WERNERS BLOG

(Links zu allen Einträgen: siehe linke Spalte)

Ein Klick auf die Bilder vergrößert sie
  Zeichnung: Wilhelm Busch


Dienstag,
24. April 2018
Der Winterschlaf ist zu Ende, meine letzte Arbeitssaison beginnt. Der Schwarzwald ersetzt wieder die südfranzösischen Berge. Auch das Schreiben ( Buch über nichts) zieht sich (vorübergehend) Schritt für Schritt zurück. Zum Schluss der Schreibsaison noch zwei literarische Perlen aus der Sammlung, die zu diesem Projekt gehört, beide von Robert Walser:

(Ebenfalls langsam zu lesen, wie beim letzten Mal)

1) Aus der Kurzprosa "Winter" (1919)
Da strahlt der Weihnachtsbaum, d.h., mehr die Kerzen, die die Stube mit einem Frömmigkeits- und Schönheitsglanz erfüllen. Welcher Liebreiz! Die Tannenzweige sind mit Naschwerk behängt. Zu nennen sind Engelchen aus Schokolade, zuckrige Würstchen, Basler Leckerli, in Silberpapier gewickelte Walnüsse, rotbackige Äpfel. Um den Baum sind die Familienglieder versammelt. Die Kinder sagen auswendiggelernte Gedichte auf. Nachher zeigen ihnen die Eltern ihre Geschenke, etwa mit den Worten: "Bleibe brav, wie du es bisher warst", und küssen das Kind, worauf das Kind die Eltern küsst und vielleicht alle, bei so schönen Umständen und tiefempfundenen Dingen, eine Zeitlang weinen und einander mit zitternder Stimme Dank sagen und kaum wissen, warum sie’s tun, es aber richtig finden und glücklich sind. Sieh, wie mitten im Winter die Liebe strahlt, die Helligkeit lächelt, die Wärme glänzt, die Zärtlichkeit blitzt und alles Hoffenswerte und Gütige dir entgegenleuchtet.87
Da denkt man an Gerhard Polt. Das Stück endet mit dem Satz:
Wie schön ist’s, dass dem Winter jedesmal der Frühling folgt.


2) Aus der Kurzprosa "Kindliche Rache. Ein Miniaturroman" (1926)
Mit der Zeit sah er sich jedoch genötigt, neuerdings zu heiraten, und da es für ihn am bequemsten war, dass er sich diesbezüglich auf seine Magd besann und sich mit ihr einließ, die die wundersamsten blauen Augen besaß und sich überdies im Besitz einer Fülle rostgelber oder –brauner Haare wusste, auch einen Mund aufwies, der sich zu Zärtlichkeitsoffensiven trefflich zu eignen schien, so machte er kurzen Prozess und ehelichte sie nach Verlauf von so und so viel Zeit. Sie erhielten beide ein Etwas, wovon sie sich glückstrahlend überzeugten, es sei ein Kind.88

87 WALSER, Robert: Winter, in: Träumen, Zürich und Frankfurt am Main 2002, S. 374

88 WALSER, Robert: Kindliche Rache. Ein Miniaturroman, in: Zarte Zeilen, Prosa aus Berner Zeit, Zürich und Frankfurt am Main 1986, S. 297 f.
   ↑ nach oben

   ↓ nach unten (Anfang des Abschnitts)
       

Montag,
16. April 2018
Seit einiger Zeit bekomme ich regelmäßigen Besuch von einem Mufflon. Es ist ein einzelnes weibliches Tier, das in der Abenddämmerung hier um die Häuser zieht. Ab und zu (heute Abend zum Beispiel) streicht aber auch eine ganze Herde durchs Gelände. Macht man die Taschenlampe an, kann man durch die Nacht galoppierende Lichter im Schein der Lampe erleben – absolut unfotografierbar, leider.



Besuch am Abend
      Besuch am Abend
  Einen gibt es, der sich über ihre Hinterlassenschaften freut:
der Waldmistkäfer (Anoplotrupes stercorosus – vielleicht)
  Waldmistkäfer (Anoplotrupes stercorosus?) in seinem Element
      Waldmistkäfer (Anoplotrupes stercorosus?) in seinem Element
   ↑ nach oben

   ↓ nach unten (Anfang des Abschnitts)
       

Donnerstag,
12. April 2018
Die alten Tagebücher

20. April 1980

Das Abenteuer, von dem im ersten Satz die Rede ist, war die Reise von Israel über die gerade wieder geöffnete Sinaigrenze nach Kairo. Israel gab den Sinai stückweise an Ägypten zurück, den es seit dem Sechs-Tage-Krieg 1967 besetzt hatte. Unsere Route: Yammit – Grenze Israel/Ägypten – El Arish – El Kantara (Suezkanal) – Ismailia – Kairo.
Kairo, 20. 4. 80

Das Abenteuer also hinter uns gebracht, erstaunlich gut bis jetzt. Ca. ½10 Uhr runter zur israelischen Grenzstation, Passkontrolle, ca. 1 Stunde in der Halle warten. Von dort fährt ein Egged-Bus für 10 IL zur ägyptischen Grenzstation, ein paar Minuten, wir passieren den Zaun im Niemandslandstreifen. Frage mich, ob sie den Zaun den ganzen Sinai hindurch bis Ras Muhammad gezogen haben. Wohl kaum.

Eine sehr schöne Palästinenserin aus Gaza, die mit Freunden und Familie unterwegs ist, spricht C. an, wir nehmen später mit ihnen dasselbe Taxi, was sehr hilft (Sprach-, Fahrpreisfragen fallen weg).

Zuerst aber anstehen zum Geldwechseln (nach kurzer Passkontrolle) im ägyptischen Grenzlager. Es ist brutal heiß, der Hamsin)* zieht drohend herauf, und als wir endlich nach ca. 1½ Stunden in der Sonne den Zwangsumtausch hinter uns haben (für beide DM 600 in Reiseschecks in 221½ ägyptische Pfund), bricht er mit aller Macht los. Als ob ein heißer Föhn plötzlich aufgedreht würde, es können wohl an die 40 Grad sein, die uns da anblasen. Die Fahrt im Taxi wird somit zum Horrortrip. Wir stecken zu neunt in einem Peugeot-Kombi, fahren die sandüberwehte Küstenstraße durch den Nordsinai auf El Kantara am Suezkanal zu. Armselige Dörfer zuweilen, aus Wellblech, Binsen und ähnlich einfachem Material zusammengebaut, machen sie in dem fahlen, von Sandsturm verdeckten Sonnenlicht einen trostlosen Eindruck. Dazwischen ab und zu Militärcamps, und sonst nichts als Sand, Palmen, Sand, Sand, Sand und Sturm.

Ich muss an Schneestürme auf Alpenpässen denken: dieselbe verschleierte Sonne, dasselbe Wehen über die Straße, das Durchfahren über verwehte Stellen, auf denen der Wagen schlingert und der Fahrer sein Können zeigen kann (er tut's!) – nur 50°C heißer! Und statt dem Weiß des Schnees das fahle Gelbbraun des Wüstensands.

Nach etwa drei Stunden erreichen wir El Kantara, den Suezkanal. Ich bin erschreckt über den Zustand der Stadt: Zerschossene Häuser überall, Ruinen, eigentlich gar keine Stadt mehr. Manchmal im Erdgeschoß Läden oder Cafés, wo es ganz normal zugeht, und oben, 1. Stock kaputt, 2. Stock nur noch halb oder gar nicht mehr vorhanden. Wie kann man so leben.

(Draußen vor dem Hotelfenster schreien sich gerade die Kater an)

Wir bezahlen den Fahrer (jeder 2,- äg. Pfund), dann steigen wir in das Boot, das uns ans andere Ufer dieses berühmten Kanals bringt. Drüben eine große Uhr, die dieselbe Zeit wie in Israel anzeigt – zwanzig vor sechs.

Wir, d.h. unsere Mitfahrgäste aus Gaza, verhandeln wieder mit einem Taxifahrer in einem Peugeot. Er hat offenbar keine Lizenz uns bis Kairo zu fahren. Darum müssen wir an der Kontrollstelle (Taxivereinigung oder sowas) auch behaupten, wir fahren mit ihm nach Ismailia (Stadt südlich am Kanal). Zweiter Checkpoint am Stadtrand glaubt ihm nicht, er muss umkehren, einen anderen Fahrer ans Steuer lassen, der beim Kontrolleur offenbar mehr Glaubwürdigkeit besitzt, denn diesesmal passieren wir unbeanstandet. Dieser Fahrer steigt nach ein paar Kilometern wieder aus, es geht weiter wie geplant.

)* Hamsin = Heißer Wüstenwind im Sinai

(Fortsetzung folgt)
   ↑ nach oben

   ↓ nach unten (Anfang des Abschnitts)
  Wetterbericht    
 
Wetterbericht (1) Wetterbericht (2) Wetterbericht (3) Wetterbericht (4)
Wetterbericht 1 bis 4 (Nr. 4 öffnet neues Fenster)
   
   ↑ nach oben

   ↓ nach unten (Anfang des Abschnitts)

Sonntag,
8. April 2018
Einigen Mitgliedern von CDU und CSU sind ihre Parteien zu links, darum haben sie die "Werte-Union" gegründet. Die Gruppe betont unter anderem, "dass Ehe und Familie sowie das Leitbild Vater-Mutter-Kinder die wichtigsten Grundlagen der Gesellschaft seien".

Ich freue mich für alle Geflüchteten, deren Ehepartner und Kinder im Libanon, in der Türkei oder sonstwo festsitzen, darüber, dass die Union sich endlich für ihren Familiennachzug stark macht.

   ↑ nach oben

   ↓ nach unten (Anfang des Abschnitts)
  Uninteressantes aus Bardou:    
 
Wetterbericht Wetterbericht Dorfzoo
Wetterbericht Dorfzoo in der Abenddämmerung
   
       
   ↑ nach oben

   ↓ nach unten (Anfang des Abschnitts)

Montag,
2. April 2018
(Ostermontag)
Aus den Nachrichten gefischt:

Mein Radio erzählt mir, ein Gericht in Istanbul habe das Justizministerium aufgefordert, den in Deutschland lebenden Journalisten Can Dündar mit Hilfe eines internationalen Haftbefehls suchen zu lassen. Dündar war lange Zeit Chefredakteur der regierungskritischen türkischen Zeitung "Cumhuriyet". Das kommt ein paar Tage, nachdem die deutsche Polizei den katalanischen Ex-Regierungschef Carles Puigdemont festgenommen hat (und der Regierung damit ein massives politisches Problem beschert hat, während die Dänen und Finnen, durch deren Länder er gereist war, sich weise auf die Seite gedreht hatten: Ach, der P. war bei uns? Nein, sowas! Leider, leider ist er schon über die Grenze nach Deutschland ...)

Auf die Deutschen ist Verlass, wenn es um Vollstreckungen geht. Das wird sich auch Erdoğan gesagt haben, und hat gleich auch so einen Haftbefehl ausstellen lassen. Der Dündar ist in Deutschland, da kann nichts schiefgehen.

   ↑ nach oben

   ↓ nach unten (Anfang des Abschnitts)
       

Ostersonntag,
1. April 2018
Frohe Ostern!

Eigentlich war über Ostern schlechtes Wetter angesagt. Mir kommt es vor, als ob die Wettervorhersagen immer schlechter würden.

So sah's jedenfalls heute aus:
 
Der Pflaumenbaum am Hüsli treibt Blüten Die Quitten grünen Die Schwertlilien bereiten sich vor Und die Mimose weigert sich abzublühen
Der Pflaumenbaum am Hüsli treibt Blüten Die Quitten grünen Die Schwertlilien bereiten sich vor Und die Mimose weigert sich abzublühen
   
   ↑ nach oben

   ↓ nach unten (Anfang des Abschnitts)
  Heute morgen höre ich in die Sonntagsmesse im Radio rein, man weiß ja nie, vielleicht predigt einer was Taugliches. Aber: Nichts als Kindertheater mit Gsangl. Auch an Ostern nur die übliche Verjesuleinisierung der Religion.    
   ↑ nach oben

   ↓ nach unten (Anfang des Abschnitts)

zum Abschnitt Oktober – Dezember 2017 zum Abschnitt Januar – März 2018
zum Abschnitt Juli – September 2017 zum Abschnitt April – Juni 2017 zum Abschnitt Januar – März 2017 zum Abschnitt Oktober – Dezember 2016 zum Abschnitt Juli – September 2016 zum Abschnitt April – Juni 2016
zum Abschnitt Januar – März 2016 zum Abschnitt September – Dezember 2015