WERNERS BLOG

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  Zeichnung: Wilhelm Busch


Samstag,
14. Oktober 2017

Die alten Tagebücher
(dieses Mal in Tateinheit mit den alten Träumen)

24. 2. 1980

C. ist für ein paar Wochen nach Deutschland geflogen um etwas Geld zu verdienen, ich bin im Kibbuz zurückgeblieben. Die "Argentines" sind eine Gruppe von Volonteers aus Argentinien, die für Wochen den Kibbuz unsicher machen und in unserem Wohn- und Schlafquartier vor allem durch ihre Lautstärke zu jeder Tages- und Nachtzeit unangenehm auffallen.
(...)
Telefongespräch von C. hat nicht geklappt, konnte sie auch nicht zurückrufen, Apparat funktioniert nicht. Ich hoffe, sie schickt ein Telegramm mit ihrer Ankunftszeit. Gestern nacht noch letzter Auftritt der "Argentines". Gebrüll und leichte Schlägerei morgens um vier. Ich muß einen am Kragen packen, so geht's zu. Thanks goodness, daß sie verschwinden.
Nachträge: Zwei Träume, der erste: Theater, ein Ein-Personenstück wird geschrieben/geprobt. Er schneidet sich nach und nach Teile seines Körpers ab, Füße, Beine, Hände, Arme, bis nur noch der Rumpf übrigbleibt. Diese Idee gäbe vielleicht tatsächlich ein Theaterstück ab.
Der zweite: In einer modernen Stadt, meiner Stadt, bricht ein Krieg aus. Düsenjäger fliegen knapp über die Dächer, richten mit Überschallknallen Schäden an, werfen dann Bomben. Panik bricht aus. C. ist dabei, sie ist schwanger, wir kaufen gerade Kleider für sie. Ich habe Kinder im Alter von ca. 10 Jahren, Kinder, auf die ich stolz bin, sie erinnern mich an M. und A. Ich schicke das Mädchen über die nahe Grenze (Schweiz/Italien) um etwas zu besorgen, freue mich an dem Gefühl, mich in dieser gefährlichen Situation auf die Kinder verlassen zu können.
Ich möchte wieder "mein" Leben führen. Hier im Kibbuz, wie auch vorher unterwegs, bin ich dazu nicht in der Lage. Mein Leben findet anders/anderswo statt. Und ich möchte es aus meinem Kopf in die Wirklichkeit entlassen. Es wird wieder besser werden, sobald C. wieder bei mir ist. Sie ist Teil meines Lebens, schon praktisch unverzichtbar geworden. Es wird Zeit, daß wir zusammen etwas aufbauen.
Spät noch Briefe an C. und Mutter (kurz).

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Freitag,
13. Oktober 2017
Auch in Österreich ist Wahlkampf, noch bis zu diesem Wochenende. Es gibt dort ähnliche Konstellationen wie in Deutschland: eine schwache Sozialdemokratie (SPÖ) eine (relativ) solide konservative Partei (ÖVP) und sehr populäre Populisten auf der rechten Seite (FPÖ), die in den Umfragen sogar deutlich vor der SPÖ rangieren. Auch in Österreich sind die Flüchtlinge ein zentrales Wahlkampfthema. ÖVP und FPÖ überbieten sich gegenseitig in Flüchtlingsfeindlichkeit. Die Zeit schreibt dazu: Wahl in Österreich – Die Wahl zwischen rechts und rechts?

Ein Highlight war heute in den Informationen am Abend des Deutschlandfunks eine Aussage des österreichischen Außenministers Sebastian Kurz (ÖVP) bezüglich der Leistungen für Flüchtlinge. (Er war schon früher durch intelligente Lösungen der Flüchtlingsfrage aufgefallen). Kurz will eine "Mindestsicherung, die einseits gedeckelt ist, die andererseits aber auch für Flüchtlinge – für anerkannte Flüchtlinge – deutlich niedriger ist, weil sie noch nie ins System eingezahlt haben."

Die Flüchtlinge hätten besser vor ihrem Asylantrag, am besten schon in Syrien oder Afghanistan, monatliche Beiträge in die österreichische Sozialversicherung einbezahlt, will uns Kurz damit sagen. Man muss nur blöd genug argumentieren, damit man (nicht nur in Österreich) gewählt wird.

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Sonntag,
8. Oktober 2016
Erste Sätze (21)


Stefan Zweig, Die Welt von Gestern (1944)

Ich habe meiner Person niemals so viel Wichtigkeit beigemessen, daß es mich verlockt hätte, anderen die Geschichten meines Lebens zu erzählen.

(Eine solche Zurückhaltung würde man sich öfter wünschen – man muss nur mal bei amazon nach Autobiographien "berühmter Persönlichkeiten" suchen)

Stefan Zweig hatte gute Gründe, aus seinem Leben zu erzählen. Er fährt fort:
Viel musste sich ereignen, unendlich viel mehr, als sonst einer einzelnen Generation an Geschehnissen, Katastrophen und Prüfungen zugeteilt ist, ehe ich den Mut fand, ein Buch zu beginnen, das mein Ich zur Hauptperson hat oder – besser gesagt – zum Mittelpunkt.
Das Buch erschien 1944 in einem schwedischen Verlag, zwei Jahre, nachdem der Autor sich – in Verzweiflung über das Grauen seiner Zeit – das Leben genommen hatte. (Siehe auch den Ausschnitt über den Kleidercodex der Frauen in Europa vor dem Ersten Weltkrieg)
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Samstag,
7. Oktober 2017
Am vergangenen Dienstag, dem 3. Oktober, sendete der Deutschlandfunk ein Hörspiel, die "Traumprotokolle" von Theodor W. Adorno. In der Hauptsache bestand dieses Hörspiel aus aufgezeichneten Träumen des Autors. Der Sender schrieb dazu: Adorno notierte seine Gedanken über Träume Anfang 1956. Die Bedeutung des motivischen Zusammenhangs der Träume ließ ihn eine Reihe von ihnen auswählen und für eine Publikation vorbereiten, die zu seinen Lebzeiten nicht mehr erschien.

Da ist mir eingefallen, dass auch ich meine Träume seit vielen Jahren in meinen Tagebüchern notiert habe. Ein Hörspiel kann ich nicht daraus machen, aber "eine Reihe von ihnen auswählen und für eine Publikation vorbereiten".

In der Veröffentlichung intimer Erlebnisse und Gefühle, wie Träume sie darstellen, steckt ein gewisses Risiko – wenigstens hätte ich dies noch vor ein paar Jahren so gesehen. Heute erzählt jeder im Netz die intimsten Begebnisse, Risiken schwinden mit der Zahl derjenigen, die sie eingehen. Und Altes, längst Vergangenes zu veröffentlichen, hat nur noch historischen Wert. Oder?

Ich beginne mit dem November 1999. Wie Adorno habe ich "für die Publikation nur die empfindlichsten sprachlichen Mängel korrigiert".

Meine damalige Situation: Die Trennung von C., meiner Frau, war seit etwa eineinhalb Jahren im Gang.

27.11.1999

Bin im Gebirge, auf einem Hof oder einer Hütte, auch andere sind da; schöne Gebirgslandschaft; es führt eine Seilbahn rauf, auch Fahrwege. Ich will bergab gehen, die Seile der Seilbahn, die in die Tiefe führen, sind über mir sichtbar. Plötzlich gerate ich an einen immer steiler werdenden Abgrund, merke, daß es plötzlich in die Tiefe abbricht, gerade noch kann ich anhalten, muß äußerst aufpassen, daß ich auf dem Geröll nicht ausrutsche. Rufe nach meinem Freund (Christoph v. H.), er erkennt meine Lage und wird mir ein Seil herablassen. Ich sage mir, daß ich nicht hastig sein muß, ich kann mir den ganzen Tag Zeit lassen, um äußerst vorsichtig, Zentimeter für Zentimeter wieder nach oben auf sicheres Gelände zu gelangen.
Und am folgenden Tag, 28.11.1999:

Mit ein paar Leuten (wer?) in einem einsamen Haus im Wald. Wir wohnen dort nicht, können es aber vorübergehend benutzen. Da kommt eine Gruppe Fremder, 3, 4 Leute, auch eine Frau mit Kleinkind ist dabei; sie benehmen sich sehr distanzlos, setzen sich an den Tisch, schenken sich Kaffee ein, gehen im Haus umher usw.
Nach kurzer Zeit wird mir das zu bunt, ich empfinde es als Unverschämtheit und bitte die Menschen scharf, das Haus zu verlassen; man macht keine Anstalten, zu folgen. Ich bitte die anderen aus meiner Gruppe mehrmals, mir doch zu helfen die Fremden rauszuwerfen, aber es ist eine seltsam gelähmte Stimmung. Ich frage einen, was er da macht, warum er mir nicht hilft, er sagt, er rührt Hefe an. Als man schließlich doch langsam aufbricht, wollen die anderen uns/mir noch alle möglichen Dinge andrehen, z.B. einen Koffer, irgendwelches Papier usw.


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Sonntag,
1. Oktober 2017
Gesichtsverhüllung in Österreich ab heute unter Strafe, meldet der Deutschlandfunk: In Österreich dürfen muslimische Frauen ihre Gesichter von heute an nicht mehr verhüllen. Das Verbot betrifft vor allem Trägerinnen von Burkas oder Niqabs.

Anlass für mich, an einen Text von Stefan Zweig (auch er war Österreicher) aus dem Jahr 1940 zu erinnern, in dem er vom Kleider- und Verhaltenscodex für europäische Frauen erzählt, wie er bis in die Zeit des Ersten Weltkriegs hinein in der bürgerlichen Welt selbstverständlich war. Auch Europa war (ist?) keineswegs völlig frei von Maßnahmen, die einerseits Frauen den herrschenden patriarchalischen Regeln unterwerfen, andererseits aber von den Frauen als völlig selbstverständlich hingenommen werden.

Hier der entsprechende Ausschnitt:
(...) Schon die Männermode der hohen steifen Kragen, der ›Vatermörder‹, die jede lockere Bewegung unmöglich machten, der schwarzen schweifwedelnden Bratenröcke und der an Ofenröhren erinnernden Zylinderhüte fordert zur Heiterkeit heraus, aber wie erst die ›Dame‹ von einst in ihrer mühseligen und gewaltsamen, ihrer in jeder Einzelheit die Natur vergewaltigenden Aufmachung! In der Mitte des Körpers wie eine Wespe abgeschnürt durch ein Korsett aus Fischbein, den Unterkörper wiederum weit aufgebauscht zu einer riesigen Glocke, den Hals hoch verschlossen bis an das Kinn, die Füße bedeckt bis hart an die Zehen, das Haar mit unzähligen Löckchen und Schnecken und Flechten aufgetürmt unter einem majestätisch schwankenden Hutungetüm, die Hände selbst im heißesten Sommer in Handschuhe gestülpt, wirkt dies heute längst historische Wesen ›Dame‹ trotz des Parfüms, das seine Nähe umwölkte, trotz des Schmucks, mit dem es beladen war, und der kostbarsten Spitzen, der Rüschen und Behänge als ein unseliges Wesen von bedauernswerter Hilflosigkeit. Auf den ersten Blick wird man gewahr, daß eine Frau, einmal in eine solche Toilette verpanzert wie ein Ritter in seine Rüstung, nicht mehr frei, schwunghaft und grazil sich bewegen konnte, daß jede Bewegung, jede Geste und in weiterer Auswirkung ihr ganzes Gehabe in solchem Kostüm künstlich, unnatürlich, widernatürlich werden mußte. Schon die bloße Aufmachung zur ›Dame‹ – geschweige denn die gesellschaftliche Erziehung – das Anziehen und Ausziehen dieser Roben bedeutete eine umständliche Prozedur, die ohne fremde Hilfe gar nicht möglich war. Erst mußten hinten von der Taille bis zum Hals unzählige Haken und Ösen zugemacht werden, das Korsett mit aller Kraft der bedienenden Zofe zugezogen, das lange Haar – ich erinnere junge Leute daran, daß vor dreißig Jahren außer ein paar Dutzend russischer Studentinnen jede Frau Europas ihr Haar bis zu den Hüften entrollen konnte – von einer täglich berufenen Friseuse mit einer Legion von Haarnadeln, Spangen und Kämmen unter Zuhilfenahme von Brennschere und Lockenwicklern gekräuselt, gelegt, gebürstet, gestrichen, getürmt werden, ehe man sie mit den Zwiebelschalen von Unterröcken, Kamisolen, Jacken und Jäckchen so lange umbaute und gewandete, bis der letzte Rest ihrer fraulichen und persönlichen Formen völlig verschwunden war. Aber dieser Unsinn hatte seinen geheimen Sinn. Die Körperlinie einer Frau sollte durch diese Manipulationen so völlig verheimlicht werden, daß selbst der Bräutigam beim Hochzeitsmahl nicht im entferntesten ahnen konnte, ob seine zukünftige Lebensgefährtin gerade oder krumm gewachsen war, füllig oder mager, kurzbeinig oder langbeinig; diese ›moralische‹ Zeit betrachtete es auch keineswegs als unerlaubt, zum Zwecke der Täuschung und zur Anpassung an das allgemeine Schönheitsideal künstliche Verstärkungen des Haars, des Busens oder anderer Körperteile vorzunehmen. Je mehr eine Frau als ›Dame‹ wirken sollte, um so weniger durften ihre natürlichen Formen erkennbar sein; im Grunde diente die Mode mit diesem ihrem absichtlichen Leitsatz doch nur gehorsam der allgemeinen Moraltendenz der Zeit, deren Hauptsorge das Verdecken und Verstecken war. (...)81
Das ganze Kapitel, das sich mit der doppelten Moral der Kaiserzeit befasst und die Überschrift Eros Matutinus trägt, kann – wie auch das ganze Buch – hier beim Projekt Gutenberg gelesen und heruntergeladen werden.

Gegen die doppelte Moral im Islam macht sich vor allem die Autorin und Anwältin Seyran Ateş stark.
81 ZWEIG, Stefan: Die Welt von Gestern, Frankfurt am Main 2003, S. 91 f.; Erstausgabe Stockholm 1944
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