte Freundschaft entsteht. Josef hatte sich in diesem Dorf eine Ruine gekauft, etwa fünf Jahre, bevor wir uns trafen. Er hatte sie auf originelle Weise wieder auf- und ausgebaut, hatte – er war gelernter Schreiner – sämtliche Tür- und Fensterstöcke und auch einen Teil der Möbel selbst hergestellt. Bei meinem ersten Besuch in seinem Château (wie das Haus im Dorf wegen seiner Dominanz hieß) durfte ich einen Blick ins Schlafzimmer werfen, und dort sah ich das Bett, das Jahrzehnte später zum Vorbild für seinen Sarg werden würde. Es beanspruchte zwei Drittel des Raums, war ein zauberhaft-versponnenes Kunstwerk mit geschnitzten Füßen und hohen Pfosten, aus denen Astansätze wie Finger und absonderliche Gliedmaßen herauswuchsen, um als Kleiderhaken zu dienen. Ich war völlig hingerissen von dem bizarren Meisterstück.

– Den Sprungfederrahmen habe ich aus der Jugendherberge in Mèze, sagte Josef, als ob das das Wichtigste gewesen wäre.


Fortsetzung folgt.
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Sonntag,
3. Januar 2016
Mathematik, dritter Teil

( zum 1. Teil)
( zum 2. Teil)


Ich muss zugeben, dass ich, als ich soweit gekommen war, mich mehr aufs Probieren als aufs Rechnen verlegt habe. Die Eckdaten des gesuchten imaginären Körpers standen fest (davon ging ich einfach aus): 16 Punkte, 32 Gerade, 24 Quadrate, 8 Würfel.

Zuerst versuchte ich es damit, dieses Objekt "aufzuklappen", so wie man einen Würfel aufklappen kann:

Würfel, aufgeklappt


Das dreidimensionale Objekt Würfel ist aufgeklappt nur noch als Fläche, als zweidimensionales Objekt vorhanden. Funktioniert das auch mit dem gesuchten vierdimensionalen Ding?

Da war aber zuvor noch ein Umstand zu beachten: durch die Herabstufung von der 3. zur 2. Dimension, ergaben sich zwangsläufig Verfälschungen, die in der zeichnerischen Darstellung gut zu erkennen sind: Wie die Anschauung (und auch die 2. Tabelle im 2. Teil) zeigt, hat ein Würfel 8 Punkte, 12 Gerade und 6 Quadrate. Das aufgeklappte Würfelmodell zeigt zwar ebenfalls 6 Quadrate, aber 14 Punkte und 19 Gerade. Was ist da passiert?

Das Aufklappen setzt ein "Aufschneiden" voraus, und das hat zur Folge, dass einige Punkte und Linien doppelt erscheinen. Im folgenden "Aufklappmodell" sind die "echten" Punkte und Linien grün eingezeichnet, die "doppelten", also die durch das Aufklappen entstandenen, rot.

Würfel, aufgeklappt. Nur die grünen Linien und Eckpunkte sind "echt", die roten zählen nicht, sie sind doppelt, da sie erst durch das Aufklappen entstanden sind.

Für den Aufklappversuch mit dem 4-dimensionalen Objekt hieß das: die Anzahl der 3-dimensionalen Bestandteile (= Würfel) ließe sich vermutlich korrekt darstellen, während die 0-, 1- und 2-dimensionalen Anteile, also Eckpunkte, Linien und Flächen wahrscheinlich wieder Doppelgänger produzieren würden.

Von dem aufgeklappten Würfel ausgehend, versuchte ich, ein dreidimensionales "aufgeklapptes" Modell des vierdimensionalen Körpers zu entwerfen. Nach einigen Versuchen kam dabei Folgendes heraus:

4-dimensionales Objekt, "aufgeklappt"

Das Ding verfügte über die geforderten 8 Würfel und darüber hinaus über:
41 quadratische Flächen, 68 Linien und 36 Eckpunkte; "überschüssig" waren somit 17 Quadrate, 36 Linien und 20 Punkte – überschüssig in dem Sinn, dass sie in dem Modell doppelt angelegt waren. Diese galt es nun herauszufinden.

Ich kam so weit, dass ich die zu eliminierenden Linien identifizieren konnte:

4-dimensionales Objekt, "aufgeklappt", die roten Linien sind die doppelten

Mit den Punkten hatte ich größere Schwierigkeiten. Mir fehlte auch das Vorstellungsvermögen, mir das Teil irgendwie in sich selber zusammengefaltet vorzustellen.

An dieser Stelle machte ich eine große Pause, ich glaube, sie dauerte sogar mehrere Jahre.

Ende des dritten Teils

zum vierten Teil
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Samstag,
2. Januar 2016
Früher kam es gelegentlich vor, dass ein Schriftsteller einen Roman oder eine längere Erzählung vor dem Erscheinen des Buchs portionsweise in einer Tages- oder Wochenzeitung veröffentlicht hat. Diese Form des Fortsetzungsromans gibt es auch heute noch.

Da ich gerade mit der Idee zu einem neuen Schreibprojekt gesegnet bin, dachte ich, ich könnte die entstehende Geschichte nach und nach hier in meinem Blog erscheinen lassen. Ein neues Jahr bietet sich ohnehin für die Umsetzung neuer Ideen an, und so wird man an dieser Stelle in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen kleine laufende Fortsetzungen lesen können. Was am Ende daraus wird, weiß ich nicht – mehr als zwei oder drei Folgen will ich meinen Lesern nicht voraus sein.

Der Text bekommt von mir den Namen Josef, nach einer Figur aus dem Romanprojekt Novembersommer. (Ich hatte mir auch überlegt, ihn den ungeschriebenen Josef zu nennen. Lassen wir's bei Josef.)

Alles Weitere erklärt sich beim Lesen. Gute Unterhaltung!

(Bitte auch das Copyright © beachten, danke.)


Josef (1)

In einem meiner Texte, die nie zur Veröffentlichung gelangt sind (aus Gründen, die ich hier nicht näher erläutern möchte) gibt es eine Figur, die den Namen Josef trägt. Genauer: Josef Medard d’Alessio. Geboren in München an einem kalten Sonntag im Februar des Jahres 1933, keine drei Wochen nach dem Ereignis, das die Geschichtsschreibung üblicherweise die Machtergreifung nennt. Seinen klangvollen Familiennamen hatte er seinem Urgroßvater väterlicherseits zu verdanken, der um das Jahr 1860 herum von Apulien nach Bayern ausgewandert war. Den ersten Vornamen gab ihm sein Vater, dessen Vater ebenfalls Josef hieß (eigentlich Giuseppe, aber natürlich rief ihn jeder Seppe, und damit war die Integration erledigt). Den zweiten Vornamen bekam er, weil in der Familie der Mutter, die aus dem Niederbayrischen stammte, in jeder Generation ein Bub den Namen Medard trug.

Josef ist mir im Lauf der Arbeit ans Herz gewachsen. So sehr, dass ich ihn nicht einfach verlorengehen lassen kann, ohne ihn einem größeren Kreis von Menschen vorgestellt zu haben, nur weil das Buch, in dem er eine tragende Rolle spielen sollte, nicht zustande kam. Es drängt mich, Geschichten und Anekdoten aus Josefs Leben zu erzählen, wahrscheinlich etwas ungeordnet, so wie sie mir eben einfallen. Wie das mit Figuren in Romanen und Erzählungen ist, hat Josef ohne mein Zutun ein eigenes Leben entwickelt, hat sich vielfach und hartnäckig (wie es seinem Charakter entsprach) in eine selbständige Existenz hineingelebt, und es kann durchaus sein, dass meine Erinnerungen an ihn gelegentlich den Unterschied zwischen Fiktion und Wirklichkeit zu verwischen scheinen. Dafür bitte ich um Nachsicht.

Eine vollständige Biografie Josef M. d’Alessios wird es vermutlich nicht geben. Zum einen fehlen mir bisher detaillierte Kenntnisse mancher Lebensabschnitte, zum anderen scheint es mir lohnender, bestimmte charakteristische Bereiche seines Lebensgangs herauszugreifen und diese gleichsam wie unter einem Brennglas genauer zu betrachten.

Ich habe es für sinnvoll gehalten, eine Einteilung in Themenbereiche vorzunehmen, nach denen ich die Vorstellung von Josefs Leben gliedern will. Derzeit, am Anfang des Projekts, schwebt mir folgende Anordnung vor:

  • Ein grober Überblick über die Lebensdaten
  • Herkunft, Jugend, Ausbildung
  • Die Entwicklung zum Künstler
  • Das Private


  • Dies soll jetzt nur eine grobe Richtschnur sein, Änderungen können jederzeit erfolgen, soweit sie mir zweckmäßig erscheinen.


    Fortsetzung folgt
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    zum Abschnitt September – Dezember 2015